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Chlordioxid Die Ideologie hinter CDL und MMS

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Mit Büchern wie diesen verkauft Jim Humble giftiges Bleichmittel als Medizin (Quelle: Pixabay / BTN)

Johann Biacsics war einer der bekanntesten Impfgegner Österreichs. Er war bei den Anti-Corona-Protesten in seinem Land aktiv. Zwei Wochen vor seinem Tod war er noch auf einer solchen Demonstration in Wien. Am 11. November wird Biacsics dann mit einer akuten Corona-Infektion in ein Wiener Krankenhaus eingeliefert. Seine Sauerstoffsättigung ist zu niedrig, der PCR-Test ist positiv. Biacsics ist ungeimpft. Fest davon überzeugt, dass er die Krankheit bereits selbst geheilt habe, sagt der Impfgegner, wenn er nicht so behandelt werde, wie er es wünsche, gehe er heim. Das macht er dann auch. Zu Hause therapiert er sich selbst mit Chlordioxid. Zwei Tage später verstirbt Biacsics.

Bereits vor seiner Einlieferung ins Krankenhaus hatte er seine Fieberbeschwerden mit dem Bleichmittel behandelt. Das Mittel erfreut sich gerade im Querdenken- und Esoterik-Milieu großer Beliebtheit. Es wird weltweit als Heilmittel gegen Corona beworben. Auch Donald Trump schlug Chlorbleiche zum Entsetzen der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA als Mittel gegen Covid-19 vor. Auch andere „alternative Heilmethoden“ sind in Österreich beliebt. So empfahl der FPÖ-Vorsitzende Herbert Kickl und manche seiner Parteigenoss:innen Ivermectin, ein Pferdeentwurmungsmittel, zur Behandlung von Corona

Das vermeintliche „Wundermittel“ Chlordioxid ist lediglich ein Bleichmittel. Es wird auch als Desinfektionsmittel und in niedriger Konzentration als Wasserreinigungsmittel verwendet. Weltweit, auch in Deutschland, warnen Behörden und Expert:innen davor, das Mittel als Arznei einzunehmen. Es kann zu schweren Verätzungen und Leberschäden führen. Doch Johann Biacsics war fest von der heilenden Wirkung überzeugt. Als vor zehn Jahren einer seiner Angehörigen an Krebs stirbt, ist das für den Niederösterreicher ein Schlüsselmoment. Auf YouTube erzählt er in einem Interview, dass ein Arzt ihm erklärt habe, der Angehörige sei unheilbar krank, man könne lediglich das Leben um wenige Monate verlängern. Biacsics beginnt im Internet zu recherchieren. Er kommt zu dem Ergebnis, dass „die Industrie“ – er meint damit Ärzt:innen, Pharmaunternehmen und Krankenhäuser – lüge und Patient:innen billige Heilmittel vorenthalten würde, um sie krank zu halten. 2015 eröffnet er eine Website und einen YouTube-Kanal – sein Thema: Selbstheilung. Gleich in seinem ersten Video demonstriert er den Zuschauer:innen die Herstellung von Chlordioxid.

Der Ursprung von Chlordioxid als „Heilmittel“

Chlordioxid ist seit langem ein Mittel, das von manchen Heilpraktiker:innen, im Internet und auf Telegram als Wunderheilmittel beworben wird. Es soll gegen eine Vielzahl an Erkrankung und Behinderungen helfen, von Krebs über Autismus und Alzheimer bis zu Covid-19.

Der Anfang des „Wundermittels“ liegt im Jahr 1996. Der ehemalige Scientologe Jim Humble behauptete, als Goldgräber damals in den tropischen Regenwäldern Südamerikas unterwegs gewesen zu sein. Mit Chlordioxid, was dort als Wasserreinigungsmittel verwendet wurde, will er dann im Dschungel von Guyana mehrere Männer von Malaria geheilt haben. Laut seiner Aussage bekam die „Pharma-Mafia“ Wind von seiner Entdeckung. „Ein Pharmakonzern hatte den Präsidenten angerufen und damit gedroht, keine Medikamente mehr ins Land zu bringen, wenn man den Malaria-Mann nicht sofort stoppen würde. Das Telefonat endete mit der Warnung, dass er das Gefängnis in Guyana bestimmt nicht mögen würde“, wie Der Standard schreibt. Deshalb ging Humble zurück in die USA, dort experimentiert er mit Chlordioxid weiter. Später gibt er dem Bleichmittel, wahrscheinlich zur besseren Vermarktung, den Namen „Miracle Mineral Supplement“ (MMS), zu Deutsch: Wunder-Mineralergänzung. Das Mittel funktioniert angeblich wie folgt: Das Chlordioxid gehe auf sauerstoffarme, anaerobe und negativ geladene Zellen wie Viren und Tumorzellen und lasse diese explosionsartig oxidieren. Dadurch sterben die kranken Zellen ab. Um die gesunden Zellen mache die Wunder-Mineralergänzung einen magischen Umweg.

Humble war bis 1981 bei Scientology – 25 Jahre lang – seine Tochter Paris Humble-Chavez ist immer noch aktives Mitglied. 2010 gründet Humble dann seine eigene Sekte: „Genesis II, Church of Health & Healing“ (Zweite Schöpfung, Kirche für Gesundheit und Heilung). Seitdem nennt er sich „Erzbischof James Vern Humble“. Humbles Weltbild besteht darin, dass außerirdische Götter der Andromeda-Galaxie unsere Zivilisation auf ein höheres Niveau bringen könnten, indem sie eine Welt ohne Krankheit und Leid errichteten. MMS nimmt dabei eine zentrale Rolle ein, es ist ein Sakrament der Sekte. Das Bleichmittel soll die Kranken aus dem Gefängnis-Planeten befreien, damit sie ein Zeitalter des Friedens errichten können.

In seiner Sekte kann man für 35 Dollar Mitglied werden, danach liegt der Jahresbeitrag bei 20 Dollar. Vorteil einer Mitgliedschaft ist der Schutz vor Impfungen oder unerwünschten Röntgenaufnahmen. Die Scheinkirche hat sieben Glaubenslehren. Die zweite besagt: „Wir von der Kirche glauben an eine gute Gesundheit für alle Menschen.“ Konkret bedeutet das für sie, wie sie weiter ausführen: „Wir verwenden MMS und eine Reihe von anderen Pulvern, Lösungen, Kräutern, Chemikalien und Technologien, um kranke Menschen schnell ‚gesund zu machen‘.  Die genannten Lösungen sind inzwischen zu den Gesundheitssakramenten unserer Kirche geworden“

2016 gibt Humble, der inzwischen in Mexiko lebt, den Vorsitz seiner Sekte an Mark Grenon ab. Zwei seiner Söhne Grenons werden 2020 verhaftet. 2021 erfolgt dann die Anklage gegen die zwei, Grenon und einen weiteren Sohn. Der Vorwurf: betrügerische Vermarktung und Verkauf von MMS. Ihnen drohen bis 17,5 Jahre Haft. Die Grenons sollen monatlich rund 30.000 Dollar durch den Verkauf erzielt haben, während der Corona-Pandemie etwa dreimal so viel. Zu Beginn der Pandemie hatte Mark Grenon behauptet, Covid-19 damit heilen zu können.

Chlordioxid-Hype während der Corona-Pandemie

Nicht nur Covid-19 selbst soll Chlordioxid heilen, auch vor Geimpften soll das „Wundermittel“ schützen. In der Querdenken-Szene gibt es die Erzählung, Geimpfte könnten das Spike-Protein des Covid-19-Impfstoffes ausstoßen und zum Beispiel über Hautkontakt oder Husten an Personen, die nicht gegen Corona geimpft sind, weitergeben. Dieses Protein soll bei den Ungeimpften dann Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Ausschlag, wie Impfskeptiker:innen berichten. Sie bezeichnen das als „Impf-Shedding“. Davor soll Chlordioxid schützen, eine weitere Falschbehauptung in der Bleichmittel-Welt.

 Chlordioxid in Deutschland

Auch im deutschsprachigen Raum wird Chlordioxid als Heilmittel angepriesen. Onlineshops bieten das Mittel an. Einige Heilprakter:innen reden Patient:innen ein, dass das Mittel sie von ihrem Leiden heilen könnte. Auch bieten manche Seminare zur Herstellung und Verwendung von CDL an, wie die Chlordioxidlösung auch bezeichnet wird. Im Internet finden sich viele Videos, in denen die Protagonist:innen das Mittel bewerben. Eine Telegram-Gruppe zu Chlordioxid hat 10.000 Mitglieder. Dort wird über Anwendungsmethoden und Dosierungen diskutiert. Regelmäßig wird sogar nach der Anwendung bei Kindern und Säuglingen gefragt.

Eine zentrale Figur der Szene in Deutschland ist Andreas Kalcker. Dieser berichtet, durch eine nicht therapierbare Arthritis auf die Idee gekommen zu sein, sich selbst mit MMS zu behandeln. Weltweit will er mit dem vermeintlichen Heilmittel Menschen das Leben gerettet haben. Seine Bücher veröffentlicht Kalcker, der sich selbst als biophysikalischen Forscher bezeichnet, über Jim Humbles Verlag. Auf seiner Webseite gibt er nicht nur an, dass ihm für seine Arbeit die Ehrendoktorwürde der Executive University of the State of Mexico verliehen, sondern auch, wie er mit Chlordioxid Menschen von Autismus und Covid-19 geheilt hat. Auf Konferenzen erzählt er, dass man bei autistischen Kindern Einläufe mit Chlordioxid durchführen müsse, um angebliche Würmer und Parasiten aus dem Darm zu holen. So sollen sie geheilt werden

Da Kalcker auch in Südamerika sich aktiv für den Einsatz von Chlordioxid einsetzt, ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft in Argentinien gegen ihn. Eingeleitet wurden die Ermittlungen nach dem Tod eines 5-jährigen Jungens im August 2020 eingeleitet, der von seinen Eltern MMS verabreicht bekommen hat. Die Eltern glaubten aufgrund der von Kalcker und anderen verbreiteten Falschinformationen, dass das Bleichmittel gegen Covid-19 helfen würde. Kalcker wird zusammen mit mehreren argentinischen Staatsangehörigen von den Behörden beschuldigt, eine Schlüsselrolle bei der Förderung von Chlordioxid in dem Land als Heilmittel für verschiedene Krankheiten, einschließlich Covid-19, in Konferenzen, Büchern und in den sozialen Medien zu spielen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm die illegale Ausübung des Arztberufes und den Verkauf gefälschter Arzneimittel vor. Diese Delikte können, wenn sie zum Tod eines Menschen geführt haben, mit bis zu 25 Jahren Haft geahndet werden. 

 

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