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Danger Dan „Ich bin oft froh, wenn Rapper sich nicht politisch äußern“

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Gar nicht so dangerous: Der Musiker Danger Dan
Gar nicht so dangerous: Der Musiker Danger Dan (Quelle: Jaro Suffner)

Belltower.News: Danger Dan, „Zeig mich an und ich öffne einen Sekt“ heißt es provokativ in deiner neuen Single „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“, die inzwischen über 1,7 Million Aufrufe auf YouTube und 2,6 Millionen auf Spotify hat. Gab es bislang Post?
Danger Dan: Nee, nur Werbung von der Krankenkasse. Die besagten Personen haben sich aber noch nicht bei mir gemeldet, auch deren Anwält*innen nicht. Ich glaube, das Kunstwerk wäre noch abgeschlossener, wenn es verboten würde. Aber ich gehe nicht davon aus, dass das passiert. Ich glaube nicht, dass jemand durch diesen brennenden Reifen springt, den ich gerade hinhalte.

In dem Song geht es um Galionsfiguren der sogenannten „Neuen Rechten“: Du singst über Jürgen Elsässer als Antisemit, Alexander Gauland wirke wie ein Nationalsozialist und Götz Kubitschek habe Glück, dass du nicht Bogen schießt, heißt es. Wo wäre denn die juristische Grauzone erreicht? Was ist tatsächlich von der Kunstfreiheit gedeckt?
Wenn es Schwachstellen geben würde, dann würde ich die doch nicht in einem Interview verraten. Wenn ich das jetzt zugebe, dann wird das mir hinterher vor Gericht vorgelegt.

Du deutest im Lied ein Gerichtsverfahren von Ken Jebsen gegen deine Band, die Antilopen Gang, an. Was war damals passiert?
Es ging um die dritte Strophe unseres Lieds „Beate Zschäpe hört U2“. Da heißt es: „Zu Verschwörungstheorien gehören Vernichtungsfantasien / Sie können sagen was sie wollen, sie sind schlicht Antisemiten / All die Pseudo-Gesellschaftskritiker / Die Elsässer, KenFM-Weltverbesserer“. Er hatte das Gefühl, dass wir ihn einen Antisemiten nennen und er sah das nicht so. Juristisch war das sehr spannend: Er hat versucht, das Lied zu verbieten. Ausgerechnet der, der immer gerne behauptet, man dürfe in diesem Land nichts mehr sagen. Sobald man ihn aber erwähnt, rennt er zu seinen Anwält*innen. Er hat dann seinen Antrag auf eine einstweilige Verfügung selbst zurück genommen, weil das Gericht sagte, dass er in einem Verfahren keine Chance haben würde. Aber nicht nur wegen der Kunstfreiheit, sondern auch aufgrund seiner Äußeren in der Vergangenheit. Er musste dann die Gerichtskosten und unsere Anwältin bezahlen. Sowas macht er nicht nochmal, glaube ich.

Sollte Elsässer tatsächlich eine Anzeige erstatten, wäre es nicht die erste: 2015 ging er gegen die Publizistin Jutta Ditfurth gerichtlich vor, die ihn ebenfalls einen Antisemiten nannte. Und er gewann. Die Richterin sagte, „glühender Antisemit“ sei nur, wer das Dritte Reich nicht verurteile, die Bezeichnung könne nicht losgelöst von 1933 bis 1945 betrachtet werden…
Von Antisemitismus habe ich ein komplett anderes Verständnis. Die Urteilsbegründung halte ich für schlichtweg falsch. Ich würde den Leuten empfehlen, sich einfach mal ein Gutachten von Samuel Salzborn oder der Amadeu Antonio Stiftung zu holen.

Niemand will Antisemit sein, Antisemit*innen seien immer nur die anderen…
Es ist nicht mehr en vogue, sich selbst Antisemit zu nennen. Das war vor hundert Jahren noch anders. Mittlerweile behaupten alle Antisemit*innen, sie seien keine. Das ist fast schon ein Merkmal dafür. Wenn jemand darauf besteht, dass er kein Antisemit sei, dann ist er meistens ein Antisemit.

Es gibt mittlerweile einige sehr fragwürdige Coverversionen von deiner neuen Single. Die erste ist von der Rapperin Runa, die dem rechtsextremen und „Identitären“-nahen Label „Neuer Deutscher Standard“ angehört. Das Video wurde auf dem YouTube-Kanal von Compact Magazin veröffentlicht, dessen Chefredakteur ja Elsässer ist. Kennst du den Track?
Ich habe es mir nicht angehört. Ich weiß nur, dass Compact Magazin mich diesen Monat schon dreimal erwähnt hat. Aber bei allem, was diese Zeitschrift veröffentlicht, erst recht, wenn es musikalisch ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass das irgendeinen Mehrwert für mich hat.

Wir haben uns das Video bereits angeschaut, damit du es nicht tun musst: In Runas künstlerisch sowie inhaltlich schwer auszuhaltender Coverversion fällt ihr offenbar nichts anderes ein, als dir zu drohen. Und es gibt einen sehr schlechten Antilopen-Safari-Witz.
Das ist auch nicht verwunderlich. Wir wissen alle, wie diese Szene sich mit politischen Gegner*innen verfährt und verfahren will, wenn sie es könnte. Rechtsextreme machen Politik mit Angst und Gewalt.

Der Versuch von rechtsextremen Rapper*innen, eine anschlussfähige und breite Jugendkultur auf die Beine zu stellen, ist ziemlich gescheitert: Chris Ares schaffte es einst in die iTunes-Charts und träumte von einem eigenen Chris-Ares-Dorf in Sachsen, bevor er von den großen Social-Media-Plattformen gesperrt wurde. Nun ist er enttäuscht aus der Rapszene ausgestiegen. Die anderen rechtsextremen Rapper von NDS konnten erfreulicherweise bislang nicht denselben Erfolg genießen. Dennoch: Wie schätzt du die Gefahr von Rechtsrap ein?
Natürlich geht eine Gefahr von dieser Szene aus: Sie schaffen eine Subkultur und haben somit einen Soundtrack für ihre menschenverachtende Ideologie. Und das ist scheiße. Rechtsrap wendet sich aber tendenziell an Leute, die eh schon rechts abgedriftet sind. Sie können sich in dieser Szene dann noch mal festigen, sie haben etwas, womit sie sich identifizieren können. Aber viel zu oft hat Rapmusik generell in Deutschland, die nicht von Rechtsrappern kommt, antisemitische Inhalte, die durchaus AfD-kompatibel sind. Das sind keine Nazis, sondern irgendwelche Gangsterrapper. Und ein Kollegah mit seinen antisemitischen Witzen halte ich für um einiges gefährlicher, da er auch viel mehr Reichweite hat.

Danger Dan: Ein Drittel der Antilopen Gang (Quelle: Jaro Suffner)

Die Rechtsrap-Coverversion deiner Single ist leider nicht die einzige. Ein musikalisch nicht sonderlich begabter Polizeibeamter hat auch nach der Mikro gegriffen. Das Ergebnis ging viral, er hat das Video inzwischen von YouTube gelöscht. In dem Video wirkt er von deinem Lied ziemlich verletzt und scheint zu beklagen, dass du es überhaupt wagst, die Polizei zu kritisieren. Hast du mit so einer Reaktion gerechnet?
Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Und ich glaube, vor allem aber hat nicht damit gerechnet, dass das Video so schnell so viele Aufrufe bekommen würde. Seine anderen Videos hatten höchstens 200 Klicks, wahrscheinlich die Hälfte von ihm selbst. Soweit ich weiß, musste er sonntags, am nächsten Tag, das Video wieder löschen, weil er nun ein Disziplinarverfahren am Hals hat. Denn das Video filmte er in seiner Polizeiuniform. Und das ist scheinbar nicht von der Kunstfreiheit gedeckt. Aber ehrlich gesagt: Mein Mitleid für ihn ist mindestens so groß wie meine Schadenfreude.

Dabei singst du im Lied ja nur: „Man vertraut nicht auf Staat und Polizeiapparat, weil der Verfassungsschutz den NSU mit aufgebaut hat, weil die Polizei doch selbst immer durchsetzt von Nazis war, weil sie Oury Jalloh gefesselt und angezündet haben“. Hat die Polizei ein Problem mit Kritik?
Außer dieser „Coverversion“ habe ich sonst von Polizist*innen noch nichts gehört. Wir brauchen aber auf jeden Fall eine Untersuchung bei der Behörde: Wie groß ist dort das Rassismus-Problem? Immer wieder geraten die Verbindungen zwischen militanten Neonazi-Strukturen und Polizei an die Öffentlichkeit. Und ob Hannibal-Netzwerk, die NSU 2.0 Drohbriefe oder was Oury Jalloh in dieser Dessauer Polizeizelle passiert sein muss: Diese Beispiele erzeugen ein Gesamtbild, dass die Polizei nicht besonders vertrauenswürdig ist. Und als Polizist muss das klar sein. Ich begrüße es aber, wenn Polizist*innen dieses strukturelle Problem erkennen und etwas dagegen tun möchten. Wir wurden aber in den letzten Jahren immer wieder aufs Neue enttäuscht.

Mit deiner Single gibt es nun ein Song in den deutschen Charts, der der Polizei vorwirft, Oury Jalloh getötet zu haben. Auch das ist offenbar von der Kunstfreiheit gedeckt…
Dazu möchte ich an dieser Stelle nichts sagen. Es ist wichtig, eine solche Behauptung als eigene Meinung zu kennzeichnen und lieber in einem Lied zu singen und mit einem Klavier zu vertonen. Weil das ansonsten doch juristische Konsequenzen haben dürfte. Ich persönlich glaube nicht an die offizielle Version von Oury Jallohs Tod. Auch da bin ich mit dem Gerichtsurteil unzufrieden.

Der Durchbruch deiner Band Antilopen Gang kam 2014 mit der Single „Beate Zschäpe hört U2“. Im Lied heißt es: „Heute dreschen sie noch Stammtischparolen, doch morgen haben sie Sprengstoff und scharfe Pistolen“. Leider hat die Realität diese Zeilen längst überholt. Doch von früh an war den Antilopen politische Haltung wichtig. Warum? Und findest du Rap zu unpolitisch?
Ich und die anderen zwei Bandmitglieder kommen aus einem politischen Umfeld. Wir haben uns da kennengelernt und interessieren uns nach wie vor für linke Politik und Theorie. Das fließt natürlich in unsere Texte mit ein. Ich finde aber nicht, dass Musik – sei es Rap oder Pop – überhaupt politische Inhalte haben muss. Wenn man politische Inhalte sucht, dann sollte man sich eher an Politolog*innen und Soziolog*innen wenden oder ein Buch lesen. Weil man in einem Popmusik-Format von dreieinhalb Minuten nicht so viele schlaue Analysen reinpacken kann. Und ich finde das oft gar nicht so schlimm, wenn Rapper*innen sich nicht politisch äußern. Ich bin bei manchem ganz froh, wenn sie einfach nur darüber rappen, wie viel sie kiffen oder wie geil ihr Auto ist. Weil ansonsten würde dabei nur Scheiße rauskommen.

Wie viele junge Menschen haben aber in der vergangenen Woche „Das Kapital“ gelesen und wie viele haben „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ gehört? Auch wenn das Format für tiefgründige Analysen nicht geeignet ist, erreicht man mit Kunst politisch doch viel mehr Menschen…
Ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass mehr Leute Karl Marx lesen.

Auch die skurrile politische Gegenwart in Deutschland ist Thema auf dem neuen Album, zum Beispiel in dem Song „Das schreckliche Buch“: Es geht indirekt um „Querdenker*innen“, „Reichsbürger*innen“ und einen gewissen veganen Kochbuchautor. Sie alle kommen in einem Manuskript vor, das das Romanressort eines Verlags ablehnt, weil jeder Bezugspunkt zur Realität im Text fehle. Die Pointe am Ende des Liedes: Das Manuskript war doch für die Sachbuchabteilung gedacht. Was macht eigentlich die Kunst, wenn die Realität schon längst verrückter und fantasievoller als jede Fiktion, oder wie du singst, jeder Groschenroman ist?
Das ist wirklich ein Problem und darüber hat Fatoni neulich gerappt: Die Realität ist schon sowas von abgedreht, dass Satire oder eine überspitzte Darstellung davon schon fast gar nicht mehr möglich ist. Vor fünf Jahren hätte man sich kaum vorstellen können, dass ein veganer Kochbuchautor und ein völkischer Grundschullehrer mit Tausenden Nazis und Esoteriker*innen zum Brandenburger Tor laufen würden. Und dass eine Homöopathin dann sagen würde, dass Donald Trump auch da sei und alle in den Bundestag rennen sollen, da ein Friedensvertrag unterschrieben werde. So fantasievoll ist doch kein Mensch. Heutzutage reicht es also völlig aus, objektiv die Dinge zu beschreiben. Im Lied beschreibe ich auch einen Typen, der sich mit einer schwarz-weiß-roten Flagge als Umhang auf den Holocaust-Mahnmal sitzt und Bongo spielt. Den habe ich mit eigenen Augen gesehen, das ist wirklich passiert.

Auch auf dem neuen Antilopen-Album „Adrenochrom“, das im August 2020 erschienen ist, rappt ihr über Schwurbler, verschwörungsideologische Telegram-Gruppen und Anthroposoph*innen: Habt ihr euch damit neue Feinde gemacht?
Wahrscheinlich, sie waren aber schon vorher unsere Feinde. Innerhalb dieser „Querdenker“-Bewegung und dieser Anti-Coronamaßnahmen-Proteste wächst zusammen, was schon immer zusammen gehört hat: Von alteingesessenen NPD-Kadern bis vermeintliche „Friedensaktivisten“ wie Ken Jebsen. Was neu ist: eine komische Esoterik-Szene, deren Weltbild noch wackeliger ist als das von klassischen Nazis. Da Esoteriker*innen aus allen möglichen Zutaten – von südamerikanischem Schamanismus bis Buddhismus und Tantra-Seminare – ihre Suppe zusammenkochen, können sie Kritik viel weniger standhalten. Weil ihre Ideologie so widersprüchlich ist. Vielleicht haben wir also doch einige neue Leute dazu angefeindet.

Mit seinem Keyboard von der Kunstfreiheit gedeckt: Danger Dan (Quelle: Jaro Suffner)

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