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“There is no secret handshake” Rap gegen Verschwörungsmythen

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(Quelle: Unsplash)

Dass Kollegah, der wenn er nicht gerade als neokolonialer Retter, Fernseher in Palästina verteilt, ein Problem mit “geheimen Mächten” im Dunkeln hat, eine Belohnung auf die “Aufklärung” von “Pizzagate” aussetzt und generell in seiner Kunst gerne auf antisemitische Codes zurückgreift, ist ja beinahe schon kalter Kaffee. 

“Zu Verschwörungstheorien gehören Vernichtungsphantasien” Antilopen Gang – Beate Zschäpe hört U2

Mittlerweile geben ganz andere den raunenden Ton an. Xavier Naidoo zum Beispiel.  Der ist zwar kein Rapper, sondern wahrscheinlich eher Soulsänger, doch durch seine ehemals antirassistische Vergangenheit bei den Brothers Keepers (Adriano Letzte Warnung) und zahlreiche andere Features prägt er nicht nur den politischen Kosmos Deutschrap. Just, dieser Xavier ist nun in einem anderen Buisness tätig, dem Verbreiten von oftmals antisemitischen Verschwörungserzählungen. Man kann wirklich nicht sagen, dass niemand vor Xaviers Antisemitismus und Reichsbürger Ideologie gewarnt hatte. 

Dabei fällt es schwer, überhaupt noch den Überblick zu behalten, denn viele dieser Verschwörungserzählungen sind nicht erst seit der COVID-19 Pandemie da. Ein Beispiel ist etwa die Erzählung von Ali Bumaye, der über geheime Verschwörer*innen spricht, die mit US-Präsidenten paktierten. Auch Fler darf dabei natürlich nicht fehlen. Bei ihm dreht sich alles um das Business: Corona als großangelegter Mafia-Betrug. Privater Telegram Channel, über den munter Verschwörungserzählungen verbreitet werden inklusive. Die Mythen sind nicht neu, aber sie werden offensiver und prominenter verbreitet.

Doch auch andere Rap Urgesteine, die ansonsten fast in der bürgerlichen Mitte, irgendwo neben Mark Forster und Max Giesinger angekommen sind, wie Sido, raunen nun von “sehr reichen, sehr mächtigen Leuten”, die Kinder verschwinden ließen. In einem Interview mit Sido geführt von Ali Bumaye, ging es schnell um die Rothschilds und die “unterwanderten Medien”. Hat da hat wohl einer zu viel Zeit in der Telegramgruppe von Xavier Naidoo verbracht? 

“Keiner regiert die Welt / Wirklich keiner / Keiner regiert die Welt”  Grim104 – Cro Hafti Herzl

Fakt ist: die Verschwörungserzählungen waren im Deutschrap, wie auch in der Mitte der Gesellschaft, immer da. “Rap war schon immer ein Musikmedium”, in dem die “Kritik an sozialen Verhältnissen und politischen Eliten in Verschwörungsfantasien eingebunden wurde”, so der Politikwissenschaftler Jakob Baier, der zum Zusammenhang von Rap und Antisemitismus forscht. Das gelte “seit etwa zehn Jahren” zunehmend für den Deutschrap. Auffällig sei aber, dass es sich dabei um eine “genrespezifisches Phänomen” handelt, ”das am häufigsten und deutlichsten im deutschsprachigen Gangsta-Rap auftaucht”.

Hier zeige sich, so Baier, “dass gesellschaftliche Phänomene häufig als globale Verschwörung oder als sinistre Machenschaften einer im dunklen verborgenen Elite gedeutet werden.” Der Politikwissenschaftler führt das auch darauf zurück, dass Gangsta-Rap so männlich geprägt sei: “Bei der genrespezifischen Inszenierung von männlicher Macht und männlicher Stärke spielen Verschwörungsideologien häufig eine zentrale Rolle.”

Verschwörungsmythen im Rap gehen auch mit einer Krise der Männlichkeit einher, wie sie führenden Verschwörungsideologen wie Attila Hildmann, Xavier Naidoo und Ken Jebsen zu beobachten ist. Es geht um das Überhöhen der eigenen Person und das wehrhafte Nach-Außen-Schlagen in Zeiten großer Verunsicherungen, die eine Pandemie nun mal darstellt – klassisch hegemonial-männliche Bewältigungsstrategien.

“What a time to be alive – ohne Seuchen, ohne Krieg” Zugezogen Maskulin – Was für eine Zeit

Zur Zeit der Coronavirus Pandemie tauchen die Verschwörungsmythen also nicht zum ersten Mal auf. Vielmehr werden sie jetzt lauter, prominenter und offensiver vertreten. Denn auch Rapper*innen haben nun weniger zu tun. Und das genreübergreifend. Mit Covid-19 sind die Verschwörungserzählungen aber dort wieder angekommen wo sie niemals weg waren: in der sogenannten “Mitte” der Gesellschaft.

Es ist aber falsch aus alledem ein allgemeines Urteil abzuleiten. Es gibt auch ganz andere Stimmen, die seit Langem gegen dieses Verschwörungsgeraune angehen. Es sind Stimmen, die die Entschwörung auf die Tagesordnung des Deutschrap setzen, die versuchen, den Verschwörungsmythen positive Utopien entgegenzusetzen, die sie enttarnen und lächerlich machen. Es geht nicht darum, ein ganzes Musikgenre, das zur Zeit Deutschlands einflussreichste Jugendkultur darstellt, zu verteufeln. Vielmehr darum, dort zu intervenieren und zu kritisieren wo Kritik angebracht ist und gleichzeitig die Stimmen sichtbarer zu machen, die sich klar gegen Verschwörungsmythen, Antisemitismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichlichkeit im Rap positionieren. Es ist Zeit, auch diesen Stimmen besser zuzuhören. 

Die Kritik an Verschwörungserzählungen, die dieser Teil des Deutschrap liefert, bedient sich einer ganzen Palette verschiedener Stilmittel: der Satire, der Sozialen Ächtung, der Frage als Mittel des gut gestreuten Zweifels sowie des Debunkings, das im Grunde das tut, was Journalist*innen immer häufiger tun müssen: Unwahrheiten mit Fakten zu widerlegen. Es handelt sich um Stilmittel, die sich von den Empfehlungen unserer Handreichungen gar nicht so sehr unterscheiden. 

“Ich wünschte es würde so einfach sein, einfach einfach sein, aber Nein Nein Nein Nein Nein Nein”. Fatoni – Nein Nein Nein Nein Nein Nein

Satire nutzt etwa Edgar Wasser. Der dreht den Spieß in seinem neuen Track einfach um. “WACHT AUF” ruft er uns zu, ganz in der Manier der Verschwörungsschwurbler. Denn was wäre, wenn Naidoo und all die angeblich Erleuchteten, selbst in die große Verschwörung eingebunden sind? “Die Wahrheit ist, dass sie zum Satanistenkreis gehören. […] Sie machen einen auf Sherlock Holmes, doch Xavier, Felix und Leon ernähren sich von Kinderblut.” Edgar Wasser will damit nicht noch mehr Verschwörungserzählungen in die Welt setzen. Er will die gerade prominenten entlarven, in ihrer Absurdität, die darin besteht, geheimste Geheimnisse nicht nur anzunehmen, sondern selbst gelüftet zu haben. 

Mit der selben satirischen Geste “enttarnt” Sookee sich selbst und macht sich zugleich zur Erleuchteten. Von Tel Aviv bis zur Affäre mit einem Reptiloiden deckt sie die Bandbreite der virulenten Mythen in “Bilderbücher Konferenz” ab und weist auch auf den nur mühsam verdeckten Antisemitismus solcher Verschwörungserzählungen hin: “Die Ihr-Wisst-Schon-Wer haben alles in der Hand.” 

Die Weltverschwörung wird seit jeher als jüdische vorgestellt. Verschwörungsmythen und Antisemitismus sind nicht nur historisch, sondern auch logisch miteinander verwoben. Ihre Struktur ist verwandt. In einem Kurzvideo für den Aktionstag gegen Verschwörungsmythen und Antisemitismus rappt Kobito deshalb: „Können nicht ertragen, dass sie wissen, dass sie nichts wissen. Im Wirbelsturm der Infos völlig aufgeschmissen, suchen lieber nach Verschwörung, irgendwas mit Judentum“.

Katharina Nocun und Pia Lamberty erklären in ihrem Buch “Fake Facts” Debunking als eine weitverbreitete “Methode, bei der falschen Informationen Fakten entgegengesetzt werden, um diese zu entkräftigen”. Ein Paradebeispiel dafür ist Folge #4 des Podcast Machiavelli Plus, in der Salwa Benz und Jan Kawellka das eingangs erwähnte Sido-Interview analysieren und auf den antisemitischen Kern von Sidos Erzählungen eingehen. 

“Ich verliere das Vertrauen, ich befürchte irgendwann steht für mich und alle meine Leute die Entscheidung an: einsame Insel oder Untergrund” Sookee – Q1

Um echte Gesellschaftskritik war und ist Grim104 von Zugezogen Maskulin nie verlegen. In einer einzigen Hook ließ er bereits 2013 die mühsam aufgebauten Gebäude aus Verschwörungsmythen in sich zusammenfallen: “Keiner regiert die Welt, wirklich keiner”. Der eingespielte Snippet ergänzt: “there is no secret handshake”. (Cro Hafti & Herzl)

An den Medien, auf denen solche Mythen verbreitet werden, hat sich seitdem sicher einiges geändert. Von Telegram war 2013 noch keine Rede. Die Zeile “Die Wahrheit kennen nur Youtube-Besucher wie du” zeigt allerdings, welche Kontinuitäten es dann aber doch gibt.

Zur Gesellschaftskritik gehört auch, sich klarzumachen, welche Bedürfnisse die Verschwörungserzählungen befriedigen. Sie sind eine vermeintliche Antwort auf Unsicherheiten und eine komplexere Welt. Sie befriedigen das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Wahrheit und Besonderheit. 3Pluss rappt in “Lieder für Leute” deshalb: “In dieser schnellen Zeit verstehen wir immer weniger. Sei unser Lehrer, unser Führer, unser Prediger.” 

Wie anziehend solche Verschwörungserzählungen sind, wie leicht man – gerade auch als Jugendliche*r – in sie hineingeraten kann, darum dreht sich Fatonis Song “Nein Nein Nein Nein Nein Nein”. Der Weg wieder heraus aus den Verschwörungsmythen ist zwar schwer, aber nicht unmöglich. Wichtig ist dafür, Widersprüche, Ambivalenzen und Unwissen auszuhalten, sowie die eigenen Meinungen auch kritisch betrachten zu können.

Die Verschwörungsmythen zielen auch auf Emotionen. “Vorhang auf für Empörung” (Sookee, Bilderbücher Konferenz) beschreibt worum es geht: um Aufmerksamkeit, um Wut, Zorn und Selbsterhöhung. Über dieses wahnhafte Selbstbild singt Juse Ju in seinem Track “Propaganda”: “Ich allein hab es geschafft das große Spiel zu durchschauen, ich kann blind meinen Gefühlen vertrauen. Alles andere ist Propaganda”. 

Diese Überhöhung tendiert zum Autoritären. Das bringt Juse Ju gleich am Anfang auf den Punkt: “Ich bin ein Genie, ich bin ein Genie, Kämpfer für Frieden und Demokratie. Demokratie braucht den stärksten Mann.”

Die Verschwörungserzählungen, die der Deutschrap verbreitet, sind nicht einfach nur absurd oder falsch. Sie sind brandgefährlich. Denn “zu Verschwörungstheorien gehören Vernichtungsphantasien” (Antilopen Gang) Wenn diese Leute an die Macht kommen, stellt sich deshalb die Frage “einsame Insel oder Untergrund” (Sookee, Q1), für Minderheiten wie politisch Andersdenke.

Deshalb muss man mit allen Mitteln gegen Verschwörungsmythen vorgehen, im Freund*innenkreis, in der Familie, in der Öffentlichkeit – und eben auch im Deutschrap. Es gibt auch im Rap jetzt schon viele, die das tun. Zeit, dass es noch mehr werden!

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2019-09-30_123357

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