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„Der Volkslehrer“ Nach Hetzvideo ist Nikolai Nerlings Kiez mit Hanau-Plakaten vollgepflastert

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Joshi, Sänger der Punkband ZSK und Mitbegründer der Kampagne „Kein Bock auf Nazis“, die die Aktion organisierte. (Quelle: Matthias Zickrow)

Ein Eigentor: Mit einem provokativen Hetzvideo Ende Februar 2021 wollte der rechtsextreme YouTuber, Holocaustleugner und selbsternannte „Volkslehrer“ Nikolai Nerling die Opfer des rassistischen Terroranschlags in Hanau verhöhnen, in dem er Gedenkplakate in seinem Kiez in Berlin-Moabit abreißt und andere auffordert, das ebenfalls zu tun. Nur hat er damit das Gegenteil bewirkt: Dank einer antifaschistischen Kampagne wurden 15.000 Ersatz-Poster und 10.000 Aufkleber gedruckt und im Bezirk verteilt. Auch zwölf Großplakatflächen rund um Nerlings Wohnung wurden gemietet, auf denen nun Porträts der neun Todesopfer zu sehen sind. Hanau ist überall, der Volkslehrer ist empört – und der Staatsschutz ermittelt gegen ihn.

Das 19-minütige Video veröffentlichte Nerling auf seiner Webseite am 20. Februar, zum ersten Gedenktag des Hanau-Anschlags am Vortag. Er filmte einen Spaziergang durch Moabit, bei dem er an Läden wie Kunstgalerien und Apotheken vorbeiläuft, und die Hanau-Gedenkplakate in ihren Fenstern kommentiert. „Meine Gegend hier, mein Kiez ist vollgepflastert damit“, beschwert sich Nerling im Video. Eine Texteinblendung korrigiert: „Besser gesagt: Er WAR gepflastert damit!“ Im Hintergrund läuft ein Lied, in dem es heißt: „Wir kümmern uns um jeden Dreck, weg muss weg“. In der nächsten Szene ist Nerling vor einem Hintergrund aus abgerissenen Hanau-Plakaten zu sehen.

Im Video verhöhnt Nerling die Todesopfer, zweifelt die offizielle Version des Terroranschlags an, stellt das rassistische Motiv des Täters in Abrede, scheint den Hitlergruß anzudeuten und hetzt gegen die „terroristische Organisation Migrantifa“. Er betont auch mehrmals, dass es „keine friedliche Lösung geben“ werde. Denn „die Kommunisten“ würden „uns Deutschen“ ermorden wollen, so Nerling.

Zum Schluss ruft Nerling offenbar zur Bildung von Bürgerwehren auf: „Jeder von euch, der heute an irgendein Plakat vorbeigelaufen ist und es nicht abgerissen hat, hat sich mitschuldig gemacht, am Völkermord gegen Deutsche.“ Daher müsse man „Reinigungstrupps“ bilden, um für „Sicherheit“ auf den Straßen zu sorgen. „Die NPD hat es vorgemacht: Sie haben Streifen aufgestellt. Funktioniert. Leistet Widerstand.“ Es werde zu einem blutigen, unangenehmen Höhepunkt kommen, resümiert Nerling. Später behauptet er auf Telegram, dass er mit keiner Silbe zu Gewalt aufgerufen habe, die Aussage sei lediglich eine Vorhersage, dass es gewalttätig werden werde.

Bislang sind Nerlings „Reinigungstrupps“ erfreulicherweise nicht zustande gekommen. Stattdessen inspirierte sein Video eine Gegenaktion der Kampagne „Kein Bock auf Nazis“. Nach einem Spendenaufruf kamen innerhalb weniger Tage mehr als 8.000 Euro zusammen, die die Kampagne für Werbung, Plakate und Aufkleber ausgegeben hat – eine erhebliche Summe, über die viele ehrenamtliche Initiative gegen Rassismus schlicht nicht verfügen.

Say their names: eine von zwölf Großplakaten in Berlin-Moabit. (Quelle: Matthias Zickrow)

„Diese Verachtung für die Opfer von Hanau hat uns sehr wütend gemacht“, erklärt Tim Brenner, Sprecher von „Kein Bock auf Nazis“, im Gespräch mit Belltower.News. Seit 2006 setzt sich die Kampagne, die von der Punkband ZSK gegründet wurde, für eine antifaschistische Jugendkultur ein. Sie wird von vielen Bands wie Die Toten Hosen, Die Ärzte und die Broilers unterstützt. „Wir wollten das auf keinen Fall so stehen lassen und haben gesagt: Für jedes Poster, das der Typ abreißt, drucken wir einfach 100 neue“, so Brenner weiter. „Wir lassen uns das Gedenken nicht von Neonazis kaputtmachen.“

Der Zuspruch für die Aktion sei enorm gewesen, berichtet Brenner. Mit der gesammelten Summe konnte die Kampagne auch große Werbeflächen mieten für die Porträts von Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili-Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov, die beim Hanau-Anschlag ihr Leben verloren.

Die Aktion gefällt dem selbsternannten „Volkslehrer“ offenbar nicht. Auf Telegram schreibt er: „Jetzt drehen sie völlig durch! Meine ganze Nachbarschaft ist gepflastert mit Hetzplakaten gegen Deutsche! Wo bleibt der Aufstand des Volkes?“ Bilder der Großplakate kommentiert er mit dem Spruch: „Nicht vergessen: Der Kampf gegen Nazis ist der Kampf gegen das deutsche Volk!“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

In der Zwischenzeit befasst sich die Berliner Polizei mit dem Video: Auf Anfrage von Belltower.News bestätigt eine Sprecherin der Polizei, dass der Staatsschutz gegen den Mann im Video ermittelt – wegen Volksverhetzung, öffentlicher Aufforderung zu Straftaten und des Verunglimpfens des Andenkens Verstorbener. Zu laufenden Ermittlungen könne die Behörde jedoch keine Aussage machen.

Hanau ist überall, auch in Moabit. (Quelle: Matthias Zickrow)

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