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Die sanfte Seite des Rechtsextremismus? (1)

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Frauen aus dem Umfeld der NPD lassen sich zu Elternsprecherinnen wählen, arbeiten ehrenamtlich in Vereinen oder hauptamtlich in pädagogischen Berufen. Ihr Ziel: Vertrauen gewinnen, Beziehungen knüpfen, Normalität herstellen. Um dann in einem nächsten Schritt rechtsextreme Einstellungen zu verbreiten, zum Beispiel, indem sie sich als Elternvertreterinnen dafür engagieren, den Anteil von Kindern migrantischer Herkunft an einer Schule möglichst gering zu halten.

Frauen scheinen hierfür besser geeignet, schließlich passen sie nicht ins verbreitete Bild des gewalttätigen männlichen Rechtsextremen. Und doch stehen sie wie diese für eine Ideologie, die die allgemeinen Menschenrechte nicht anerkennt und demokratische Grundwerte ablehnt. Fünf Beispiele, wie couragierte Demokratinnen rechtsextreme Frauen enttarnt und ihrem verdeckten Handeln Einhalt geboten haben.

Stella Hähnel, Mitglied im NPD-Bundesvorstand

Ein gutes Beispiel für die Camouflage-Strategie rechtsextremer Frauen ist Stella Hähnel: Keine der Frauen aus Hohen Neuendorf, die sie tagtäglich in der Nachbarschaft, beim Einkaufen im Bioladen oder im Familienzentrum trafen, kannte bis vor zwei Jahren ihren politischen Hintergrund.

Dabei ist Stella Hähnel bereits seit Beginn der Neunzigerjahre in der rechtsextremen Szene Berlin-Brandenburgs fest verwurzelt. Sie galt zunächst als einer der führenden Köpfe des Skingirl-Freundeskreises Deutschland (SFD). Nach dessen Selbstauflösung gründete sie mit anderen Aktivistinnen die Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF), die bis heute als einer der einflussreichsten Zusammenschlüsse rechtsextremer Frauen gewertet wird. Stella Hähnel ist Mitbegründerin des Rings Nationaler Frauen (RNF)und dessen Pressesprecherin, außerdem sitzt sie im Bundesvorstand der NPD. Wie ihr Mann, der Liedermacher, Kameradschaftsaktivist und aktuelle Landesvorsitzende der Berliner NPD Jörg Hähnel, ist sie zudem seit Jahren in der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ)aktiv.

Ins Hohen Neuendorfer Familienzentrum brachte Stella Hähnel ihr Kind zur Betreuung und half als Ehrenamtliche beim Familiencafé. Auf einem Foto, das sie dort beim Kaffeeausschenken zeigt, erkannte sie im Frühjahr 2007 der Redakteur einer Lokalzeitung. Erst durch ihn erfuhren die Mitarbeiterinnen des Familienzentrums von Stella Hähnels rechtsextremem Engagement. Sie waren ehrlich erschrocken, den Namen der sympathischen jungen Mutter nun in Zeitungszitaten als Pressesprecherin der NPD zu lesen.

Der Vorfall sorgte für Aufregung. Überregionale Medien berichteten. Stella Hähnel erhielt vom Familenzentrum Hausverbot. Im September 2008 kandidierte sie bie den Brandenburger Kommunalwahlen für die NPD im Landkreis Oberhavel. Ein Mandat gewann sie nicht.

Sigrid Schüßler, „Nationale Kabarettistin“

Sigrid Schüßler aus dem nordbayerischen Karlstein entspricht keineswegs dem Bild des dumpfen, ungebildeten Neonazis: Fließend spricht sie mehrere Fremdsprachen, beherrscht verschiedene Musikinstrumente und erwarb 1995 ihr Diplom als Schauspielerin. Nach mehreren Engagements an großen Theaterbühnen macht sie sich 2004 selbständig mit ihrem eigenen Theater Hollerbusch. 2005 erhielt sie dafür den Aschaffenburger Existenzgründerpreis.

Was der Jury nicht bekannt war: Seit 2004 tourt Sigrid Schüßler als „Hexe Ragna“ nicht nur durch verschiedene Grundschulen und Kindergärten, sondern trat auch im Kinderprogramm von NPD-Veranstaltungen auf. Die dreifache Mutter ist verheiratet mit dem wegen Waffenbesitz vorbestraften Falko Schüßler, einem ehemaligen Funktionär der verbotenen Freiheitlichen Arbeiterpartei sowie der ebenfalls verbotenen Wiking-Jugend. Weitere Auftritte bestritt sie mit ihem „Nationalen Kabarett“ bei der Gesellschaft für Freie Publizistik (GfP) – laut Verfassungsschutz die derzeit größte rechtsextreme Kulturvereinigung. Seit November 2008 sitzt sie im Landesvorstand der NPD Bayern.

Ihre Aktivitäten innerhalb der extremen Rechten wurden im Juni 2007 von AntifaschistInnen aufgedeckt und öffentlich bekannt gemacht: Nachbarn und Nachbarinnen des rechtsextremen Ehepaares wurden informiert, es gab Briefe an die Auftraggeber der „Hexe Ragna“, und mehrere regionale Zeitungen berichteten. Sigrid Schüßler verlor dadurch nach eigenen Angaben eine große Zahl an Aufträgen. Zusammen mit der Sozialarbeiterin Iris Niemeyer gründete sie „Jeanne D.“ – eine „Selbsthilfegruppe für politisch verfolgte Frauen in Zeiten der BRD“. Anliegen des noch in der Gründung befindlichen Projekts ist die Vernetzung rechtsextremer Frauen, die wegen ihrer rechtsextremen Aktivitäten ihren Arbeitsplatz verloren haben. Dazu gehört auch die rechtliche Unerstützung – mithilfe einschlägiger Szeneanwälte.

| Lesen Sie auch Teil 2 über Katrin Schmutzler, NPD-Aktivistin, Iris Niemeyer, RNF-Aktivistin, Ricarda Riefling, Rednerin bei Aufmärschen.

Dieser Text wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Deutschen Frauenrat. Er erschien zuerst in der Zeitschrift
„Frauenrat. Ausgabe 6/2008: Gefährlich im Aufwind. Rechtsextreme Frauen.“


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