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Dunkle Mächte und geheime Pläne Wie erkenne ich eine Verschwörungsideologie zu Impfungen?

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Symbolbild: Impfen. (Quelle: Diana Polekhina/Unsplash)

Erstmal haben alle Menschen das Bedürfnis, sich selbst und die Welt um sie herum verstehen zu wollen. Dabei geht es nicht nur um die Faszination neuer Erkenntnisse, sondern vor allem um die alltägliche Bewältigung des Lebens. Was Menschen nicht begreifen, macht ihnen deshalb oft Angst und verunsichert sie. Versteht man nicht, wie einem geschieht, dann stellen sich schnell Gefühle der Ohnmacht und Überforderung ein. Moderne Gesellschaften basieren auf der wissenschaftlichen Aufklärung der Welt und ihrer Bewältigung durch Technik und Fortschritt. Im Gegensatz zu früheren Epochen scheinen Menschen heute alles zu wissen und beherrschen zu können.

Trotzdem gibt es immer noch und immer wieder vieles, was unverständlich und frustrierend bleibt. Zum Beispiel gibt es immer noch Krankheiten und Tod, für die wir kaum oder keine Heilung kennen. Neben solchen Rätseln der Natur gibt es auch immer noch soziale Ungerechtigkeiten, die trotz aller Aufklärung nicht aus der Welt verschwinden. Warum gibt es immer noch so viel Leid auf der Welt, obwohl Menschen doch so enorme wissenschaftliche und technische Möglichkeiten haben? Dazu kommt, dass nicht immer klar ist, warum auf der Welt gerade das passiert, was passiert: denn viele Prozesse moderner Gesellschaften sind abstrakt und komplex. Da fällt es manchmal schwer noch auf die (wissenschaftliche) Vernunft zu vertrauen, wenn es so scheint, als sei die Welt verrückt geworden. Kritik und die Suche nach Erkenntnis bleiben deshalb enorm wichtig. Moderne, demokratische Gesellschaften müssen sogar offen für Kritik bleiben, gerade weil sie den Anspruch haben, aufgeklärt zu sein.

Natürlich gibt es auch beim Thema Impfen berechtigte Fragen und Kritik. Zum Beispiel: „Wie genau funktionieren eigentlich Impfstoffe und ihre Entwicklung?“, oder „Warum werden die Patente für manche Impfstoffe nicht frei zugänglich gemacht, obwohl sie doch unzählige Menschenleben retten könnten?“ Die sogenannte „Impfkritik“ stellt solche Fragen aber meistens gar nicht. Stattdessen bedient sie sich oft den üblichen verschwörungsideologischen Mustern, die man kennen sollte, wenn man aufklärende Kritik von Verschwörungsideologien unterscheiden will:

1. Personalisierte Suche nach Schuldigen statt komplexe Analyse

Impfstoffentwicklung und Impfpolitik sind vielschichtige und komplexe Themen, in denen wirtschaftliche, technische und soziale Aspekte eine Rolle spielen. Dabei kommt es mitunter zu Kontroversen: Manche argumentieren zum Beispiel, dass Impfungen ohne Profit für alle Menschen auf der Welt hergestellt werden müssten. Andere sagen, dass dann der wirtschaftliche Anreiz zur effektiven Impfstoffentwicklung wegfallen würde. In Verschwörungsideologien gibt es solche Widersprüche gar nicht, denn sie basieren auf einem einfachen Weltbild. In diesem gibt es keine verschiedenen Gruppen mit unterschiedlichen Interessen, sondern nur eine kleine, mächtige Gruppe von Verschwörer*innen, die die Welt im Geheimen beherrschen will.

Eine aktuelle „impfkritische“ Verschwörungserzählung behauptet zum Beispiel, dass der Milliardär und Philanthrop Bill Gates die Coronaimpfstoffe nutzen will, um die Weltherrschaft zu erlangen und deshalb die Covid-19-Pandemie „erfunden“ hätte. Dies ist nicht nur falsch, sondern zudem gefährlich: Derartige Personalisierungen erzeugen Hass auf diejenigen, die für die „Gruppe Mächtiger“ oder ihre Erfüllungsgehilfen gehalten werden. In Erzählungen wie diesen gibt es keine Zufälle, Widersprüche oder Unklarheiten, sondern nur absichtlichen Betrug und bewusste Verschleierung.

Verschwörungsideologien entwerfen so ein apokalyptisches Szenario, in dem ein epischer Kampf zwischen Gut und Böse, „Aufgewachten“ und Verschwörer*innen ausgetragen wird. Dadurch wird eine Notwehrsituation beschworen, die letztlich auch Gewalt legitimiert. Solche Erzählungen sind zudem meist antisemitisch eingefärbt, auch wenn sie nicht explizit jüdische Menschen als Verschwörer*innen benennen. Schon seit Jahrhunderten wird der Mythos einer „jüdischen Weltverschwörung“ verbreitet. Antisemitische Fiktionen, wie die Fälschung „Protokolle der Weisen von Zion“, bilden leider noch immer die Blaupause für moderne Verschwörungsideologien. Die verschwörungsideologische „Impfkritik“ ähnelt dabei strukturell der alten antisemitischen Legende von vermeintlichen „Brunnenvergiftungen durch Juden“, die heute in neuer Form erzählt wird: diesmal als „geheime Vergiftung“ durch „von Eliten kontrollierte“ Impfpolitik.

2. Suche nach Bestätigung, statt nach Erkenntnis

Wissenschaftliche Theorien stellen Hypothesen auf und überprüfen diese. Der eigene Erkenntnisprozess wird dabei nachvollziehbar gemacht und ist so offen für Fragen und Kritik. In einer Verschwörungsideologie steht das Ergebnis jedoch schon vor jeder Frage fest. Verschwörungsideolog*innen suchen nicht nach Antworten auf offene Fragen, sondern nur nach Informationen, die ihr Weltbild bestätigen. Alles, was gegen die Existenz einer weltumspannenden Verschwörung spricht, gilt so als Beweis für das Ausmaß der Verschleierung durch die vermeintlichen Verschwörer*innen. Die sogenannte „Impfkritik“ behauptet zum Beispiel, dass die „Pharmalobby“ und „die Eliten“ alle wissenschaftlichen Studien unterdrücken würden, die „Impfkritiker*innen“ Recht geben könnten. Verschwörungsideologien sind deshalb keine falschen Antworten auf „eigentlich richtige“ Fragen, sie erfüllen für diejenigen, die an sie glauben eine psychologische Funktion: Es geht nicht um die Frage, wie die Welt funktioniert und besser gestaltet werden könnte, sondern wem die Schuld für eigene Ohnmachtsgefühle und das Schlechte auf der Welt gegeben werden kann.

3. Alles hinterfragen wollen, nur sich selbst nicht

Verschwörungsideologien sind für viele attraktiv, weil sie neben einem allumfassenden Welterklärungsmodell ein leicht zugängliches Identitätsangebot bieten: Sie ermöglichen es, sich als „Widerstandskämpfer*innen“ zu fühlen, die verstanden haben, „was wirklich gespielt wird“. Das hebt einen vom Rest der Gesellschaft ab und vermittelt das Gefühl, besonders und einzigartig zu sein. Wer vorgibt, alles zu hinterfragen, sollte jedoch vor sich selbst nicht Halt machen. Verschwörungsideolog*innen aber begreifen Menschen, die ihnen widersprechen, schnell als „Feinde“ oder „gekauft“ und damit als Teil der Verschwörung. Besonders hier zeigt sich, dass es bei Verschwörungsideologien nicht darum geht, moderne Gesellschaften weiter aufzuklären. Es geht nicht um Wissenschaftskritik, sondern um Wissenschaftsfeindlichkeit, nicht um das Einfordern von demokratischen Prozessen, sondern um ihre Verunglimpfung als „Betrug“ von vermeintlichen Verschwörer*innen. Statt einer gerechteren Welt für alle werden, werden menschenfeindliche Ideologien wie Antisemitismus befeuert. Auch wenn es häufig schwerfällt: Wer sich selbst und die Welt wirklich verstehen will, muss ertragen können, dass Erkenntnisse manchmal widersprüchlich sind oder Fragen nicht immer sofort und eindeutig beantwortet werden können. Verschwörungsideologien sind kein Ersatz für das Streben nach Verständnis, Gerechtigkeit und Aufklärung, sondern das genaue Gegenteil. Nicht nur beim Thema Impfen.

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