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Keine reine Männersache Impfgegnerinnenschaft als Einstieg in verschwörungsideologisches Denken

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Finger weg: Impfgegnerschaft ist oft die Einstiegsdroge in verschwörungsideologisches Denken
Finger weg: Impfgegnerschaft ist oft die Einstiegsdroge in verschwörungsideologisches Denken (Quelle: Ivan Diaz/Unsplash)

Auch wenn die Demonstrationen der Corona-Skeptiker*innen maßgeblich von Männern geprägt und auch die Gallionsfiguren der Szene – Attila Hildmann, Bodo Schiffmann, Michael Ballweg, Ken Jebsen und wie sie alle heißen – doch sehr auf eine Performance als echter Mann bedacht sind, wäre es ein Fehlschluss zu glauben, dass Frauen im Bezug auf verschwörungsideologisches Denken immun wären. Ausgehend von einer Weiblichkeitsvorstellung, die mit Naturverbundenheit und Mütterlichkeit assoziiert ist, Esoterik und der Instrumentalisierung von Kindern sollen Frauen für eine bestimmte Szene begeistert werden. Doch diese Szene offenbart sich bei einer näheren Betrachtung als grundlegend antimodern und menschenfeindlich.

Vor allem der Bezug auf Mütterlichkeit spielt in der Rekrutierung von Frauen eine nicht zu unterschätzende Rolle: Das Engagement für Kinder und der Schutz der Familie entspricht dem „traditionellen“ Frauenbild in rechtsalternativen Szenen, ohne dass es gleich massiven Sexismus transportiert, der Frauen dann doch wieder von rechtsextremen Szenen abstößt. Dies beginnt scheinbar harmlos in einer Beschäftigung mit „alternativer Medizin“, kann sich aber durch Aspekte wie Impfgegnerinnenschaft explizit auf die Gesundheit von Kindern auswirken.

Im radikalsten Falle bedeutet das Engagement für Kinder die Affinität zu der „QAnon“-Verschwörungsideologie. Diese besagt, dass satanististische und pädophile „Eliten“, die hinter den Weltkulissen die Geschicke steuern, Kinder ermorden und sich durch deren Blut verjüngen würden. Dieses Narrativ ist eine Neuauflage alter antisemitische Stereotypen der jüdischen Weltherrschaft, als auch des Juden als Kindermörder zu Ritualzwecken.

Sogenannte „QAmoms“ rekrutieren für ihre Ideologie über Mama-Blogs und Instagram-Profile, die auf den ersten Blick Themen wie Schwangerschaft, Mutterschaft oder Kinderrechte behandeln. Doch auf den zweiten Blick offenbart sich die hinter pastellfarbenen Profilen versteckten antisemitischen Verschwörungserzählungen. Die Online-Kampagnen sollen sich an Frauen wenden, die sich aus Sorge um Kindeswohl für Esoterik und „alternative Medizin“ interessieren und diese so zunehmend radikalisieren.

Als deutschsprachiger Ableger der „QAmoms“ kann der „Multikulturelle Frauenmarsch“ betrachtet werden. Die von Frauen aus dem Heilpraktikerinnen-Spektrum organisierte Demonstration, die am 28. Februar 2021 in mehreren Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz stattgefunden hat, wurde von den Veranstalterinnen als ein Marsch für „die Zukunft unserer Kinder“ bezeichnet. Konkret handelte es sich jedoch um eine Veranstaltung aus der Corona-Leugnerinnen- und Impfgegnerinnenszene. Beworben wurde der Frauenmarsch hauptsächlich in der Facebook-Gruppe „Hexen-Weiber-Priesterinnen, Hüterinnen der Erde, wild & frei!“, die über 23.000 Mitglieder verzeichnet.

In der Gruppe finden sich vor allen Dingen Postings zu esoterisch aufgeladenem Kitsch, die stellenweise in ihrer Bildsprache nur knapp an völkischer Ästhetik vorbei schrammen, Links zu Meditationsübungen für Frauen und Kinder, Naturfotos, Aufrufe, sich an dem multikulturellen Frauenmarsch zu beteiligen, Kritik an der „Schulmedizin“ und Werbung für esoterische Coaching-Seminare. Die Vorstellung von Weiblichkeit, die unter diesen selbsternannten Hexen und Schamaninnen gepflegt wird, ist zutiefst biologistisch: „Wir sind Töchter und Mütter. Wir sind auch Töchter der Erde. Genauso wie sich die Urfrau mit all ihren Facetten in unserer Gruppe widerspiegelt! Würdevoll gehen wir unserer Wege, lernen voneinander und miteinander! Tauchen ein in weibliches tiefes Wissen, in unsere Magie und Mystik!“

Ausgehend von dieser Vorstellung ist „Frausein“ keine durch patriarchale Gewalt zugefügte Zuschreibung, sondern eine Art mystische Naturkraft, die immer mit Mütterlichkeit und Gebärfähigkeit einhergeht. Dieses Bild wird auch in dem Aufruf zum Frauenmarsch hochgehalten:

„Es ist Zeit, unsere Stimme zu erheben! Aufstehen für die Zukunft unserer Kinder und den folgenden Generationen.[…] Wir Frauen tragen diese Urprinzipien des Lebens in uns! Wir sind tief verwurzelt mit der Erde! Und es ist unsere Aufgabe, sie zu schützen und daran zu erinnern. Die Kinder bilden unsere nächsten Generationen und es ist unsere Pflicht, alles dafür zu tun, ihnen eine lebendige und sichere Zukunft zu ermöglichen. Sie brauchen für ihrer [sic] Lebendigkeit den Kontakt mit anderen Kindern! Kontaktbeschränkungen und Abstand sind nicht nur schädlich für Ausbildung des Immunsystems, sondern verhindern auch eine freie und gesunde Entwicklung.“

Auch hier wird vermeintliches Kindeswohl herangezogen, um esoterische bis verschwörungsideologische Narrative zu bedienen. Eine der Organisatorinnen des Frauenmarsches verlinkt auf der Homepage ihrer Heilpraktikerinnen-Praxis Mythen zur Gefährlichkeit von Impfungen, eine andere warnt vor der „Transgenderlobby“, die es auf die natürliche Entwicklung von Kindern abgesehen hätte. Kinder werden so zur Projektionsfläche für die eigene Menschenfeindlichkeit und politische Agenda. Dass sowohl die Skepsis gegenüber Impfstoffen und generell neueren medizinischen Errungenschaften, ein esoterisch aufgeladenes Bild von Weiblichkeit und über eine Inszenierung als „Übermutter“ einhergeht, ist naheliegend.

Der gemeinsame Nenner sind Aufklärungsfeindlichkeit und Hass auf die Moderne. Diese spezifisch an „Weiblichkeit“ gekoppelte Esoterik geht von einem als ideal romantisierten Naturzustand aus, dem sich diese Frauen mystisch nahestehend wähnen. Krankheiten werden hier als etwas betrachtet, das ohnehin schwächliche Elemente „aussortieren“ soll, Impfungen sind deshalb ein unrechtmäßiger Eingriff in die Natur. Die Selbstbeschreibung des Frauenmarsches zeigt auf, in welcher Funktion sich diese Hexen und Schamaninnen sehen: als Frauen, die sich mystisches Naturwissen angeeignet haben, das der Wissenschaft diametral gegenübersteht. Die wichtigste Aufgabe einer Frau, so der Gedanke, ist der Schutz ihrer Kinder vor den schädlichen Eingriffen der Wissenschaft.

Auf den ersten Blick finden wir in esoterischen Frauenzirkeln das Zelebrieren essentialistischer Weiblichkeit, Mütterlichkeit und der darin artikulierte Rekurs auf „altes Wissen“ und „Naturheilkunde“. Letztendlich offenbart sich dahinter jedoch primär der Rekurs auf Aufklärungsfeindlichkeit. Esoterik und Spiritualität mögen nur auf den ersten Blick als harmlose Spleens wirken, aber gerade in Zeiten der Covid-19-Pandemie, in der Wissenschaftsfeindlichkeit ein Einfallstor in reaktionäre Ideologien ist, sollte man sich darüber bewusst sein, dass zwischen Heilkristallen und QAnon nur ein paar Wochen Aufenthalt in den entsprechenden Facebook-Gruppen liegen können.


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