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Terrorismus Attentat in Colorado, USA – Zwei Anschläge in einer Woche

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Polizisten arbeiten vor dem "King Scoopers"-Supermarkt in Boulder, Colorado, wo das Attentat stattfand. (Quelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | David Zalubowski)

Nicht mal eine Woche nach dem Attentat in Atlanta, Georgia, bei dem ein Mann acht Menschen, größtenteils als asiatisch gelesene Frauen, erschoss, wird die USA von einem weiteren Blutbad erschüttert. In Boulder, Colorado, eröffnete am gestrigen Nachmittag der mutmaßliche weiße Attentäter  in einem Einkaufszentrum das Feuer auf Menschen. Erste Berichte sprachen von mindestens sieben Toten. Die Polizei hat die Zahl mittlerweile auf zehn Tote korrigiert, darunter sei ein Polizist. Bei einer ersten Pressekonferenz sagte der zuständige Polizeibeamte Kerry Yamaguchi, es habe “viele Todesopfer gegeben, darunter auch einen Polizeibeamten”. Genaueres wolle man noch nicht sagen. Der Verdächtige sei festgenommen worden. Auch zu den Motiven könne man sich noch nicht äußern.

Die Shoppingmall diente auch als Impfzentrum. Einige Zeugen, denen die Flucht gelang, berichten von dem Attentäter, der ohne weiter Warnung oder sonstige Äußerungen das Feuer eröffnet haben soll.

Auf YouTube, Twitter und anderen Online-Plattformen gingen Livestreams viral – noch während der Täter im Einkaufszentrum schoss. Darauf waren Menschen zu sehen, die auf dem Parkplatz und im Supermarkt regungslos auf dem Boden lagen. Der Täter tötete so lange im Supermarkt, bis Einsatzkräfte ihn schließlich festnehmen konnten.

Zeitweilige Medienberichte und Informationen in Sozialen Medien von Mittätern oder Schießereien in anderen Teilen der Stadt erwiesen sich nachträglich als falsch.

Laut CNN-Berichten hat der Täter seine Tat mit einem Sturmgewehr begangen. Das wirft Fragen auf und wird eine weitere Debatte in den USA zum Thema Waffen und Recht auf Waffenbesitz ankurbeln. Erst zwei Wochen zuvor, am 12. März, hat die National Rifle Association (NSA), eine bedeutende US-amerikanische Waffenlobby, in einem Gerichtsprozess gegen die Stadt Boulder gewonnen. Diese wollte ein Verbot zum Besitz und zur Weitergabe von Sturmgewehren und Zehn-Schuss-Magazinen durchsetzen. Auch gegen ein weiteres Gesetz, dass im Bundesstaat Colorado erlassen werden soll und Waffenbesitzer*innen dazu verpflichten wird, ihre Waffen ordnungsgemäß und sicher aufzubewahren, kommt Gegenwehr von der NRA. In einem Tweet von letzter Woche am 18. März ruft sie ihre Anhänger dazu auf, selbst zur Tat zu schreiten.

Zwar besteht bislang kein Zusammenhang zwischen den verschärften Waffengesetzen und dem Anschlag, doch ist die Debatte um das “2nd Amendment“, das sogenannte “Recht auf Waffen“, ein großer Konfliktherd in den USA: So groß, dass es für terroraffine Rechtsterroristen zu einem zentralen Stellenwert ihrer Ideologie geworden ist. Die rechtsterroristischen Akzelerationisten hoffen auf einen baldigen Zusammenbruch der Gesellschaft, den es aktiv zu beschleunigen gelte. Dies ließe sich vor allem dann erreichen, wenn bestehende Konflikte weiter eskaliert werden würden. Auch der Rechtsterrorist von Christchurch verstand sich als Akzelerationist. Indem er für seine Tat ein Sturmgewehr benutzte, wollte er die Regierung zu schärferen Waffengesetzen bewegen, die wiederum die Waffenbefürworter weltweit auf die Barrikaden treiben würde. Auf diese Art sollte die gesellschaftliche Ordnung zusammenbrechen. Der Attentäter von Christchurch gilt in der weltweiten rechtsterroristisch interessierten Szene als Vorbild, als “Saint“, seine Ideologie ist entsprechend weit verbreitet.

Von Zusammenbruch kann in den USA bisher nicht die Rede sein, aber die Hoffnung vieler Rechtsextremer bricht sich in Imageboards Bahn: “Die Zeit des Akzelerationismus ist gekommen”, schreibt in User. Andere sehen in dem Anschlag eine Inszenierung, eine sogenannte “False Flag Aktion”. Wiederum andere halten den Täter für einen Incel-Terroristen, also einen “unfreiwillig im Zölibat lebenden” Frauenhasser, der durch einen Anschlag seine Männlichkeit wiederherstellen wolle. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die rechtsextremen Online-Communities den bestehenden Anschlag in ihr Weltbild einordnen. Doch ob der Täter einer rechtsextremen Szene entstammt, bleibt bisher noch Spekulation. Allerdings sollten die weiteren Ermittlungen bald Aufschluss geben. Schließlich ist das der zweite Anschlag innerhalb einer Woche, bei dem ein Hate Crime in Erwägung gezogen werden kann.

 

Zum Attentat in Georgia:

 

 

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