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Über den Zusammenhang von Verschwörungsideologien und Männlichkeit Echte Männer tragen keine Maske?!

(Quelle: AAS)

Entschwörung konkret — Wieviel Geschlecht steckt in Verschwörungsideologien?“ ist eine neue Handreichung der Fachstelle für Politische Bildung und Entschwörung. In dem Projekt der Amadeu Antonio Stiftung entwickeln Ferdinand Backöfer und Lisa Geffken zusammen neue, pädagogische Zugänge, um erwachsene Menschen in einem kritischen Umgang mit Verschwörungserzählungen zu unterstützen. Der folgende Text basiert auf Auszügen aus der Broschüre.

Xavier Naidoo, Attila Hildmann, Bodo Schiffmann, Michael Wendler, Heiko Schrang, Oliver Janich, Wolfgang Wodarg, Michael Ballweg, Ken Jebsen, Nikolai Nehrling: schaut man sich die Gallionsfiguren der Corona-Leugnungsbewegung an, stellt man fest, dass diese primär männlich sind. Zwar gibt es mit der Autorin Eva Hermann oder der Widerstand 2020-Vorstandsvorsitzenden Kirsten König auch einige Frauen, die in der Szene wortführend sind. Aber dennoch sind sowohl auf den Telegram-Kanälen, als auch auf den Demonstrationen, eher Männer präsent. Welchen Zusammenhang gibt es also zwischen Männlichkeit und Verschwörungsglauben, gerade in Bezug auf die momentan herrschende Pandemie?

Corona-Rebellen und Info-Krieger: Die Selbstinszenierung verschwörungsgläubiger Männer

Verschwörungsideologien setzen oft an Krisenerfahrungen an und locken mit Identitätsangeboten. Aber was als Krise empfunden wird, wie Menschen auf sie reagieren und welche Identitätsangebote für sie besonders anziehend sind, ist von vielen Faktoren abhängig. Männlichkeit kommt hier eine zentrale Rolle zu, was man schon an der Selbstinzenierung von Corona-Leugnern erkennen kann: Diese sehen sich oft als mutige Kämpfer für „die Wahrheit“. Denn angeblich stecke hinter der Pandemie ein bösartiger Plan, den eine geheime Elite im Verborgenen ausgeheckt hätte. Nur sie selbst und eine kleine Gruppe „Aufgewachter“ würde „wissen, was wirklich gespielt wird“. Viele Verschwörungsgläubige und besonders Männer entwickeln hier ein fast schon obsessives Detailwissen über die „alternativen Fakten“, die ihrer Verschwörungserzählung Recht geben. Dass Verschwörungsideologien falsch sind und fast immer auf antisemitischen Mythen beruhen, interessiert sie dabei nicht. Denn Verschwörungsgläubige sind sich sicher: sie wissen Bescheid und sie werden andere „aufklären“, ob sie es wollen oder nicht. Diese Attitüde des Aufklärers, der die Bevölkerung von den finsteren Plänen der „Strippenzieher“ hinter den Kulissen warnt, ist ein Teil der verschwörungsideologischen Heldenerzählungen, die Männer besonders anziehen.

Ein echter Held, braucht natürlich einen gefährlichen Feind. Deshalb behaupten Verschwörungsgläubige, dass die „Verschwörer:innen“ nahezu allmächtig seien und sich außerdem nicht an Recht und Gesetz halten würden, um „das Volk“ zu manipulieren und zu unterdrücken. Genau diese Phantasie rechtfertigt dann wiederum die autoritäre Revolte der Verschwörungsgläubigen und ihre Selbstinzenierung.

Man(n) betrachtet sich nicht als Feind von Demokratie und Wissenschaft, sondern als Rebell, der gegen ein ungerechtes System aufbegehrt. Mindestens das nationale Wohl, wenn nicht sogar das Schicksal der Welt, steht auf dem Spiel. Die Corona-Pandemie wird dabei nicht selten zu einem Endzeitkampf stilisiert, für den vor allem Männer als Krieger bereit sein müssen. Stärke, Härte, Entschlossenheit und auch Gewaltbereitschaft erscheinen so nicht nur als Notwendigkeit sondern sogar als glorreiche Pflicht. Agitatoren wie der „Vegenator“ Attila Hildmann, der gern mit Samurai-Schwertern posiert und seiner Gefolgschaft den Kauf einer Pistolenarmbrust empfiehlt, arbeiten gezielt mit diesem Bild: Die Zeit des verweichlichten Mannes ist vorbei, es verlangt nach einem harten Krieger.

Festgemacht wird die totalitäre Gefahr bezeichnenderweise oft schon an der Schutzmaskenpflicht, derer sich gerade Männer demonstrativ entziehen. Bezeichnungen wie „Merkellappen“, „Maulkorb“ und „Knebel“ versinnbildlichen das Gefühl einer erzwungenen und ungerechten Bevormundung. Die gesetzliche Pflicht, die persönliche Freiheit für andere einzuschränken, wird grade von Männern nicht nur als Gängelung, sondern tiefsitzende Erniedrigung empfunden. Besonders hier zeigt sich, dass Verschwörungsglauben oft einen empfindlichen emotionalen Kern besitzt, für den Männlichkeit eine zentrale Rolle spielen kann.

Boys don’t cry: Männlichkeit und tabuisierte Gefühle

Männer können nämlich besonders anfällig für die Versprechen von Verschwörungsideologien sein, weil Angst, Unsicherheit und Unwissen innerhalb einer männlichen Sozialisation oft sanktioniert werden. Stärke, Souveränität und Autonomie sind nach wie vor starke männliche Ideale. Die eigene Freiheit für andere einzuschränken, weniger oder nichts zu wissen, oder gar das Eingeständnis von Ohnmachtsgefühlen angesichts einer globalen Pandemie werden deshalb als Zeichen von Schwäche gedeutet. Die Heldenerzählungen von Verschwörungsideologien setzen hier an und bieten Männern die Möglichkeit diese tabuisierten Gefühle zu verleugnen und umzudeuten: Nicht man(n) selbst hat Angst, sondern die anderen haben nur falsche Sorgen. Nicht man(n) selbst ist orientierungslos, sondern die „Schlafschafe“, die den „Systemmedien“ glauben. Ohnmachtsgefühle?! Doch nicht der Endzeitkämpfer, der sich trotz der Übermacht der vermeintlichen „Verschwörer:innen“ in den Kampf stürzt.

Entschwörung konkret – Das hilft im Umgang mit Verschwörungsgläubigen

Im persönlichen Umgang mit Verschwörungsgläubigen, kann es sehr hilfreich sein, solche spezifischen Motivationen hinter der Ideologie zu berücksichtigen. Wenn sich Ihr Gegenüber z.B. an eine abgedichtete Position des „Durchblickens“ klammert, wirkt das sachliche Widerlegen von Fake News und Verschwörungserzählungen nicht mehr. Es kann in diesen Fällen sogar schaden, weil Sie ihr Gegenüber darin bestätigen könnten, dass es nur darum gehe wer „recht hat“ und andere besser „aufklären“ kann.

Stattdessen ist es oft sinnvoller wenn Sie selbst Fragen stellen und so besprechbar machen, welche Gefühle hinter dem Verschwörungsglauben liegen. Wenn Sie dabei zeigen, dass es legitim ist, sich (auch als Mann) orientierungslos, ohnmächtig und ängstlich zu fühlen, erhöhen sie Ihre Chancen auf einen Zugang zu Ihrem Gegenüber. So können Verschwörungsgläubige auch eigene Zweifel und Brüche in ihrem Weltbild offenlegen, ohne unmittelbare Beschämung fürchten zu müssen.

Gleichzeitig ist es ein wichtiger Unterschied, ob ich versuche, die individuelle Motivation eines Menschen nachzuvollziehen, um seinen Glauben an Verschwörungsideologien aufzuklären, oder ob ich verschwörungsideologische Positionen als „eigentlich“ legitime Sorge entschuldige.

Manche Ohnmachtserfahrungen beruhen auf subjektiv wahrgenommenen Bedrohungen und Abstiegsängsten, die nicht immer einen realen Kern haben. Männer fühlen sich z.B. schon länger als die „wirklichen Verlierer“ des gesellschaftlichen Wandels. Ein Gefühl, das in einer Umbruchzeit wie der Pandemie noch verstärkt werden kann, obwohl festzuhalten ist, dass die Corona-Maßnahmen vor allem Frauen z.B. als Alleinerziehende und Teilzeitkräfte getroffen haben. Die viel diskutierte „Krise der Männlichkeit“ hat wenig mit neuen Nachteilen zu tun, sondern eher mit dem Verlust von alten Vorteilen: Männer und besonders jene, die heterosexuell, weiß und cisgeschlechtlich sind, sind nicht mehr eindeutig in einer gesellschaftlichen Vormachtstellung.

Das bedeutet eigentlich mehr Gerechtigkeit für alle. Doch dieser Verlust von Privilegien wird subjektiv oft nicht so empfunden. Stattdessen gibt es immer wieder die antifeministische Deutung, Männer würden nun marginalisiert und unterdrückt. Verschwörungserzählungen erlauben es Männern eine Welt zu verleugnen und abzulehnen, die sich rasch wandelt und dabei alte Gewissheiten sowie den eigenen Status in Frage stellt.

Der kompetente Umgang mit einzelnen Verschwörungsgläubigen ist deshalb nicht alles. Empathie sollte nicht nur gegeben, sondern auch eingefordert werden und zwar für alle, die von Männlichkeits- und Verschwörungsideologien bedroht sind. Deshalb braucht es nicht nur Mitgefühl, sondern auch Solidarität und das gesamtgesellschaftliche Eintreten für Demokratie, Gleichstellung und eine Welt ohne Antisemitismus, Antifeminismus und Verschwörungsideologien.


Cover der Broschüre „Entschwörung konkret“ der Amadeu Antonio Stiftung

Die neue Broschüre Entschwörung konkret — Wieviel Geschlecht steckt in Verschwörungsideologien? können Sie hier herunterladen oder bestellen.

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