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„Querdenken“ und Pädagogik Menschen mit Verschwörungsglauben sollten wir ernst nehmen

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Symbolbild "Querdenken"-Demo, Berlin, April 2021 (Quelle: Nicholas Potter)

Dass die sogenannte „Querdenken“-Bewegung gefährliche und antidemokratische Anteile hat, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben – einige Darsteller*innen von beliebten ARD- Krimi-Formaten ausgenommen. Die Demos ziehen immer wieder organisierte Neonazis an, Journalist*innen werden mit Steinen beworfen und umstürzlerische wie antisemitische Motive prägen viele Plakate und Reden.

Diese Aspekte werden – wenn auch teilweise nach langem Zögern – von vielen Politiker*innen und Medien verurteilt. Gleichzeitig beobachten wir eine Haltung, welche uns auch in unserer Bildungsarbeit regelmäßig begegnet: Die Art des Protestes wird zwar abgelehnt, gleichzeitig wird aber die Teilnahme an „Querdenken“-Aktionen durch „berechtigte Nöte und Sorgen“ entschuldigt, welche das Verhalten der meisten Teilnehmenden angeblich erklären würde. Gerne auch mit dem Zusatz, dass „ja auch berechtige Kritik an bestimmten Aspekten der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie“ erlaubt sein müsse. Selbstverständlich ist Kritik in liberalen Demokratien legitim, sie ist sogar häufig essentiell. Wer jedoch Verschwörungsideologien als ungünstig formulierte Gesellschaftskritik missversteht, geht „Querdenken“ und Co. auf den Leim.

Dahinter steht die Vorstellung, dass es bei Verschwörungsideologien eigentlich um etwas ganz Anderes, ja vermeintlich gar um das Streben nach sozialer Gerechtigkeit gehen würde. Die Annahme, das hinter menschenfeindlichen Ideologien „berechtigte Wut“ stehe, die sich nur auf „falsche Ziele“ richte, ist problematisch. Der dahintersteckende Hass wird rationalisiert, die davon ausgehenden Gefahren bagatellisiert. Durch dieses falsche Verständnis wird nicht zuletzt die Entwicklung notwendiger gesellschaftlicher Gegenstrategien erschwert.

Demokratiefeind*innen?! Wir doch nicht!

Die Annahme, dass es „Querdenken“ bei allen bedenklichen Anteilen „eigentlich“ um berechtigte Ängste und Sorgen gehe, verträgt sich leider nur zu gut mit dem Selbstverständnis der „Bewegung“: Man sei die letzte Bastion der „Gesellschaftskritik“, während alles andere zunehmend gleichgeschaltet würde. „Frieden! Freiheit! Keine Diktatur!“ skandieren die Demonstrationsteilnehmer*innen immer wieder im Brustton der Überzeugung. Politisch rechtsextrem wollen die wenigsten von ihnen sein, sondern nur „normale“ Bürger*innen. Die Überzeugung, dass „Querdenken“ die Demokratie nicht angreifen, sondern retten will, sitzt bei den Teilnehmenden so tief, dass selbst der Gleichschritt mit ausgesprochenen Demokratiefeind*innen nicht irritieren kann: „Das, was ich jetzt auch wieder im Tagesspiegel gelesen habe, dass gestern in Leipzig so viele Nazis bei uns waren; das find ich ja dann sogar gut, weil wir demonstrieren für Freiheit, für Frieden, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Und wenn die NPD sich genau diesem anschließt, dann ist das doch ein Erfolg für uns. Dann könnt ihr euch doch freuen, denn dann haben wir es doch geschafft, dass die, die bisher außerhalb der Gesellschaft standen, wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückgefunden haben! Und das ist doch auch Antifaschismus“, so der als „Querdenkeranwalt“ bekannte Ralf Ludwig am 08.11. des letzten Jahres auf einer Kundgebung in Dresden.

Die abenteuerliche Deutung, dass mit Faschisten zusammen zu demonstrieren im Grunde genommen antifaschistisch sei, funktioniert entweder als absichtliche Verdrehung der Realität oder weil sie zentrale Bedürfnisse aufgreift, die in Verschwörungsideologien bedient werden: Menschen mit ausgeprägter Verschwörungsmentalität sehnen sich danach, in einer harmonischen Gemeinschaft der vermeintlich Guten und Rechtschaffenden aufgehen zu können. So erklären sich auch die eigentümlichen Gleichzeitigkeiten auf den Demonstrationen: Peace, Love and Happiness neben Reichskriegsflaggen, Hippies und Neo-Nazis beim gemeinsam singen mit Kerzen in der Hand, wie hier zu sehen auf einer Querdenkendemo am 7.11. des letzten Jahres in Leipzig.

Widersprüche und Differenz werden dafür ausgeblendet, verleugnet oder gleich als Teil der bösartigen Verschwörung denunziert, gegen die das eigene Kollektiv vermeintlich ankämpfen  müsse und wolle. Und genau hier liegt die große Gefahr von Verschwörungsideologien. Denn ihr verbindendes Moment ist, dass sie klare Feind*innen als „Wurzel allen Übels“ ausmachen. Die „gute Gemeinschaft der Aufgewachten“ braucht die „bösen Verschwörer*innen“ auf der Gegenseite. Dieses Muster kennen wir auch aus dem Populismus: Die, die das Volk sein wollen, beschäftigt meist die Frage, welche Volksfeind*innen „entsorgt“ werden müssten, um „das Volk“ zu seinem vermeintlichen Recht kommen zu lassen. Demokratien, die auf Minderheitenschutz, Vermittlung, Kompromissen und dem Austragen von Widersprüchen basieren, stehen diesem Ziel im Weg und gelten daher als „falsch“. Was sich unter „echter“ Demokratie vorgestellt wird, zeigt sich hingegen spätestens da, wo „Querdenken“-Gründer Michael Ballweg mit Menschen wie Robert Fitzek gemeinsame Sache macht. Der bekannte Reichsbürger will den deutschen Staat stürzen, um wahlweise ein deutsches Königsgebiet oder deutsches Reich in den Grenzen von 1937 „wiederherzustellen“ (vgl. FAZ).

Warum Verschwörungsideologien das Gegenteil von Kritik sind

Verschwörungsideologien müssen deshalb nicht als Vorstufe oder falsche Abbiegung der Gesellschaftskritik, sondern als ihr Gegenteil verstanden werden: Statt fragend nach Erkenntnissen zu streben, suchen Verschwörungsideologien lediglich nach einer Bestätigung ihres geschlossenen und gegen Einwände abgedichteten Weltbildes. Die Kritik an der eigenen Sicht, wird in Verschwörungsideologien deshalb stets als Angriff oder Täuschungsversuch zurückgewiesen. Gesellschaftskritik, die gesellschaftliche Widersprüche verstehen und nicht einfach glätten will, versucht, die Gesellschaft zu demokratisieren. Dafür fordert sie die Versprechen der Moderne und Aufklärung, wie Freiheit, Gleichheit und Solidarität ein. Verschwörungsideologien denunzieren hingegen demokratische Prozesse als „Betrug“ durch die Verschwörer*innen und lehnen die Moderne und ihre Werte grundsätzlich ab. Gesellschaftliche Widersprüche und Missstände werden so nicht aufgeklärt und bearbeitet, um mehr soziale Gerechtigkeit zu erlangen, sondern sie werden verleugnet und ausgelagert, um die eigenen regressiven Bedürfnisse nach Ganzheitlichkeit und Gemeinschaft zu befriedigen.

Die Frage die Verschwörungsideologien antreibt ist also nicht, „Wie funktioniert die Welt und wie könnte sie für alle Menschen besser eingerichtet werden?“, sondern „Wer hat Schuld an meinen Gefühlen der Ohnmacht und Überforderung und wer muss beseitigt werden, damit alles wieder gut wird?“ Die Antwort auf diese Frage ist oft mehr oder weniger offen antisemitisch, denn dem Jüdischen werden seit Jahrhunderten Verschwörung und Zersetzung angelastet. Sie ist aber auch oft rassistisch und antifeministisch. Verschwörungsideologien sind somit keine „falschen Antworten auf eigentlich richtige Fragen“. Sie sind Teil eines antimodernen Weltbilds, das auf menschenfeindlichen Ressentiments basiert.

Hass ist keine tolerable Meinung – Verschwörungsideologien und Demokratie

Es gilt festzuhalten: Nicht alle Menschen, die verschwörungsideologische Inhalte teilen, sind automatisch menschenfeindliche Antidemokrat*innen. Aber: Alle verschwörungsideologischen Inhalte sind menschenfeindlich und antidemokratisch. Verschwörungsideologien sind gefährlich und wer sie aktiv vertritt, muss darin ernst genommen werden. Hass ist keine Meinung, die toleriert werden muss und menschenfeindliche Hetze darf nicht unwidersprochen bleiben.

Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass reaktionäre und antiaufklärerische Bewegungen wie „Querdenken“ nicht ohne Grund in diesen Zeiten so eine Anziehungskraft entwickeln. Faktoren wie gesellschaftliche Krisen und damit einhergehende Erfahrungen von Ohnmacht, wie der Verlust des Arbeitsplatzes oder das Gefühl, in politisch unsicheren Zeiten zu leben, machen Menschen anfälliger für Verschwörungsideologien, da diese wichtige psychologische Funktionen für sie erfüllen. Das darf und sollte sogar, etwa in der pädagogischen Bearbeitung, aber auch bei Gesprächen in Nahbeziehungen, eine Rolle spielen (Tipps zum Umgang mit Verschwörungsideologien im Umfeld finden Sie unter:

Es ist aber ein Unterschied, ob ich versuche, die individuelle Motivation eines Menschen nachzuvollziehen, um seinen Glauben an Verschwörungsideologien aufzuklären, oder ob ich verschwörungsideologische Positionen als „eigentlich“ legitime Sorge entschuldige. Der Bekannte, der im Gespräch verschwörungsideologische Inhalte teilt, mag noch zugänglich für die empathische Nachfrage sein, wie er denn darauf komme. Läuft derselbe Bekannte bei einer „Querdenken“-Demonstration mit, ist er ein politischer Akteur und Teil einer demokratiefeindlichen Bewegung, deren Inhalte kein Verständnis, sondern Gegenrede und Abgrenzung verdienen.

Wenn verschwörungsideologische Ansichten als diskutable Meinungen oder zu beachtende Kritik behandelt werden, wird menschenfeindlichem Agieren Legitimität verliehen. Gesellschaftliche Akzeptanz, erhöht die Gefahr, dass aus Worten irgendwann auch Taten werden.

Menschen, die bereitwillig mit Reichsbürgern und Neonazis demonstrieren und selbst vor Shoa-Relativierungen und Reichsfahnen nicht zurückschrecken, schüren – unabhängig davon, ob sie das wollen oder ihnen das bewusst ist – ein Klima, dass eine Gefahr für gesellschaftliche Minderheiten und demokratische Werte darstellt. Dieses Verhalten durch vermeintlich „berechtige Sorgen und Ängste“ zu entschuldigen, oder gar als zwar fehlgeleitete, aber grundsätzlich „verständliche Gesellschaftskritik“ zu deuten, bagatellisiert die Gefahren, welche von Verschwörungsideologien ausgehen. Außerdem stellt es einen paternalistischen Umgang mit zumeist erwachsenen Menschen dar, weil sie für ihre individuelle Entscheidung aus der Verantwortung entlassen werden. Ein sinnvollerer Umgang wäre es, Menschen die Verschwörungsideologien aktiv verbreiten, ernst zu nehmen: Und zwar nicht zuletzt in ihren antidemokratischen und menschenfeindlichen Ressentiments.

 

Ferdinand Backöfer und Lisa Geffken arbeiten in der „Fachstelle für Politische Bildung und Entschwörung“ der Amadeu Antonio Stiftung in Leipzig. Zusammen suchen sie nach neuen, pädagogischen Zugängen, um Menschen über 40 in einem kritischen Umgang mit Verschwörungserzählungen zu unterstützen.

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