Weiter zum Inhalt

Eine Familiengeschichte über Fremdheit

Kürzlich saß ich mich mit meinem alten Freund Kofi Yakpo, a.k.a. „Linguist“ von der legendären HipHop-Formation „Advanced Chemistry“ in einem Café in Addis Abeba. Wir hatten uns eine Weile nicht gesehen, sprachen über dies und das und natürlich auch über Deutschland. „Alleine mit (unserem Song) ‚Fremd im eigenen Land‘ haben wir Deutschland schon damals, 1992, soviel gegeben. Aber Deutschland gibt Dir nichts zurück“ meinte er schulterzuckend, „was haben wir nicht alles getan für dieses Land. Aber Deutschland gibt Dir einfach nicht was Du verdienst. Deswegen lebe und arbeite ich jetzt so gerne in Hong Kong. Da wird Leistung anerkannt.“

 
AfD-Anhänger am Rande einer Demonstration vor dem Brandenburger Tor (Quelle: KA)

 

Von Philippa Ebéné

 

Noch bis vor kurzem erntete ich oft fragende Blicke wenn ich meinen Geburtsort nannte. Inzwischen hat Ellwangen Schlagzeilen gemacht. Wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt. Während meiner ganzen Kindheit, die ich im Übrigen nicht in meiner Geburtsstadt verlebte, stand Ellwangen für aufregende Familiengeschichten über zivilen Ungehorsam. Heute ist es die Stadt, die posthum eine Straße nach meinem Onkel Rudolf, „Kaplan-Rudolf-Renz-Strasse“ benannte. Zusammen mit meinen Großeltern und anderen Gleichgesinnten, hatte er „in der schlimmen Zeit“ wie es bei uns immer hieß, in einem Kinderheim Kinder vor den Nationalsozialisten versteckt. Als Kind war ich sehr stolz auf meine Familie, die immer schon wusste, dass man als anständiger Mensch nicht den Arm in die Luft reißt und dabei dummes Zeug schreit. In vielen Familien meiner Freundinnen und Freunden war das anders. Das wusste ich. Manchmal taten sie mir deswegen ein bisschen leid, weil sie sich doch bestimmt immer fremdschämen müssten für ihre Großeltern, dachte ich, die ja wiederum bestimmt oft auch fremdelten mit der Jetztzeit – so ohne Hitler.

 

Meine Großmutter hingegen, die im gesegneten Alter von 102 in Freiburg starb, drehte in Wahljahren bei ihrem Abendspaziergang besonders ausgedehnte Runden. Immer schirmbewehrt. Einmal erklärte ich ihr neunmalklug, dass sie den nicht brauchen würde, es sähe nicht nach Regen aus. Sie reagierte ungewöhnlich unwirsch. Ich war ein bisschen beleidigt. Es dauerte eine Weile bis ich meine kleine, leicht gebeugte Oma, ihren großen Schirm und die zerfetzten Wahlplakate im Ort in einen Kausalzusammenhang brachte. Ich erinnere mich noch an meine Fassungslosigkeit als bei mir endlich der Groschen fiel. Meine Oma, so Gangsta! Ob sie bei ihren nächtlichen Aktionen keine Angst gehabt hätte vor rachsüchtigen Nazis? „Noi“ meinte sie ganz kühl „die kennet mer. Die ham mer g’habt. Die brauchet mer net.“ 

 

Rechte Sprüche in den Medien, der Politik, der Sportlandschaft dürften in deutschen Landen niemandem fremd sein. In Zeiten besonderer umwelt-, sozial-, und migrationspoltischer Herausforderungen imaginieren sich ewig Gestrige als neue Mitte, bieten peinlich simple Antworten auf komplexe Fragestellungen und erhalten dafür bedauerlich viel Platz in der etablierten Medienlandschaft. Fremdschämen reicht da nicht. 

 

Wenn auflagenstarke Wochenzeitungen in Schlagzeilen darüber nachdenken ob man Menschen die doch gar nicht von hier sind, nicht vielleicht besser doch im Mittelmeer ertrinken lassen solle, wenn ihnen diese Frage von frenetisch „Absaufen! Absaufen!“ grölenden Anti-Humanisten beantwortet wird,  wenn ein Bundesminister sich darüber freut, dass zu seinem 69. Geburtstag passgenau 69 Menschen in ein von Krieg zerstörtes Nicht-Land in eine Nicht-Zukunft abgeschoben werden, dann ist es Zeit für Deutschland zu sagen: das ist wieder mal nichts Neues, nichts Fremdes. Im Gegenteil, das kennen wir, das haben wir schon `mal gehabt, das brauchen wir nicht.  

 

Philippa Ebéné ist seit 2008 die Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin der Berliner Werkstatt der Kulturen. Sie studierte Ethnologie und Volkskunde, arbeitete als Schauspielerin.

Belltower.News macht gemeinnützigen Journalismus, denn wir klären auf und machen das Wissen von Expert*innen zu Antisemitismus, Rassismus und
Rechtsextremismus und allen anderen Themen der Amadeu Antonio Stiftung für alle zugänglich.
Unsere Reportagen, Recherchen und Hintergründe sind immer frei verfügbar und verschwinden nie hinter einer Paywall. Dafür brauchen wir aber auch deine Hilfe.
Bitte unterstütze unseren Journalismus, du hilfst damit der digitalen Zivilgesellschaft!

Weiterlesen

andalusien-logo_cepa_klein

Antirassismusarbeit Eine Bewegung gegen die Intoleranz in Spanien

Auf 4000 Angriffe jährlich schätzt die spanische Nichtregierungsorganisation „Movimiento contra la Intolerancia“ („Bewegung gegen die Intoleranz“) 2007 die Zahl rassistischer…

Von
24085563032_d7feef8863_o

Wer über Rassismuserfahrungen spricht, braucht die Solidarität aller

Es ist gut, über Rassismus zu reden. In Deutschland wurde das viel zu lange nicht getan. Oder viel zu wenig, viel zu abstrakt. Dass sich jetzt Menschen äußern, wie sich Rassismus anfühlt, wie sein hässliches Gesicht genau aussieht und was es mit einem macht, zeigt wie groß das Problem geworden ist. Und es zeigt auch, dass die Betroffenen die Hoffnung auf Solidarität haben, meint Anetta Kahane.

Von
2015-03-04-handtasche

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aktuell – Februar 2015

Antisemitismus: Expertenkommissionen ohne Jüd_innen und Brandanschlag auf Synagoge ohne Antisemitismus. Islamfeindlichkeit: Mehr Gewalttaten und Umweg-Kommunikation durch Pegida. Rassismus: Im Februar…

Von

Schlagen Sie Wissenswertes in unserem Lexikon nach.