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Film des Hamas-Massakers 47 Minuten des Terrors

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Zwei Terroristen der Hamas greifen ein Kibbuz an - und filmen sich dabei mit Bodycams
Zwei Terroristen der Hamas greifen ein Kibbuz an - und filmen sich dabei mit Bodycams (Quelle: Screenshot/Telegram-Video)

This article is also available in English. Hinweis: Dieser Artikel enthält grafische Beschreibungen von Gewalt.

Manche nennen ihn nur „den Film“, offiziell trägt er den Titel „October 7th 2023: Hamas Massacre Collected Raw Footage“. 47 Minuten dauert der Horror: Eine brutale Collage aus Videomaterial von Bodycams, Überwachungskameras, Livestreams, Verkehrskameras, Drohnenaufnahmen, Social Media und den Handys der Opfer und Terroristen, zusammengestellt von der Kommunikationsabteilung der Israel Defence Forces (IDF).

Am 7. Oktober überfiel die islamistische Terrorgruppe Hamas Israel. Rund 3.000 Terroristen ermordeten 1.200 Menschen, größtenteils Zivilist*innen. Sie verletzten 10.000 weitere Menschen und verschleppten 240 nach Gaza – darunter Babys, Frauen, Senior*innen. Aber auch der Macht der Bilder ist sich die Hamas mehr als bewusst. Seit dem 7. Oktober führt sie auch einen psychologischen Krieg, der die israelische Gesellschaft noch lange traumatisieren wird. Die Hamas überfiel den jüdischen Staat nicht nur mit Kalaschnikows und Raketenwerfer, sondern auch GoPros: Terror für die Timelines, ein digitales Pogrom.

Der Film zeugt eindrücklich, schmerzhaft, nervenzerreißend von dieser Barbarei. Von verstümmelten Leichen, verkohlten Überresten, blutigen und blau gewordenen Babys. Die Terroristen stoppen Autofahrer*innen, richten sie regelrecht hin. Sie erschießen wehrlose Zivilist*innen, bereits am Boden liegend, kaltblütig. Der Film zeigt die Ermordung von insgesamt 138 Menschen – rund zehn Prozent der Getöteten.

Vor allem die misogyne Ideologie der Islamisten sticht hervor: Immer wieder sind junge Frauen zu sehen, deren Schritt mit Blut durchtränkt ist. Der Rock einer leblosen, teils verbrannten Frau wurde hochgeschoben, ihre Unterwäsche von den Terroristen entfernt, die Beine gespreizt. Sie scheint Schaum im Mund zu haben, die Augen sind offenbar ausgebrannt. Die Shorts einer anderen ermordeten Frau sind aufgeknöpft. Die Bedeutung ist klar. Und es gibt mittlerweile zahlreiche Belege und Augenzeugenberichte für die sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen der Hamas am 7. Oktober.

In einer bestürzenden Szene sucht ein Vater mit seinen zwei jungen Söhnen, alle drei nur in Unterwäsche bekleidet, Schutz in einem Luftbunker, in den ein Terrorist eine Granate hineinwirft. Nach der Explosion, die den Vater tötet, rennen die Jungen blutverschmiert und weinend wieder aus dem Bunker heraus. Einer fragt sich: „Warum lebe ich noch? Ich will nicht mehr leben!“ Er beklagt, dass er nur auf einem Auge sehen kann. Der Terrorist bedient sich aus dem Kühlschrank der Familie und schlürft derweil eine Cola, als wäre nichts gewesen.

Zwei Höhepunkte der Brutalität: Ein Terrorist versucht in einem Video, einen auf dem Boden liegenden Mann, offenbar einen thailändischen Arbeiter, mit einer stumpfen Schaufel zu enthaupten. Er ruft dabei wiederholt „Allahu Akbar“. In einem anderen Clip schneidet ein Terrorist den Kopf eines IDF-Soldaten mit einem Messer komplett ab, er nimmt seinen Kopf als Trophäe mit.

Weitere Videos zeigen das Schicksal des Psytrance-Festivals Supernova, wo Hamas-Terroristen rund 360 Raver*innen ermordeten und 40 von ihnen als Geisel nahmen. Zwei Festivalbesucher*innen verstecken sich in einem Dixi-Klo, während die Terroristen von Toilette zu Toilette gehen und durch die Türen schießen. Andere Besucher*innen werden über Felder gejagt und abgeschossen. Als ein Erstversorger der israelischen Freiwilligenorganisation „ZAKA“ das Blutbad an der Mainstage findet, sagt er: „Die ganze Bühne besteht aus Toten“. Ob auf der Tanzfläche oder hinter der Bar sieht man nur Leichen. „Lebt noch jemand?“, fragt er – vergeblich.

Und die Terroristen? Sie grinsen, jubeln, feiern das brutale Massaker gegen Zivilist*innen. Sie brüllen „Allahu Akbar“, bedanken sich bei Gott, nennen israelische Zivilist*innen „Hunde“ oder „Siedler“, die man abschlachten müsse. Über weibliche Opfer oder Geisel freuen sich manche besonders: „Das sind Frauen! Allahu Akbar!“, ruft einer. In einer Szene will ein Terrorist ein Mordvideo wiederholen, weil er mit dem Ergebnis unzufrieden wirkt, als sei er Regisseur in einem Film.

Es wäre fair zu schreiben: Die Terroristen der Hamas haben dabei eine gute Zeit, sie genießen jede Sekunde der Tat. Und sie werden von frohlockenden Massen in Gaza begrüßt, wenn sie in ihren Toyota-Pickups mit geschändeten Leichen oder blutigen Geiseln triumphierend wieder zurückkehren.

Private Screenings mit Protest

Über den Film wurde bereits ausführlich berichtet – von der Washington Post bis zur Welt. Er wird Journalist*innen, Politiker*innen, Diplomat*innen, Geheimdiensten und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen in privaten Screenings gezeigt – bislang in über 30 Ländern, bereits auch zehnmal in der israelischen Botschaft in Berlin. Mindestens vier Screenings wurden alleine für die New York Times organisiert, der Film wurde Anfang Dezember auch an der Harvard University vorgeführt – die zuletzt die Kulisse für mehrere antisemitische Vorfälle war.

Auch in Hollywood fanden Screenings für die Filmbranche statt. Vor einer Vorstellung Anfang November im Museum of Tolerance in Los Angeles versammelten sich propalästinensische und antiisraelische Gegendemonstrant*innen. Nach dem Screening riefen sie den Gästen beim Verlassen des Museums mit einem Megafon Parolen zu, es kam zu einer Schlägerei, wie die New York Times berichtet.

Am Einlass in der israelischen Botschaft in Berlin müssen Handys und digitale Geräte abgegeben werden, auch eine Erklärung muss unterschrieben werden, dass man weder Ton noch Bild mitschneiden wird. Verständlicherweise: Die Angehörigen der Opfer hätten zwar der Verwendung der Videos zugestimmt, erklärt Anan Zen, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Botschaft. Für eine breitere Öffentlichkeit sind solche brutalen Bilder aber wohl nicht geeignet, auch wenn einige der Videos im Film in den sozialen Medien schon viral gegangen sind.

Während die Enthauptung-Videos der Hamas stark an entsprechende Bilder des Islamischen Staates erinnern, ähneln die Aufnahmen der Angriffe auf Kibbuzim oder das Supernova-Festival auch denen rechtsterroristischer Attentäter, ob bewusst oder – wahrscheinlicher – unbewusst. Tätervideos sind ein Markenzeichen des internetaffinen Rechtsterrorismus: Attentäter von Christchurch über Halle bis Buffalo streamen ihre Anschläge in Echtzeit, die Videos werden auf Imageboards, Telegram und Twitch geteilt, bevor sie zeitweise auch auf größeren Social-Media-Plattformen landen. Auch der Utøya-Shooter Anders Breivik plante ursprünglich, seinen Anschlag zu filmen. Der Terror wird zum Game, die Bodycams nehmen die Perspektive eines Ego-Shooter-Spiels ein.

Die Videos dienen damit als Botschaften an das eigentliche Online-Publikum – und animieren andere zur Tat. Sie aus dem Internet zu entfernen, erweist sich in der Regel als Sisyphus-Aufgabe. Bei rechtsterroristischen Tätervideos herrscht zu Recht der Konsens: Man klärt nicht auf, indem man sie teilt oder zeigt. Was ist also der Unterschied bei den Videos vom 7. Oktober?

Auch der Terror der Hamas findet mit Ego-Shooter-Clips ein Millionenpublikum im Internet, wird dort gefeiert, inspiriert Sympathisanten, die selbst zur Tat zu schreiten. Islamistische Telegramkanälen sind voll von Videos, die ihre Barbarei dokumentieren. In Jerusalem und Paris ist es in der vergangenen Woche zu islamistischen Anschlägen gekommen, bei beiden spielte der Israel-Hamas-Krieg eine Rolle.

Zwischen Terror und Trauer

Insofern muss man auf das „Raw Collected Footage“ vom 7. Oktober ambivalent reagieren: Den Film zu zeigen ist sowohl gefährlich als auch bitter nötig. Die Strategie, ihn nur ausgewählten Menschen mit professionellem Interesse zu zeigen, ist daher richtig. Einerseits um die Würde der Opfer zu schützen und die schaulustige Verbreitung oder gar Verherrlichung zu verhindern. Aber andererseits gerade vor dem Hintergrund, dass der Terror der Hamas immer wieder – und immer noch – verharmlost oder sogar verleugnet wird. Auch unter Aktivist*innen, die ein sonst progressives Selbstbild pflegen, wird der 7. Oktober als „antikolonialer Widerstand“, als berechtigter „Befreiungskampf“ glorifiziert. Niemand leugnet hingegen rechtsterroristische Anschläge – außer vielleicht Nazis.

Dass der Film also überhaupt gezeigt werden muss, ist bezeichnend für den desolaten Zustand der Solidarität mit israelischen Zivilist*innen, für den Flut an Desinformation und doppelten Standards. Für andere vergleichbare Katastrophen wäre dieser Schritt nahezu undenkbar: „pics or it didn’t happen“. Und gleichzeitig: Der Film kann niemals dem gesamten Ausmaß des Terrors am 7. Oktober gerecht werden. Er kann höchstens einen Einblick liefern.

Aber auch damit zeigen sich manche Kommentator*innen nicht zufrieden, wie der britische Guardian-Kolumnist Owen Jones, der in einem 25-minütigen YouTube-Video, das bislang knapp eine halbe Million Mal geschaut wurde, kritisiert, dass es im Film etwa für Vergewaltigungen oder die absichtliche Ermordung von Kindern keinen „schlagenden Beweis“ gebe. Beim bereits erwähnten LA-Screening rief jemand aus dem Publikum: „Show the rape!“, wie Rolling Stone berichtete.

Eine Stärke des Films ist aber, dass er sich nicht nur voyeuristisch in dem Blutrausch der Hamas ergeht, dass er die Täter- und Opferperspektive nebeneinanderstellt, dass er manche Situationen aus mehreren Blickwinkeln darstellt. Handyaufnahmen der Opfer und Überlebende zeigen die schiere Angst im Versteck. Die Sicherheitskameras in Wohnzimmern, Gärten oder Kitas machen deutlich, welche Maßnahmen zum selbstverständlichen Alltag gehören in einem Land, das seit Jahrzehnten mit Terrorangriffen geplagt ist. Eine Frau bricht mit zitternden Beinen zusammen, wenn sie die Leiche ihres Ehemanns – den Vater der eingangs erwähnten zwei Söhne – blutüberströmt am Boden sieht. Auch die Aufnahmen der Erstversorger von „ZAKA“ zeigen die verzweifelten, entsetzten und dadurch vor allem zutiefst menschlichen Reaktionen der Freiwilligen – als Kontrast zu der Häme der Hamas.

Und dennoch ist es alles andere als leicht, diesen Film zu verdauen. Am Ende des Screenings sind im Viewing-Raum der israelischen Botschaft einige Augen rot, die Stimmung spürbar bedrückt, die Anwesenden leise. „Es war in meinem Leben das härteste, was uns als Nation passiert ist“, erklärt zum Schluss Anan Zen, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Botschaft. Sie seien zunächst zurückhaltend gewesen, ob sie diese Videos überhaupt zeigen oder nicht. „Aber wir wollen, dass die Welt sieht, was wir gerade durchmachen.“ Genau das zeigt der Film: den Terror – aber auch die Trauer.

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