Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

10 Jahre Utøya Blaupause für Online-Attentäter

Von|
Die Insel Utøya: Dort fand 2011 ein Sommercamp der AUF statt, als ein Rechtsterrorist seinen Anschlag verübte.
Die Insel Utøya: Dort fand 2011 ein Sommercamp der AUF statt, als ein Rechtsterrorist seinen Anschlag verübte. (Quelle: picture alliance/NTB/Grøtt, Vegard)

Am 22. Juli 2011 um 12:51 Uhr schreibt der Rechtsterrorist Anders Breivik den letzten Eintrag in seinem 1.500-seitigen „Manifest“ mit dem Titel „2083: A European Declaration of Independence“. Darin beschreibt er minutiös seine Vorbereitung des Anschlags, den er in den kommenden Stunden verüben wird. Auch versucht er im Text, seine wahnhafte und menschenverachtende Ideologie zu begründen. Es sind die üblichen Feindbilder von Rechtsaußen: „Islamisierung“, „kultureller Marxismus“, „Multikulti“, „political correctness“. Um 14:08 Uhr wird das „Manifest“ an 1.003 Email-Adressen geschickt, darunter Medien sowie rechte Politiker:innen, Organisationen und Parteien in Europa und Nordamerika. Danach zieht Breivik los.

90 Minuten später explodiert eine Bombe im Osloer Regierungsviertel. Acht Menschen sterben, 209 werden verletzt. Um 17:08 Uhr kommt der Attentäter als Polizist verkleidet auf der Insel Utøya an. Dort findet ein Sommercamp der sozialdemokratischen Jugendorganisation Arbeidernes Ungdomsfylking (AUF) statt, zu Deutsch: Arbeiter-Jugendliga. Ein regelrechtes Blutbad folgt, die Mehrheit der 69 Todesopfer sind 18 Jahre alt oder jünger. Insgesamt 77 Menschen verlieren an diesem Tag ihr Leben. Es ist die tödlichste Attacke in Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg – und die Blaupause für einen neuen Typus des Online-Rechtsterrorismus.

Utøya war in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt: Der Anschlag war der Beginn einer inzwischen erschreckend langen Reihe von rechtsterroristischen Schießereien und Attacken weltweit. Das Phänomen der School Shootings gab es bereits, vor allem in den USA: Der Columbine-Amoklauf 1999 in Colorado, bei dem 15 Menschen ermordet und 21 verletzt wurden, fungierte als Katalysator. In den folgenden Jahren griffen vermehrt sogenannte Copycats ebenfalls zu den Waffen und ermordeten ihre Klassenkamerad:innen. Doch solche Amokläufe sind höchstens teilweise rechtsmotiviert, viele gar nicht ideologisch. Vielmehr spielen psychische Störungen, Kränkungen und ein nihilistisches Weltbild eine Rolle, die in einen allgemeinen Menschenhass und enorme Wut münden. Häufig wird erst danach einen ideologischen Überbau gesucht, um die Tat politisch zu „rechtfertigen“.

Bei der neuen Welle von Anschlägen hingegen nimmt ein rechtsextremes Weltbild eine zentrale Rolle ein: Die Attentäter, ausschließlich junge Männer, die sich in der Regel online auf Imageboards und Gaming-Plattformen radikalisieren, teilen eine gemeinsame Sprache, Codes, Ästhetik und Ideologie. Sie sind in ihrem Antisemitismus, Misogynie, Hitler-Verehrung, antimuslimischen Rassismus und verschwörungsideologischen Denken vereint, ihre Opfer sind häufig Migrant:innen, Muslim:innen, Jüd:innen und Juden und Frauen – auch wenn Kränkungen und psychische Störungen hier ebenfalls oft eine Rolle spielen. Die Täter beziehen sich aufeinander – und vor allem auf ihren Helden Breivik. Viele streamen ihre Taten. Auch Breivik plante, seinen Anschlag zu filmen, konnte aber kein passendes Handy finden. Stunden vor dem Anschlag lud er aber ein zwölfminütiges Video auf Veoh und YouTube hoch. Bislang nannten mindestens sechs rechtsterroristische Attentäter Breivik explizit als Vorbild und Inspiration. Nach dem Anschlag in Norwegen 2011 wurden Hunderte Accounts auf der Gaming-Plattform „Steam“ mit seinem Namen erstellt – samt Foto.

In Deutschland wurde der Einfluss von Breivik zum fünften Jahrestag des Massakers in München schmerzhaft sichtbar: Am 22. Juli 2016 tötete ein 18-jähriger Rechtsextremer am Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen aus rassistischem Motiv, fünf weitere wurden verletzt (siehe Belltower.News). Er benutzte die gleiche Tatwaffe wie Breivik, eine Glock 17. Auf Facebook und WhatsApp hatte der Attentäter ein Foto des norwegischen Rechtsterroristen als Profilbild. Auf „Steam“ war er Mitglied der rechtsextremen Gruppe „Anti-Refugee Club“, in der er Kontakt mit anderen Attentätern hatte und deren Gruppenbild ebenfalls Breivik zeigte. Doch erst drei Jahre später wurde der Anschlag von den deutschen Behörden als rechtsextremes Attentat eingestuft.

Es folgten rechtsterroristische Anschläge in Poway, El Paso, Halle, Toronto, Hanau und Baerum nahe Oslo. Vor allem im Jahr 2019 ereigneten sich solche Attacken mit einer alarmierenden Häufigkeit und forderten alleine insgesamt 77 Todesopfer. Das Jahr erreichte seinen tragischen Höhepunkt mit dem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch: 51 Menschen starben und der Livestream des Täters wurde schnell zum viralen Hit – nicht nur auf den einschlägigen Imageboards und Foren, sondern auch in den Mainstream-Medien.

Der neue Tätertypus sucht die große Bühne – und wird schnell fündig. Aus namenlosen Nutzern werden weltbekannte Stars, deren Videos und sogenannte „Manifeste“ unkritisch verbreitet werden und eine große Öffentlichkeit finden. Das spielt den narzisstischen Attentätern in die Hände, gibt ihnen der Ruhm, nach dem sie sich sehnen. Verstorbene Attentäter werden in der Szene als „Saints“, als Heilige verehrt. Der Anschlag wird zum Spiel, die Todeszahl in Rankings und Höchstpunkte-Tabellen aufgelistet, die „Effizienz“ des Täters kalkuliert. Es geht darum, den „Highscore“ zu knacken und den letzten Attentäter auszustechen.

Unter einer detaillierten Auflistung seiner selbstgebastelten Waffen beschrieb der Halle-Attentäter sogenannte „Achievements“ (Bonuserfolge), die er während des Anschlags zu erreichen hoffte. Wie etwa: „Cultural Appropriation – Stab a muslim“ oder „Nailed it – Kill someone with a nail-bomb“. Alleine deswegen ist es falsch, von „Einzeltätern“ und „einsamen Wölfen“ zu sprechen. Denn der neue Online-Rechtsterrorismus hat durchaus System und Struktur. Und Attentäter spielen für ein Internet-Publikum, das auf Imageboards und Gaming-Plattformen mitfiebert und anfeuert.

Gleichzeitig ist dieser neue Tätertypus gar nicht so neu: Bereits 1978 schrieb der US-amerikanische Neonazi William Pierce einen Leitfaden für den globalen Rechtsterrorismus. Der zutiefst antisemitische und rassistische Roman „The Turner Diaries“ lieferte ein apokalyptisches und akzelerationistisches Weltbild, nachdem der gesellschaftliche Umsturz durch Terroranschläge beschleunigt werden soll. Pierce war der Mentor des amerikanischen Neonazis James Mason, der von 1980 bis 1986 den ähnlich düsteren und menschenverachtenden „Siege“-Newsletter der National Socialist Liberation Front (NSLF) veröffentlichte. „An diesem Punkt kann uns alles, was zu Reibung, Chaos und Anarchie beiträgt, auf lange Sicht nur helfen“, schreibt Mason etwa. Beide Texte, mittlerweile Standardwerke und Pflichtlektüren der gewaltbereiten globalen extremen Rechten, propagieren einen klandestinen Kampf in dezentralen Zellen. Das Ziel: „führerloser Widerstand“ und „einsame Wölfe“, statt größeren hierarchischen Strukturen und Parteien. Von diesem Paradigmenwechsel sind auch Breivik und seine Nachfolger Ausdruck.

Doch sie sind nicht die ersten: 1995 sprengten die Rechtsterroristen Timothy McVeigh und Terry Nichols ein Regierungsgebäude in Oklahoma City in den USA mit einer 2.200-Kilo-Bombe in die Luft. 168 Menschen starben, mehr als 680 wurden verletzt. Der Anschlag hatte sein Vorbild in einer Szene aus den „Turner Diaries“, die McVeigh am Tag des Anschlags mit sich trug. Selbst das vermeintliche „Manifest“ von Breivik ist alles andere als originell: Große Teile wurden einfach abgeschrieben, vom sogenannten „Unabomber“, dem US-amerikanischen Terrorist Ted Kaczynski. Kaczynski verschickte von 1978 bis 1995 16 Briefbomben, die drei Menschen töteten und 23 Menschen verletzten. Schuld am vermeintlichen gesellschaftlichen Verfall seien die Linken, zu denen Kaczynski Homosexuelle, Feminist:innen, Tierrechtsaktivist:innen und Behindertenaktivist:innen zählte.

Insofern ist der rechtsterroristische Anschlag in Norwegen vor zehn Jahren eine Kontinuität und ein Beginn zugleich: Er ist sinnbildlich für den „führerlosen Widerstand“ von Rechtsaußen-Vordenkern in den USA. Er hat aber auch eine neue Welle von Nachahmern inspiriert, die ein spezifisches modus operandi teilen und zu einer online und international vernetzten Szene gehören. Breivik war nicht der erste – und der nächste wird auch nicht der letzte.

Weiterlesen

Unsere Partnerportale
Eine Plattform der