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Fußball Mesut Özil und sein kurzer Weg zu den Grauen Wölfen

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Mesut Özil am 2. Februar bei einem Spiel zwischen Yukatel Kayserispor und Medipol Basaksehi.
Mesut Özil am 2. Februar bei einem Spiel zwischen Yukatel Kayserispor und Medipol Basaksehi. (Quelle: picture alliance / AA | Sercan Kucuksahin)

Der Personal Trainer Alper Aksaç stellt am 22. Juli ein Bild auf Instagram, auf dem er mit dem ehemaligen Nationalspieler Mesut Özil zu sehen ist. Beide präsentieren ihre vom Training gestählten Bauchmuskeln. Özils Brust ziert eine Tätowierung, die für die größte rechtsextreme Gruppierung in Deutschland steht: die „Grauen Wölfe“.

Die Tätowierung auf Özils Brust zeigt die Silhouette eines heulenden Wolfs vor einer wehenden Fahne mit drei Halbmonden. Früher Kriegsflagge des Osmanischen Reiches steht sie heute für die türkische rechtsextreme Partei „Milliyetçi Hareket Partisi“ (MHP). Die MHP gilt als der politische Arm der „Grauen Wölfe“ und ist Bündnispartner von Erdoğans Partei „Adalet ve Kalkınma Partisi“ (AKP).

Dass der Ex-Fußballprofi den türkischen Präsidenten unterstützt, ist kein Geheimnis.  2018 wurde ein Foto veröffentlicht, auf dem Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan posierte. Aufgrund der zeitlichen Nähe zu den Wahlen in der Türkei wurde dieses Foto als Solidaritätsbekundung mit Erdoğans autoritär gefärbter Politik verstanden und erntete heftige Kritik in sozialen Netzwerken und den Medien.

Özil wurde 1988 als Sohn türkischstämmiger Eltern in Gelsenkirchen geboren und war von 2009 bis 2018 Mitglied der Nationalmannschaft. Während seiner Karriere bestritt er 92 Länderspiele und wurde 2014 in Brasilien Weltmeister. 2010 erhielt der Fußballstar den „Bambi“ in der Kategorie „Integration“, 2010 und 2014 das „Silberne Lorbeerblatt“, die höchste sportliche Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland, und 2015 wurde er zum Spieler des Jahres gewählt.

Erdoğan gewann die Wahl im Juni 2018  mit rund 52 Prozent der Stimmen und hatte nun so viel Macht, wie kein türkischer Politiker seit dem Staatsgründer Atatürk. Er war jetzt Staats- und Regierungschef zugleich, was dazu ermächtigt, Minister nach Belieben auszutauschen und eine Mehrheit der Verfassungsrichter zu bestimmen. Die Wahlbeteiligung war mit 87 Prozent hoch wie seit langem nicht. Jedoch war die Wahl alles andere als fair. Zu diesem Zeitpunkt saßen tausende Oppositionelle, darunter Selahattin Demirtaş, Präsidentschaftskandidat der linken, pro-kurdischen Partei „HPD“, im Gefängnis. Polizei, Justiz und Verwaltung waren für seine Kampagne eingespannt und das Staatsfernsehen widmete dem amtierenden Präsidenten zehnmal so viel Sendezeit, wie den fünf Gegenkandidaten zusammen.

In einem Gespräch mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bekannte sich Özil zwar zu Deutschland, jedoch distanzierte er sich nicht von Erdoğan und dem gemeinsamen Auftritt. Nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft in der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft kritisierte die DFB-Spitze Özil und machte ihn mitverantwortlich für das Versagen der Nationalelf. Am 22. Juli 2018 brach Özil, der sich bis dato nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert hatte, sein Schweigen und gab per Twitter bekannt, dass er nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft spielen werde. Außerdem beklagte er, der DFB habe ihn nicht ausreichend vor den rassistischen Anfeindungen, denen er ständig ausgesetzt gewesen sei, geschützt. Auch in den Augen der Leitung des DFB sei er Deutscher, wenn die deutsche Nationalmannschaft gewinnt und Immigrant, wenn sie verliert.

Özils Rücktritt war nicht das Ende seiner Beziehungen zu Erdoğan. Im März 2019 lud Özil den türkischen Präsidenten zu seiner Hochzeit ein und bat ihn, sein Trauzeuge zu sein. 2023 rief Özil auf Instagram zur Wiederwahl Erdoğans auf.

Die „Grauen Wölfe“ für die Özil jetzt auf Instagram wirbt, gehören zum engen Umfeld der in 1960er Jahren gegründeten „MHP“ und der „Büyük Birlik Partisi“ (BBP), die als radikaler Flügel der „MHP“ 1993 entstand. Die Ideologie der „Grauen Wölfe“ setzt sich aus mehreren Versatzstücken zusammen, zu denen ein sogenannter „idealistischer Nationalismus“ gehört, inklusive der rassistischen Vorstellung einer Überlegenheit aller Turkvölker. Der Rassismus der „Grauen Wölfe“ ist vor allem gegen Armenier*innen, Alevit*innen und Kurd*innen gerichtet. Jedoch zählen der Staat Israel, der Zionismus und die Jüdinnen*Juden auch zu den Feindbildern der Gruppierung. Da die „Grauen Wölfe“ ihre ersten Konflikte mit kommunistischen Linken hatten, blieb der Antikommunismus ebenfalls in ihrem ideologischen Repertoire erhalten.

 

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Der Politikwissenschaftler und Türkeiexperte Ismail Küpeli sieht in dem Foto und dem Bekenntnis zu den „Grauen Wölfen“ den Schlusspunkt einer langen Entwicklung, die Özil durchgemacht hat. Auf Instagram stellt Küpeli fest:  „Bereits durch seine vorhergehenden Äußerungen war absehbar, wo #MesutÖzil politisch steht. Spätestens jetzt kann aber niemand mehr leugnen, dass es sich hier um einen Anhänger der extrem rechten ‘Grauen Wölfe’ handelt”. Im Gespräch mit Belltower.News erklärt Küpeli, dass das Foto weniger als politisches Signal oder als Provokation gedacht sein dürfte. Vielmehr sei das Bekenntnis zu den Grauen Wölfen in der Türkei keine Seltenheit, gar normalisiert. Im März 2023 hatte Özil seine Profikarriere beendet und muss sich dementsprechend auch weniger Gedanken über Skandale und berufliche Konsequenzen machen. Zuletzt hatte der Gelsenkirchener für Istanbul Başakşehir gespielt.

In der Geschichte der Bewegung wurde der Islam unterschiedlich akzentuiert. Jedoch wird ihm eine relativ starke Bedeutung als Gegenpol zum Einfluss säkularer, liberaler und pluralistischer Ideen zugeschrieben. So wurde die sogenannte „Türkisch-Islamische Synthese“ zu einem Kernelement des türkischen Rechtsnationalismus. In den 1970er und 1980er Jahren gelang es rechtskonservativen und nationalistischen Intellektuellen aus dem Umfeld der „Grauen Wölfe“, die beiden Stränge der türkischen Rechten, den Nationalismus und den Islamismus, erstmals zusammenzuführen.

Türkische Behörden gehen davon aus, dass Mitglieder der „Grauen Wölfe“ im Zeitraum von 1974 bis 1980 in der Türkei  knapp 700 Morde verübt haben. Der Höhepunkt der Gewalt waren zwei gegen Alevit*innen gerichtete Pogrome, 1978 und 1980 in Kahramanmaraş und Çorum, bei denen über 100 Menschen ermordet wurden.

Die Aktivitäten der Gruppierung beschränken sich allerdings nicht nur auf die Türkei. Bereits mit der Einwanderung türkischer Gastarbeiter in den 1960er und 1970er Jahren entstanden auch in Deutschland zahlreiche türkisch-rechtsextreme Vereine, von denen sich viele im Dachverband „Türkische Föderation der Idealistenvereine in Deutschland“ (ADÜTDF) zusammenschlossen. Aufgrund inhaltlicher Auseinandersetzungen spalteten sich von der „ADÜTDF“ die „Europäisch-Türkische Union“ (ATB) und die „Türkisch Islamische Union Europa“ (ATIP) ab. Bundesweit unterhalten diese drei Organisationen zusammen ca. 300 lokale Vereine und Zweigstellen. Der Verfassungsschutz schätzt die Mitgliedszahl der „Grauen Wölfe“ auf mindestens 10.000 Mitglieder, weshalb die „Bundeszentrale für politische Bildung“ von der größten rechtsextremen Organisation Deutschlands spricht. Auch in Deutschland kam es zu Gewalttaten, die Todesopfer forderten. 1974 wurde der Bauingenieur Neşet Danış in Norderstedt von Mitgliedern der „Grauen Wölfe“ zu Tode geprügelt. 1980 griffen „Graue Wölfe“ in Kreuzberg eine Gruppe Kommunist*innen an, die Flugblätter verteilten. Der Lehrer und Gewerkschaftler Cealettin Kesim kommt bei diesem Angriff ums Leben. 1984 kam es ebenfalls in Kreuzberg zu einem Attentat auf einen Frauenladen, bei dem die Menschenrechtsaktivistin Seyran Ateş lebensgefährlich verletzt wurde.

Dass Özil eine Vorbildfunktion für unzählige junge Fußballfans hat und dafür mit einem Preis ausgezeichnet wurde, der ihn als Beispiel für eine gelungene Integration ausweist, aber zeitgleich Sympathie für eine Organisation zeigt, deren Ideologie nicht mit den Menschenrechten vereinbar sind, könnte widersprüchlicher nicht sein.

 

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