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„Gaskammern auf dem CD-Cover“

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Herr Hellert, wie kamen Sie auf die Idee einer Anti-Nazi-Initiative speziell für die Fans von Heavy-Metal-Musik?

Das Thema beschäftigt mich als Metal-Fan schon lange, aber immer öfter fällt mir auf, dass viele alternative Jugendliche nichts dageen haben, wenn Nazis in ihre Clubs kommen – solange die sich ?vernünftig? verhalten, heißt es meist, sei das doch kein Problem. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln, denn das ist falsch verstandene Toleranz.

Als ich dann immer häufiger im Internet, bei YouTube und anderen Portalen, auf Nazi-Propaganda stieß, da war dann Schluss mit meiner Geduld. Da habe ich selbst eine Webseite gebastelt und Werbebanner, die sich jeder auf seine eigene Page stellen kann. Ich habe Bands gewonnen, die für unsere Kampagne Werbung gemacht haben ? mittlerweile haben wir über 10.000 Unterstützer.

Was genau ist die NSBM-Szene und warum ist sie neuerdings so populär?

NSBM ist eine radikale Untergruppe des Blackmetal, also quasi eine Subkultur in einer Subkultur. Die NSBM-Szene hat dafür gesorgt, dass sich der Black Metal zum rechten Rand hin politisiert hat. Dort vermischen sich Heidentum (der erstmal nicht so schlimm ist) mit Nationalsozialismus (der natürlich schlimm ist). Viking- oder Pagan-Blackmetal zu hören …

… also Metal-Musik, die Elemente aus der Wikingerkultur verarbeitet oder aus dem Heidentum …

… ist gerade sehr angesagt, und dadurch werden dann auch die ideologisch eindeutig rechtsextremistischen NSBM-Bands populärer. Provokation zieht halt Leute auch an. NSBM verkauft sich gut.

Wie groß ist diese Szene?

Es ist schwer genaue Zahlen zu nennen. Ich schätze die aktiven Bands auf 300-400. Es können aber noch weitaus mehr sein. Manche CDs der bekannteren Band erscheinen in Auflagen von etwa 1000 Stück. Hinzu kommen zahllose Mp3-Downloads. Was auffällt ist, dass es definitiv nicht nur Neonazis sind, die diese Musik hören, sondern oft auch normale Metal-Fans.

Wann haben Sie das erste Mal von der NSBM-Szene gehört?

Ich kann kein genaues Datum angeben. Von einer Band wie Absurd und deren politischer Einstellung wusste ich schon lange. Mir war auch klar, dass sie nicht die Einzigen sind. Aber von einer ?Szene? hätte ich vor Jahren noch nicht gesprochen, dabei ist sie mittlerweile wirklich groß.

Es gibt einige Black-Metal-Bands die sich in einer Grauzone bewegen. Sie nutzen Runen und Nazi-Symbolik, haben zweideutige Texte, wollen sich aber auf keinen Fall eindeutig für oder gegen Rechtsextremismus positionieren. Warum nicht?

Klar, diese Grauzonen-Bands gibt es. Wenn man sich klar auf eine Seite stellt, dann fällt ja auch das Verruchte weg, die Provokation, das Zwielichtige. Und Kunst will ja oft auch provozieren.
Kriegs-Symbolik ist ja nicht nur im Black Metal sehr beliebt. Es gibt einen Song von Slayer, der heißt ?Angel of Death? und handelt vom KZ-Arzt Josef Mengele. Oder die Band Marduk, sie nannte mal ein Album ?Panzerdivision Marduk?. Auch die Band Endstille benutzt auf CD-Covern und in Songs oft Themen aus der Zeit des Krieges. Dabei sind diese drei Bands alles andere als rechts. Provokation mit Nazi-Symbolen gab es schon in der Punkzeit, und Industrial-Metal-Bands wie Ministry haben auch gern mal Nazi-Samples in ihre Songs gepackt, um eine radikale These gegen Nazis zu unterstreichen. Etwas anderes aber ist es, Bilder von Vergasungen und anderen Gräueltaten der Nazis einfach so auf das Cover packt. Dann ist es wirklich an der Zeit, sich auch mal zu erklären. Das aber verweigern dann einige Bands oder stellen sich als unpolitisch dar.

Natürlich kann man das Thema ?Drittes Reich? in einem kritischen Konzept aufgreifen. Aber dass ein Song wie ?Auschwitz rules? keine kritische Auseinandersetzung mit Auschwitz zum Inhalt hat, sondern den Holocaust glorifiziert, kann man sich denken. Obwohl man auch da ganz genau den Text des Songs lesen muss.

Welche Reaktionen gab es auf Ihre Initiative? Warum fällt es vielen Metallern so schwer, gegen Rechtsextremismus Stellung zu beziehen?

Ich bekomme richtige Hass-Mails von NSBMlern aus aller Welt ? aber es sind weniger als ich dachte. Viel häufiger sind Fragen, warum wir denn Streit zwischen den Szenen säen. Einige Fans meinen dann immer noch, dass man die NSBM-Szene einfach nur ignorieren sollte. Viele unterstellen uns, dass wir gegen Black Metal oder Viking Metal generell seien oder Bands vorverurteilen, die Runen benutzen. Das aber ist absolut falsch.

Es gibt eine Menge Leute, die sich als unpolitisch bezeichnen und NSBM nur wegen der Musik hören. ?Ist ein Scheiß-Nazi der Typ?, heißt es dann, ?aber seine Musik ist geil.? Viele wollen gern die Musik von der Politik trennen. Es gibt eine weit verbreitete Feierkultur: Man möchte halt seinen Spaß haben ? aber wenn man sich mit der Nazithematik im Metal beschäftigt, kann einem der Spaß vergehen.

Wie gehen Sie damit um, wenn sie auf Konzerten jemanden mit einem NSBM-Shirt treffen?

Ansprechen. Oder die Person jemandem melden, zum Türsteher gehen zum Beispiel. Leider ist da das Problem, dass Türsteher oft ? na ja, sagen wir mal – nicht gerade sehr sensibilisiert sind für das Thema Rechtsextremismus.

Leider ist es auch gar nicht so einfach, ein NSBM?Shirt von T-Shirts eines normalen Black-Metal-Fans zu unterscheiden. Vieles ist nicht lesbar, Hakenkreuze sind gut versteckt. Aber oft kann man an den Backprints …

…den Rückenaufdrucks von T-Shirts…

… erkennen, was uns die Band so sagen will. Wenn da zum Beispiel steht ?Against Judeo-Christianity? (?Gegen Judäo-Christentum), dann sollten andere Metaller schon mal stutzig werden.

Was ist nötig, um sich erfolgreich gegen die NSBM-Szene zu engagieren? Aufklärung? Ausgrenzung der rechtsextremen Bands und Fans?

Ausgrenzung und besser Kontrollieren, das wäre toll. Aber da müssten die Sicherheitsleute auf Konzerten und die Türsteher in Diskotheken viel mehr Ahnung von der Materie haben. Aber das wirkliche Erkennen eines Rechtsextremisten ist schwer, die Grenze zwischen Provokation und ernst gemeintem politischem Statements ist ja sehr gering. Zum Beispiel hat die Band Slayer die Sigrune in ihrem Logo ? die wurde als Zeichen für die SS verwendet, aber daraus kann man nicht pauschal auf die Gesinnung der Fans schließen.
Das wichtigste sind Kampagnen, die in der Szene wahrgenommen werden. Wir haben beispielsweise Listen mit NSBM-Bands zusammengestellt, und Freunde von uns versuchen, die dort genannten Bands am Auftreten zu hindern.

Wie erreicht man diejenigen Fans, die (noch) kein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben, aber NSBM hören?

Wenn man die Geduld hat, dann sollte man das Gespräch und die Konfrontation suchen. Man müsste Codes und Symbole erklären, über das ?Dritte Reich? aufklären. Ich befürchte da ist noch viel Arbeit nötig. Es wäre schon viel erreicht, wenn ein Fan nicht mehr an der Erkenntnis vorbeikommt, dass er eine rechtsextreme Band unterstützt.

Was können andere Metal-Fans tun, um Ihre Initiative zu unterstützen?

Nicht nur Metalfans können etwas tun! Ich würde mir wünschen, wenn sich andere Kampagnen und Organisationen mit uns vernetzen würden. Außerdem suchen wir Moderatoren und andere Helfer für unsere Internet-Seite, die in Kürze online gehen soll. Dies soll jedenfalls keine kurzlebige Kampagne sein.

Webseite der Kampagne: http://www.myspace.com/metalfansgegennazis

Das Interview führte Johannes Radke

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