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Gastbeitrag Warum der Verschwörungsmythos vom „Kulturmarxismus“ so gefährlich ist

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Dr. Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg (Quelle: Staatsministerium Baden-Württemberg)

Vor wenigen Tagen erschrak ich sehr, als die Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch (AfD) Anetta Kahane, der Vorsitzenden der Amadeu Antonio Stiftung, nach ihrer gemeinsamen Pressekonferenz mit Felix Klein, meinem Kollegen im Bund, und mit Kevin Kühnert (SPD) öffentlich „Kulturmarxismus“ und die „marxistische Kunst der Desinformation“ vorwarf.

Denn der Vorwurf an Jüdinnen, Regierungsbeamte und Linke, Teil einer vermeintlichen, jüdisch-marxistischen Weltverschwörung zu sein, ist alt, in den USA und Europa weit verbreitet und hochgefährlich. Er wird schon 1873 von dem russischen Anarchisten Michail Bakunin (1814 – 1876) erhoben, der dem als Kind christlich getauften Karl Marx (1818 – 1883) trotz dessen eigener antisemitischer Äußerungen vorwarf, sich als geborener Jude mit der Bankiersfamilie Rothschild verschworen zu haben (vgl. Jüdische Allgemeine).

Selbstverständlich wurde dieser antisemitische Verschwörungsmythos schnell auch von Rechtsextremisten aufgegriffen, in Deutschland zum Beispiel von Gottfried Feder (1883 – 1941). Bei ihm finden wir bereits die angeblich jüdisch-marxistisch-rothschildsche Verschwörung als Erklärung für „Zinsknechtschaft“, die Weltmacht der „Hochfinanz“ und die Unterscheidung zwischen „raffendem“ („verschwörerischen“) und „schaffendem“ („Arbeiter-“) Kapital. Er gehörte zu den frühesten und ideologisch prägenden Mitgliedern der „Deutschen Arbeiterpartei“, die sich 1920 in NSDAP umbenannte.

In „Mein Kampf“ (1925) rühmte Adolf Hitler (1889 – 1945), die „Erkenntnisse Gottfried Feders“ als „Veranlassung, in gründlicher Weise mich mit diesem mir bis dahin noch wenig vertrauten Gebiet überhaupt zu befassen. Ich begann nun wieder zu lernen und kam nun erst recht zum Verständnis des Inhalts und des Wollens der Lebensarbeit des Juden Karl Marx. Sein ‚Das Kapital‘ wurde mir jetzt erst recht verständlich, genau so wie der Kampf der Sozialdemokratie gegen die nationale Wirtschaft, der nur den Boden für die Herrschaft des wirklich internationalen Finanz- und Börsenkapitals vorzubereiten hat.“

Und er fügte stolz hinzu: Als in einer „Aussprache“ in einem Feder-Kurs ein „Teilnehmer glaubte, für die Juden eine Lanze brechen zu müssen“ habe er, Hitler, diesem widersprochen und sei deshalb „wenige Tage später“ als „Bildungsoffizier“ für die Reichswehr angeworben worden (vgl. Jüdische Allgemeine).

Nach der Machtergreifung dankte der mörderische „Führer“ seinem antisemitischen Mentor Feder dessen radikalisierenden Einfluss: Mit einflussreichen NSDAP-Propagandafunktionen und Ämtern als Reichstagsabgeordneter, Staatssekretär und Professuren in Berlin.

Doch auch nach der Schoah und der Niederlage des NS-Regimes erlosch dieser antisemitische Verschwörungsmythos nicht, sondern wurde im Kontext des Kalten Krieges als „Cultural Marxism“ auch in den USA zu einem Vorwurf etwa gegen die deutsch-jüdisch geprägte „Frankfurter Schule“.[ii] Immer wieder wurde dabei auch versucht, den erkennbaren Antisemitismus mit der Behauptung abzuwehren, man bekämpfe doch eigentlich nicht Juden an sich, sondern „nur“ Linke. So berief sich beispielsweise der norwegische Terrorist Anders Breivik nach seinem Massaker gegen ein sozialistisches Jugendlager in Utoya 2011 in seinem „Manifest“ nicht nur auf den Verschwörungsmythos des Kulturmarxismus, sondern – missbräuchlich – auch auf Texte von Henryk M. Broder. Dieser distanzierte sich öffentlich davon (vgl. Welt).

Dies hinderte freilich andere, sich auch gerne liberal und bürgerlich gebende Stimmen wie den libertären Degussa-Bürokraten Markus Krall nicht daran, noch 2019 der „Frankfurter Schule“ als einem „Zweig des Marxismus“ einen „mit der 1968er Revolte“ erfolgreichen „Marsch durch die Institutionen“ anzudichten. Wie auch die Nazis als „nationale Sozialisten“ strebe die „Frankfurter Schule“ die langfristige „Erosion der Institutionen“ und die Zerstörung des „liberalen Systems“ an (vgl. Krall, Markus (2019): Wenn schwarze Schwäne Junge kriegen. Finanzbuch-Verlag, S. 131 – 135)

Aber warum sollten, fragt Krall, „die Anhänger der Frankfurter Schule die Gesellschaft zersetzen wollen, wenn sie doch die absolute Überlegenheit der freiheitlichen Ordnung erkannt hat?“ Es treibe sie „in Wahrheit die Gier nach Macht und Kontrolle über andere Menschen, die als psychologische Hauptantriebsfeder der sozialistischen Eliten begriffen werden muss.“ Dahinter stecke „für eher spirituell aufgeschlossene Menschen: etwas von böser Essenz.“

Für mich als Religionswissenschaftler ist hier der Brückenschlag zum auch christlichen Fundamentalismus, Dualismus und Antisemitismus unverkennbar. Dass der Goldverkäufer Krall dabei politik- und geldbezogene Interessen verbindet, macht die Angelegenheit noch unappetitlicher, aber auch gewöhnlicher: Mit Verschwörungsmythen und dazu passenden Produktangeboten wird längst wieder Geld verdient (vgl. ORF).

International gehört das Beschwören einer vermeintlichen, jüdisch-linken Weltverschwörung inzwischen zum festen Repertoire nicht nur US-amerikanischer, sondern auch etwa ungarischer und polnischer Politiker. So ließ es sich auch der noch amtierende US-Präsident Donald Trump nicht nehmen, am 20. Juni 2020 einen Artikel der rechtsextremen Breitbart-News zu retweeten, in der der jüdische Holocaust-Überlebende, Milliardär und Philanthrop George Soros als verschwörerischer Feind der US-Polizei porträtiert wurde. In den einschlägigen Foren der QAnon- und Querdenker-Verschwörungsbewegungen haben sich kulturmarxistische Verschwörungsmythen als gemeinsames Feindbild der sich als rechts, links und libertär Verstehenden längst festgesetzt. Entsprechend warnte aktuell Alan Posener im Hinblick auf die internationale Eskalation dieser Verschwörungsbewegungen, die auch längst etwa eine vermeintliche „Klimareligion“ attackierten, leider zu Recht: „Das Bündnis eines Teils der Elite mit dem Mob ist eine Voraussetzung des Faschismus, schrieb Hannah Arendt. Vor unseren Augen wird dieses Bündnis geschmiedet.“ (vgl. Jüdische Allgemeine)

Es kommt auf den liberalen und bürgerlichen Widerstand gegen Antisemitismus an

Wie weit es Verbreitern der antisemitischen Kulturmarxismus-Verschwörungsmythen gelingt, die Demokratie zu spalten und zu schwächen, hängt wesentlich von den liberalen, bürgerlichen und auch konservativen Kräften ab. Lassen wir uns wiederum auf kurzsichtige „antimarxistische“, tatsächlich aber antisemitische Bündnisse ein oder erkennen wir, dass DemokratInnen einander bei aller Vielfalt und auch notwendigen Konkurrenz dennoch nie mit Verschwörungsmythen überziehen? Erkennen wir die akuten Gefahren antisemitischer Kampagnen auch dann, wenn sich diese gegen Jüdinnen mit DDR-Vergangenheit und generell gegen Regierungsbeamte, Medien und linke PolitikerInnen richten?

Weil man dem Antisemitismus am besten mit Wissen und Hoffnung begegnet, will ich bewusst an den Christdemokraten Franz Böhm (1895 – 1977) erinnern. Der dem NS-Regime trotzende Jurist, Ökonom und spätere Bundestagsabgeordnete begründete nicht nur den christlich-jüdischen Dialog der entstehenden Bundesrepublik mit, sondern stellte sich auch als Vertreter der liberalen „Freiburger Schule“ bewusst als Stiftungsvorsitzender des Institutes für Sozialforschung der „Frankfurter Schule“ zur Verfügung. Er hatte erkannt, dass die Vielfalt nicht nur der Religionen, sondern auch der demokratischen Milieus und Wissenschaften immer wieder neu gegen Antisemitismus verteidigt werden muss. DemokratInnen lassen sich hierbei nicht gegeneinander ausspielen.

Auch als Sohn eines von der Stasi Inhaftierten (vgl. Scilogs) möchte ich mich daher bewusst in diese christlich-liberale Tradition des demokratischen Miteinanders stellen. Ich rufe dazu auf, dass wir in unseren Kirchen und Vereinigungen wie auch öffentlich endlich jenen die Stirn bieten, die auch noch im 21. Jahrhundert die gefährlichen Verschwörungsmythen einer angeblich jüdisch-kulturmarxistischen Weltverschwörung unter Einschluss der Sozialdemokratie verbreiten. Dabei hoffe ich gerade auch auf das Aufstehen aufrechter Liberaler, Bürgerlicher und Konservativer gegen diese gar nicht neue, aber digital globalisierte Variante des Antisemitismus. Denn wenn wir die antisemitische Diffamierung linker DemokratInnen (wieder) zulassen oder gar unter dem Missbrauch liberaler Namen wie Friedrich August von Hayek (1899 – 1992), Ludwig von Mises (1881 – 1973) oder Ayn Rand (1905 – 1982) mit-befeuern, dann verlieren wir alle gemeinsam.

Dr. Michael Blume ist gelernter Finanzassistent, Religions- und Politikwissenschaftler, Wissenschaftsblogger, Podcaster und seit 2018 Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus. Zuletzt erschien von ihm „Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können“, Patmos 2020

 

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