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Hochfliegende Pläne für eine „europäische Denkfabrik“

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Von Albrecht Kolthoff

Der Schwede Patrik Brinkmann ist ein vielseitig interessierter Mensch. Der 40-jährige Geschäftsmann aus Jönköping war seit den 1980er-Jahren unter anderem in der Baubranche und im Immobiliengewerbe tätig; als Gründer einer Aktiengesellschaft „Wiking Mineral“ beschäftigte er sich auch mit Erzabbau. Doch in den frühen 1990er-Jahren verließ ihn offenbar das geschäftliche Glück, denn einige seiner Unternehmen gingen bankrott. Später hatte er die Steuerfahndung auf den Fersen: Im Mai 2006 wurde Brinkmann vom Bezirksgericht Uppsala zu einer Haftstrafe und Berufsverbot verurteilt, im Dezember 2007 dann erreichte er im Berufungsverfahren einen Freispruch. Nach dem Prozess in Uppsala übernahmen Ehefrau Svetlana und ihre Kinder nach außen hin die geschäftlichen Aktivitäten, wie das schwedische Magazin Expo berichtete.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich Brinkmann freilich auch mit ganz anderen Themen. Im Jahr 2001 beteiligte er sich in Stockholm an einer Versammlung vor der „Storkyrkan“-Kirche, die von einer fundamentalistischen Gruppierung als Protest gegen homosexuelle Geistliche veranstaltet wurde. Der Schwede mit deutsch klingendem Namen, der als kleiner Junge seine Großeltern in Deutschland besuchte, befasst sich zudem mit Ahnenforschung und fahndet etwa nach Familienstammbäumen aus Ostpreußen oder Norddeutschland.

Noch bevor er Probleme mit der Justiz bekam, gründete er im Juni 2004 gemeinsam mit seiner Ehefrau Svetlana ein neues Unternehmen – diesmal jedoch keinen gewinnorientierten Betrieb, sondern eine Stiftung. „Kontinent Europa“ hieß die Organisation, und genauso wolkig wie der Name, ist das Ziel formuliert: „Forschungsprojekte“ unterstützen.

In den Gremien der Stiftung geben extreme Rechte aus Deutschland den Ton an

Klarer wurde die Richtung, als nach einiger Zeit Herrschaften in Vorstand oder Kuratorium rückten, deren politische Verortung in der extremen Rechten kaum zu übersehen ist. Neben dem Franzosen Pierre Vial, einem Protagonisten der „Neuen Rechten“, rassebiologischem Ideologen und langjährigem Parteigänger des „Front National“, tummeln sich vor allem Deutsche in der schwedischen Stiftung: der Verleger Gerd Sudholt, der Historiker Walter Post, der Referent der sächsischen NPD-Fraktion Olaf Rose, der niedersächsische NPD-Kader Andreas Molau und Pierre Krebs, Leiter des extrem rechten Thule-Seminars. Die schwedischen Zeitschrift Expo nannte weitere Deutsche in den Leitungsgremien der Stiftung: der Rechtsanwalt Dankwart Kluge, der Filmemacher Michael Vogt (bis November 2007 Honorarprofessor an der Uni Leipzig, mit Olaf Rose Autor des Videos „Geheimakte Heß“,) und Lutz Dessau (NPD-Funktionär aus Mecklenburg-Vorpommern).

Viele der Deutschen kennen sich gut aus der „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP), die dem Verfassungsschutz als „größte rechtsextremistische Kulturvereinigung“ gilt. Sudholt und Rose gehören dem Vorstand der GfP an, Molau ist seit 2005 dort Vorsitzender. Ein weiterer prominenter Name mit Bezug zum deutschen Rechtsextremismus fällt auf: der des Russen Wjatscheslaw Daschitschew, ehemals Berater von Michail Gorbatschow, nun seit Jahren Referent bei der GfP und Autor für die „National-Zeitung“ des DVU-Chefs Gerhard Frey.

Weiteres Vorstandsmitglied ist mittlerweile der Spanier Enrique Ravello, Chef einer neurechten Gruppe „Tierra y pueblo“ (Land und Volk), der seinen Kameraden Molau mit einem Interview in der NPD-Wahlkampfzeitung zur niedersächsischen Landtagswahl im Januar 2008 unterstützte. Die zunächst ebenfalls im Stiftungsvorstand vertretene Svetlana Brinkmann, Ehefrau des Stiftungsgründers, wurde im Februar 2007 von Daschitschew ersetzt. Molau rückte in den Vorstand ein, Sudholt wurde Vorsitzender der Stiftung. Damit wird die Organisation durch die Deutschen-Riege dominiert, die sich nicht nur zufällig aus der GfP kennt.

Hauptziel der Stiftung scheint die Vernetzung von Rechtsextremen aus ganz Europa

Damit haben sich zwar die Reihen verschiedener Leitungsgremien der Stiftung aufgefüllt, konkrete Aktivitäten bleiben jedoch nach wie vor rar. Grundideologie ist ein Ethnopluralismus, wie auch aus dem auf der Stiftungshomepage veröffentlichtes ?Stockholmer Manifest? hervorgeht: Die verschiedenen Völker Europas, heißt es darin, müssten zusammenhalten, weil sie von außen bedroht seien, nämlich vom ?amerikanischen, arabischen, asiatischen und afrikanischen Kulturkreis? ? wobei ?amerikanisch? durch Fettdruck hervorgehoben ist.

Als einziges konkretes Vorhaben wird die Förderung eines „Forschungsauftrages“ genannt, der sich mit dem Thema „Der Ostseeraum“ befassen soll. Auftragnehmer ist Direktoriumsmitglied Lutz Dessau; der ehemalige Sportreporter wird bei der Stiftung als „Historiker“ vorgestellt ? für die Ostsee-Forschung hat er sich offenbar durch ein Bändchen mit dem Titel „Heißes Pflaster Hindukusch“ empfohlen, das er 2004 im Eigenverlag herausbrachte. Vorerst scheint die Hauptaktivität der Stiftung zu sein, Rechtsextreme in ganz Europa zu vernetzen.

Nicht zuletzt durch die Mitgliedschaft von Pierre Vial und Pierre Krebs greift die Stiftung Elemente der „Neuen Rechten“ in der Tradition des Franzosen Alain de Benoist auf. Einen deutlichen Schwerpunkt legt sie jedoch auf die Rolle Russlands in Europa: von der „Rückkehr des verlorenen Rußland“ erhoffen sich die Stiftungs-Rechten offenbar einen Gegenpol zur „Globalisierung“, zur „Vorherrschaft der USA“ und zum „Zangenangriff von Islam und Amerikanisierung“. Mit der Stiftung wollen sie gar einen „euro-sibirischen Raum“ schaffen und „als Mittler, Moderator und vor allem als Initiator eines europäischen Willens agieren“. Im August 2007 rückte bei der Berliner Tagung der ?Stiftung? ein Mann in die Führungsetage, der als wichtiges Bindeglied zu einschlägigen russischen Kreisen dienen könnte: Alexander Kamkin, amtierender Auslandsreferent der National-Patriotischen Front Russlands „Pamjat“, die der Hamburger Verfassungsschutz als „antisemitisch geprägt“ bezeichnet.

Der NPD-„Freund“ aus Schweden half offenbar auch beim Immobilienkauf in Brandenburg

Im März 2007 traf sich die Führung der Stiftung im Elsass und verabschiedete hochfliegende Pläne für eine „europäische Denkfabrik“: Gleich in sechs Sprachen – Spanisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Russisch und Deutsch – wollten die Euro-Rechtsaußen „künftig einmal wöchentlich wichtige europäische Nachrichten“ veröffentlichen. Doch damit hapert es bis heute. Seit April 2007 besitzt Brinkmann eine noble Villa in Berlin-Zehlendorf, die er für 3,3 Millionen Euro erstand ? offiziell im Namen seiner Ehefrau Svetlana. Offenbar fanden dort schon erste Stiftungstreffen statt, so etwa Ende August 2007 eine Vorstandssitzung und im November eine Vortragsveranstaltung.

Nur kurz nach dem Erwerb der Villa kaufte die Frau des NPD-Kaders Andreas Molau im brandenburgischen Rauen ein Landgut, die Pläne zur Nutzung als Schulungsstätte sind inzwischen gescheitert. Die schwedische Firma, als deren Bevöllmächtigte Gonda Molau dabei auftrat, ist unter derselben Postfach-Adresse im schwedischen Jönköping erreichbar wie die ?Kontinent Europa Stiftung?. Andreas Molau wiederum hatte „ausländische Investoren“ als Geldgeber für den Landgut-Kauf genannt, die aber anonym bleiben wollten. ?Unser Freund? hieß es nur ohne Namensnennung in internen Mitteilungen der NPD-Spitze, wenn es um den Fortgang der Angelegenheit in Rauen ging: gemeint war offenbar Brinkmann. So wolkig die Stiftung bisher auch ist, so handfest ist der Nutzen, den deutsche Rechtsextremisten daraus zu ziehen vermögen.

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