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Hogwarts Legacy Zwischen Transfeindlichkeit, Antisemitismus und rechten Entwicklern

(Quelle: picture alliance / NurPhoto | Manuel Romano)

Wochenlang führte der Hashtag zu Hogwarts Legacy die deutschen Twittercharts an. Auch abseits des klassischen Spielejournalismus wird über Debatten um das Videospiel berichtet. Das Thema bewegt, polarisiert, weckt Emotionen. Mit Blick auf viele Kommentare, die wir zu Hogwarts Legacy sehen, wollen wir eines vorab ganz deutlich machen: Eine Debatte verbietet niemandem, ein Videospiel zu kaufen oder zu spielen. Es geht auch nicht darum, jemandem den Spaß zu rauben oder nostalgische Kindheitserinnerungen zu zerstören. Und definitiv ist niemand automatisch transfeindlich, weil das Spiel im Warenkorb landet oder gestreamt wird. Eine Debatte hilft aber, eine informierte, persönliche Entscheidung zu treffen: Der Kauf von Hogwarts Legacy ist eine ethische Entscheidung, das sollte Gamer*innen bewusst sein.

Hog-was? Die Ausgangslage

Im September 2020 wird ein neues Computerspiel im Harry Potter-Universum angekündigt: Hogwarts Legacy. Für Fans des Franchise ein großer Moment. So hat das letzte Videospiel um die Zauberwelt schon sieben Jahre auf dem Buckel. Bis heute hat der Ankündigungstrailer über 32 Millionen Aufrufe auf Youtube. Der Hype wird noch größer, als im Frühjahr 2022 weiteres Spielmaterial gezeigt wurde. Allerdings werden auch die Stimmen lauter, die sich kritisch mit Harry Potter-Autorin J.K. Rowling auseinandersetzen.

Die Romanreihe erschien ab Ende der 1990er Jahre und erzählt die Geschichte von Harry Potter, der an seinem elften Geburtstag von seiner magischen Herkunft erfährt und fortan Schüler des Zauberinternats Hogwarts ist, wo er Freundschaft erlebt, aber auch Abwertung und Feindseligkeit. Sieben Bände beschreiben sieben Schul- und Lebensjahre bis zum Endkampf um das Zauberer-Reich und wurden in 80 Sprachen übersetzt und weltweit über 500 Millionen Mal verkauft. In deutscher Sprache sind es allein über 33 Millionen Bücher – Generationen von Jugendlichen und Kindern sind damit aufgewachsen. Sie lieben die Geschichte der Freund*innen, die zusammenhalten im Kampf für ihre Überzeugungen und gegen „das Böse” – müssen aber nach 30 Jahren auch gewisse Alterungserscheinungen der Geschichte wahrnehmen. Dazu gehört etwa die klischeehafte Benennung und Ausgestaltung von Figuren, die heute etwa rassistisch anmutet. Zur Entstehungszeit der Bücher waren sie damit allerdings keine Ausnahme – aber andere Kinderbücher der späten 1990er Jahre werden auch nicht mehr so viel gelesen wie die Potter-Bände und deshalb weniger diskutiert. Auch Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Darstellung der geldgierigen, hakennasigen, bösartigen Kobolde, die Gringotts Zaubererbank verwalten, war bereits angesichts der Bücher ein Thema.

Das Franchise zur Buchserie wie Hollywoodfilme und Computerspiele können problematische Aspekte der Ursprungsgeschichte bearbeiten – oder auch verstärken. Das macht die Debatten um das Hogwarts-Universum so vielschichtig und bisweilen unübersichtlich. So entschieden sich etwa die Harry Potter-Filme für eine buchgetreue und damit recht antisemitische Darstellung der Kobolde.

Mit welchen Vorwürfen hat Hogwarts Legacy zu tun?

Im September 2020 wird Hogwarts Legacy angekündigt, im März 2022 gibt es erstes Spielmaterial zu sehen – und erste Kritik. Es geht um die antisemitische Darstellung der Kobolde, um rechte bis rechtsaußen aktive Entwickler im Studio Avalanche, die das Spiel umsetzen – und um die immer sichtbarer werdende Transfeindlichkeit von Buch-Autorin J.K. Rowling, die erste transfeindliche Äußerungen auf Twitter 2019 tätigte, sich aber ab 2022 mit großer Regelmäßigkeit transfeindlich äußert und Transfeindlichkeit unterstützt. Das heißt: Auch hier mischen sich Diskurse, die mit dem Spiel zu tun haben, mit außerhalb des Spiels stattfindenden Entwicklungen. Ab November 2022 drehen sich die Debatten um Konsument*innen-Verantwortung und den Umgang mit dem Spiel: Boykottieren oder kaufen? Wie positionieren sich Influencer*innen und Spielepresse?

Am 10. Februar 2023 erscheint Hogwarts Legacy und bricht Verkaufsrekorde. Über 800.000 Menschen spielen das Spiel gleichzeitig auf Steam, über 1,2 Millionen Menschen schauen auf Twitch dabei zu. Die Presse bewertet das Gameplay als wenig innovativ, die Bewertungen fallen trotzdem eher positiv aus: Es sei das Spiel, auf das Harry Potter-Fans seit Jahren warten, heißt es oft.

Kritik im Detail: Die Kobolde und der Antisemitismus

Die Kobolde spielen eine zentrale Rolle inHogwarts Legacy: Hier geht es um eine Revolte der – bösartigen, hakennasigen, geldgierigen – Kobolde gegen die Zaubererwelt. Es geht im Spiel darum, den Aufstand zu verhindern und im großen Stil Kobolde zu bekämpfen. Kobolde werden beschrieben als Wesen mit verborgenen Mächten, die kaum zu kontrollieren sind. Diese Wesen arbeiten in Spiel daran, die etablierte Zaubererwelt zu Fall zu bringen. Quasi eine geheime Macht, die im Verborgenen einen Umsturz herbeisehnt. Damit ist die Verschwörungserzählung der „jüdischen Weltverschwörung” quasi die Spielgeschichte von Hogwarts Legacy.

Das heißt: Obwohl die Antisemitismus-Vorwürfe um die Kobold-Darstellung aus den Debatten zu den Büchern UND zu den Filmen bereits bekannt waren, setzt das Spiel auf die Reproduktion der antisemitischen Darstellungen UND setzt eine mit antisemitischen Dogwhistles gespickte Spielgeschichte obenauf. Dies kann kein Zufall erklären, und wenn es als Spiel mit antisemitischen Klischees gemeint sein sollte, so misslingt es und wird zu einer reinen Reproduktion. Als eher hilflose Geste des Entwicklerstudios ist so auch zu werten, dass es betont, dass im Spiel nicht nur die Bösewichte Kobolde wären, sondern es auch einen Kobold gäbe, der ein Freund der Zauberer sei: Das erinnert an „Ich kann kein Rassist sein, ich habe auch einen schwarzen Freund und der findet Rassismus auch nicht rassistisch”-Debatten.

Kritik im Detail: Das Studio Avalanche Software und Verbindungen nach Rechtsaußen

Neben der Kritik an der Reproduktion antisemitischer Darstellungsweisen gibt es noch weitere Kritik am Entwicklungsstudio Avalanche Software. Über Jahre hinweg wurde die Erstellung des Spiels von einem Gamergate-nahen Lead Designer geprägt. Troy Leavitt war maßgeblich an visueller Gestaltung und Gameplay-Entscheidungen zu Hogwarts Legacy beteiligt, bis er letztlich das Studio im März 2021 verlassen hat. Als Grund für seinen Rückzug gibt er familiäre Gründe an. Wenige Wochen zuvor war jedoch öffentlich geworden, dass Leavitt einen YouTube- Kanal betrieb, auf dem er antifeministische und Pro-Gamergate Videos veröffentlichte. Die Hasskampagne gegen weiblich gelesene Personen in der Gaming-Welt, die auch als Geburtsstunde der amerikanischen rechtsextremen Alt-Right-Bewegung gilt, bezeichnete er als „gute Sache” und auch #metoo banalisiert er auf seinem Kanal. Auch wenn eine einzelne Person nicht stellvertretend für die politische Haltung eines Studios stehen können, scheint Leavitt zumindest innerhalb seines Teams nicht viel Gegenwind zu seiner Rechtsaußen-Haltung erfahren zu haben.

An anderer Stelle arbeitete Avanlanche Software mit einer weiteren Person mit problematischen Verbindungen zusammen. So hat der Synchronsprecher Greg Ellis zwölf Figuren in „Hogwarts Legacy” eingesprochen. Der Trump-Supporter ist in der Vergangenheit durch frauenverachtende Äußerungen und durch die Verbreitung von Revenge Porn aufgefallen. Während andere Studios die Zusammenarbeit mit Ellis beendeten, scheint Avalanche Software kein Problem damit zu haben, mit einem frauenfeindlichen Alt-Right-Supporter zusammenzuarbeiten.

Kurzum: Auch diese personellen Verknüpfungen lassen es wahrscheinlich erscheinen, dass die Betonung antisemitischer Details und Narrative im Spiel eher kein Zufall sind.

Kritik im Detail: Transfeindlichkeit

Kommen wir zu dem Punkt der Transfeindlichkeit, der sich weniger auf Bücher, Filme oder Spiele selbst bezieht als auf die Autorin des Harry-Potter-Universums, J. K. Rowling. Rowling fing 2019 an, sich öffentlich transfeindlich zu äußern, mit einer starken Steigerung bis 2023. Dabei ist die Transfeindlichkeit Rowlings kein fehlender Twitter-Führerschein, sondern gelebte Überzeugung: So organisierte sich 2019 eine Spendenaktion für eine trans-Feindin (vgl. Watson) . 2020 beschrieb sie trans-Sein als „Trend”, wertete trans-Personen als „verkleidet” ab (vgl. RND)und äußerte die transfeindliche Aussage, für junge Mädchen sei das trans-Seine nur eine Flucht vor dem Patriarchat (vgl. ZEIT). 2022 steigert sie sich zur Kriminalisierung von trans Personen, die für sie in Verdacht stehen, Groomer zu sein, also Menschen, die Jugendliche sexuell belästigen und missbrauchen wollen (vgl. Medium). Ebenfalls 2022 wetterte sie vehement gegen die Überarbeitung des Gesetzes zur Geschlechteranpassung in Schottland (vgl. Spiegel). Sie spricht trans Personen das Existenzrecht ab. Außerdem schrieb sie einen Roman („Troubled Blood”), der trans Personen kriminalisiert (vgl. ze.tt). Sie gründet ein Frauenhaus, dass trans Frauen explizit exkludiert (vgl. queer.de). Sie unterstützt die schottische Bewegung gegen trans-Rechte finanziell.

Kurzum: Die Transfeindlichkeit von Rowling ist ein Fakt, zu dem Menschen eine Position entwickeln müssen. Die Trennung von Autor*in und Werk wird immer wieder diskutiert, ist aber oft schwer möglich. Allerdings kommen im Potter-Universum keine trans Personen und so auch keine Transfeindlichkeit explizit vor – wie aber auch in vielen Kinderbüchern dieser Zeit. Gleichzeitig betont J.K. Rowling in Debatten allerdings immer wieder, dass sie persönlich Verkäufe ihrer Bücher und der Lizenzprodukte auch als ideelle Unterstützung für ihre transfeindlichen Positionen ansieht. Faktisch verdient Rowling auch bei Hogwarts Legacy durch Lizenzabgaben und durch die steigenden Merchandise- und Buchverkäufe durch die Beliebtheit des Spiels.

Deshalb gibt es aktuell auch viele Debatten zum Spiel auf Social Media. Soll man es spielen – oder nicht? Wie positionieren sich Streamer*innen mit großer Reichweite? Wie berichten Spielemagazine? Eine traurige Folge der Debatte ist ein Anstieg von Hass gegen betroffene trans Personen, die expliziter beschimpft werden als zuvor. Rechtsextreme nutzen nicht nur die Chance, in der Debatte Transfeindlichkeit in den digitalen Raum zu senden. Sie sehen J.K. Rowling aufgrund ihrer Transfeindlichkeit als Unterstützer*in ihrer rechtsextremen Ideologie.

Wenig überraschend haben die Entwickler*innen im finalen Spiel versucht, kritische Stimmen zu beschwichtigen. So gibt es im Spiel verschiedene Charaktere, die Teil der LGBTQIA+ Community sind. Auch kann bei der Erstellung der eigenen Spielfigur beispielsweise die Stimme unabhängig vom männlich oder weiblich gelesenen Aussehen gewählt werden. Im Spiel berichtet Pub-Inhaberin und trans Frau „Sirona Ryan”, dass es einigen Leuten schwergefallen sei, sie als Hexe zu akzeptieren. Auf den ersten Blick kann die Implementierung wie eine Distanzierung von Rowlings Transfeindlichkeit wirken. Viele Betroffene kritisieren aber die Namensgebung der trans Frau. So beginnt der Name mit der männlichen Ansprache „Sir” und endet mit dem männlichen Namen „Ryan”. Auch wenn es grundsätzlich begrüßenswert ist, dass es zumindest einen trans Charakter im Hogwarts Universum gibt, wirkt die Namensgebung wenig sensibel und reproduziert sogar noch transfeindliche Narrative.

Und wie reagiert die Gaming-Welt auf Hogwarts Legacy?

Unzählige Debatten haben sich in und um denUmgang mit Hogwarts Legacy gebildet. Die Diskussion um einen Boykott des Spiels war dabei unüberhörbar. Viele Betroffene und Aktivist*innen argumentieren, es sei wichtig, Rowlings Geldbeutel und Einfluss nicht noch weiter zu unterstützen. Vor allem an Streamer*innen wurde appelliert, die eigene Reichweite verantwortungsvoll zu nutzen und Vorbild zu sein, für die eigenen Zuschauenden. Auch die Moderation der eigenen Community, vor allem mit Blick auf transfeindliche Äußerungen der Fans, wurde immer wieder gefordert. Mit mäßigem Erfolg. Viele Kommentarspalten, ob von Gamingstreamer*innen oder großen Videospielmagazinen waren voll von Kommentaren, die auf die Kritik an Rowling mit Ignoranz oder Ablehnung reagierten. Kommentare, die eine Trennung von Künstlerin und Kunstwerk postulierten oder sich über politische Debatten im Videospielkosmos aufregten, waren unübersehbar. Auch zahlreiche rechtsextreme Accounts mischten sich unter die Kommentarspalten und nutzten die angespannte Lage, um Desinformationen und Hass gegen trans Personen zu verbreiten. Allgemein feierte die rechtsextreme Blase Rowling und Hogwarts Legacy. Das Spiel wurde als eine Art heiliger Gral umschrieben, um „Woke” zu ärgern und sich gegen „Gender Gaga” zu positionieren. In rechtsextremen Subreddits und einschlägigen Telegram-Gruppen wurden zudem zahlreiche transfeindliche Memes und Narrative verbreitet.

Die Debatte um Hogwarts Legacy” hat aber auch viel Positives mit sich gebracht. Die Arbeit von Aktivist*innen wie der Streamerin Shurjoka und zahlreichen Betroffenen lenkten Blicke auf Transfeindlichkeit und unterstrichen die alltäglichen Herausforderungen der LGBTQIA+ Community. Auch der Games-Journalismus machte viele Stimmen von Betroffenen hörbar, wie beispielsweise die 280. Folge des etablierten Videospielformates Gametwo . Zudem wurde auf itch.io ein Videospielbundle mit dem Namen „Trans Witches are Witches” verkauft. Mit dem Ziel, LGBTQIA+ Entwickler*innen zu supporten.

Ob Hogwarts Legacy letztlich gespielt wird, bleibt eine individuelle Entscheidung. Mit der Kritik an Rowling, antisemitischen Reproduktionen und fragwürdigen Involvierten in den Entwicklungsprozess sollte sich aber beschäftigt werden. Am wichtigsten bleiben aber jene, die auch noch dann mit Diskriminierung und Ablehnung zu kämpfen haben, wenn die Debatte um dieses Videospiel schon längst verpufft ist. Zentral bleibt: hört Betroffenen zu. Trans Hexen sind Hexen!

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