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In aller Tragik komisch „Land in Sicht“ zeigt Ankommensversuche von Flüchtlingen in Brandenburg

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"Das Paradies ist nah!" sagen die Zeugen Jehovas und Brian kontert: "Und was meint ihr, wann geht es los?" (Quelle: Pressefoto Basisfilm)

„Der Schlepper hat gesagt: ‚Die Schweiz ist ein schönes Land.‘ Also wollten wir in die Schweiz. Aber als das Flugzeug landete, sagte der Kapitän: ‚Willkommen in Berlin.‘ Und mein Bruder und ich dachten: Oh nein! Deutschland! Das ist doch voller Nazis. Regiert da der Hitler noch?“ Wie Farid aus dem Iran seine Ankunft in Deutschland beschreibt, sagt viel über den Ton des Films „Land in Sicht“ aus, der ab heute in ausgewählten Kinos in Berlin startet (weitere Termine siehe unten).  Man kann sich das Entsetzen vorstellen – aber er erzählt es in Retrospektive mit einem Augenzwinkern und kann hinzufügen: „Jetzt weiß ich, es ist sehr schön hier.“  Dabei, und das spart der Film nicht aus, kann man durchaus geteilter Meinung darüber sein, wie schön es im Flüchtlingsheim im brandenburgischen Bad Belzig eigentlich ist. Was Farid später in einem Film in eine psychiatrische Klinik bringen wird, wo er wegen Depressionen behandelt werden soll – und wo es für ihn noch deprimierender ist als im Flüchtlingsheim selbst, so dass er schnell wieder um Entlassung bittet.

Der Dokumentarfilm „Land in Sicht“ der Berliner Filmemacherinnen Antje Kruska und Judith Keil nähert sich den Aufregerthemen Flüchtlinge und Asyl konsequent persönlich. Die Filmemacherinnen begleiten drei Flüchtlinge ein Jahr lang mit der Kamera in ihrem Alltag. Durch die Augen von Brian aus Kamerun und Farid aus dem Iran, die beide im Flüchtlingsheim Bad Belzig wohnen, und Abdul aus dem Jemen, der in einer Wohnung in Bad Belzig untergebracht ist, blickt der Zuschauer und die Zuschauerin auf ein Deutschland, dass den Flüchtlingen fremd ist – und nicht nur ihnen. Erfahrungen mit Spielmannszügen und lokalen Bauchtanzgruppen, den Zeugen Jehovas, die als einzige sofort auf Brian zugehen, oder mit der Arbeitsamtsberaterin, die versucht, mit dem kaum deutsch sprechenden Abdul ein „Stärkenprofil“ für die Jobsuche anzulegen – vielen Szenen im Film haben eine enorme Komik, der gleichzeitig eine große Tragik innewohnt.  Das führt nicht nur zu einer großen Empathie für die Protagonisten, sondern auch dazu, dass es großen Spaß macht, „Land in Sicht“ anzusehen – womit er sich sehr für die Arbeit mit Jugendlichen oder für Initiativen empfiehlt.

Grundlegend geht es in „Land in Sicht“ um das Thema: Wie funktioniert das Ankommen, die Integration, das Bleiben als Flüchtling in Deutschland? Welche Wege gibt es in eine Gesellschaft, die einem von Anfang an vermittelt, dass sie nicht auf einen gewartet hat? Brian aus Kamerun hat zu Hause gehört: „Wer es nach Deutschland schafft, der ist ein gemachter Mann.“ Er lacht, durchaus bitter, und sagt: „Dabei ist das Gegenteil wahr.“ Brian findet im Ort Kontakte, doch sein Versuch, eine sinnvolle Beschäftigung zu finden, endet bei einem dubiosen Schneeballsystem-Versicherungsunternehmen, in dem er ebenso fremd bleibt wie in der Diskothek, in der sich ältere weiße Frauen an junge schwarze Männer heranmachen („Die wissen doch einfach, dass wir keine Wahl haben, wenn der Asylantrag abgelehnt wird. Das nutzen die doch aus.“ „Ja, aber manchmal kommt später Liebe dazu, versuch es doch.“)  Er wird es nicht tun.

Der höfliche, zurückhaltende Farid ist Hals über Kopf mit seinem Bruder aus dem Iran geflohen, weil er dort an Demonstrationen teilgenommen hatte – und danach die Polizei sein Haus stürmte. Nun sitzt er in Bad Belzig am liebsten im Internet-Café, wo er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn chattet. Doch trotz aller Träume einer Familienzusammenführung zeigt sich immer mehr, wie die Dauer des Asylverfahrens und die weite Entfernung das junge Paar entzweit. Um nicht völlig in trüben Gedanken zu versinken, vermittelt die Sozialarbeiterin des Flüchtlingsheims den Kontakt zum lokalen Fitness-Studio. Hier möchte Farid trainieren und dafür selbst Trainerstunden in Aikido geben. Sein erster Kurs besteht aus Bad Belziger Mädchen und Frauen, zu denen nicht nur eine Sprachbarriere besteht: Farid bittet jede, sich vorzustellen und zu sagen, warum sie sich für die Kampfkunst entschieden habe. Die sitzen kichernd neben ihm und sagen: „Äh, fun?“ Fitness und sein Begriff von Kampfkunst sind offensichtlich verschiedene Konzepte – beim späteren Training haben aber trotzdem alle Beteiligten Spaß.

Und dann ist da noch Abdul aus dem Jemen, ein Mann von ansteckender Fröhlichkeit, stets strahlend vor Optimismus  – der sich aber am schwersten tut, seine neue Lebensrealität in Deutschland zu akzeptieren. Er tritt als Mann von Welt auf, im Jemen sei er „ein Scheich, eine Art Bürgermeister“ gewesen – und von seinem Auftreten her glaubt man das auch sofort. Andererseits  kann er nicht nur kein Deutsch, sondern auch nicht wirklich lesen und schreiben. Und muss auf vielfältige Art und Weise die Erfahrung machen, dass er ohne diese Grundvoraussetzungen in Deutschland schwer zurande kommen wird. Er bewirbt sich initiativ: „Pförtner – kein Problem! Natürlich kann ich auf einen Bildschirm gucken und wenn jemand Komisches kommt, sag ich Bescheid, sicher!“  Der Leiter der Security-Firma bleibt freundlich, aber hart: Das geht in Deutschland nur nach einem Lehrgang.  Dafür braucht es wieder Deutsch- und Lesekenntnisse. Abdul wischt das vom Tisch. Dann macht er sich mit einem Reisebüro selbstständig! Am Ende des Films entschließt er sich zu einem Deutschkurs, denn Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage.

Die Stärke von Kruskas und Keils filmischen Arbeiten ist das exemplarische Erzählen am Menschen. Einfühlsam und niemals vorführend werden die Protagonisten begleitet, und allein dadurch werden viele Themen gesetzt, die für die Flüchtlinge von Bedeutung sind: Die Traumata der Vergangenheit und Gegenwart, die Freude über die Rettung durch das Asyl, die Hoffnung auf eine gute Zukunft, aber auch die Enttäuschungen im Alltag, die zersetzende Ungewissheit der Situation als Asylbewerber, die Fremdheit in den Begegnungen von beiden Seiten, die beileibe nicht immer einen rassistischen Unterton hat, aber sich dennoch nur langsam abbaut, die Problematik der fehlenden sinnvollen Beschäftigung. Ein Thema allerdings bleibt erstaunlich außen vor: Erfahrungen mit Rechtsextremismus. Da Kruska und Keil mit der Kamera begleiten, aber nicht kommentieren oder befragen, bleibt es bei scheelen Blicken. Die aber zum Glück durch wohlmeinende Menschen ausgeglichen werden, die den Flüchtlingen zur Seite stehen – und ihr Leben damit merklich verbessern. So ist der Film –  zart, unterschwellig und ohne jeden Zeigefinger – auch ein Plädoyer für Engagement und Kontaktaufnahme.

Termine:

„Land in Sicht“ läuft: 

Januar 201423.-30.1. Hackesche Höfe Kino, Berlin 23.-29.1. Sputnik Kino, Berlin mit Filmgespräch am 26.1.23.-5.2. Filmrausch, Berlin25.,26.,30.1.-5.2. b-ware ladenkino, Berlin24.1. Programmkino Ost, Dresden mit Filmgespräch25.1. Kronenkino, Zittau28.1. Thalia Kino, Potsdam mit Filmgespräch30.1.-5.2. acud, Berlin

Februar 2014

3.2. Woki, Bonn13.2. Lichtmeß, Hamburg13.-19.2. Obscura, Ulm22./23.2. Werkstattkino, München25.2. Lichtspielhaus, Deggendorf27.2.-5.3. Scharfrichter Kino, Passau mit Filmgespräch am 24.2.

März 2014

2.3. fsk, Berlin6.3. Metropolis, Hamburg mit Filmgespräch8.,9.,15.,16.3. Kino am Raschplatz, Hannover25.3. Kino in der Naxoshalle, Frankfurt am Main

April 2014

3.-8.4. Kino im Filmhaus, Saarbrücken(Genaue Spieltermine und Vorführungszeiten bitte beim Kino nachfragen)

Mehr Informationen und Filmtrailer unter 

| http://www.basisfilm.de

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