Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Interview Den Mutigen Rückenstärkung geben

Von|
Sebastian Krumbiegel

MUT: Sebastian Krumbiegel, Sie sind Mitglied der Demokratiepreis-Jury und es heißt, Sie hätten das ausgesprochen gerne gemacht. Warum?

Sebastian Krumbiegel: Weil es darum geht, diejenigen zu stärken, die wirklich darum ringen, dass nicht ganze Landstriche oder einzelne Gemeinden den Stempel „rechtsaußen“ tragen. Da hat ja schon manch eine Gegend in Sachsen unrühmlich herausgestochen. Gerade in solchen Gegenden zu zeigen, dass es engagierte kreative Gegenwehr gibt, die Anerkennung und Unterstützung verdient, das ist für mich Anliegen dieses Preises. Wir machen das nicht explizit gegen Nazis, sondern für etwas – für Menschen, die sich für Demokratie und demokratische Werte wie Respekt und für Toleranz einsetzen.

52 Bewerber gab es insgesamt, ist das wenig oder viel?

Das ist schon viel. Aber es ist noch nicht genug, und an vielen Orten sind Initiativgründungen noch bitter nötig. Deshalb soll solch ein Preis ja auch Nachahmer anspornen, Mut machen und ihnen Rückenstärkung geben. Diese Initiativen brauchen Unterstützung, weil sie für eine wehrhafte Demokratie nicht nur wichtig, sondern ausgesprochen wertvoll sind. Und sie brauchen Öffentlichkeit. Das ist das Allerwichtigste. Auch dazu verhilft dieser Preis, was letztlich auch Sachsens Landesregierung erkannt hat, die ja den Preis ursprünglich nicht aus der Taufe gehoben hat, ihn aber jetzt mit trägt.

Sehen Sie da einen Wandel in der Politik?

In Sachsen? Und ob! Zum Glück gibt es auch hier endlich immer mehr Projekte, auch mit Rückendeckung aus der Politik, was ja in Sachsen nicht immer der Fall war. Da wurde lange Zeit viel bagatellisiert, oder unter den Teppich gekehrt. Selbst letztes Jahr nach dem Übergriff in Mügeln wurde meiner Erinnerung nach von verantwortlichen Politikern nicht etwa über die erfolgte Hetzjagd auf Inder geschimpft, sondern über eine angebliche Hetzjagd der Medien auf Mügeln hergezogen. Es hat aber nichts mit Nestbeschmutzertum zu tun, Dinge beim Namen zu nennen. Man muss Probleme wie Rechsextremismus und rassistische Gewalt öffentlich machen, um dann mit offenem Visier darüber zu diskutieren und Lösungen zu suchen. Das haben mittlerweile zum Glück immer mehr Entscheidungsträger verstanden. Und dass dieser Preis nun zum zweiten Mal seinen Rückhalt aus der Landesregierung erfährt, werte ich als ein besonders gutes Zeichen. Dass die NPD im sächsischen Landtag natürlich dagegen Sturm läuft – soll sie doch. Das belegt doch nur, dass wir mit diesem Preis den richtigen Nerv getroffen haben.

Wie schwer war es denn, eine Auswahl zu treffen?

Extrem schwer. Es gab viele gute Projekte, viele gute Projektideen. Und man muss sich hüten, bei der Bewertung nach Schubladenkriterien vorzugehen oder nach subjektiven Voreingenommenheiten zu urteilen. In einer so großen Jury ist das dem entsprechend ein langer Findungsprozess, in dem dann in Zweifelsfällen auch noch einmal gesagt wird: ‚Dieses Pojekt müsste sich jetzt noch mal jemand vor Ort anschauen, bevor wir uns darauf verständigen.’ Für mich war ein besonderes Kriterium: Wird ein Projekt schon gefördert, oder hat es eine Förderung dringend nötig? Und sind die Leute dort aktiv, wo etwas getan werden muss – also da wo es brennt?

Was wäre für Sie eine solche „Feuerstelle“?

Nehmen Sie vom Wettbewerb losgelöst ein ganz aktuelles Beispiel aus Mügeln. Eine Person, die Zeuge rechtsextremer Gewalt wurde, trat kürzlich im Fernsehen auf und wurde daraufhin ebenfalls verprügelt. Solche Leute zu ermutigen, trotzdem ihren Mund aufzumachen, so etwas ist für mich besonders preiswürdig. Also Leuten Mut zu machen, Dinge beim Namen zu nennen, obwohl einen dort jeder kennt und man Bedrohung fürchten muss. Immer und überall, wo ich merke, dass Dinge schief liegen, sich dort einzumischen – Menschen und Projekte, die das tun, zu ehren, daran liegt mir besonders viel.

Aus den 52 Bewerbern kamen 11 in eine Endauswahl, vier davon als Hauptpreisträger. Sind die anderen damit schlecht?

Keineswegs! Das hat ja auch unsere Auswahl so schwierig gemacht. Deshalb wurde auch entschieden, zumindest allen unter den elf Projekten aus der Endauswahl eine Art Anerkennungsprämie in Höhe von 500 Euro zukommen zu lassen, die vorher nicht vorgesehen war. Und noch wichtiger: Es sollen wenigstens alle auch Öffentlichkeit erfahren. Deshalb wurden alle nach Dresden eingeladen, um sich miteinander zu vernetzen. Damit Initiativen aus Dresden und Leipzig auch von solchen in Döbeln oder Chemnitz erfahren und die Medien ebenfalls. Dass dies also ein großes produktives Netzwerk gegen Rechtsextreme wird, das stand für mich im Vordergrund dieses 9. Novembers.

Ein Tag, der für Sie ein besonderes Datum ist?

Und ein wichtiges! Es ist (2008) der 70. Jahrestag in Erinnerung an die Pogromnacht, es ist Erinnerung an den Mauerfall, es ist in diesem Jahr der Beginn der ökumenischen Friedensdekade, die wir ja im Osten unter der Losung „Schwerter zu Pflugscharen“ noch besonders gut kennen. Ich bin dort Schirmherr und freue mich, dass dieser Tag so denkanstoß-intensiv wird. Er hat viel mit der Erinnerung an und Ehrung von Einmischung zu tun  – mit verpasster Einmischung 1938 und den bitteren Folgen, mit erfolgreicher Einmischung 1989 und mit dem Lernfeld für Einmischung das auf dem Weg zum Mauerfall im Osten die Kirche bot, um Zivilcourage zu entwickeln. Denn was heißt Zivilcourage anderes, als sich einzumischen und zu wissen, dass man eine Sache selbst in die Hand nehmen kann. Laut zu geben, damit fängt das schon an und auch laut zu sagen, was einem nicht passt. Auch wenn das Ärger bringt. Sich wegducken und unterordnen in uniforme Ideologien, das ist dann das Gegenteil davon. Denen, die sich nicht wegducken, mit einem solchen Preis Mut zu machen, das ist für mich die ganz wichtige Botschaft, die hier von der Frauenkirche ausgehen soll.

Sieht man Sie auch am 13./14. Februar (2009) in Dresden beim „Geh Denken“ gegen den dort geplanten NPD-Aufmarsch wieder – und können Sie das verstehen, dass Herr Biedenkopf erst zu – und dann wieder absagt?

Ich werde, wenn ich es schaffe, am 13.2. in Dresden singen – und ich WILL es schaffen! Wenn irgendwelche Leute vom „Bomben-Holocaust“ sprechen, dann hat das entweder was mit gefährlicher Dummheit zu tun, oder aber mit offenem Rechtsradikalismus. Der Begriff Holocaust ist eindeutig belegt und umschreibt den Völkermord an 6 Millionen Juden während der Zeit des Nationalsozialismus. Dass die Bombennächte von Dresden fürchterlich gewesen sind, steht außer Frage, man sollte jedoch vorsichtig sein und nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Herrn Biedenkopf möchte ich nichts unterstellen, ich weiß nicht, aus welchen Gründen er abgesagt hat. Ich weiß natürlich, dass einige konservative Parteien sich manchmal in einer mir unverständlichen und unterm Strich demokratiefeindlichen Weise am rechten Rand bewegen. Kurt Biedenkopf habe ich allerdings in diesem Zusammenhang immer sehr korrekt erlebt.

Das Interview führte Holger Kulick.

Das Interview ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

Weiterlesen

2017-11-06-Hooligans-Kampfsport

Rechtsextreme Hooligans Professionalisierung der Gewalt im Kampfsport

Seit den 80er Jahren sind gewaltbereite, rechtsextreme Hooligans für Fußballvereine ein Problem. Immer wieder kam es in Stadien oder am Rande von Fußballspielen zu Gewaltausbrüchen. Heute begeistert sich diese Szene zunehmend für Mixed Martial Arts und Kampfsport-Events die sie zum Vernetzen und zur Verbreitung ihrer menschenfeindlichen Ideologie nutzen. Ein Interview mit Szenekenner und Autor Robert Claus über vegane Kampfsport-Nazis, die Professionalisierung der Gewalt und die internationale Vernetzung.

Von|
Eine Plattform der