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Kommentar „Anfang – Ende – alles gut“

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Anetta Kahane ist Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung (bis Ende März 2022); Foto: MUT

Vor achtzig Jahren kam es zur Machtergreifung Hitlers und damit begann „das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte“ oder wie Erich Honecker es formulierte „Die Nacht des Faschismus war über uns hereingebrochen.“ Und folgen wir den Zitaten, endete das Unbill „jener Jahre“ mit der „Stunde Null“, der „Befreiung vom Hitlerfaschismus“ oder dem „Ende der Schreckensherrschaft“. Also hell – dunkel – hell. Oder Anfang – Ende – alles gut. Beziehen die jeweiligen Redner den kalten Krieg mit ein, verkommt der NS-Staat gar zu einer der „zwei Diktaturen“. Mit der anderen ist dann die DDR gemeint, die wohl ohne den Jubel der Millionen, die Hitler an die Macht getragen haben, nicht entstanden wäre.

Daran hat sich in beiden Teilen Deutschlands nach Krieg und Vernichtung wenig geändert. Doch das wird es. Die letzten Zeitzeugen berichten von damals, von jenen schrecklichen Ereignissen, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen, die mit dem Heute nichts zu tun hat. Jugendliche, die sich heute Horrorfilme ansehen, kreischend und mit Popcorn, erwägen nicht einmal, dass alles was sich ein dummer Regisseur vorstellt, nur ein Bruchteil der Grausamkeit deutscher Nazis und ihrer Helfer darstellen kann. Erschlagene Babys, lebendig verbrennende Kinder, lebendig begrabene Männer und Frauen, ganz abgesehen von den erstickenden Menschen in den Gaskammern. Diese Vorstellungen sind so schrecklich, dass jenes Bedürfnis nach Licht, als schließlich alles vorbei war, gut zu verstehen ist. Doch es wird ein Trauma bleiben, besonders für die Opfer in aller Welt und deren Nachkommen. Die Täter und deren Kinder haben auch eine Last zu tragen. Die, davon nichts wissen zu wollen oder die, darüber zu verzweifeln, was ihre Eltern oder Großeltern getan oder geduldet haben. Und die, deren Flucht aus diesem Erbe darin besteht, nun Juden zu beschuldigen, auch nicht besser zu sein.

Sich selbst in die Pflicht nehmen

„Hell – dunkel – hell“ und „Anfang – Ende – alles gut“, das ist weder die Farbenlehre mit der wir Vergangenheit und Gegenwart beschreiben können, noch die Zeitenfolge mit der wir in der Zukunft weiterkommen. Die Machtergreifung Hitlers mag so heute nicht mehr vorstellbar sein, denn die Demokratie ist stark und Deutschland in Europa eingebunden. Doch die Einzelteile dessen, was damals die Machtübergabe an die Nationalsozialisten ermöglicht hat, sind noch da in unserem Alltag. Der Mythos, dass Arbeitslosigkeit die Menschen zwangsläufig zu hasserfüllten Nazis macht. Die Idee, dass Juden an allem Schuld sind. Das Menschenbild, in dem es wertvolle und wertlose Menschen gibt. Die Tradition des Rassismus, der lange vor den Nazis als unumstößlich galt. Und der Opportunismus der Liberalen und Konservativen, die damit die Linken besiegen wollten und schließlich die Spaltung der Linken, ihr Sektierertum und ihre Ideologie, in der es für Demokratie keinen Platz gab. Dazu kamen deutsche Intellektuelle mit ihrem Neid auf die Juden, die ihre Konkurrenten loswerden und Unternehmer, die sich an fremdem Eigentum bereichern wollten.

Die NPD heute ist keine Gefährdung für die Demokratie, sie wird Deutschland nicht erobern. Der Rechtsextremismus steht nicht kurz vor der Machtübernahme und das wird er auch nicht. Dennoch: Die Nazis heute sind Mörder und verbreiten ihren Hass und finden ihr Publikum. In der Art wie mit ihnen umgegangen wird zeigen sich jedoch die Schwächen der deutschen Gesellschaft. Da gibt es Opportunismus, Parteienstreit, Sektierertum, Neid und Missgunst wo eigentlich eine klare Stimme gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus heute zu hören sein müsste. Verleugnen, Verdrängen und Vergessen statt mit dem Trauma, das bei Hitlers Machtergreifung seinen Anfang hatte, richtig umzugehen und nicht andere zu beschuldigen sondern sich selbst in die Pflicht zu nehmen. Sich selbst ernst zu nehmen und selbst zu handeln statt auf das Handeln anderer zu warten oder darauf zu zeigen.

Diesen Monat (Februar 2013) sind es achtzig Jahre. Doch die Zeitrechnung hört damit nicht auf, sie bleibt – auch wenn sich die Formen ändern mit denen wir uns darum bemühen dieser Katastrophe der Weltgeschichte gerecht zu werden. Sie war so schrecklich und groß, dass heute kein Schritt zu unbedeutend und klein ist, um ihn nicht doch zu gehen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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