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Kommentar Kuckucksuhren und Neonazis

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Anetta Kahane ist Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung (bis Ende März 2022); Foto: MUT

Wir lassen nicht locker! Seit Bekanntwerden der NSU-Morde versuchen wir deutlich zu machen, dass es in Deutschland ein massives Problem mit Rechtsextremismus gibt und nun endlich mit dem Verharmlosen Schluss sein muss. Deswegen hat die Amadeu Antonio Stiftung eine Broschüre herausgegeben, die den Finger in die Wunde legt: „Das Kartell der Verharmloser“. Zehn Monate nach dem GAU – anders lässt sich das politische Versagen bei den Verbrechen des NSU nicht beschreiben – haben wir Bilanz gezogen. Das Ergebnis: in einigen Ämtern wurden Köpfe ausgetauscht, die Untersuchungsausschüsse bringen gruselige Verstrickungen zu Tage, weitere Köpfe wurden ausgetauscht und das war’s. Für die Opfer und die Engagierten vor Ort hat sich kaum etwas verändert. Geschweige denn verbessert. Was ist los in diesem Land? Weshalb geht es so unsouverän mit dem Rechtsextremismus und offenen Rassismus um? Warum geschieht nicht wirklich etwas? Wieso wird auf dem flachen Land noch immer mehr auf das Image wertgelegt, als auf das Beseitigen eines unhaltbaren Zustands? Woher kommt diese Abwehr? Das Medienecho auf unsere Broschüre war sehr groß und die Reaktionen heftig. In der Amadeu Antonio Stiftung landeten Briefe von Behörden, Bürgermeistern und Ministerien, die sich verbaten, als Ort mit Naziproblem bezeichnet zu werden, obwohl sie ganz offensichtlich eines haben.

Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm

Ein Versuch auf diese Fragen eine Antwort zu finden ist die Ausstellung: „Germany after 1945. A Society Confronts Anti-Semitism, Racism and Neo-Nazism“, die gerade in der Stiftung EVZ gezeigt wird. Darin versuchen wir zu erklären, dass der Rechtsextremismus von heute nicht vom Himmel gefallen oder wie ein Unwetter über uns gekommen, sondern auch die Folge unverdauter, deutscher Geschichte ist. Denn im Gegensatz zur Tradition, ja Kulturgeschichte, der Herstellung von Kuckucksuhren oder echten Berliner Buletten, wird dem Rechtsextremismus und Rassismus jede historische Überlieferung abgesprochen. Hier scheint die Geschichte gerade erst gestern begonnen zu haben. Oder damals in Rostock-Lichtenhagen, wo wild gewordene, weil arbeitslose Ossis mit Nazis aus dem Westen ihre Wendeprobleme an „irgendwelchen Vietnamesen“ ausließen. Auch das ein geschichtsloser Euphemismus, der die Wirklichkeit nicht im Mindesten abbildet.

Deutschland Ost und Deutschland West haben nach dem Krieg Nationalsozialismus und Rassismus verdrängt und beiseite geschoben. Sie taten es auf ihre Weise durch den Kalten Krieg hindurch, der eine ehrliche Aufarbeitung nicht gerade erleichterte. Der Westen begann dann in den 70er Jahren mit der Reflexion und in den 80er Jahren gab es auch Erfolge, während die DDR noch immer behauptete, allein durch ihre Existenz, dem Faschismus ein Ende gesetzt zu haben. Und: wie schnell die Zeit vergeht, schon war die Einheit da. Und mit ihr zeigte sich die ganze Unwucht der Geschichtsaufarbeitung. Im Westen halb, im Osten gar nicht. Aber hey, nun war man ja glücklich vereint und es hatte sich mit Geschichte und NS. Zumindest was ihre Wirkung auf die Gegenwart betraf. Also geht die Amadeu Antonio Stiftung in ihrer Ausstellung die Schritte einzeln. Von den Morden des NSU in der Zeit rückwärts. Rechtsextremismus nach der Vereinigung, Rechtsextremismus vor dem Fall der Mauer. In den 80er, den 70er, den 60er und 50er Jahren. Immer abwechselnd in Ost und West. Und wir sehen erstaunliche Unterschiede, aber eben auch erstaunliche Parallelen. Von wegen: erste Diktatur, dann zweite Diktatur und dann ist alles gut! Es ist und bleibt Deutschland, in dem Rechtsextremismus eben genau so eine Kulturgeschichte hat wie Buletten und Kuckucksuhren. Selbstverständlich zeigt die Ausstellung auch, was an Positivem geschehen ist. Gerade in der Nachwendezeit.

Unsere Pflicht, über die Verharmloser des Rechtsextremismus zu sprechen

Dennoch sprach das Feuilleton von einer „radikal einseitigen Perspektive“ unserer Broschüre „Das Kartell der Verharmloser“. Auf die Frage, welche gemeint sei, war die Antwort: die Opferperspektive. Einseitig und radikal. So ist das mit den verdammten Opfern. Sie sehen nie, was man alles Gutes für sie tut; sie sehen nur das Schlechte. So lautete der Vorwurf gegen NS-Opfer nach dem Krieg, so lautet der Vorwurf heute an die Opfer rechtsextremer und rassistischer und antisemitischer Gewalt.

Solange in Deutschland der Rechtsextremismus und Rassismus nicht ernst genommen werden und zwar wirklich und in echt, kann es keine Ausgewogenheit geben. Wenn Journalist*innen oder Bürgermeister*innen, in Berichten über die wunderschönen Regionen, kein Wort über die Nazis verlieren, die verhindern, dass sich dort Migrant*innen niederlassen, ist es für uns eine Pflicht über die Verharmloser des Rechtsextremismus und deren Kartell zu sprechen. Immer wieder. Über die von damals und die von heute!

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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