Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Kommentar Was fehlt: Respekt und Trauer

Von|
Anetta Kahane ist Senior Consultand und ehemalige Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung.

Stellt man sich in Gesellschaft und Politik heute die Frage, wie Deutschland und Europa aussehen würde, gäbe es sie noch, die vielen Juden mit ihren unterschiedlichen Haltungen zu einer kosmopolitischen Welt oder zu einem abgeschotteten, religiösen Dasein? Trauert man um sie? Wird man um ihretwillen den neuen, alten Nationalismus und Antisemitismus zu überwinden versuchen? Oder spielen sie eine Rolle, die mit ihrer Existenz und ihrer Ausrottung nichts zu tun hat? Die Juden und ihre Geschichte eignen sich doch so fabelhaft für Projektionen jeder Art. Besonders nach der Vernichtung, scheint es, kann sich jeder ihrer bedienen, um eigene Interessen und Ansichten auszudrücken und durchzudrücken. Tote Juden – wie wunderbar – sind dafür bestens geeignet. Und Anlässe wie der Jahrestag des Großen Halali auf die jüdischen Nachbarn bieten gute Gelegenheiten für jede Art von Heuchelei.

Als aufmerksame Leser*innen unseres Newsletters wissen Sie ja, dass sich die Amadeu Antonio Stiftung seit fünf Jahren damit beschäftigt, in der Praxis, also im realen Alltag, einen möglichst guten, angemessenen und interessanten Beitrag gegen Antisemitismus zu leisten. Vielleicht werden Sie es nicht glauben, aber das ist eines der schwierigsten Arbeitsbereiche der Stiftung, denn um Juden, Jüdisches und Antisemitismus wickeln sich beschämende Arten von Missbrauch und Aggressionen. Im Osten zum Beispiel – das zeigt unsere Ausstellung „Das hat’s bei uns nicht gegeben – Antisemitismus in der DDR“ – wird in breiter Öffentlichkeit noch immer geleugnet, was offensichtlich war: Juden, lebende wie tote, sind auch hier benutzt worden. Und dies geschah auf eine besonders kalte, ideologische und selbstbezogene Art. Wie genau der DDR-Antisemitismus aussah, können Sie in der Ausstellung sehen. Und nun, zum 70. Jahrestag der Pogrome, kommt es zu einer beschämenden und unwürdigen Debatte zwischen Parteien um eine gemeinsame Erklärung im Bundestag. Rechtskonservative aus der CDU/CSU werfen der Linkspartei vor, dass die DDR antisemitisch war und wollen keine gemeinsame Erklärung. Dass über Antisemitismus in der DDR nun endlich gesprochen wird, ist erfreulich, doch bitten wir darum, dass es um das Thema geht und nicht um die dümmliche Fortsetzung des Kalten Krieges. Die Entgegnung der Linkspartei, die DDR sei nicht antisemitisch, bestenfalls ein klein wenig antiisraelisch gewesen, ist falsch, verlogen und ahistorisch. Die CDU/CSU sollte aber auch nicht nach außen projizieren, was sie an inneren Problemen hat. Eine Politik, die auch Antisemitismus aus den eigenen Reihen hervorbringt, die immer weit mehr separatistisch als universalistisch mit Begriffen wie Volk und Vaterland umgeht, die nicht einmal das Wort Einwanderer buchstabieren kann und die sich dabei windet, Sanktionen gegen den Iran durchzuführen, lässt den Verdacht zu, dass es hier nicht um das Gedenken an Ermordete geht, auch nicht um Antisemitismus, sondern um das ewige ideologische „Ping-Pong“, bei dem die Juden lebend oder tot eben doch nur die Rolle als kleiner, hüpfender Ball spielen, der hin und her geschlagen wird.

Dieses Jahr nehmen an den Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu Antonio Stiftung 176 Initiativen mit 400 Veranstaltungen aus allen Bundesländern mit den unterschiedlichsten Themen und Veranstaltungen teil. Damit haben wir bundesweit die breiteste Form der Erinnerungskultur und der aktuellen Diskussion ermöglicht. Wir tun es ohne die Parteien und ihre Interessen. Wir tun es, weil es Zeit ist, zu verstehen, wie wichtig die Geschichte als Betriebssystem für die Themen und Probleme von heute ist. Populismus von Parteien und Personen gibt keine Antworten. Es ist schwer genug, nicht in Ritualen zu verharren, sondern Tag für Tag Auseinandersetzungen zu führen und Bedingungen zu ändern. Und mit Respekt und vielleicht sogar Trauer an die Ermordeten zu denken.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

Weiterlesen

33

Rezension Mimi & Els – Stationen einer Freundschaft

 „Angst, dass uns jederzeit dasselbe geschehen kann. Das Klima erinnerte mich ziemlich an die Jahre 34 – 38 in Wien“ Die Freundschaft zwischen Else Pappenheim und Marie Langer im Spiegel ihres Briefwechsels.

Von|
Eine Plattform der