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Laucha Die Stille nach dem Schock

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Vor eineinhalb Wochen, an einem Mittwoch, haben sich Tsipi Lev und ihr Lebensgefährte Olaf Osteroth so wohl gefühlt in Laucha wie seit langem nicht. Es ist der Tag, an dem die NPD die Entlassung des rechtsextremen Fußballtrainers Lutz Battke politisch für sich auszuschlachten versucht. Mit einer „Soli-Kundgebung“, zu der aber nur ein Häuflein Getreuer erscheint. Es ist auch der Tag, an dem die Kirchgemeinde, Lokalpolitiker und Bürger mit einem „Tag der Mitmenschlichkeit“ ein deutliches Zeichen setzen gegen Rechts. „Es tat gut zu sehen, dass es eine große Gruppe gibt, die ,Nein‘ zu Neonazis sagt“, meint Tsipi Lev.
Viereinhalb Monate ist es her, dass ihr Sohn Aaron (Name geändert), wie sie geboren in Israel, in Laucha überfallen worden ist. Der mutmaßliche Täter soll den 17-Jährigen geschlagen, getreten und als „Judenschwein“ beschimpft haben. Für die Familie, die seit acht Jahren in Laucha lebt, ist es ein Schock: Der Vater von Tsipi Lev war als Junge nur knapp dem Holocaust entkommen. Mit viel Glück konnte er sich im Warschauer Ghetto vor den Deutschen verstecken und so vor dem Transport nach Auschwitz retten. Aarons anderer Großvater war 1972 Trainer der israelischen Olympia-Mannschaft in München, er wurde bei der gescheiterten Geiselbefreiung nach dem Olympia-Attentat getötet. Und nun wird der Enkel Opfer eines antisemitischen Angriffs. Der mutmaßliche Täter gilt als Angehöriger der rechten Szene. Ab morgen steht er vor Gericht.

Seit dem Überfall hat die Familie viel Zuspruch erfahren. „Anrufe, Mails und Briefe kommen aus ganz Deutschland“, erzählt Aarons Stiefvater Olaf Osteroth, der seit 1990 in Laucha lebt und mit seiner Lebensgefährtin eine Freizeit- und Touristikfirma betreibt. „Die Leute sprechen uns Mut zu, nehmen Anteil, verurteilen die Tat.“

Seltsam distanziert

Nur in Laucha ist das anders. Viele Leute begegneten ihr jetzt seltsam distanziert, sagt Tsipi Lev, auf der Straße, beim Einkaufen – so sehr, dass sie manchmal das Gefühl habe, nicht mehr willkommen zu sein in der Stadt. „Natürlich bekomme ich auch beim Bäcker zu hören, wie schrecklich das ist, was meinem Sohn passiert ist“, sagt sie und macht eine Pause, „aber nur, wenn ich nachfrage“. Von selber komme kaum jemand auf sie zu. Stattdessen beklagten viele, dass die Medien nun über Laucha hergefallen seien und die Stadt als braunes Nest darstellten. „Das enttäuscht mich“, sagt Lev, „ich hätte gedacht, dass den Leuten hier klar ist, welche Gefahr von Rechtsextremisten ausgeht“.

Nach Druck vor die Tür gesetzt

Tatsächlich ist Laucha seit dem Überfall in den Schlagzeilen – regional, bundesweit, international. Es sind nicht nur die Berichte über den Angriff an sich, die für Empörung sorgen. Es sind auch die Berichte über den rechtsextremen Bezirksschornsteinfegermeister und Fußball-Jugendtrainer Lutz Battke. Erst Anfang August ist Battke von seinem Verein BSC 99 Laucha vor die Tür gesetzt worden – nach monatelangem öffentlichen Druck. Battke ist nicht NPD-Mitglied, aber er sitzt für die Partei im Stadtrat und im Kreistag des Burgenlandkreises. Und in seinem Verein hat auch Alexander P. gespielt – jener 20-Jährige, der Aaron geschlagen und beschimpft haben soll. Für Olaf Osteroth ist Battke der Mann im Hintergrund. Derjenige, der durch seinen Einfluss im Verein für eine Atmosphäre sorgt, in der so ein Überfall überhaupt erst möglich wird.

„Es ist anders geworden in Laucha“, sagt Tsipi Lev. Da ist nicht nur die Distanz, mit der ihr und ihrer Familie jetzt begegnet wird. Nicht nur die Angst um ihren Sohn. Da sind auch die Geschichten, die man sich in der Stadt über ihn erzählt. Gegen die sie jetzt ankämpfen müssen, von denen sie sich diffamiert fühlen. Aaron, heißt es da, verkaufe Drogen. Und sein Peiniger habe ihn ja nicht „Judenschwein“ genannt, sondern „Drogenschwein“. „Das ist doch irrwitzig“, sagt Osteroth. Er vermutet Freunde des Angeklagten Alexander P. als Urheber: „Die wollen aus einem Opfer einen Täter machen. Das ist die Strategie dahinter.“

Wo die Drogen-Geschichte genau herkommt, ist nicht klar. Doch laut Osteroth hat in den polizeilichen Vernehmungen nach dem Überfall auch eine Zeugin Entsprechendes ausgesagt. Deshalb ermittele nun die Staatsanwaltschaft gegen Aaron wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Sein Stiefvater findet das bizarr. Die Aussage der Frau, vermutet Osteroth, sei wohl auf Druck aus dem Freudeskreis von Alexander P. zustande gekommen.

„Wir haben einen Anwalt eingeschaltet und wollen auf Unterlassung klagen.“ Die Staatsanwaltschaft äußert sich nicht dazu. Was bleibt, ist das, was Olaf Osteroth ein „ungutes Gefühl“ nennt. Es befällt ihn, wenn er mit dem Auto nach Laucha hineinfährt und das Ortsschild passiert. Wenn abends der Bewegungsmelder die Außenbeleuchtung einschaltet. „Früher war das nicht so.“ Früher, das war vor dem 16. April, dem Tag des Überfalls. Er ist nervöser geworden. Als sich die Neonazis zur „Soli-Kundgebung“ für Battke ankündigten, hat er um Polizeischutz für sein Haus gebeten. Ein Streifenwagen fuhr in unregelmäßigen Abständen vorbei.

Workshops in Schule

Aaron selbst mag nicht viel darüber reden, was ihm widerfahren ist. Er mag auch sein Bild nicht in der Zeitung sehen. Er mag kein Opfer sein. Aber Angst, sagt er, Angst habe er nicht. „Ich bin gar nicht oft draußen, ich muss ja viel für die Schule machen.“ Er ist froh, dass der Prozess gegen Alexander P. nun endlich beginnt, er hat regelrecht darauf gewartet. Auch darauf, „dass der seine gerechte Strafe bekommt“. Aber was ist das, die gerechte Strafe? Gefängnis, sagt Tsipi Lev nach längerem Nachdenken, könne nicht die Antwort sein. „Das Beste wäre ein Jahr Praktikum in Buchenwald.“ Damit der Peiniger seines Sohnes verstehe, „was in Deutschland passiert ist“. Dem Land, das in ihrer Heimat Israel auch das „Land der Täter“ genannt wird.

Darüber will Tsipi Lev nun auch anderen erzählen. An der Schule ihres Sohnes in Freyburg will sie Workshops abhalten. Über Rassismus und Antisemitismus. Über Israel. Das wäre wohl ganz im Sinne ihres Vaters, der als kleiner Junge dem Holocaust entkam. „Er hat mich gelehrt, für meine Rechte zu kämpfen“, sagt sie, „aber auch, nicht zu hassen und nicht Rache zu üben. Und aufzupassen, dass so etwas nie wieder passiert.“


Dieser Text ist zuerst erschienen am 29.8.2010 in der Mitteldeutschen Zeitung. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Ergänzung vom 01.09.2010:

Das Amtsgericht Naumburg verurteilt den 20-jährigen Täter zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten und einer Geldstrafe von 360 Euro. (Berliner Zeitung, ND)

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