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Martin Semlitsch „Identitärer“ auf skandinavischen Neonazi-Konferenzen

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(Quelle: Pixabay, Screenshot, BTN)

Wegen der von Sicherheitsbehörden vermuteten Verstrickungen der „Identitären Bewegung“ mit dem rechtsterroristischen Attentäter von  Christchurch versucht die Gruppe derzeit angestrengt, als möglichst gewaltfrei und gemäßigt in Erscheinung zu treten. Gar nicht ins Bild passt da die Teilnahme des Aktivisten Martin Semlitsch an zwei Konferenzen in Skandinavien mit internationalen Neonazis und Antisemit*innen.    

Martin Semlitsch teilt sich eine Bühne mit anderen Neonazis und Antisemit*innen

Martin Semlitsch, in der rechten Szene unter dem Pseudonym Martin Lichtmesz bekannt, ist als Redner auf gleich zwei Konferenzen in Skandinavien angekündigt. Am Samstag den 30. März sprach er mit sechs weiteren rechtsextremen Referent*innen beim „Scandza Forum“ in Stockholm (Schweden). Vier der sechs Referent*innen, auch Semlitsch, werden kommendes Wochenende, am 6. April, zudem noch auf der rechtsextremen „Erweckungskonferenz“ (Awakening II) in Finnland sprechen. 

Semlitsch und die Mär vom „großen Austausch“

Semlitsch selbst ist ein enger Vertrauter von Martin Sellner. Gemeinsam betreiben sie ein eigenes YouTube-Videoformat. Außerdem steht er in enger Verbindung zum neurechten Vorzeige-Ehepaar Götz Kubitschek und Ellen Kositza. Regelmäßig schreibt der gebürtige Wiener Semlitsch für Kubitscheks pseudo-intellektuelles Medium „Sezession“. Und auch seine Bücher veröffentlicht Semlitsch im „Antaios Verlag“ von Kubitschek. Hier ist auch die deutsche Übersetzung der Verschwörungsideologie um den „großen Austausch“ von Renaud Camus erschienen. Dem Text „Revolte gegen den großen Austausch“ geht ein Vorwort von Semlitsch sowie ein Interview mit Camus durch Semlitsch voraus. In einem Nachwort von Martin Sellner, der die Rezeption Camus’ durch die „Identitären“ bejubelt, beschuldigt er eine nicht näher ausgeführte Elite, die jedoch in sehr vielen Erzählungen jüdisch ist, in Europa einen „Bevölkerungsaustauschs“ durchzuführen. Diese Elite, so die Erzählung dieser Verschwörungsideologie, siedle Migrant*innen bewusst in Europa an, um so das „Volk“ (nach der rassistisch-völkischen Definition der Rechtsextremen) schrumpfen zu lassen. Das Ziel dieser rechtsextremen Verschwörungsideologie ist es, pluralistische Demokratien in die Nähe von Diktaturen zu stellen. So soll die Bevölkerung zum Widerstand aufgestachelt werden.

Offenbar verinnerlichte auch der Christchurch-Terrorist diese Verschwörungstheorie so sehr, dass er am 15. März in Neuseeland 50 Menschen in zwei Moscheen kaltblütig ermordete. Und obwohl die IB derzeit wegen einer großen Spende des Terroristen unter Druck steht, scheint es, als würde sich Martin Semlitsch, eine der zentralen Figuren bei der Verbreitung dieser Verschwörungsideologie, recht unbehelligt international vernetzen können.  

Olena Semenyaka: Auslandssprecherin des paramilitärischen „Asow“-Regiment

Eine Teilnehmer*innen, die gemeinsam mit Semlitsch auf beiden Konferenzen auftritt, ist Olena Semenyaka. Die Aktivistin vertritt die ukrainische Neonazi-Miliz „Asow“ und das daran angeschlossene Netzwerk „Reconquista Europe“ im Ausland. Semenyaka trägt ihr faschistisches Weltbild offen zur Schau: Sie posiert auf Fotos vor einer Fahne mit Hakenkreuz und zeigt den Hitlergruß.

Hinter „Asow“ steht eine schwer bewaffnete Neonazi-Miliz mit militärischer Kampferfahrung. 2014 wurde “Asow” als Freiwilligen-Bataillon vom ukrainischen Militär anerkannt. Unter dem an die Wolfsangel der „SS-Panzerdivision“ angelehnten Logo kämpften die Söldner*innen mit der militanten nationalsozialistischen Untergruppe „Misanthropic Division“ gegen prorussische Separatist*innen in der Ostukraine. Es geht hier um ein politisches Weltbild und eine offen terroristische Organisation, deren rassistische Eigendarstellung auf einer faschistischen Rassenbiologie beruhen.

2018 sprach Semenyaka bereits in Riesa auf dem Europakongress der JN, der Jugendorganisation der NPD, und im Herbst bei einer Veranstaltung der nationalsozialistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“. Aber auch die „Identitäre Bewegung“ lud die Faschistin 2018 zu einem „Ukrainischen Abend“ zu sich in ihr IB-Haus in Halle in. Und auch der IB-Kader Mario Müller (jüngst Gast auf der neurechten Stelldichein-Geburtstagsparty von Matthias Matussek), posierte 2015 in Kiew bei einem Fackelmarsch mit vermummten „Asow“-Kämpfern. 2017 warb „Asow“ bereits auf einem Neonazi-Festival im thüringischen Themar unter 6.000 Rechtsextremen darum, „in die Reihen der Besten“ einzutreten, um „Europa vor dem Aussterben“ zu bewahren.

Mario Müller (2. v.r.) mit „Asow“-Kämpfern

Jared Taylor: White Supermacy

Ebenfalls auf beiden faschistoiden Konferenzen eingeladen war der White Supermacist Jared Taylor. Der Rassist glaubt an eine „Überlegenheit der Weißen“. Laut dem „Southern Poverty Law Center“ (SPLC) stelle sich Taylor in seinem Gehabe als ein vornehmer Denker der Weißen Überlegenheit dar, sei jedoch ein rassistischer Kolonisator alter Prägung.

Taylor ist Gründer der rassistischen Propaganda-Publikation „American Renaissance“. Einem breiten Publikum wurde er in den USA bekannt, als er mit der rassistischen Organisation „Ku-Klux-Klan“ und ihrem führenden Mitglied David Duke Konferenzen und Vernetzungstreffen veranstalteten. Taylor wurde bei seiner Einreise am 29. März über Zürich jedoch offenbar durch Behörden ein Einreiseverbot für den gesamten Schengenraum bis 2021 verhängt.

Fróði Midjord: der Schwedische Neonazi

Fróði Midjord ist einer der Organisatoren des „Scandza Forums“. Auch er wird auf beiden Konferenzen sprechen. Der aus Färöer stammende Fróði Midjord machte sich einen Namen als Redner auf verschiedenen Neonazi-Events. Midjord ist ein ehemaliges Mitglied der „National Socialist Front“ (NSF). Die NSF war bis zu ihrer Auflösung eine neonazistische Partei in Schweden.

Fróði Midjord (r.) im Dezember 2018 in Kiew mit Olena Semenyaka (m.) und Hendrik Möbus (l.). Der thüringer Möbus ist eine Kultfigur in der Neonazi-Sezne. Gemeinsam mit Mitgliedern seiner Band „Absurd“ ermordete er 1993 seinen Mitschüler Sandro Beyer

Kevin MacDonald: Knallharter Antisemit und Rassenideologe  

Am kommenden Wochenende wird sich Semlitsch zudem eine Bühne mit dem Antisemiten Kevin MacDonald teilen. Das „Southern Poverty Law Center“ bezeichnet den Psychologie-Professor als den derzeitigen Lieblingsakademiker der US-amerikanischen Neonazi-Szene.

Er vertritt unter anderem die These, dass Juden spezielle genetische Prädispositionen besäßen, die genutzt würden, um die Macht und das Selbstbewusstsein nicht-jüdischer Mehrheiten zu unterlaufen (jewish Ethnocentrism/ jüdischer Ethnozentrismus). MacDonald wird damit zum angeblichen Kronzeugen für Antisemit*innen, bei Behauptungen, dass das Weltjudentum dem Deutschen Reich den Krieg erklärt habe, bevor auch nur ein Jude zu Schaden gekommen sei.

MacDonald behauptet, dass der millionenfache Mord der Nazis an Jüdinnen und Juden und die spanische Inquisition eine „vernünftige“ Antwort auf das Judentum gewesen seien. Seine antisemitischen Thesen gehen gar noch weiter: MacDonald behauptet, Juden halten ihre angeblichen „Elitenposiotionen“ aufrecht, indem sie Migration Nicht-Weißer nach Amerika befördern, um die „Rassenhierarchie“ des Landes zu verändern. Außerdem behauptet er, Juden und Jüdinnen würden intellektuelle Bewegungen befördern, um die ethnische Identität Europas zu schwächen.

Obwohl dieser Antisemitismus im wissenschaftlichen Gewand daherkommt, ist er nicht weniger menschenverachtend. Laut der amerikanischen „Anti Defamation League“ stehen seine Thesen in der Tradition antisemitischer Publikationen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Die Vernetzung der „neuen“ Rechten geht weiter

Die IB ist derzeit darum bemüht, Schadensbegrenzung zu betreiben. In YouTube-Videos und auf Twitter versuchen Martin Sellner, Kopf der deutschsprachigen IB, und Co. sich als möglichst gewaltfrei darzustellen. Es geht um mögliche Kontakte des Rechtsterroristen von Christchurch zur IB. Anlass ist eine Spende über 1.500 Euro, die der australische Attentäter Brenton Tarrant bereits zu Jahresanfang 2018 an Sellner persönlich geleistet hat. Es steht der Anfangsverdacht der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung im Raum.

Und obwohl derzeit viele jubeln und die „Identitäre Bewegung“ am Ende ihrer Bewegung sehen, reist eine zentrale Figur aus dieser Szene, die maßgeblich zur Verbreitung der Theorie um den „großen Austausch“ beteiligt war, recht unbehelligt zu Konferenzen, um sich hier mit Neonazis, Antisemiten und White Supermacists auszutauschen. Solche Veranstaltungen dienen zum einen zum Ideen-Austausch und zum anderen der Vernetzung der unterschiedlichen Szenen und auch Länder. Auch wenn Sellner und Co. mit ihren täglichen YouTube-Videos stets unsere Aufmerksamkeit einfordern, müssen wir auch die im Blick haben, die als Ideengeber, weitestgehend unbemerkt vor der Öffentlichkeit, Einfluss auf diese rechtsextreme Szene nehmen. Und diese Strukturen scheinen, trotz des öffentlichen Drucks auf die IB, keineswegs geschwächt.  

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