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Neonaziaufmarsch in Dresden Gegenprotest verkürzt Naziroute

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(Quelle: Alle Fotos vom Autor.)

Die Sonne strahlt am Samstagmittag über Dresden und es ist angenehm warm. Doch dass riesige Polizeiaufgebot, das in der gesamten Innenstadt verteilt ist, lässt bereits erahnen, dass dies kein entspannter Tag bei frühlingshaften Temperaturen wird. Seit Wochen haben Neonazis über alle Kanäle für diesen Samstag nach Dresden mobilisiert, um anlässlich des 75. Jahrestags der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg aufzumarschieren. An einem Skatepark am Rande der Dresdner Altstadt versammeln sich die aus ganz Deutschland und weiteren Ländern angereisten Neonazis.

Gegen 14 Uhr sind es bis zu 1.500 Neonazis. Die Organisatoren verteilen Ordnerbinden und Pressekarten an die eigenen Fotografen, von der anderen Straßenseite ist laute Musik von einem Lautsprecherwagen der Gegendemonstration zu hören. Kurz darauf stellt sich die rechtsextreme Demonstration auf. Angeführt wird die Demonstration von mehreren Kränzen, auf deren Schleifen die Worte „alliierter Bombenterror“ stehen, und dem Fronttransparent, an dem unter anderem Katja Kaiser steht. Kaiser ist regelmäßig bei Demonstration von PEGIDA oder Pro Chemnitz zu sehen und hatte enge Kontakte zu Terrorgruppe Freital. Dahinter folgen die internationalen Delegationen und mehrere Blöcke, in denen die Neonazis sich wie angewiesen zu fünft aufgereiht haben.

Anmelder Maik Müller

Bundesweit angereiste Neonazis

Unter den 1.500 Neonazis sind zahlreiche NPD-Kader wie Anmelder und JN-Sachsen-Chef Maik Müller, der sächsische Landesvorsitzende Jens Baur und die Bundesvorstandsmitglieder Thorsten Heise und Sebastian Schmidtke. Neben der NPD sind auch zahlreiche Parteimitglieder der Kleinstpartei „Die Rechte“ angereist. Darunter die Dortmunder Neonazis, die in erst in der vergangenen Woche an einer neonazistischen Kundgebung in Budapest teilgenommen hatten. Zudem sind mehrere aktive Kampfsportler wie David Mallow aus Mecklenburg-Vorpommern und Martin Langner aus Thüringen angereist. Mit Lukas L. ist auch ein ehemaliges Mitglied der rechtsterroristischen Gruppe „Oldschool Society“ mit dabei.  Ergänzt wird das Teilnehmerfeld durch die ehemalige Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel, die zeitweise ein Schild mit der Aufschrift „Alliierte ‚Befreiung‘ = Holocaust am deutschen Volk“ trägt, und dem Verschwörungstheoretiker und ehemaligen „Blood & Honour“-Aktivisten Sven Liebich aus Halle.

Thorsten Heise und die Kameradschaft Northeim

Gegenprotest verkürzt Neonaziroute

Als sich die Neonazis fertig aufgestellt haben, wollen sie losmarschieren, doch sie werden zunächst von der Polizei daran gehindert. Der Grund: An mehreren Stellen gibt es antifaschistische Sitzblockaden. Nach mehreren Diskussionen zwischen Neonazis und Polizeiführung findet sich eine alternative, aber stark verkürzte und unattraktive Route zum Hauptbahnhof und die Neonazi-Demonstration beginnt. Begleitet wird diese von immer wieder auftauchenden Gegendemonstrierenden, die lautstark ihren Unmut über den Aufmarsch kundtun.

Gegenprotest neben der Neonazidemonstration

Nach nur gut zwei Kilometern sind die Neonazis auch schon am Ziel angekommen und stellen sich auf der Rückseite des Hauptbahnhofs zu ihrer Abschlusskundgebung auf. Die unterschiedlichen Redebeiträge strotzen nur so von Geschichtsrevisionismus. Die Redner übertrumpfen sich gegenseitig mit immer höheren Opferzahlen. Der Nazianwalt Wolfram Narrath lässt in Abwesenheit einen Redebeitrag verlesen, in dem er die Bombardierung Dresdens als „pyromanisches Massaker“ bezeichnet. Der britische Neonazi und ehemalige Europaabgeordnete Nick Griffin sagt, es sei eine Schande, dass sich europäische Nationalisten gegenseitig bekämpft haben und fordert die deutschen Neonazis dazu auf, Schulter an Schulter zu kämpfen, wenn man das nächste Mal zu den Waffen greifen müsse. Immer wieder ist zudem die Rede vom „alliierten Bombenterror“.

 

Der britische Neonazi Nick Griffin (Bildmitte)

„Alliierter Bombenterror“ vereint Neonazis und AfD

Dieses bei Neonazis beliebte Narrativ war bereits am Donnerstag bei verschiedenen Gedenkveranstaltungen zu hören und zu lesen. Auf dem Dresdner Heidefriedhof hatte es bei einer Gedenkveranstaltung erstmals eine Verlesung der Namen der bei der Bombardierung verstorbenen gegeben. Zivilgesellschaftliche Gruppen hatten im Vorfeld darauf hingewiesen, dass darunter auch Namen von NS-Tätern seien, doch die Organisatoren blieben dabei und hinderten auch den Dresdner Neonazi Sebastian Pierre A. nicht, sich an der Verlesung zu beteiligen.

Am Donnerstagabend veranstaltete zudem die AfD eine Trauerveranstaltung auf dem Dresdner Altmarkt an der neben prominenten Parteienvertretern wie dem sächsischen Landesvorsitzenden Jörg Urban und dem Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla auch mehrere Neonazis und Identitäre teilnahmen.

 

Jörg Urban (links) und Tino Chrupalla (rechts)

Polizei geht hart gegen Gegenprotest vor

Wie schon am Donnerstagabend geht die Polizei auch an diesem Samstagmittag rabiat gegen Gegenprotestierende vor, als diese versuchen auf die Route der Neonazis zu gelangen. Ein Video auf Twitter zeigt zudem, wie eine Reiterstaffel der Polizei in eine Menschenmenge reitet.

Der Dresdner Polizeipräsident Kubiessa hatte bereits im Vorfeld in der Sächsischen Zeitung angekündigt, dass mögliche Blockierer „blaue Flecken“ bekommen können. Während mehrere Gegendemonstrierende von der Polizei aus der Demonstration gezogen werden, weil sie sich vermummt hatten, können zahlreiche Neonazis trotz Vermummung oder verbotener Schlagschutzhandschuhe ungestört weitermarschieren.

Ein Neonazi mit auf Demonstrationen verbotenen Schlagschutzhandschuhen

Zwar können die Neonazis mit den zahlreichen Teilnehmern zufrieden sein, da sie die größte neonazistische Demonstration seit Jahren auf die Beine gestellt haben, doch der Gegenprotest hat einen Naziaufmarsch durch die symbolträchtige Altstadt verhindern können. Und so tanzen auch nach Ende der Nazidemonstration noch viele glückliche Gegenprotestierende vor dem Dresdner Hauptbahnhof.

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