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Per Haftbefehl gesucht Wo ist Attila Hildmann?

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Urlaub oder Flucht? Twitter-Detektive spekulieren, dass Hildmann in der Türkei sein könnte. (Quelle: Screenshot)

In Deutschland werden rund 475 Rechtsextreme per Haftbefehl gesucht: Nun ist der vegane Kochbuchautor und Verschwörungsinfluencer Attila Hildmann, der sich selbst gegenüber Spiegel TV als „ultrarechts“ bezeichnet, offenbar einer von ihnen. Der 39-Jährige ist wohl untergetaucht, nach ihm wird gefahndet. Dem Spiegel zufolge wissen Ermittler*innen seit Anfang Februar nicht mehr, wo sich Hildmann aufhält. Laut Medienberichten scheint sein Haus in Brandenburg schon länger nicht mehr bewohnt zu sein, sein Charlottenburger Restaurant sei seit Beginn des Jahres geschlossen. Am Freitag, den 19. Februar 2021, soll das Amtsgericht Berlin-Tiergarten deshalb einen Haftbefehl gegen Hildmann erlassen haben. Doch niemand scheint zu wissen, wo er ist.

Seit Monaten wird gegen den Verschwörungsideologen und Pandemieleugner ermittelt, der sich gern in explizitem Antisemitismus ergeht: Zunächst liefen Ermittlungen gegen Hildmann bei der Staatsanwaltschaft Cottbus, da er im brandenburgischen Wandlitz wohnhaft ist, bevor die Berliner Staatsanwaltschaft vor drei Monaten die Ermittlungen übernahm – samt eines Papierhaufens aus bislang 60 Bänden und mehr als 33 Fallfakten. Seitdem werden ungefähr tausend Äußerungen des Rechtsextremen auf unterschiedlichen Kanälen ausgewertet, heißt es. Die Vorwürfe: Volksverhetzung, Beleidigung, Bedrohung und öffentliche Aufforderung zu Straftaten.

Doch Recherchen von WDR und der Süddeutschen Zeitung zufolge wurden Hildmanns Computerfestplatten bis heute immer noch nicht ausgewertet, die bei einer Hausdurchsuchung im November 2020 beschlagnahmt wurden. Eine Festplatte sei stark beschädigt worden und könne deshalb nicht ausgelesen werden, eine weitere soll mit einem Passwort geschützt sein. Für die Nicht-Auswertung der restlichen Datenträger gibt es allerdings bislang keine Erklärung: Insgesamt wurden sechs Laptops, mehrere Handys und andere Speichermedien sichergestellt.

Zu den Zielscheiben von Hildmanns Hasstiraden gehört der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen Volker Beck. Auf einer Demonstration in Berlin im Juni 2020 sagte Hildmann: „Wenn ich Reichskanzler wäre, dann würde ich die Todesstrafe für Volker Beck wieder einführen, indem man ihm die Eier zertritt auf einem öffentlichen Platz.“ Beck stellte damals eine Anzeige gegen Hildmann, zeigt sich heute allerdings enttäuscht mit dem Stand der Ermittlungen. „Dass es immer noch keine Klageschrift gibt, ist mir nach acht Monaten Ermittlungen angesichts der belegten und gefilmten Mordaufrufe und -drohungen unbegreiflich“, sagt Beck Belltower.News. „Zudem hetzt er ja gegen Jüdinnen und Juden, beleidigt und verunglimpft die gesamte Bundesregierung. Für eine Verurteilung muss das doch allemal reichen. Angesichts seiner fortschreitenden Radikalisierung ist da eine Reaktion des Rechtstaates überfällig“, so Beck weiter.

In der Zwischenzeit hetzt Hildemann weiter – und nun ist er nicht mehr auffindbar. Bereits am vergangenen Samstag, kurz nach Mitternacht, leitete er eine Nachricht von „Anonymous Germany“, einem Reichsbürger-nahen Telegram-Kanal, an seine 114.000 Follower*innen weiter. Es sei „sicher bestätigt“, dass ein Haftbefehl „wegen des Aussprechens der Wahrheit“ gegen ihn vorliege. Hildmann müsse daher „dringend untertauchen“, empfiehlt „Anonymous Germany“. Die Meldung machte schnell die Runde in der verschwörungsideologischen Blase: Hildmann teilte ähnliche Posts von Corona-Leugner*innen und „patriotischen QAnon-Aussteigern“. Es wurde zu einer Großdemonstration am Montag, den 22. Februar, vor der Berliner Staatsanwaltschaft in der Moabiter Turmstraße aufgerufen, Hildmann teilte sogar die Google-Maps-Seite. Die Forderung: sofortige Rücknahme des Haftbefehls. Laut Tagesspiegel fiel die Kundgebung am Ende klein aus: Nicht einmal zehn Menschen konnte Hildmann mobilisieren.

Noch am Sonntagabend beschwerte sich Hildmann auf Telegram, dass es bislang keinen einzigen Medienbericht zu seinem Haftbefehl gegeben habe. Erst am Dienstag bestätigte der gut vernetzte B.Z.-Polizeireporter Axel Lier auf Twitter, dass es den Haftbefehl tatsächlich gibt. Inzwischen gibt es zahlreiche Pressemeldungen dazu – die Hildmann auf seinen Telegram-Kanal fast obsessiv teilt. Wieso wusste aber Hildmann bereits wenige Stunden nach dem Erlass des Haftbefehls davon?

Dafür bietet Hildmann selber eine Erklärung: Die Berliner Polizei habe seine Mutter besucht, sie gefragt, wo er sei, und von dem Haftbefehl erzählt. Außerdem habe der Journalist Axel Lier die Information „öffentlich ausgeplappert“, so Hildmann. Doch das stimmt so nicht: Lier bestätigte erst am Dienstag, den 23. Februar – also mehrere Tage nach der ersten Nachricht von „Anonymous Germany“ auf Telegram – die Echtheit des Haftbefehls. Es bleibt zudem immer noch unklar, warum der Kanal „Anonymous Germany“ schon vor Hildmann über den Haftbefehl berichtete, erst wenige Stunden, nachdem die Staatsanwaltschaft den Haftbefehl überhaupt erlassen haben soll. Eine Anfrage der Belltower.News-Redaktion an die Berliner Staatsanwaltschaft blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Befindet sich Hildmann also nun auf der Flucht? Er bestreitet das. Auf Telegram schreibt er, dass er lediglich seit ein paar Wochen im „wohlverdienten Urlaub“ sei. Sein Lebensmittelpunkt sei Berlin, sein Charlottenburger Restaurant wolle er bald wieder öffnen, heißt es. Er postet sogar ein vermeintliches Urlaubsfoto vor einer historischen Ruine mit seinem Husky „Akira“. Die Metadaten des Fotos wurden gelöscht, es lässt sich also nicht verifizieren, ob es sich um ein aktuelles Foto handelt. Twitter-Detektive spekulieren, dass Hildmann im Südwesten der Türkei sein könnte, da es in der Stadt Fethiye ähnliche Ruinen gibt. Sollte das stimmen, wäre das nicht ohne eine gesunde Dosis Ironie für den impfgegnerischen und verschwörungsideologischen Hildmann: Denn Hunde müssen vor der Einreise in die Türkei gechipt und geimpft werden.

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