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Veganer Koch und Verschwörungsideologe Attila Hildmanns Krisenmanagement

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Auf seinem Telegram-Kanal taucht zwischen Verschwörungsideologien und martialischen Bildern auch immer wieder Werbung zu seinen Produkten auf. (Quelle: Screenshot)

Attila Hildmann war schon immer eher ein lauter Prominenter, das ändert sich auch angesichts der Coronavirus-Pandemie nicht. Doch sein Terrain als Koch hat Hildmann aktuell hinter sich gelassen. Seine Social Media-Postings klingen nach einer Bewerbung als “Pegida”-Redner: So kommentiert Hildmann ein Interview mit Gesundheitsminister Jens Spahn auf seinem Telegram-Kanal: „Allesamt LÜGNER UND VERBRECHER am deutschen Volke die vors Strafgericht kommen sollten wir gewinnen!“ (Fehler im Original). Hildmann verschafft sich so neue Aufmerksamkeit und Follower*innen  auf Telegram. Hier darf er Desinformationen und Maulheldenpostings bringen – Facebook sperrt inzwischen die Falschinformationen, die er verbreitet. Der bekannte Verfasser veganer Kochbücher ist in den letzten Wochen zu einem glühenden Verfechter von Verschwörungsideologien avanciert. Facebook-Sperrungen zählen da als Beweise für die Macht des Systems.

Telegram-Gruppe wird zu Hildmanns Sprachrohr

„Lest alle Beweise auf meinem Telegram!“ fordert Hildmann  in einem inzwischen gelöschten Facebook-Post. Auf dem Messengerdienst gibt es keine Einschränkungen, weder für Desinformationen noch für Gewaltdrohungen Seinen Telegram-Kanal versteht Hildmann so auch als „Hüter der Wahrheit in einer Welt der Lüge und Manipulation“. Er inszeniert sich hier als martialischer Widerstandkämpfer. Auf einem Foto, das er postet, hält er vermummt eine Pistole in der einen und einen Energy-Drink in der anderen Hand – natürlich von seiner eigenen Marke . Denn das ist Hildmann geblieben: Er vermarktet gern seine Produkte – ob er gerade Revolte gegen “das System” macht oder nicht. Neben Verschwörungsideologien verbreitet er Werbung, verteilt Gutscheincodes und posiert im Pullover mit Werbeaufdruck neben Freunden. Dass er keinen Abstand zu ihnen hält, ist bewusste Provokation. Denn nach Hildmann ist das Corona-Virus weniger ein lebensgefährdendes Virus als dass es ein Instrument einer Verschwörungselite darstellt, das “gezielt benutzt” werde .

Diese Art der Kommunkation hat Folgen: Wegen seiner Äußerungen springen nach eigenen Angaben derzeit viele Zulieferer und Unternehmenspartner*innen von seinen Produkten ab. Das ist nicht nur Show. Die Supermarktkette “Kaufland” äußerte gegenüber Belltower.News, dass sie „mit Befremdung die Äußerungen von Attila Hildmann gelesen“ hätten und beschlossen haben „seinen Energy-Drink „Daisho“ auszulisten“. Rückmeldungen von den Biomärkten “denn’s Biomarkt” und “Alnatura”, die ebenfalls seine Produkte im Sortiment haben, blieben bislang aus.

Von der Theorie zum Beweis – verkehrte Welt

„Ich habe für alles Beweise“, kündigt er auf seiner Facebook-Seite an, die er wegen einer „Zensur“ jedoch nur über seinen Telegram-Kanal veröffentlichen könne. Sein Argumentationsmuster zu einer Verschwörung von “Geheimbünden” zugunsten einer “Neuen Weltordnung” (NWO) ist dabei verblüffend simpel. Demnach scheinen Beweise für ihn gleichbedeutend mit Google-Suchergebnissen zu sein. So schreibt er unter anderem: „Es gibt sicher noch mehr Beweise aber den hab ich sofort gefunden als ich nach „RFID GATES“ gesucht habe“ (Fehler im Original). “RFID” bezeichnet eine Technologie eines Sender-Empfänger-Systems, mit der Objekte lokalisiert und identifiziert werden können. In der verschwörungsideologischen Szene wird behauptet, dass mittels einer Impfung diese Technologie bei Menschen injiziert werden soll. Auf die Frage eines Followers, der die Nachrichten als “wirr” empfindet und Hildmann um nähere Erläuterungen bittet, antwortet dieser “Google bitte NWO und hinterfrage in dieser Hinsicht alles!”. Eine Google-Suchanleitung gepaart mit Verweisen zum Rechtsaußen-YouTuber und Autor Oliver Janich,, sowie anderen verschwörungsideologisch Engagierten wie Eva Herman, KenFM oder Xavier Naidoo bietet ein abstruses Potpourri an Meldungen über eine vermeintlich „Neue Weltordnung“, Antiimpfkampagnen und Gewaltaufrufen sowie Umsturzfantasien. So erklärt er, wenn nötig, im Untergrund leben zu wollen und “dieser Kampf kann uns jetzt auch die politische Macht bringen”. Zudem sei er als “Krieger geboren und so werde ich auch sterben! ICH BIN BEREIT”.

Von sexistischer Produktwerbung zum heroischen Krieger

Als maskuliner Krieger inszeniert Hildmann sich schon länger bei Auftritten. Das gehört zur Vermarktung seiner Produkte. In seiner englischsprachigen Videoreihe auf Youtube, „Vegangsta“, tauchen stereotypisierte Geschlechterrollen im hippen veganen Trend auf. Hildmann sucht so Aufmerksamkeit, provoziert die aufgeklärte vegane Szene. In seinen Videos gibt es muskelbepackte Männer und eine Assistentin, die zum „Food-Porn“ das zugehörige Sexobjekt darstellen soll. Mit teuren Autos macht er Werbung für seine Produkte. In einem “Spiegel TV”-Beitrag fährt er mit den Reportern Porsche.  Er gibt sich als Gegner des Tempolimits aus, da es einer „Kastration eines jeden Autofahrers“ gleichkomme. Vor der „Entmannung“ scheint er sichtlich Angst zu haben.

Männlichkeiten sind Teil verschwörungsideologischer Spektren

Für Enrico Glaser von der Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung zeigt sich in Hildmanns Inszenierung auch eine Radikalisierung seines Männlichkeitsbildes. Ängste und Unsicherheiten einer wahrgenommenen Krisenerfahrung befeuern das Gefühl, sich bewaffnen und wehren zu müssen. In seinen PR-Kampagnen inszeniert er eine kriegerische Maskulinität. Er hat unter anderem seinen Energy-Drink nach einem Samurai-Schwert benannt und prognostiziert einen herannahenden Krieg. „Eine Selbstdarstellung als männlich hat schon immer eine Rolle bei Hildmann gespielt“, beobachtet Glaser, „aber ausgehend vom eher smarten, coolen und erfolgreichen Posterboy hat sich das jetzt verschärft. Das wehrhafte Nach-Außen-Schlagen bei Verunsicherung ist eine typisch männliche Bewältigungsform. Als Einzelkämpfer lieber den Heldentod zu sterben als sich Hilfe zu suchen, kann als charakteristisch für Männlichkeit gelten, wenn gleich es unterschiedliche Ausprägungen jenseits dieses offensichtlich toxischen – fremd- und eigenschädigenden – Auslebens gibt.“

HIldmann posiert mit einem Sturmgewehr beim Schießtraining.

Aktuell behauptet Hildmann denn auch, „erhobenen Hauptes“ sterben zu wollen, denn „sie werden versuchen mich zu ermorden“. Unter einem Bild, das ihn in mit einem Sturmgewehr zeigt, schreibt er: „Dann (gemeint ist die Herrschaft einer NWO, Anmerkung Belltower.News) gehe ich in den Untergrund und werde eine Armee aufbauen!“ Für eine Analyse auch des verschwörungsideologischer Spektren ist eine geschlechterreflektierende Betrachtung hilfreich. Eine „Männlichkeit wie bei Hildmann verbunden mit einem Eliteanspruch spielt sicher eine wichtige Rolle für einen maßgeblichen Teil des Verschwörungsspektrums und gerade bei Radikalisierungsprozessen”, so Glaser.

Deutschsprachige Medien und Hildmann – der Profiteur steht rechts

Die wirren Verschwörungserzählungen und das martialische Waffengeklapper erfüllen bei Hildmann außerdem Aufmerksamkeitsgelüste. Hildmann genießt die dadurch  gewonnene Aufmerksamkeit. So bedankt er sich eigens in einem Video bei der Bild, die einen Artikel zu ihm geschrieben hat. Dieser Beitrag habe ihm weitere Unterstützer*innen gesichert, sagt er. Auch die Zeit bat ihn um ein Interview. Er postet sowohl die Anfrage des Journalisten als auch ein Screenshot zu einem vermeintlich 35-minütigen Telefonat. Er begrüßt das Scheinwerferlicht, das über ihm schwebt und richtet sich sogar explizit an Pressevertreter*innen. Er fordert sie im selben Video auf, „über die Verbindungen, die Finanzflüsse, Geheimgesellschaften, die Leute, die in der Politik installiert sind, die Konferenzen der Bilderberger“ zu berichten. Getreu dem Motto „Auch schlechte PR, ist PR“ wirbt er regelrecht für journalistische Anfragen.

Die Früchte dieser Artikel erntet er in der explodierenden Anzahl seines Telegram-Kanals. Von gestern auf heute ist die Gefolgschaft bereits von rund 9.000 auf 14.000 angestiegen – Tendenz steigend.

 

Update vom 07.05.2020:

Hildmann hat am gestrigen Tag zu Protesten vor dem Reichstag aufgerufen. „Menschen verlieren Grundrechte ohne Immunitätsnachweis“ gab Hildmann als Grund der unangemeldeten Demonstration an.  Seinem Aufruf sind rund 400 Menschen aus dem verschwörungsideologischen Spektrum, aber auch Neonazis und Reichsbürger*innen gefolgt. Er selbst bekam, nachdem sich immer mehr Menschen um ihn herum ansammelten, einen Platzverweis und musste den Ort verlassen.

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