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Politische Bildung auf Instagram Bewusstsein schaffen für rechtsextreme Gewalt

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Für viele ist Instagram ein Ort für inspirierende Zitate, traumhafte Urlaubsfotos oder lustige Memes. Doch das soziale Netzwerk hat sich politisiert und so auch mein Profil. Seit einiger Zeit kläre ich meine Follower über rechtsextreme  Symbolik und Umtriebe auf, nehme sie mit auf meine Demo-Beobachtungen oder teile meine Gedanken zu Antisemitismus und Verschwörungsideologien. Mein Account ist verhältnismäßig klein. Ich habe gerade einmal knapp über 1.000 Follower. Angefangen habe ich damit, weil ich erschrocken war, dass sich viele in meinem Umfeld keine Gedanken über Neonazis und rechtsextreme Strukturen gemacht haben. Selbst die Bedeutung “18” kannten sie nicht im neonazistischen Kontext. Inzwischen ist diese Form der  politischen Bildung  fester Bestandteil meiner Instagram-Aktivitäten geworden.

Dabei ist mir vor allem auch die Interaktion und  Einbeziehung meiner Follower wichtig. Meine Follower sind divers. Sie decken von CDU/ CSU bis Linkspartei alle demokratischen Parteien ab. Neben Personen, welche weniger an Politik interessiert sind,  folgen mir Mitglieder des Bundestages,  Landtagsabgeordnete und weitere Personen mit politischem Mandat. Es finden sich Menschen auf meinem Instagram-Account, die regelmäßig auf Gegendemonstrationen gehen und wiederum welche, die noch nie bewusst einen Neonazi gesehen haben. Jüdische und nicht-jüdisch Menschen reagieren auf meine Storys ebenso, wie Personen aus Deutschlands Fußball-Fanszenen. Kurz gesagt ein Account vereint viele Klientelen.

Ich kenne viele Geschichten von Menschen, die schon oft Gewalt von Rechten erlebt haben. Daher stellte ich mir die Frage, wie sieht das bei meinen Followern aus?

Meine letzte Umfrage hatte daher die einfache Frage: “Wurdet ihr schon einmal von Rechtsextremen bedroht/angegriffen?” In der darauffolgenden Story fragte ich weiter: “Wenn ja, was ist passiert?” Insgesamt 63 % der Teilnehmenden gaben an schon einem bedroht oder angegriffen worden zu sein. Innerhalb kürzester Zeit erhielt ich weit über 70 persönliche Antworten mit Erlebnissen von rechtsextremer, antisemitischer, rassistischer, misogyner, sexistischer oder homofeindlicher Gewalt. Diese Antworten veröffentlichte ich anonymisiert in meinen Stories. Wenn wir über rechte Gewalt sprechen, dann sprechen wir zu oft über die Täter*innen und nicht über die Betroffenen. Sie sind es die unsere Aufmerksamkeit und Solidarität erfahren sollten – nicht diejenigen, die Schmerz und Leid verursachen. Ohne es zu merken schuf ich innerhalb weniger Stunden eine Plattform für Menschen,  für welche rechtsextreme Gewalt u.a. harte Realität ist. Wiederum andere haben diese Erfahrungen  dadurch kennengelernt.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit der sogenannten „Neuen Rechten“, Neonazis und rechtsextremen Strukturen in Deutschland, Österreich und anderen Teilen Europas. Ich bin einiges gewöhnt, aber vor allem eine Nachricht machte mich wütend und fassungslos. Ein weiblicher Follower berichtete von einer versuchten Vergewaltigung durch einen Neonazi. Eine Frau berichtete von einem Angriff während ihrer Schwangerschaft. In dutzenden weiteren Nachrichten war von körperlichen Angriffen, Verfolgungen, sogenannten „Hausbesuchen“, Morddrohungen oder Beleidigungen die Rede. Dies erfolgte entweder aufgrund anderer politischer Meinungen, rassischer und rassistischer Zuschreibungen oder der Beobachtung von rechtsextremen Veranstaltungen. Für viele Fußballfans endete auch der Stadionbesuch in Auseinandersetzung mit rechtsextremen Hooligans. Im besten Fall endeten die Erlebnisse mit der Flucht oder einem Schock. Andere wurden bei den Angriffen verletzt und erlitten Traumata.

Wenn ich über Instagram und die Möglichkeiten des Internets schreibe, dann muss ich auch Doxing erwähnen. Viele berichteten, dass private Informationen über sie in rechtsextremen Chatgruppen veröffentlicht wurden. Wozu das Sammeln von Fotos, Telefonnummern und privaten Adressen führen kann, sollte spätestens seit dem Mord an Walter Lübcke allen bewusst sein. In der Vergangenheit wurden unzählige Listen von Neonazis veröffentlicht mit sensiblen Daten Andersdenkender. Durch diese Listen wird explizit dazu aufgerufen, diese Menschen einzuschüchtern, zu verletzen oder sogar zu ermorden.

Meine Instagram-Umfrage ist keinesfalls repräsentativ, aber sie gibt dennoch reale, erschreckende Ereignisse wieder. Vorfälle  die für viele Menschen in Deutschland zur Normalität gehören. Rechtsextreme Angriffe passieren in Ost- und Westdeutschland. Auf dem Land oder in der Stadt. Sie können jeden Menschen treffen, der nicht in das Weltbild der rechten Ideologie passt. Es ist wichtig diese Geschichten zu erzählen und ihnen eine Plattform zu geben. Diese Stories waren gerade für diejenigen ein Weckruf, die sich bisher seltener mit diesem Themenkomplex auseinandergesetzt haben. Es handelt sich keinesfalls um Einzelfälle. Diese Attacken stehen in einer Kontinuität, wie beispielsweise die “Baseballschlägerjahre” zeigen.

Wir haben als engagierte Menschen viel leisten können. Es wurden Beratungsstellen ins Leben gerufen, Unterstützungsangebote geschaffen und solidarische Veranstaltungen abgehalten. Doch wir können und müssen noch mehr tun! Die Mehrheit der Befragten gab an, dass sie sich nicht an die Polizei oder Gerichte gewendet haben. Oftmals haben sie sich durch die Polizei nicht ernst genommen gefühlt. Es braucht bei rechtlichen Schritten der Betroffenen einen konsequenten Opferschutz. Aktuell können die angezeigten Täter*innen durch Einsicht in die Anzeige die Privatadressen ihrer Opfer erhalten.

Wer sich juristisch gegen Rechtsextreme wehrt, sollte nicht weiter in Angst leben müssen!

 

Ruben Gerczikow ist Vizepräsident der „Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD)“ und Vizepräsident der „Europeam Union of Jewish Students (EUJS). Er twittert unter @RubenGerczi

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