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Queerer Widerstand Klaus und Erika Mann

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Erika und Klaus Mann (Quelle: Eduard Wasow, 1927)

Zwar waren auch in der Weimarer Republik unter dem Paragraphen 175 homosexuelle Handlungen zwischen zwei Erwachsenen nach wie vor unter Strafe gestellt, aber zumindest in den Metropolen Deutschlands sah man queeres Leben und Lieben etwas lockerer.

Vor allem Berlin, aber auch andere Großstädte wie Köln oder Hamburg, waren in den 1920er Jahren Zentren des queeren Lebens. Es gab schwule und lesbische Magazine, Clubs, Bars, und mit Magnus Hirschfelds Institut für Sexualforschung ein wissenschaftliches Zentrum, das an der Destigmatisierung und Normalisierung von Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit arbeitete.

Dies alles endete abrupt mit der Machtübernahme der Nazis, unter denen der Paragraf 175 massiv verschärft wurde: bereits das „bloße Anschauen des geliebten Objekts” war Grund, Menschen aufgrund ihres Begehrens zu inhaftieren. Homosexuelle, deren Begehren der auf den Fortbestand des „deutschen Volkes” ausgerichteten nationalsozialistischen Familienpolitik zuwider lief, wurden ab 1934 systematisch verfolgt. Ab 1936 schuf Heinrich Himmler die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung” um militant gegen alles Form von Liebe vorzugehen, die nicht auf Fortpflanzung ausgelegt war. Homosexualität wurde als „entartetes Verhalten” betrachtet, das bestraft gehörte. Homosexuelle Männer wurden unter dem „Rosa Winkel” systematisch in Konzentrationslagern inhaftiert; es wurden Menschenversuche an ihnen durchgeführt, sie wurden zu Tode gearbeitet. Lesbische Frauen wurden zwar aufgrund ihres Begehrens Opfer homofeindlicher Repressionen; jedoch meistens aufgrund anderer, ihnen zugeschriebener Vergehen verurteilt. Auch nicht-geschlechterkonformes Verhalten, unter welches Transgeschlechtlichkeit fällt, wurde systematisch verfolgt und sanktioniert. Die Zahl homosexueller KZ-Häftlinge wird auf zwischen 10.000 und 15.000 geschätzt. Entschädigungen blieben vielen Überlebenden verwehrt — in der Bundesrepublik Deutschland wurde Paragraph 175 erst 1969 reformiert, abgeschafft erst 1994; über 50.000 schwule Männer wurden unter dem Paragraphen verurteilt. Eine Rehabilitierung der homosexuellen NS-Opfer erfolgte erst im Jahre 2002, gegen vehementen Widerstand aus den Unionsparteien und der FDP.

Doch es wäre fatal, queere Menschen ausschließlich als Opfer zu sehen: sie waren aktiv am Widerstand beteiligt. Wir stellen wichtige Figuren des antifaschistischen und queeren Widerstandes vor.

Erika und Klaus Mann

Erika und Klaus Mann waren viel mehr als die Kinder des großen deutschen Schriftstellers Thomas Mann: sie waren selbst Autor:innen, politische Aktivist:innen, und im Gegensatz zu ihrem Vater mit dem eigenen homosexuellen Begehren im Reinen. Die beiden sich ausgesprochen nahestehenden Geschwister begannen schon früh, als Autor und als Schauspielerin und Theaterregisseurin tätig zu werden. Die Machtergreifung der Nazis sollte ihrem Leben als linksintellektuelle, homosexuelle Bohèmiens jedoch ein jähes Ende bereiten. Für die Manns, wie für viele andere Antifaschist:innen, sollten die nächsten Jahrzehnte von Flucht, Kämpfen, Heimatlosigkeit und Ungewissheit bezüglich der eigenen Zukunft geprägt sein.

Sowohl Erika als auch Klaus waren als Kinder der bekanntesten deutschen Intellektuellenfamilie linkspolitischen Ideen nicht abgeneigt; ihre politische Orientierung entwickelte sich – zwangsweise – zum konsequenten antifaschistischen Engagement, permanent auf Kosten der eigenen Sicherheit.

Gemeinsam mit Erikas früherer Liebhaberin und engen Freundin Annemarie Schwarzenbach und einigen anderen Autor:innen publizierten die Manns die antifaschistische Literaturzeitschrift „Die Sammlung”, die in Amsterdam herausgegeben wurde und die Werke deutscher Exil-Schriftsteller:innen, als auch internationaler Künstler:innen wie Aldous Huxley oder Jean Cocteau abdruckte. Erika gründete das politische Kabarett „Die Pfeffermühle”, deren Auftritte in Berlin sofort untersagt wurden. Die Geschwister suchten Asyl in Zürich, wo die „Pfeffermühle” aufgrund Protesten der Schweizer Nationalsozialisten ebenfalls die Pforten schließen musste. Anstatt aufzugeben, bereisten die Geschwister mit ihrem antifaschistischen Kabarett-Programm ganz Europa und gaben über 1000 Vorführungen.

1938 reisten Klaus und Erika Mann, denen die Nazis inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen hatten, nach Spanien, um über den Bürgerkrieg zu berichten und publizierten antifaschistische Bücher. Die Mann-Kinder bereisten auch die USA, um dort über die Verbrechen der Nazis aufzuklären. Unterdessen verfasste Klaus Mann unablässig Romane; sein bekanntester ist wohl „Mephisto”, in dem er die Karriere seines ehemaligen Freundes Gustav Gründgens verarbeitet, der sich trotz seiner Homosexualität zum Günstling des NS-Regimes hochgearbeitet hatte.

Nach Kriegsbeginn arbeitete Erika, die aufgrund einer Scheinehe mit dem schwulen Dichter Wystan H. Auden die britische Staatsbürgerschaft erlangt hatte, als Radiojournalistin für die BBC, später wurde sie Kriegskorrespondentin der alliierten Streitkräfte und berichtete von den Kämpfen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Klaus Mann gelang es, amerikanischer Staatsbürger zu werden, er schloss sich der US-Armee an. Erika Mann war übrigens die einzige Frau, die über die Nürnberger Prozesse berichtete; sie kritisierte die vergleichsweise milden Urteile gegen die zahlreiche Nazi-Prominenten vehement.

Nach dem Krieg zog Erika in die Vereinigten Staaten, um ihren dort lebenden Eltern näher zu sein. Doch auch dort war die Zeit der Repression nicht vorbei: sowohl Klaus und Erika wurden unter dem brutalen Antikommunismus und der Homosexuellenfeindlichkeit der McCarthy-Ära vom FBI überwacht. Klaus Mann, der Zeit seines erwachsenen Lebens unter Depressionen litt, erlag letztendlich seiner Krankheit; die permanente politische Verfolgung und die Gräuel des Krieges trugen ihren Teil zu seinem Suizid bei. Erika verkraftete den Tod ihres geliebten Bruders so wenig, dass sie ihre politische Karriere aufgab, in die Schweiz zog und den Rest ihres Lebens der Pflege ihres Vaters und dem literarischen Nachlass ihres Bruders widmete. Sie verstarb 1969 in Zürich.

Klaus und Erika Mann waren eine treibende Kraft des antifaschistischen Widerstandes, und unermüdlich in ihren Kämpfen. Was von ihnen bleibt, sind ihre Bücher – Erika Manns Kinderbücher und politische Analysen, ihre Kriegsreportagen; Klaus’ Romane, seine Autobiographie, seine Essays – und ihr unermüdlicher Widerstand gegen die Barbarei.


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