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Männerrechtler Schwule Nazis und nachdenkliche Sprüche auf Bildern

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(Quelle: YouTube / Screenshot)

1974 wird Donovan im ländlichen Pennsylvania geboren. Zum Kunststudium zieht er in den 1990er Jahren nach New York und wird dort Teil der schwulen Partyszene, er verdient Geld als Gogo-Tänzer, Trucker und Tätowierer.

2006 veröffentlicht er unter Namen Jack Malebranche sein erstes Buch: „Androphilia“. Er bezeichnet es als „Manifest“ und lehnt darin „schwule Identität“ ab, während „Männlichkeit“ zurückerobert wird. Damit konstruiert er sich eine eigenen Sexualität. Er will nicht mehr „gay“, also homosexuell sein, Homosexualität sei eine politische und kulturelle Bewegung, die „männerfeindlichen Feminismus, Opfermentalität und linke Politik“ vorantreibt. Vielmehr ist Donovan „androphil“. In seinem Manifest heißt es: „Ich habe nicht nur lieber Sex mit männlichen Körpern. Ich fühle mich sozial, sexuell und konzeptionell hingezogen zu erwachsenen Männern und erwachsener Männlichkeit.“ Die LGBTQ*-Community kritisiert er, weil sie Männer verweichliche und den Feminismus unterstützt. Die gleichgeschlechtliche Ehe lehnt er ab, da heterosexuelle Familien für den Fortbestand der Menschheit wichtiger seien. Verbindungen zwischen zwei Männern – Donovan ignoriert alle andere Geschlechter generell – sollten durch Blutrituale gefestigt werden. Obwohl Donovans Philosophie und sein späterer Einfluss auf die Alt-Right viel mit seinem ersten Buch zu tun haben, hat er es 2017 vom Markt genommen, eigenen Angaben nach habe er seitdem „sowohl diese Identität als auch diese Sexualität transzendiert“.

Vom Satanismus zur Alt-Right

Nach zwei Jahren als Priester in der „Church of Satan“ – er hatte für die Kirche unter anderem ein Magazin herausgegeben – tritt Donovan 2009 aus. Er entwickelt seine Philosophie weiter, demnach sind Verbindungen zwischen Männern nicht nur die Basis für männliche Identität, sondern auch für die Gesellschaft als ganze. 2012 veröffentlicht er „The Way of Men“, sein vermutlich einflussreichstes Buch: Ohne viel Gewicht auf Realität und geschichtliche Fakten zu legen, malt sich Donovan darin eine eigene nostalgische Utopie aus, die auf einer Gesellschaft beruht, die nie existiert hat. Laut Donovan hätten Männer immer schon Gruppen gelebt und hätten mit anderen Männergruppen um Frauen und Ressourcen gekämpft — in Donovans Welt gibt es hier keinen großen Unterschied. Diese Männerbünde hätten erst die Sicherheit und Stabilität gebracht, aus der Gesellschaft entstehen konnte. Homosexualität ist in diesen „Gangs“ kein Problem, solange sie nicht „gay“, also verweichlicht, ist. Das Patriarchat ist laut Donovan nur logisch, denn Frauen sind der Preis der Männergruppenkämpfe, aus denen die Gesellschaft entstehe. Donovans selbstausgedachtes Konzept ist starr, also weder Männer noch Frauen können sich scheinbar ändern oder aus denen ihnen vom „Philosophen“ zugedachten Rollen weg.

Jedenfalls ist jetzt die Zivilisation zwischen die Männergangs und ihre Selbsterfüllung gekommen. Damit und vor allem mit dem Feminismus will Donovan aufräumen. Die in vielen Verschwörungserzählungen beliebte „Globalisierung“ und die „Eliten im Hintergrund“ – oft eine antisemitische Chiffre – hätten dem Feminismus geholfen, das Patriarchat abzuschaffen und Frauen in alle bedeutenden Machtpositionen zu helfen. Durch Instrumentalisierung von Vergewaltigungsvorwürfen hätten Frauen alle Macht in ihren Händen.

Bruderschaft gegen Frauen

Aber Donovan hat eine Lösung parat: „The Brotherhood“, die Bruderschaft. Dabei handelt es sich um einen Gesellschaftsentwurf, der an Dystopien wie den Roman und die Serie „Handmaid’s Tale“ erinnert, aber auch die Fantasiewelt eines antifeministisch radikalisierten Pubertierenden: Kleine, verschworene Männergruppen, die zusammen arbeiten. Jedes Mitglied muss sich beweisen. Aus den Gangs entsteht ein Staat. Jeder Mann wird als Krieger ausgebildet und hat eine Stimme, Frauen „wäre es nicht erlaubt, Macht auszuüben oder am politischen Leben der Bruderschaft teilzuhaben, obwohl Frauen immer schon ihre Männer beeinflusst haben und das auch weiter tun werden.“ Der Alt-Right Experte Matthew N. Lyons vergleicht Donovans Ansichten mit denen der christlichen Rechten in den USA, die das Patriarchat stärken wollen und damit Frauen, die ihren Vätern und Ehemännern gehorchen sollen, in traditionelle Rollen drängen. Die idealisierte traditionelle christliche Familie verspreche aber wenigstens persönliche und wirtschaftliche Sicherheit. Donovan glaubt dagegen, die Männergruppen sollten über Frauen herrschen, die ausschließlich Kinder bekommen und sich um Männer kümmern sollen. Lyons beschreibt, wie Donovan die Idee, dass Männer jagen und kämpfen, um die Familie zu ernähren umdeutet. Frauen existieren demnach nur, um mehr Männer in die Welt zu setzen, die Familie nur, um das idealisierte Leben als Männergang möglich zu machen.

In Deutschland erscheinen Donovans Bücher im Antaios-Verlag von Götz Kubitschek. Kubitschek ist einer der zentralen Akteure der sogenannten „neuen“ Rechten in Deutschland. Sein Verlag und das „Institut für Staatspolitik“ (IfS), das er mitbegründet hat, werden vom Verfassungsschutz beobachtet. 2017 trat Donovan bei einer sogenannten „Winterkademie“ des IfS auf, einem Schulungstreffen für Nachwuchskader, und sprach passend zu seiner Ideologie über Gewalt und warum es unbedingt mehr davon braucht. Der rechte rand berichtet hier ausführlich von der Veranstaltung. Danach veröffentlichte er einen Podcast, der heute nicht mehr auffindbar ist, mit Martin Sellner, dem Chef der rechtsextremen „Identitäten Bewegung“ und Übersetzer Martin Semlitsch (aka Martin Lichtmesz). Erst 2020 erschien ein neuer Band seiner „Männertrilogie“ in deutscher Übersetzung bei Antaios. Dabei hatte sich Donovan erst 2017 von der extremen Rechten distanziert.

Schwule Nazis

Donovan gehörte zwischen 2010 und 2017 zur Alt-Right. Laut Lyons hat Donovan, zusammen mit anderen Männerrechtlern, massiv zur frauenfeindlichen und antifeministischen Ideologie beigetragen. In der amerikanischen „neuen“ Rechten wurden demnach Geschlechterrollen zunächst offener diskutiert, sexuelle Übergriffe wurden verurteilt. Spätestens 2014, so Lyons, schlossen sich mehrere Männerrechtler und Antifeministen der Alt-Right an. Damit bekamen auch Donovans Ideen größere Bedeutung. Heute ist die Alt-Right nicht nur antisemitisch und rassistisch, sondern auch frauenfeindlich und antifeministisch.

In der Kommentarspalte des Blogs Sezession wird von der „natürlichen Ordnung“ geträumt. Homosexuelle oder „Androphile“ gehören in der Szene offensichtlich nicht dazu. (Screenshot)

Allerdings ist die extreme Rechte sowohl in den USA als Deutschland auch LGBTQ*feindlich. Donovan kann sich als „androphil“ bezeichnen und ein faschistisches Weltbild verbreiten, an seiner Homosexualität ändert das nichts. Während einige US-Rechtsextreme glauben, dass Homofeindlichkeit eine jüdische Erfindung, und „Männerbünde“, ganz ähnlich wie sie Donovan vorschlägt, die Lösung seien, ist das Thema für viele ein Tabu. Einflussreiche rechtsextreme Websites haben zum Boykott von Veranstaltungen aufgerufen, an denen Donovan teilnehmen sollte. Und auch im Kommentarbereich des neurechten Blogs von Antaios, Sezession, streitet man sich über Donovans Homosexualität. Klar ist: Donovan passt mit seinem ganzen Auftreten, als muskulöser, ledertragender Glatzkopf nicht zur sich intellektuell gebenden „neuen“ Rechten. Dabei personifiziert er eigentlich genau die Form von „soldatischer Männlichkeit“ die für die Strömung doch so wichtig ist, aber in „mitunter übersteigerter Form“, wie Simon Volpers bemerkt, Autor von „Neue Rechte Männlichkeit“, einem Buch über Donovans Politik und Homosexualität in der extremen Rechten.

Abschied von Rechtsaußen?

2017 wendet sich Donovan angeblich von der Alt-Right ab. Er kritisiert, dass es sich um eine rassistische Bewegung handeln würde. Kurz zuvor war bei einer „Unite the Right“-Demonstration in Charlottesville eine Gegendemonstrantin ermordet worden. Unter den Demonstrierenden waren auch Neonazis und Mitglieder des Ku-Klux-Klans, mit denen Donovan nichts mehr zu tun haben wollte. Das alles nicht schon lange vorher gemerkt zu haben, ist nicht besonders glaubwürdig, vor allem nicht, da Donovan nichts von seiner Ideologie aufgibt. Ganz zu schweigen davon, dass er offenbar weiterhin bei Antaios veröffentlicht und somit gegen die deutsche rechtsextreme Szene nichts einzuwenden hat.

Donovan und seine Ideologie hatten auch großen Einfluss auf eine andere Rechtsaußen-Gruppierung, der er noch bis 2018 angehörte. Bei den „Wolves of Vinland“ handelt es sich laut „Southern Poverty Law Center“ um eine pseudoheidnische, neovölkische Gruppierung, die in einem Camp inklusive Wikinger-Halle zusammen lebt. Ganz im Sinne Donovans gibt es Tieropfer und andere blutige Rituale. Die Mitglieder unterstützten auch noch einen „Wolfsbruder“, nachdem er zwei Jahre ins Gefängnis musste, weil er eine Kirche der schwarzen Community anzünden wollte. Und auch in Sachen Frauenfeindlichkeit und Antifeminismus stehen die „Wölfe“ Donovan in nichts nach. In der Gruppe existieren strikt getrennte Rollen für Frauen und Männer, Frauen haben keine Führungsrollen inne.

Seit seinem „Ausstieg“ hat Jack Donovan aufgeräumt. Einige Podcasts, die mit Vertretern der extremen Rechten aufgenommen hat, sind nicht mehr auffindbar. Genauso wie Blogbeiträge über seine Zeit bei den „Wolves of Vinland“. „Bemerkenswerterweise ist nur noch ein Bruchteil der einst versammelten Texte auf Donovans Homepage abrufbar. […] Offenbar dient Donovans Homepage weniger der Archivierung seiner publizistischen Tätigkeit als einer konfliktfreien Selbstdarstellung“, schreibt Simon Volpers

Donovan benutzt unter anderem Instagram zur Eigenwerbung und um neue Jünger für seine Ideologie anzusprechen oder für sein „experimentellen Ritualort“ in Wikingeroptik, an dem er ausgedachte pseudoheidnische Rituale abhält. Der Ort heißt übrigens „Waldgang“, angelehnt an den Titel des Essays von Ernst Jünger, einem der Säulenheiligen der „neuen“ Rechten. Fast 40.000 Follower:innen hat Donovan auf Instagram und postet regelmäßig offensichtlich stark bearbeitete und produzierte Fotos von sich selbst: Nackter Oberkörper, nachdenklicher Blick, viel Natur. Darunter lange Kommentare, zu allem was ihn gerade zu bewegen scheint, immer recht esoterisch und eher auf dem Level von Kalendersprüchen oder Motivationszitaten, die Rechtsaußen-Ideologie ist verdeckter als zuvor. Dass sich aber an dieser Ideologie viel geändert hat, ist äußerst fraglich. Klar ist, dass er weiterhin ein steinzeitliches Geschlechter- und Weltbild voran treibt, dass vollständig zur menschenfeindlichen Ideologie rund um Alt-Right und „neuer“ Rechter passt.


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