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Rechtsextremismus und Islamismus Das Internet als Medium radikaler Ideologien

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Tagungssaal im Rathaus Charlottenburg (Quelle: Alina Valjent)

Wer die Unsterblichen kennt, hat die Sprachchöre im Hintergrund schnell identifiziert: „Frei, sozial und national!“. Eindeutig Parolen rechtsextremer Gruppierungen. Doch der Einsatz von Musik, die Stilisierung der Demokratie als Feindbild und die Verteufelung der „manipulierten und manipulierenden“ deutschen Medien – all diese Merkmale rechtsextremer Anwerbungsvideos finden sich auch in Videos islamistischer Kräfte, die sich speziell an deutsche Muslime richten.

Anwerbungsstrategien extremistischer Gruppen

Genau an diesen Gemeinsamkeiten setzte der Workshop „Das Internet als Medium radikaler Ideologien“ an, der im Rahmen der Tagung „Jung und Radikal“ stattfand. Workshop und Tagung entstanden aus einer Kooperation der „City Volkshochschule West“ und der „Mobilen Beratung Ostkreuz“. Eine Mitarbeiterin der „Mobilen Beratung Ostkreuz“ leitete den Workshop, der sich mit der Verbreitung rechtsextremen sowie islamistischen Gedankenguts im Netz beschäftigte. Diese beiden radikalen Ideologien, die zunächst so unterschiedlich, beinahe gegensätzlich wirken, weisen doch zahlreiche Ähnlichkeiten in Struktur und Anwerbungsstrategie auf.

Extremistinnen und Extremisten wissen genau, mit welchen Themen sie an Jugendliche im Internet herantreten müssen, um sie für ihre Sache – sei es nun radikaler Islamismus oder Rechtsextremismus – zu gewinnen. Sie appellieren an das Gerechtigkeitsempfinden und den Idealismus der Jugendlichen, gehen auf deren Bedürfnis nach „Sinnsuche“ ein und versprechen den Anschluss an soziale Gruppen.

„Dein kurzes Leben mach unsterblich“

Die Kampagnen der „Unsterblichen“ sind medial durchdacht, professionell aufgemacht und mitreißend. Mit Fackelmärschen und ähnlich konspirativen Aktionen zogen die Brandenburger „Spreelichter“ in der Vergangenheit viel Aufmerksamkeit auf sich. Sie sprechen die Abenteuerlust einer Generation an, der es an „System-Rebellen“ fehlt. Das Bedürfnis, sich für ein politisches oder religiöses Ziel zu „opfern“, drückt sich hier ebenso aus, wie die Suche nach der eigenen Identität.

Der bekannteste Slogan der Unsterblichen lautet „Damit die Nachwelt nicht vergisst, dass du ein Deutscher gewesen bist“. Der in diesen Zeilen steckende Aufruf zu Aktionismus führte bisher schon zu zahlreichen Kundgebungen, Fackelmärschen und anderen Aktionen. Es scheint ja auch so einfach, „unsterblich“ zu werden: Maske besorgen, Aktion starten, auf Video oder Foto festhalten, übers Netz verbreiten – so die Kurzfassung der Aufforderung der Unsterblichen auf deren Homepage. Klingt erst einmal spannend und vergleichsweise unpolitisch. Doch hinter der Kampagne steckt wieder einmal die unbegründete Angst vor „Volkstod“ und Überfremdung.

Die Unsterblichen sind auch darum so erfolgreich, weil sie es fertig bringen, durch spontane und konspirative Aktionen ein Gemeinschaftsgefühl zu erschaffen wissen. Diese Botschaft spricht besonders Jugendliche an, denen das Gefühl vermittelt wird, sich durch derartige Aktionen aus dem Kollektiv hervorzuheben, und sich gleichzeitig als Einzelperson für eine „größere Sache“ einsetzen zu können.

Unsterblichkeit – Islamismus für Diesseits und Jenseits

Unsterblichkeit ist ein Begriff, den man häufig eher mit Religion assoziiert. Auch im Islam gilt der Dualismus von Körper und Seele. Der Körper vergeht, doch die Seele ist unsterblich. Unsterblichkeit zu erlangen bedeutet somit, sich vor Allah als guter Muslim zu beweisen, um sich um das Paradies verdient zu machen. Während für die Mehrheit der Muslime Werte wie Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Nächstenliebe einen guten Muslim ausmachen, nutzen radikale Islamistinnen und Islamisten die vielschichtigen Deutungsmöglichkeiten des Korans für ihre Zwecke aus. Im Islam gibt es viele Gelehrte, die den Koran ganz verschieden interpretieren und daraus Handlungsanweisungen ableiten, die mehr oder weniger mit den sogenannten westlichen Werten im Einklang stehen.

Während in vielen Köpfen immer noch das Stereotyp der „99 Jungfrauen im Paradies“ vorherrscht, konzentrieren sich auch islamistische Aktionsgruppen mittlerweile wesentlich mehr auf das Diesseits als auf das Jenseits. Sie appellieren an das Gerechtigkeitsempfinden ihrer „Brüder und Schwestern“ angesichts des „Krieges gegen den Terror“ und der damit einhergehenden „Unterdrückung der Muslime“.

„Der Ruf zur Wahrheit“

Ähnliche Aufmachung, anderer Inhalt: Eine Gruppe vermummter junger Leute marschiert, die Gewehre vor der Brust, durch schneebedecktes Gebiet. Sie tragen schwarze Banner mit arabischen Schriftzeichen. Schießübungen und Militärtraining, immer wieder ruft jemand „Allahu akbar“ – Allah ist groß. Im Hintergrund pathetische Musik, die nach Heldentum, Freiheit und Rebellion klingt – sogenannte „Nasheeds“, religiöse Lieder, die hier mit islamistischen Botschaften gefüllt werden. „Wir halten nicht still gegen jede Art von Ungerechtigkeit, Terror und Tyrannei. Wir streben nach dem Besten für die Menschen, und die gesamte Menschheit. Und das Beste für die Menschen ist die Scharia!“

In dem Video „Der Ruf zur Wahrheit“ folgt auf eine Reihe von Darstellungen von Kampfübungen der „Deutschen Taliban Mujahidin“ in Afghanistan die Rede eines Islamisten. Er wendet sich in seiner Ansprache an „diejenigen aus dem deutschen Volk, die bereit sind, endlich mal ihren Verstand zu nutzen“. Weiter führt er aus, dass Deutschland sich Deutschland im Krieg befände und erläutert die Situation der Zizilbevölkerung in Afghanistan, um darzustellen, dass Amerika einen Krieg gegen den Islam führt.

Musik als Einstieg in die Szene

Während in rechtsextremen Milieus Musik oft den Einstieg in die Szene darstellt, führt das Thema Musik in islamistischen Kreisen häufig zu Uneinigkeiten. Streng gläubigen Muslimen ist es nämlich eigentlich untersagt ist, Musik zu hören. Religiöse Lieder werden von einigen Musikern mittlerweile einfach in zwei Versionen produziert – sowohl mit als auch ohne Musik. In der islamistischen Szene sind Lieder des früheren Berliner Rappers Deso Dogg, jetzt „Abu Talha al Almani“, äußerst beliebt. Einige seiner Lieder sowie viele Lieder rechtsextremer Bands stehen seit Jahren auf dem Index, verbreiten sich aber trotzdem immer noch über diverse Internetforen und -tauschbörsen.

„Steht auf und setzt euch ein für die Ummah (…) Ich werde kämpfen bis zum letzten Atemzug“ heißt es in einem von Abu Talhas Nasheeds, die ohne Musik und auf Deutsch produziert sind. Während „Ummah“ eigentlich bloß so etwas wie „Gemeinschaft“ bedeutet, wird es in islamistischem Kontext häufig als das Ziel der „Vereinigung“ oder „Zusammenführung“ aller Muslime verwendet, zu dessen Erreichung auch Gewalt eingesetzt werden darf. Da Außenstehende radikalislamistische oft nicht von religiösen Gesängen unterscheiden können, geraten Lieder in arabischer Sprache oft unter Generalverdacht. So singt auch der britische Sänger Sami Yusuf von der „Ummah“ – allerdings ohne radikal-islamistischen Hintergrund.

Kampf für Heimat und Identität

Muslime in Deutschland leben oft zwischen den Kulturen. Auch wenn sie selbst sich als Deutsche mit „muslimischem Hintergrund“ wahrnehmen, wird ihnen von außen oft der Stempel „Moslem“ aufgedrückt, ganz gleich wo sie geboren sind, als sei die Zugehörigkeit zu einer anderen Religion schon Ausschlusskriterium für eine Zugehörigkeit zur deutschen Nationalität. Die Gleichsetzung der Religion Islam mit dem Begriff der Heimat passiert so also vielmals schon durch die Gesellschaft. Dies erleichtert es Islamistinnen und Islamisten natürlich wesentlich, bei jungen Menschen, denen eine nationale Identifikation schwer gemacht wird, das Bedürfnis zu wecken, stellvertretend die eigene Religion als Teil der Identität zu verteidigen.

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