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Rechtsrock „Das ist keine Jugendkultur“

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Hessischer Neonazi auf einem Rechtsrock-Konzert. (Quelle: KA)

Während der Covid-19-Pandemie sind die meisten Rechtsrock-Konzerte in Deutschland entfallen. Dennoch ist die extrem rechte Musikszene aktiv: Die Bands proben, veröffentlichen Tonträger und machen Werbung in den Sozialen Netzwerken. Timo Büchner sprach mit dem Sozialpädagogen Jan Raabe über aktuelle Tendenzen in der deutschen und internationalen Rechtsrock-Szene. Raabe ist ehrenamtlicher Referent im Verein „Argumente und Kultur gegen rechts“ und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Musik der extremen Rechten.

Belltower.News: Welche Rolle spielt die Musik in der extremen Rechten? Ist sie ein Propagandainstrument?
Jan Raabe: Das würde ich so nicht sagen. Meines Erachtens führt die Begrifflichkeit zu einer verzerrten Wahrnehmung. Die Rede vom Propagandainstrument deutet an, Neonazis würden Musik aus Gründen der Rekrutierung oder einer vielbeschworenen „Unterwanderung“ machen. Doch Neonazis machen Musik, um ihre Meinung zu äußern – andere äußern die am Stammtisch. Die Musik ist Ausdrucksmittel und Lebenswelt vieler Neonazis. Sie ist Ausdruck der menschenverachtenden Ideologie, die in dieser Szene gelebt wird. Sie dient zur Kommunikation und Verständigung. Natürlich ist sie in diesem Sinn auch Propaganda. Musik hat in der extremen Rechten einen wichtigen Stellenwert und muss wahr- und ernstgenommen werden.

Wie bewerten Sie die Rechtsrock-Szene in der Covid-19-Pandemie 2020/21?
Die Entwicklung im Rechtsrock ist kaum von der Entwicklung in anderen Bereichen der Musikkultur zu unterscheiden. Nicht nur die Musik des Mainstreams, sondern auch die Rechtsrock-Szene ist durch die Pandemie erheblich eingeschränkt worden. Festivals, Konzerte und Liederabende konnten nicht stattfinden. Lediglich ein Viertel der zuvor durchgeführten Veranstaltungen wurde durchgeführt. Wenn eine Veranstaltung stattfinden konnte, mussten starke Einbußen in Kauf genommen werden. Aber die Bands haben über die Sozialen Medien versucht zu demonstrieren, dass sie weiterhin aktiv sind, dass sie proben und CDs produzieren. Sie haben zur Schau gestellt, dass die Pandemie nicht das Ende ihrer Aktivitäten bedeutet.

Wo waren Bands und Liedermacher:innen während der Pandemie präsent – ohne Festivals, Konzerte und Liederabende? Haben sie an den Querdenken-Protesten teilgenommen?
Einzelne Bandmitglieder haben durchaus an den Protesten gegen die Corona-Schutzmaßnahmen teilgenommen. Eine flächendeckende Einschätzung ist schwierig. Allerdings gibt’s Rechtsrock-Lieder, die die Pandemie aufgegriffen haben und ins gleiche Horn wie die Querdenker stoßen. Wir haben erlebt, dass sich Musiker der Rechtsrock-Szene – z.B. Hannes Ostendorf, der Sänger von „Kategorie C“ – mit Musikern wie Xavier Naidoo, die sich im Laufe der Pandemie ideologisch radikalisiert haben, zusammentun, um gemeinsam Musik zu machen. Das ist durchaus eine spannende Entwicklung. Andererseits gibt’s Akteure in der Rechtsrock-Szene, die gesagt haben: Hey, was soll der Schwachsinn? Covid ist eine reale Pandemie …

Welche Tendenzen stellen Sie in den vergangenen Jahren mit Blick auf die Produktion und den Vertrieb extrem rechter Tonträger fest?
Die Anzahl der Labels und Vertriebe in Deutschland schrumpft. Aber das ist meines Erachtens kein Grund zur Entwarnung. Denn hinter der sinkenden Anzahl steckt die Professionalisierung einiger Labels und Vertriebe. In den 1990er-Jahren gab’s viele Label, die zwei, drei CDs im Jahr nach dem DIY-Prinzip produziert haben. Die Ansprüche waren gering. Heute beobachten wir, dass sich der Rechtsrock-Markt auf wenige Label konzentriert. Sie haben einen immer größeren Anteil der Neuerscheinungen und beherrschen den Markt, indem sie 70 bis 80 Prozent abdecken. Diese Labels werden immer professioneller. Sie haben einen eigenen Grafiker und sind in Sachen Werbung bestens aufgestellt.

Wo sind die Labels zu verorten?
Die meisten Rechtsrock-Label sind im Osten Deutschlands angesiedelt. PC Records sitzt in Sachsen, OPOS Records und Rebel Records sitzen in Brandenburg. Aber die Behauptung, einflussreiche Labels gäb’s nur im Osten, wäre falsch. Beispielsweise war Das Zeughaus bis vor einigen Wochen in Bayern angesiedelt. Mit Oldschool Records gibt es dort ein weiteres wichtiges Label. Nicht zuletzt müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Akteure, die bereits in den 1990er-Jahren im Westen Deutschlands ein eigenes Label betrieben haben, heute in die bundesweiten Strukturen eingebunden sind.

Welche Tendenzen stellen Sie in den vergangenen Jahren mit Blick auf die Auflagen extrem rechter Tonträger fest?
Die Auflagen sinken. Das verwundert, wie ich finde, nicht. Denn die Tendenz, dass weniger CDs gekauft werden, sehen wir gleichermaßen im Mainstream. Viele Menschen hören Musik nur noch digital über Streamingdienste. CDs verlieren insgesamt an Bedeutung. Im Bereich des Vinyls ist eine gegenteilige Entwicklung zu sehen. Wir erleben im Mainstream einen Boom der Schallplatten. In der Rechtsrock-Szene ist das ähnlich. Das Vinyl ist etwas Haptisches, hinzu kommt der beliebte Retro-Style. CDs, die in den 1990er-Jahren erschienen sind, werden heute auf Platte nachgepresst, das sind quasi Erinnerungen an die Jugend. Es gibt unglaublich viele Vinyl-Veröffentlichungen. Sie erscheinen oftmals in einer Sammleredition mit geringer Auflage. Das steigert die Attraktivität zum Kauf.

Ist die Musik der extremen Rechten über die Streamingdienste verfügbar?
Inzwischen schauen die großen, kostenpflichtigen Streamingdienste meiner Einschätzung nach, dass kein Rechtsrock im Angebot ist. Bei den kostenfreien Diensten sieht’s teilweise anders aus. Da ist Rechtsrock durchaus präsent. Mittlerweile gibt’s Versuche neonazistischer Akteure, eigene Dienste zu betreiben. Aber das hat aus meiner Sicht noch keine allzu große Bedeutung.

Welcher Musikstil dominiert die Musik der extremen Rechten?
Rock ist, so meine Einschätzung, bis heute das bestimmende Genre in der extrem rechten Musik. Aber der NSHC [National Socialist Hardcore, d.h. Hardcore mit extrem rechten Inhalten, TB] ist ein wachsender Bereich im Spektrum der Musik. Und: Mit dem NSBM [National Socialist Black Metal, TB] ist ein Bereich entstanden, der bruchlos in den üblichen Black Metal übergeht, der kaum vom üblichen Black Metal zu trennen ist. Denn sowohl Black Metal als auch NSBM äußern Vernichtungsfantasien und nehmen Bezug zur germanischen und nordischen Mythologie. Wir sollten begreifen, dass fast keine Musik davor gefeit ist, extrem rechte Inhalte zu transportieren. Das haben wir nicht zuletzt am Rechtsrap beobachten können. Allerdings ist der Rechtsrap ein Bereich, der in Anbetracht weniger Akteur:innen  eine eher geringe Rolle spielt.

Wie schätzen Sie die Altersstruktur der Besucher:innen extrem rechter Musikveranstaltungen ein?
Die Frage nach der Altersstruktur finde ich spannend. In der Boomzeit der deutschen Rechtsrock-Szene, Anfang und Mitte der 1990er-Jahre, waren viele Menschen überzeugt, das sei eine Jugendkultur. Man hatte die Haltung, das wachse sich heraus. Häufig ist von der „Einstiegsdroge“ die Rede gewesen. Heute muss konstatiert werden: Nein, das ist keine Jugendkultur. Das Publikum extrem rechter Musikveranstaltungen ist gemischt. Wir haben sowohl junge als auch ältere Leute. Das Altersspektrum reicht von jungen Menschen und Menschen mit 30, 40 Jahren bis hin zu Menschen, die Anfang der 1990er-Jahre in der Szenerie sozialisiert wurden und mit über 50 Jahren noch Konzerte besuchen.

… und wie schätzen Sie das Geschlechterverhältnis der Besucher:innen ein?
Das Geschlechterverhältnis hat sich über die Jahre hinweg verändert. Wir sehen heutzutage mehr Frauen, auch junge Frauen, bei Rechtsrock-Konzerten. Diese Entwicklung spiegelt sich allerdings nicht auf der Bühne wider. Bis heute haben wir im Bereich extrem rechter Musik sehr wenige Musikerinnen in der Bundesrepublik. Meiner Einschätzung nach beträgt der Anteil der Männer, die auf der Bühne stehen, etwa 95 Prozent.

Ist Deutschland das einzige Land mit einer aktiven Rechtsrock-Szene?
Es gibt – ausgenommen Afrika – auf sämtlichen Kontinenten mindestens kleine Rechtsrock-Szenen. In Australien gibt’s eine kleine, aber konstante Szene mit populären Bands wie „Fortress“, in der Ukraine gibt’s eine äußerst vitale Szene, die auch große Events veranstaltet, in Japan gibt’s eine aktive Szene, in den USA ist derzeit eher wenig los. In diesen Tagen findet ein beachtliches Konzert mit „Brutal Attack“ zu deren 40-jährigem Bestehen in Mexiko statt. Spannend ist, dass wir in vielen Ländern mit einer verankerten Rechtsrock-Szene auch eine rechte, in den Mainstream reichende Politik haben. Beispielsweise Italien, Ukraine, Ungarn. An dieser Stelle wird deutlich, dass das kein Zufall ist. Es gibt eine Verbindung zwischen gesellschaftspolitischen Entwicklungen und der Musik der extremen Rechten.

Wie schaut’s mit Skandinavien aus? Schließlich ist die nordische Mythologie bis heute ein elementares Thema in der Szene …
Sowohl Finnland als auch Schweden verfügen über eine aktive Rechtsrock-Szene. Derzeit ist Norwegen kaum vertreten. Das gilt für Bands und Konzerte gleichermaßen. In Finnland und Schweden haben wir feste Strukturen, nicht zuletzt aus dem Spektrum von „Blood & Honour“ [internationales Rechtsrock-Netzwerk, TB] und „Hammerskins“ [internationale Neonazi-Bruderschaft, TB]. Finnland hat einen Schwerpunkt im Black Metal, Schweden im klassischen Rock.

Welche Faktoren haben zur Internationalisierung des Rechtsrock geführt?
Die Ideologie, die im Rechtsrock transportiert wird, orientiert sich an den vermeintlichen Rassen und am weißen Überlegenheitsdenken. An dem, was „White Supremacy“ genannt wird. Dieses Denken ermöglicht, über den klassischen Nationalismus hinauszukommen und grenzüberschreitende Netzwerke zu schmieden. So konnte die Reichweite erhöht werden. Hinzu kommt die Orientierung an der SS, die nach Stalingrad konzeptionell umgeschwenkt ist und die „germanische SS“ mit der Vision eines weißen Europas erfunden hat. Man zeichnete das Bild eines Europas der Vaterländer, wo die einzelnen Völker eigenständig agieren, aber unter einem Dach, dem des Nationalsozialismus.

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