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Rechtsrock in der Corona-Pandemie oder Warum sich Rechtsrock-Konzerte im digitalen Raum nicht etablieren werden

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(Quelle: Unsplash)

Die Corona-Pandemie hat weitreichende Folgen: Das Versammlungsrecht ist in zahlreichen Staaten auf der ganzen Welt erheblich eingeschränkt, um Infektionsketten zu unterbrechen und Menschen vor einer Erkrankung an COVID-19 zu schützen. Die Ausgangsbeschränkungen, die in weiten Teilen Europas in Kraft getreten sind, wirken sich auf sämtliche Bereiche des Alltags aus.

Zusammen mit dem eingeschränkten Versammlungsrecht betrifft das nicht zuletzt die transnational organisierte Rechtsrock-Szene. Europaweit mussten unzählige Festivals, Konzerte und Liederabende abgesagt werden. Man denke beispielsweise an die beiden Rechtsrock-Festivals „Defend Europe II“ (Italien, 11.04.) und „Fortress Europe“ (Ukraine, 22./23.05.). Derweil versuchen einige Rechtsrock-Musiker, Auftritte in den digitalen Raum zu verlegen. Der Musikwissenschaftler und Rechtsrock-Experte Thorsten Hindrichs zählt 14 Online-Auftritte extrem rechter Liedermacher*innen und Bands im Monat April. Darunter „Kategorie C – Hungrige Wölfe“, „Bronson“ (Italien) und „Fehér Törvény“ (Ungarn).

Am Ende eines „Kategorie C“-Auftritts, der im Netz kursiert, blenden die Musiker eine Stellungnahme zur aktuellen Lage ein, worin sie die Kontaktsperre mit der (scheinbaren) Repression staatlicher Behörden gegen die Rechtsrock-Szene vermengen. Sie schreiben: „Das KC-Wolfsrudel weiss schon seit Jahren wie es ist wenn man eingesperrt, drangsaliert und isoliert wird. […] Ob ausgefallene oder verbotene Konzerte, die abschätzigen Blicke der sogenannten Gutmenschen. Die alltägliche Schikane von oben.“ [alle Fehler im Original] Im Lied „Total dicht“, das „Kategorie C“ gemeinsam mit „Heureka“ und „Henry 8“ veröffentlichte, verbreiten die Musiker dieselbe Botschaft. Sie singen: „Der Traum wird wahr | Die Menschheit sitzt im Knast“.

Screenshot aus dem Video „Total dicht“ der Rechtsrockbands Kategorie C, Heureka und Henry 8

Online-Auftritte extrem rechter Musiker*innen sind ein Corona-bedingtes und zeitlich äußerst begrenztes Phänomen, sie werden sich in der Rechtsrock-Szene keinesfalls etablieren. Warum sind sie keine Alternative zur Offline-Performance?

Es ist sicherlich kein Zufall, dass der „Kategorie C“-Sänger Hannes Ostendorf während seines Online-Auftritts von Fanartikeln seiner Band umringt ist. Er erhofft sich wohl die ein oder andere Bestellung. Denn durch die entfallenen Festivals, Konzerte und Liederabende bricht der Merchandising-Handel ein. Finanzielle Einbußen treffen nicht nur einzelne Bands und Liedermacher*innen der extremen Rechten, sie treffen das gesamte Rechtsrock-Business. Die Bands und Liedermacher*innen, die Organisator*innen und Veranstalter*innen von Rechtsrock-Events und die Geschäftsführer*innen von Labels und Versänden spüren die Absage der Veranstaltungen gleichermaßen. Am Ende wirken sich die finanziellen Einbußen auf alle Bereiche der Neonazi-Szene aus, in die Gewinne von Rechtsrock-Events fließen. Das reicht von der Deckelung anfallender Anwaltskosten bis zum Aufbau rechtsterroristischer Strukturen. Die Bedeutung extrem rechter Musikveranstaltungen zur Finanzierung der Szene verdeutlicht ein Blick auf einen Hotspot der deutschen Rechtsrock-Szene: das Bundesland Thüringen.

Die Mobile Beratung in Thüringen (MOBIT) zählt 65 Musikveranstaltungen der Neonazi-Szene im Jahr 2019. Das ist durchschnittlich mehr als eine Veranstaltung pro Woche. Darüber hinaus vermutet die Beratungsstelle eine vergleichsweise hohe Dunkelziffer, weil die Szene zunehmend auf eine öffentliche Bewerbung ihrer Events verzichtet. Gerade Liederabende gewinnen eine wachsende Bedeutung und sind eine unterschätzte Gefahr. Im Vergleich zu Festivals und Konzerten sind sie ohne allzu viel Aufwand zu organisieren. Und auch hier tragen erzielten Einnahmen zum Ausbau und zur Etablierung extrem rechter Strukturen bei. Das gab der Liedermacher Axel Schlimper im Rahmen eines Konzerts, das Ende Juli 2017 in Themar (Lkr. Hildburghausen) stattfand, unumwunden preis: „Die einzige Möglichkeit, die wir haben, um Strukturen aufzubauen, ist der kommerzielle Erfolg. Wie soll’s denn sonst laufen?“ Der „kommerzielle Erfolg“ bleibt in Zeiten der Corona-Pandemie aus. Auch MOBIT vermutet daher: „Digitale Formate […] können und werden die Live-Konzerte und -Liederabende nicht dauerhaft ersetzen.“

Mitte April veröffentlichte Beratungsstelle die Broschüre „Zwischen Gewalt, RechtsRock und Kommerz. Der Multifunktionär Thorsten Heise“. Sie knüpft an die 2017 erschienene Broschüre „Hass und Kommerz. RechtsRock in Thüringen“ an. Die Rolle Heises in der deutschen Rechtsrock-Szene unterstreicht die Bedeutung extrem rechter Musikveranstaltungen für die Finanzierung. Der NPD-Kader Heise ist „ein zentraler Akteur der international vernetzten extremen Rechten“, der sich im Umfeld von „Blood & Honour“ und „Combat 18“ bewege. Zugleich sei Heise fest in das Rechtsrock-Business integriert (vgl. Kapitel „Firmengeflecht Fretterode“) und veranstalte regelmäßig stattfindende Rechtsrock-Events wie den „Eichsfeldtag“ (Thüringen) und das „Schild & Schwert-Festival“ bzw. „Skinheads back to the roots Festival“ (Sachsen). Letzteres hätte Mitte April stattfinden sollen, musste jedoch wegen Corona abgesagt werden. Das sind finanzielle Einbußen im Kleinen, die, wenn sie sich mehren, das Wirtschaftsmodell langfristig ins Wanken bringen.

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