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Neue Publikation von mobit Rechtsrock-Konzerte als temporäre national befreite Zonen

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Thorsten Heise bei einer Demonstration 2019. (Quelle: BTN)

Neben dem Versandhandel mit extrem rechten Devotionalien und Tonträgern fungiert Heise auch verstärkt als Organisator von Rechts-Rock-Konzerten und teilweise mehrtägigen Neonazi-Events, manchen gilt er von Beginn an als „organisatorische Schlüsselfigur dieser rechten Gegenkultur“[1]. Seit 2011 organisieren Heise und sein Umfeld die jährlich stattfindende RechtsRock-Veranstaltung „Eichsfeldtag“ im südlichen Leinefelde. Das Thüringer Ministerium für Inneres und Kommunales schreibt im Juli 2017 dazu: „Die NPD versucht mit dieser Versammlung, ihren in den letzten Jahren verloren gegangenen Einfluss innerhalb der rechtsextremistischen Szene wieder zu erweitern. Dabei dient ihr diese Veranstaltung nicht nur als Scharnierfunktion zwischen Neonazis und der subkulturell geprägten rechtsextremistischen Szene, sondern die Veranstaltung erfüllt auch Funktionen der Mobilisierung und Ideologisierung.≪[2]

Immer wieder treten dabei RechtsRock-Bands aus dem ehemaligen Blood & Honour-Netzwerk (B&H) auf. Besuchten anfangs noch etwa 1.000 Personen das Open-Air-Event auf dem Ohne-Sportplatz, stagniert die Teilnehmer*innenzahl in den vergangenen Jahren zwischen 300 und 500 Personen. Einen Tiefstand erreichte die Zahl 2019, als lediglich 140 Personen das als „Europawahlkampfabschluss“ deklarierte RechtsRock-Open-Air besuchten, das seit seiner Premiere als „politische Versammlung“ angemeldet wird. Um die Genehmigung durch das Versammlungsgesetz abzusichern, treten auf dem „Eichsfeldtag“ zwischen den RechtsRock-Bands extrem rechte Redner*innen auf. Ein Eintritt wird offiziell nicht erhoben – stattdessen wird auf eine Spende verwiesen, die beim Betreten des Veranstaltungsortes errichtet werden soll. Diese Regelung erschwert eine konkrete Bezifferung der Einnahmen.[3]

Inzwischen ist der ≫Eichsfeldtag≪ die einzige RechtsRock-Veranstaltung unter freiem Himmel in Thüringen, die bis heute jährlich am selben Ort stattfindet – zwischen 2011 und 2017 wurden beim „Eichsfeldtag“ 134 Straftaten von Neonazis begangen, Ordnungswidrigkeiten wurden dabei nicht mitgezählt. Beispielsweise kam es nach dem Ende des Open Airs 2017 in einem Regionalzug aus Leinefelde zu einer Gewalttat, als zwei irakische Staatsbürger mit Fäusten, Flaschen und Reizgas attackiert wurden. Zwei Tage später wurde die Haustür eines Organisators der Gegenproteste mit einem Hakenkreuz beschmiert. Mit dem jährlich stattfindenden „Eichsfeldtag“ hat eine Normalisierung der extremen Rechten eingesetzt. Als Problem werden oftmals nur die Proteste und deren Träger*innen wahrgenommen.

In Leinefelde entsteht jedes Jahr rund um den Ohne-Sportplatz eine temporäre Angstzone, die eine No-go-Area für Menschen geworden ist, die zum Feindbild der extrem rechten Szene zählen. Als Ordnerdienst werden stets Mitglieder der von Thorsten Heise ins Leben gerufenen Arischen Bruderschaft (AB) eingesetzt, die das Symbol der zwei gekreuzten Stabhandgranaten tragen. Zum ersten Mal fand der Name im Jahr 2000 vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung um B&H Verwendung, 2004 war ein AB-Transparent bei einem RechtsRock-Konzert in Sachsen zu sehen, ein Jahr später war die AB für das letzte Konzert von Michael Regener vor dessen Haftantritt in Pößneck zuständig. Sie gilt als Vereinigung führender Kameradschaftsmitglieder von Kameradschaften aus Sudniedersachsen, Hessen, Thüringen und Nordrhein-Westfalen und wird als Elite oder übergeordnet organisierte Kameradschaft mit entsprechendem Bekanntheitsgrad bezeichnet.

Im WB-Versand werden Kleidungsstücke mit dem Namen „Arische Bruderschaft“ angeboten, 2010 versuchte Heise, die Marke „Arische Bruderschaft“ eintragen zu lassen, scheiterte jedoch, weil mit der Eintragung ein „Verstoß gegen die öffentlichen Sitten“ (§ 8 Abs. 2 Nr. 5) vorliege. Offenbar ist den Behörden die Ähnlichkeit mit dem Symbol der berüchtigten historischen SS-Division Sonderkommando Dirlewanger zu groß.

Die Arische Bruderschaft ist auch Teil des Ordnerdienstes beim mehrtägigen Neonazi-Event „Schild und Schwert„-Festival im sächsischen Ostritz nahe der deutsch-polnischen Grenze, das Heise seit 2018 veranstaltet. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Abkürzung „SS“ lautet, die Premiere fand im April 2018 am Geburtstag Adolf Hitlers statt. Nach Heises Angaben ist das Ziel, „eine Veranstaltung zu schaffen, die alles vertritt: Politik, Kunst, Musik und Sport“. Das Konzept erinnert an eine modernisierte Version des besonders Anfang der 2000er-Jahre erfolgreichen „Pressefestes“ des NPD-Parteiblatts Deutsche Stimme, das mit Diskussionen, Volkstänzen und RechtsRock unter freiem Himmel bis zu 7.000 Neonazis anlockte. Auch in Ostritz finden neben den Auftritten der RechtsRock-Bands auch Podiumsdiskussionen statt, außerdem werden die Festivals um Kampfsportevents wie den „Kampf der Nibelungen“ ergänzt, die in der extrem rechten Szene an Attraktivität gewinnen. Was vordergründig wie ein Schaukampf aussieht, ist für viele Neonazis die Voraussetzung, den Kampf auf der Straße zu trainieren und die ausgemachten Gegner*innen mit einfacher Gewalt zu Boden strecken zu können. Tödliche Verletzungen werden dabei einkalkuliert.

Im Jahr 2018 besuchten etwa 1.300 Neonazis das Festival in Ostritz, im März 2019 griffen bei der zweiten Auflage des Festivals Besucher*innen massiv Pressevertreter*innen und Fotograf*innen an, u. a. unter Einsatz eines Feuerlöschers, und drängten die Polizei aus einem Festzelt heraus. Zudem sind besonders große Konzerte wie das „Schild und Schwert“ Treffpunkte von Führungspersonen extrem rechter Vereinigungen – etwa von Mitgliedern des Combat 18Netzwerks, die dem Repressionsdruck der Behörden entgehen, indem sie sich am Rande der Veranstaltungen treffen und vernetzen können.

Der Text ist ein Auszug aus der Broschüre:

Titelbild der Broschüre „Kai Budler:
Zwischen Gewalt, Rechtsrock und Kommerz. Der Multifunktionär Thorsten Heise. Erfurt 2020.“

Mobit – Mobile Beratung in Thüringen gegen Rechtsextremismus und für Demokratie (Hrsg.):

Kai Budler:
Zwischen Gewalt, Rechtsrock und Kommerz. Der Multifunktionär Thorsten Heise. Erfurt 2020.

Hier bestellbar und als PDF verfügbar: https://mobit.org/

 


[1] Nobert Frei, Franka Maubach, Christina Morina, Maik Tandler: ≫Zur rechten Zeit≪. Berlin, 2019. S. 158.

[2] Antwort des Thüringer Ministeriums für Inneres und Kommunales auf Kleine Anfrage der Abgeordneten König-Preuss, Drucksache 6/4233, Thüringer Landtag 17.07.2017.

[3] Lediglich in einem anderen Fall wurde der Veranstalter eines ähnlichen RechtsRock-Events durch die Behörden steuerlich zur Kasse gebeten. Sechs Jahre nach dem ≫Rock für Deutschland≪ 2009 mit 4.000 Besucher*innen bezifferte das Finanzgericht Thüringen die Einnahmen des Veranstalters mit 58.871 Euro bei Ausgaben in Höhe von 11.121 Euro. Der Erlös lag damit bei 47.750 Euro. Im Haushaltsbericht der Thüringer NPD für das Jahr 2011 ist die Rede davon, dass im entsprechenden Jahr drei RechtsRock-Open-Airs Einnahmen in Hohe von knapp 21.400 Euro in die Kassen des Landesverbandes spülten.

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