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Robert Claus über Neonazi-Kampfsport „Eventkultur aus gewalttätiger Männlichkeit und politischem Hass“

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Trainierenden und kämpfenden Neonazis geht es nicht darum, sich für den nächsten sportlichen Wettkampf fit zu machen, sondern um die Verknüpfung einer nationalistischen, menschenfeindlichen Ideologie, die gegenüber vermeintlich „schwachen Personen“ (die nicht in das Weltbild passen) Stärke demonstriert und diese unterdrücken will. (Quelle: Pixabay)

Neonazis haben eine besondere Affinität zu Gewalt, Körperkult und Männlichkeitsritualen. Im Kampfsport wird das alles vereint. Auch deswegen genießt Kampfsport unter Rechtsextremen eine unverändert hohe Popularität. Ein Interview mit dem Hooligan-Experten Robert Claus über Entwicklungen der Szene.

Belltower.News: Können wir heute von einem Boom der rechtsextremen Kampfsport-Szene sprechen?
Robert Claus: Gewalt ist ein grundlegendes Element extrem rechter Ideologie, das Interesse auch an Kampfsport in der Szene gibt es seit langem. Neu in den vergangenen Jahren ist aber das professionalisierte Business, dass die extrem rechte Szene um den Kampfsport entwickelt hat. Hierzu gehört, dass das Publikum des extrem rechten Events „Kampf der Nibelungen“ seit 2013 von ca. 120 auf 2018 rund 800 Menschen gewachsen ist. Es wurde eine Reihe an Merchandise-Produkten wie T-Shirts entworfen, die Werbung ist professioneller geworden – dabei deckt das Label „Wardon21“ den Bereich Straight-Edge ab. Außerdem ist der KdN international vernetzt. Kämpfer wie Zuschauer*innen reisen aus ganz Deutschland und fast ganz Europa an. Insofern boomt das extrem rechte Business mit der Gewalt.

Warum ist Kampfsport für die extrem rechte Szene so attraktiv?
Zu allererst professionalisieren Neonazis dort ihre Gewalt, lernen verschiedene Techniken für den Straßenkampf und Angriffe auf politische Gegner*innen. Letztlich trainieren sie für den politischen Umsturz am viel beschworenen Tag X. Darüber hinaus erfüllt der Kampfsport für die extrem rechte Szene weitere Funktionen: Mit den Events lässt sich politische Arbeit finanzieren, die Szene vernetzen und junge Hooligans werden näher an die Neonaziszene herangeführt. Letztlich wird eine extrem rechte Eventkultur aus gewalttätiger Männlichkeit und politischem Hass inszeniert.

Ist das eine neue Entwicklung?
Neu ist vor allem, dass sich in den letzten Jahren bundesweit extrem rechte Kampfsportgruppen gegründet haben bzw. aktiver geworden sind, die nichts anderes sind als Kameradschaften in leicht neuem Gewand. Dazu gehört das vorgeblich aufgelöste „Adrenalin 381“ aus Braunschweig, das „Baltikkorps“ aus Mecklenburg-Vorpommern oder auch „Knockout 51“ aus Eisenach. Deren Gewalt bleibt nicht in den Trainingsräumen dieses Landes, sondern wird aktiv auf die Straße getragen, wie ein Video von den rechten Aufmärschen in Chemnitz im Spätsommer 2018 zeigt: Zu sehen ist, wie ein extrem rechter Kampfsportler einen behelmten Polizisten mit einem technisch trainierten Double Leg Takedown zu Boden reißt. Derlei im MMA und Kampfsport erlernbare Techniken kommen zur Anwendung im Kampf mit politischen Gegner*innen, sie erfahren eine politische Zweitnutzung. Um so besorgniserregender, dass im extrem rechten thüringischen Kampfsport-Verein „Barbaria Sportgemeinschaft e.V.“ – dessen Kämpfer beim KdN antraten – auch Training für Kinder und Jugendliche angeboten wird. Ebenso bei der extrem rechten Partei „III. Weg“.

Sprechen wir hier von einer in sich abgeschotteten Szene oder gibt es Überschneidungen in andere Teile der Gesellschaft?
Die größten Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Fanszenen des Fußballs in Deutschland, da sich mit dem Kampfsport in der extremen Rechten auch der Hooliganismus professionalisiert. Darüber hinaus ist der KdN zwar sportpolitisch in Deutschland völlig isoliert. Jedoch gibt es eine ganze Reihe an Kampfsportveranstaltern auf dem Markt, die viel zu geringe Berührungsängste haben, auch militante Neonazis auf ihren Fightcards bzw. Abendprogrammen aufzustellen. Auch trainieren viele Neonazis in Gyms, die nicht der extrem rechten Szene angehören.

Am 12.Oktober findet in Ostritz wieder der „Kampf der Nibelungen“ statt. Im vergangenen Jahr kamen rund 800 Neonazis. Wie schätzten Sie das diesjährige Event ein?
Ich gehe davon aus, dass das Publikum weiter anwachsen wird. Insofern hat sich der KdN fest im extrem rechten Veranstaltungskalender etabliert. Doch hat der KdN eigentlich eine Halle außerhalb von Sachsen gesucht und wollte nicht sein viertes Event in Folge dort durchführen. Das ist ihnen nicht gelungen, sie gehen wieder nach Ostritz. Zudem ist das Sponsorennetzwerk erstaunlich geschrumpft. Auf dem Plakat zum KdN im Oktober 2018 stand der Name des russischen Nazilabels „White Rex“ noch größer als der Name der Veranstaltung selbst. Dieses Jahr fehlt die Firma komplett. Dies hat vermutlich zwei Gründe: Zum einen haben sich die Organisatoren des KdN schon länger über die Aufteilung der Gewinne gestritten. Zum anderen haben die deutschen Behörden dem Gründer von White Rex – Denis „Nikitin“ Kapustin – zu Jahresbeginn die Aufenthaltsgenehmigung für den europäischen Schengenraum entzogen. Er kann also nicht mehr einreisen. Kapustin war in den vergangenen Jahren eine zentrale Schlüsselfigur des europäischen Netzwerks aus extrem rechten Kampfsportlern und Hooligans. Das Einreiseverbot wird seinen persönlichen, politischen und geschäftlichen Handlungsspielraum stark einschränken.

Sind beim KdN in diesem Jahr Besonderheiten angekündigt?
Meines Erachtens nicht, es wird wieder Kämpfe in Boxen, K1 und MMA geben, was zum gängigen Programm seit Jahren gehört. Vielmehr hat das Einreiseverbot für Kapustin starke Wirkung. Bis zuletzt versuchten die Organisatoren des KdN sogenannte Teamfights – also Gruppenkämpfe – zu organisieren. Hierfür brauchten sie Kapustins Netzwerke im osteuropäischen Hooliganismus, die nun nicht mehr uneingeschränkt nutzbar sind. Das Vorhaben der Teamfights scheint vorerst vom Tisch zu sein.

Denken Sie, Sicherheitsbehörden haben diese gefährliche Szene in ausreichendem Maß auf dem Schirm?
Den KdN beobachten sie mittlerweile schon ziemlich genau, was in Anbetracht der großen Ansammlung militanter Neonazis auch geboten ist. Doch haben die Behörden hier vor allem nachgeholt, was Expert*innen aus der Zivilgesellschaft und Forschung schon länger beobachten und analysieren. Zudem scheinen sie das Ausmaß – z.B. die bundesweiten Gründungen extrem rechter lokaler Kampfsportgruppen – nicht vollständig verstanden zu haben.

Da es sich hier ja um eine relativ neue Entwicklung der extremen Rechten handelt, gibt es sicherlich noch nicht viele Gegenstrategien. Gibt es denn schon Ideen wie gegen diese Entwicklung vorgegangen werden kann, auch präventiv?
Natürlich liegt es an den Behörden, Strafverfolgung zu betreiben, wenn extrem rechte Kampfsportler Gewalttaten begehen und an zivilgesellschaftlicher Kritik, wenn Neonazis auf Fightcards von Events in städtischen Hallen stehen. Das ist Intervention, jenseits dessen ist das Thema Prävention komplex. Denn zum einen ist Kampfsport lediglich ein Oberbegriff für verschiedene Disziplinen – vom traditionellen Boxen, über Muay Thai bis hin zum modernen Mixed Martial Arts – und ihren jeweiligen Verbänden, Gyms und Event-Promoter*innen. Boxen ist ein Vereinssport, der auf Amateurebene in den Landessportbünden organisiert wird. Boxvertreter können dort an Fortbildungen teilnehmen. MMA und Kickboxen wiederum sind auf dem freien Markt organisiert, MMA ist nirgends Mitglied in einem Landessportbund. Sie sind also schwieriger zu erreichen. Letztlich herrscht immenser Bedarf an Präventionsprogrammen und -maßnahmen gegen Gewalt und menschenfeindliche Einstellungen in der gesamten Breite des Kampfsportes. Insbesondere in Bezug auf MMA werden wir dies am Abend des 24. September auf der Veranstaltung „Professionalisierung rechter Gewalt“ in Berlin diskutieren.

Weitere Infos zu „Professionalisierung rechter Gewalt – Hooliganismus zwischen Fußball und Aufrüstung durch Kampfsport“ finden Sie hier.

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