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Solidaritätsaufruf zum 09. November Nie wieder ist jetzt

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Der aktuelle Antisemitismus verursacht Risse im Boden der Demokratie, die uns alle angehen. (Quelle: N. Lelle / BTN)

Berlin. Deutsche Juden und Jüdinnen kauern in ihren Wohnungen in selbst verordneter Schutzhaft. Das Klima, das da draußen herrscht, ist nicht gerade einladend. Obwohl drinnen die Heizung aufgedreht ist, vermissen sie die Wärme, die ihnen, so sie geglaubt haben, zustehen sollte. Gedanklich sitzen sie schon auf gepackten Koffern.

In der Menora, jenem siebenarmigen Leuchter, der bereits im Buch Exodus 25:31-40 erwähnt wurde, suchen sie Zuflucht. Auch wenn eine einzelne angezündete Kerze pro Wochentag die Kälte des deutschen Herbstes nicht vertreiben kann, spendet sie ein wenig Licht und ein wenig Hoffnung auf die Erleuchtung. So wird die Menorah kurz nach dem Sonnenuntergang zum Leuchten gebracht. Die einzige Ausnahme dazu betrifft den Freitag bzw. den Schabbat. Dann wird die Kerze traditionell 18 Minuten vor dem Sonnenuntergang angezündet. Auch Säkulare fangen damit an, auf die Bräuche und deren Feinheiten zu achten. Denn sie verspüren ein schlagartig erhöhtes Bedürfnis nach Sicherheit. Sie sind zutiefst verunsichert, fühlen sich verfolgt.

Wer traut sich traut sich noch mit einer Kippah bzw. einer Jarmulke auf offener Straße in der Hauptstadt? Wird jemand mit einem Davidsstern erwischt, muss er oder sie gewissermaßen daran glauben. Sichtbare Zeichen der Zugehörigkeit zum Judentum sind verpönt, ihre Träger:innen laufen Gefahr, verprügelt oder angepöbelt zu werden. Jüdisch-freundliche Lokale in der Emser Straße werden überfallen. Antisemitische Kampflieder ertönen am Hermannplatz. Hakenkreuze prangen auf Hauswänden, Graffiti mit „Judaa verrecke“ befleckt Grabsteine.

Es klingt wie Schilderungen aus einem Historiendrama. Ja, die NS-Zeit bringt immer wieder Quotenrenner hervor. Die brauen, grauen und schwarzen Uniformen. Kübelwagen und gepanzerte Pullman-Limousinen. Die Passion und das Pathos. Aufklärung zwischen Werbespots, oder zumindest ein bisschen Unterhaltung über das Leben von damals. Aber damals ist heute. Und die Bürgersteige, auf denen sich diese Szenen abspielen, sind mit gebündelt angelegten Stolpersteinen versehen. Um ein Filmset handelt es also sich nicht. Nein, es ist alles echt. Der Antisemitismus ist kein Hirngespenst, der Spuk ist nicht vorbei.

 

Jüdische Menschen sind stark gefährdet

Wir gedenken am 9. November dem 85. Jahrestag der Novemberpogrome des nationalsozialistischen Regimes gegen jüdische Bürger:innen. Die staatlich koordinierten Gewaltaktionen wurden mit aller Härte primär in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durchgeführt, und zwar von der Sturmabteilung, von der Hitler-Jugend und von ganz normalen Bürger:innen. Im Sprachgebrauch der Nazis bezeichnete man den Abend als die Reichskristallnacht, wohl nach den Glasscherben zerschlagener Fensterscheiben. Rund 1.500 Synagogen und Betstuben wurden verwüstet.

Bereits am 7. November gab es brutale Prologe zum Pogrom. Bis zum 13. des Monates wurden im Zuge dessen Aberhunderte jüdischer Menschen ermordet. Mehr als 300 haben sich voller Verzweiflung das Leben genommen. Etwa 30.000 Opfer gerieten sofort in Konzentrationslager, wo die meisten entweder gleich hingerichtet oder durch Essensentzug oder Schwerstarbeit zu Tode gequält wurden. Es war ein Probelauf für die Shoa, den systematischen, industrialisierten Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden.

Sechs Millionen Tote. Nie wieder. Nie vergessen. Weiß man noch etwas darüber? Spielt das überhaupt eine Rolle noch? Jüdische Menschen in Deutschland sind heute nochmals bzw. weiter gefährdet. Das sehen wir gerade deutlich.

Die terroristischen Anschläge, die am 7. Oktober von der Hamas gegen Israel verübt wurden, waren die größten, blutigsten Anschläge gegen jüdische Menschen seit dem Holocaust. Anderthalbtausend Zivilist:innen in Israel, darunter Kinder und sogar Säuglinge, wurden auf eine brutale, oft besonders sadistische Weise ermordet. Im Kibbuz, auf dem Konzert. Wo man sie nur ausmachen konnte. Frauen wurden beliebig vergewaltigt, dann getötet und verstümmelt. Weitere 260 Opfer wurden verschleppt, um in Gaza als Verhandlungsmasse missbraucht zu werden. Viele der gemeuchelten Israelis hatten an Protesten gegen die erzkonservative Regierung des Ministerpräsidenten Netanjahu teilgenommen, etliche waren auch ausdrücklich für eine einvernehmliche, nachhaltige Lösung des Konfliktes mit Palästina. Jetzt sind sie tot.

Die Nachbeben sind auch einen Monat später sehr wahrnehmbar. Von Nablus bis nach Neukölln und New York City werden sie registriert. Es sind seismologisch messbare Sympathiebekundungen – aber nicht für die Opfer, sondern für die Täter:innen. Ja, Sympathie für die palästinensische Terrororganisation namens Ḥarakat al-muqāwama al-islāmiyya („Islamistische Widerstandsbewegung“) alias Hamas.

Kaum wurden die durchlöcherten, zerfetzten Leichname massakrierter Menschen in Israel zu Grabe getragen, da fühlten sich „israelkritische“ Stimmen in der Bundesrepublik wie auch weltweit dazu berechtigt, eine Litanei voller Anschuldigungen gegen das „imperialistische Judentum“ zu erheben. Die Hinterbliebenen der Terroropfer hatte im Grunde genommen weder Zeit noch Raum dafür, Trauer – geschweige denn Wut – zu zeigen. Jüdische Menschen, stellvertretend für den Staat Israel, sehen sich dazu verdammt, den Mund zu halten und schwere Schläge hinzunehmen. Vergeblich warten sie auf ein paar Moleküle Mitleid. Aus der Politik, vielleicht aus den Medien.

Anstatt des Mitleides erfolgten jedoch geradezu martialische Aufmärsche. Flaggen wurden wieder aufgerollt und fanatisch geschwenkt. Diesmal keine Hakenkreuzfahnen. Nein, diesmal waren es die Standarten und Wimpel verschiedener islamistischer Vereine, darunter Al-Qaida und ISIS, die – wie die Hamas selbst in Artikel 7 ihrer Grundungscharta – zur Vernichtung Israels und zur Auslöschung jüdischer Menschen aufrufen. Das alles auf genehmigten Demonstrationen. Und wer findet sich da zusammen? Nicht selten eine unheilige Allianz aus selbstradikalisierten White Saviors, autonomen „Antisemitifas“, desillusionierten Migrant:innen und dubiosen Geldeintreibenden für angebliche Hilfswerke in Palästina.

Ist es ein Fortschritt, ein Zeichen gelungener Integration, wenn das Horst-Wessel-Lied durch „From the river to the sea“ ersetzt wird? Meilensteine werden immerhin erreicht. Die echauffiert artikulierte Meinung alter, garstigen weißen Männer, „Es muss endlich mal Schluss sein“, ist passé. Nun ist „Free Palestine from German guilt!“ passabel. Es waren dynamische junge Student:innen, die ebenjene zugespitzte Aufforderung neulich bei ihren Sitzblockaden vor dem Hauptsitz des Auswärtigen Amtes skandierten. Diplomatie klingt anders.

Dass die verharmloste bis romantisierte Hamas übrigens keine links-, sondern eine rechtsextreme, ultra-fundamentalistische, queerfeindliche Satellitenorganisation der iranischen Mullahs ist, scheint viele nicht zu kümmern, die an den pro-palästinensischen Protesten teilnehmen. So oder so bildet die erklärte Linke, kollektiv betrachtet, keine Brandmauer mehr gegen den Judenhass, und viele aus dem linken Spektrum agieren sogar als Brandbeschleuniger, indem sie antisemitische Verschwörungstheorien der Nazis immer hemmungsloser nachplappern. Mittlerweile scheint es salonfähig geworden zu sein, Israel ohne jegliche sachliche Grundlage Apartheid, Kolonialismus und nicht zuletzt Genozid vorzuwerfen. Alles meist in demselben Atemzug. Von White Supremacy ganz zu schweigen, obwohl es Black Jews und ja stolze Schwarze sowie arabischstämmige Soldat:innen bei den israelischen Streitkräften gibt. Hauptsache, Schlamm auf die weißblaue Flagge mit dem Hexagramm werfen. Irgendwas werde wohl kleben bleiben.

Natürlich ist nicht jedwede Kritik an Israel antisemitisch. Wer aber dauernd dämonisiert und mit einer eklatanten Doppelmoral die Existenzrecht der 1948 gegründeten Demokratie, der einzigen Demokratie im Nahen Osten, ins Frage stellt, lässt tief blickend. Die versuchte Delegitimierung Israels ist die versuchte Delegitimierung des Judentums.

 

Schulterschluss statt kalter Schultern

Ein integraler Bestandteil der Entsolidarisierung ist, neben der lautstarken Hetze, auch das ohrenbetäubende Schweigen vieler Dritter, die sich als Unbeteiligte ansehen möchten. Schon dadurch, indem sie dem Antisemitismus nicht Paroli bieten, werden sie zu Ermöglicher:innen der Entmenschlichung. Wegzuschauen, ohne einzuschreiten, ist eine aktive Handlung. Warum tun sie das denn? Aus Angst, Apathie. Ignoranz, Indifferenz. Die Motivationen sind mannigfaltig.

Und meine Motivation dafür, als Schwarze agnostizistische Katholikin hinzuschauen und einzuschreiten? Die Frage stellt sich wohl. Denn ich gelte als „Zionistin-Queer“, „Kriegstreiberin“, „Judenversteherin“ und „Sarah’s House Negro“. Das sind einige der netteren Etikettierungen, die mir zuteilwerden, und zwar nicht erst seit dem 7. Oktober.

In den USA der 1960er und 1970er Jahre spielte ich mit Kindern zusammen, deren Mutter und Vater das KZ Auschwitz-Birkenau knapp überlebt haben. Die Tätowierungen auf den Vorarmen der Eltern brannten sich in meine Netzhaut hinein. So war ich umso stolzer, dass mein Vater im Zweiten Weltkrieg bei der US Air Force gekämpft hatte. Ich weiß auch noch, wie die Familie auf dem frisch gemähten Rasen tränenüberströmt zu Hava Nagila tanzte, als der Junikrieg 1967 für Israel siegreich beendet wurde. 1972 saß ich sprachlos mit ihnen vor dem Fernseher, als Black September die Olympischen Sommerspiele in München auf blutige Weise überschattete. In den 1980er Jahren lernte ich nach und nach Hebräisch und freute mich auf eine wortwörtliche Reise nach Jerusalem, bis die erste Intifada mir kurz vor Weihnachten 1987 einen Strich durch die Rechnung machte.

Jüdische Amerikaner:innen marschierten gemeinsam mit uns Schwarzen für Gleichberechtigung, und etliche wurden dabei ermordet, darunter die Aktivisten Andrew Goodman und Michael Schwerner aus New York, die bereits 1964 mit dem Schwarzen Kollegen James Cheney im Mississippi durch den Ku Klux Klan umgebracht wurden. Auch 2020 nach der Ermordung von George Floyd war die jüdische Anteilnahme beeindruckend stark.

Solidarität, die eigentlich eine natürliche menschliche Reaktion sein müsste, ist eine Versicherungspolice. Wenn unsere Leidenswege einander tangieren, sollte der Kampf gegen den Hass zusammenschweißen. Man denke an Pfarrer Martin Niemöllers Gedicht anno 1946: „… als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war kein Jude / Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Sonntagsreden sind wertlos, wenn wir nicht dazu imstande sind, Empathie zu zeigen. Legt man wirklich mehr Wert darauf, die Vergangenheit fortzusetzen, statt eine Zukunft ohne Demagogie zu wagen? Der immer präsente, bislang brodelnde Antisemitismus flackert nun wieder hoch. Die züngelnden Flammen wärmen uns aber nicht. Denn wer ständig die kalte Schulter zeigt oder gezeigt bekommt, kann allmählich nichts mehr spüren.

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