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Sonne, Strand, „Sieg Heil“? Nazis von „Die Rechte“ wollen auf Sylt demonstrieren

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Scheint die Sonne auch für Nazis? Kader der Partei „Die Rechte“ wollen offenbar die Antwort auf diese ewige Frage im Juli auf Sylt herausfinden
Scheint die Sonne auch für Nazis? Kader der Partei „Die Rechte“ wollen offenbar die Antwort auf diese ewige Frage im Juli auf Sylt herausfinden (Quelle: Kevin Martin Jose/Unsplash)

Die sogenannten Chaostage auf Sylt drohen jetzt tatsächlich chaotisch zu werden. Mit dem Neun-Euro-Ticket haben seit dem 1. Juni Punks und Partytourist*innen Teile der Luxusinsel in der Nordsee erobert. Bis auf etwas Badespaß im Wilhelmine-Brunnen und einige vom Sternburg beseelten Strand-Soireen blieb die Lage allerdings bislang weitgehend friedlich. Das könnte sich bald ändern: Denn auch Neonazis haben das Schnäppchen-Angebot der Bahn für sich entdeckt. Und auch sie wollen nach Sylt.

Zur „nationalen Demonstration“ am 30. Juli mobilisiert die rechtsextreme Kleinstpartei „Die Rechte“ nach Sylt. Mit „Kraft und guter Laune“ wollen die Rechtsextremen in Westerland aufmarschieren. Das Motto: „Gemeinschaft statt sozialer Spaltung!“. Doch es soll laut Partei inhaltlich auch um den „absoluten Niedergang des Bahnnetzes durch Privatisierung“, das „Verschachern von Staatseigentum“ sowie einen „völlig fehlenden Gemeinschaftsgeist“ gehen, der „in unserem Volk im Zuge der Liberalisierung installiert“ worden sei. Vor allem wollen die Neonazis auf der „Touristeninsel der Reichen“ demonstrieren, „auf der bei einigen schon die Schnappatmung ausbricht, wenn dort Menschen urlauben wollen, die finanziell nicht auf der Sonnenseite in der BRD stehen“, so heißt es weiter im Aufruf. „Dies ist kein verspäteter Aprilscherz!“, will „Die Rechte“ noch betonen.

(Quelle: Screenshot/Telegram)

Kader der „Rechte“ sollen schon auf der Insel sein. Auf Telegram teilt die Partei Fotos von Sylt und schreibt, die ersten „Kameraden“ seien bereits eingetroffen, um sich die Demoroute anzuschauen. In einem Foto ist der Neonazi Philipp Hasselbach zu sehen, ursprünglich aus Essen und seit 2015 Landesvorsitzender der Partei in Bayern. Er steht vor einem Reetdachhaus inmitten der Sylter Dünen. „Erkennt einer der historisch Interessierten das Gebäude, vor dem unser Kamerad steht?“, fragt die Partei. Es ist das ehemalige Ferienhaus des NS-Funktionärs Hermann Göring.

Auf Anfrage von Belltower.News will ein Pressesprecher der zuständigen Polizeidirektion Flensburg die Demonstration nicht kommentieren. „Wir stehen im Austausch und werden die Lage entsprechend bewerten, aber darüber können wir noch keine Aussage treffen“, heißt es. Eine Sprecherin des Kreises Nordfriesland bestätigt auf Anfrage von Belltower.News, dass die Demonstration angemeldet wurde, der Vorgang aber noch in Bearbeitung und weitere Auskunft nicht möglich sei.

„Die Rechte“ wurde 2012 gründet, hauptsächlich von Kadern der inzwischen aufgelösten „Deutschen Volksunion“. Dabei spielte der umtriebige Neonazi Christian Worch aus Hamburg eine führende Rolle: Bis 2017 und erneut seit 2021 ist der Kameradschaftsmann Bundesvorsitzender der Partei. „Die Rechte“ gilt als Nachfolgeorganisation der verbotenen neonazistischen Kameradschaft „Nationaler Widerstand Dortmund“ (NWDO). Auch zur rechtsextremen Kampfsportszene gibt es enge Verbindungen: Alexander Deptolla, früher bei der NWDO, heute Vorstandsmitglied der „Rechten“ in Dortmund, ist laut Webseite Organisator des rechtsextremen Fight-Events „Kampf der Nibelungen“, das auch maßgeblich vom klandestinen Neonazi-Netzwerk „Hammerskins“ mitgetragen wird.

Laut Verfassungsschutz hat die „Die Rechte“ aktuell rund 500 Mitglieder und wird von der Sicherheitsbehörde beobachtet. Vor allem in Nordrhein-Westfalen versucht die Neonazi-Partei Fuß zu fassen: Laut eigenen Angaben verfügt sie dort über neun Kreisverbände und drei „Stützpunkte“. Dabei dient Dortmund als Hochburg: Besonders im Stadtteil Dorstfeld, von Rechtsextremen zum „Nazi Kiez“ deklariert, sind Kader der Partei fest verankert. Bei der Kommunalwahl 2014 errang „Die Rechte“ mit dem inzwischen verstorbenen Neonazi Siegfried Borchardt, auch „SS Siggi“ benannt, einen Sitz im Stadtrat. Bei den Kommunalwahlen 2020 konnte die Partei diesen Sitz halten.

Immer wieder fällt die Partei mit antisemitischen Wahlslogans auf. Zur Europawahl 2019 verwendete „Die Rechte“ den Spruch „Zionismus stoppen: Israel ist unser Unglück!“ auf einem Wahlplakat – eine Anspielung auf den NS-Slogan „Die Juden sind unser Unglück“. Im November 2019 organisierte die Partei eine Kundgebung in Bielefeld, um Freiheit für die verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck zu fordern. Vor der Europawahl 2019 fuhr die Partei mit einem Lautsprecherwagen an der Pforzheimer Synagoge vorbei, wo sie anhielt und Wahlwerbung mit Haverbeck abspielte.

Insofern dürfte die geplante Demonstration auf Sylt lediglich die letzte PR-Provokation einer Partei sein, deren Mitgliederzahl abflaut und die als Kraft Rechtsaußen zunehmend irrelevant wird. Führende Kader der „Rechten“ haben Dortmund inzwischen gen Sachsen verlassen und sich von der Parteiarbeit zurückgezogen. Michael Brück ist beispielsweise bei der neugegründeten rechtsextremen Impfgegner-Partei „Freie Sachsen“ aktiv.

Dass die Demonstration auf Sylt ein Moment der Erneuerung für „Die Rechte“ wird, ist mehr als fraglich. Und sie wird nicht ohne Gegenwind auf der Insel stattfinden können: Unter dem Motto „Wir sind mehr! Den Neonazis und Rechtsextremisten nicht das Feld überlassen!“ ruft die SPD Sylt zu einer Gegendemonstration auf. „Unsere Insel hat keinen Platz für Neonazis und Rechtsextremisten!“, heißt es im Aufruf. Auch für die SPD sei das Neun-Euro-Ticket eine Chance, weitere Gegendemonstrierende nach Sylt zu mobilisieren, schreibt die Partei. Aus Punkerkreisen erfuhr Belltower.News, dass auch weitere Gegenaktionen in Planung seien. Auch in den sozialen Medien bringen manche Nutzer*innen ihren Unmut über die Demonstration zum Ausdruck. Auf Reddit fasst ein User die Debatte zusammen: „Hummer, Sekt und Kaviar, Sylt ist nicht für Nazis da!“

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