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Interview „In rechtsextremen Kampfsportgruppen ist die Grenze zum Rechtsterrorismus fließend“

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Mit einem martialischen Video wirbt der "Kampf der Nibelungen" für eine Veranstaltung im Oktober 2020. (Quelle: Screenshot aus dem Werbevideo für "Kampf der Nibelungen" im Oktober. YouTube-Screenshot vom Kanal der Veranstalter))

Kampfsport ist zentral für Vernetzung, Rekrutierungen und natürlich auch Gewalttraining in der rechtsextremen Szene. Der Autor Robert Claus beschäftigt sich seit Jahren mit Fankulturen, Hooligans, Rechtsextremismus, Männlichkeiten, sozialen Bewegungen und Gewalt. Gerade hat er ein neues Buch veröffentlicht: Ihr Kampf – Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert. Mit Belltower.News spricht er im Interview über den „Kampf der Nibelungen“, die Verbindungen zwischen Rechtsrock und Kampfsport und warum in Deutschland auch vorbestrafte Neonazis ein Kampfsportstudio eröffnen können.

Belltower.News: Was für einen Einfluss hat das verbotene und nicht stattgefundene Kampfevent von Ende September auf die große „Kampf der Nibelungen“-Veranstaltung am Wochenende?
Robert Claus: Das ist schwer vorhersehbar, aktuell erleben wir eine ziemlich dynamische Situation. Die Geschichte dahinter lautet: 2018 entwickelte sich der Kampf der Nibelungen zu einem Großevent der Szene, zur größten Kampfsportveranstaltung der militanten Neonaziszene in Westeuropa. 2019 wiederum wurde er staatlich verboten, damit brachen auch die Aktivitäten ein Stück weit ein, weil rechtliche Unsicherheit herrschte. Dieses Jahr wollten die Organisatoren das Verbot corona-konform mit einem Livestream umgehen. Es gäbe also keine 1000 Neonazis im Publikum. Die Kämpfe für den 10. Oktober sollten wahrscheinlich vorher aufgenommen werden. Aber diese Aufnahme wurde durch die Polizei am 26. September in einem Magdeburger Rockerclub verhindert. Allerdings werben die Organisatoren in den sozialen Medien weiterhin massiv für das Event. Wahrscheinlich hatten sie also einen Plan B.

Wie geht’s jetzt weiter?
In den Tagen bis zum 10. Oktober wird es interessant. Der deutsche Staat und seine Behörden durchsuchen und verbieten eine Veranstaltung und die Neonaziszene besteht darauf, die Veranstaltung dennoch durchzuführen. Symbolisch wird dort gerade verhandelt, wer das Gewaltmonopol in Deutschland hat. Wenn die Neonaziszene die Veranstaltung trotz Verbot durchzieht, legt sie sich unmittelbar mit den Behörden an.

Wie hoch ist der finanzielle Einschnitt, der auf die Organisatoren nach einem Verbot zukommt?
Tickets für den KDN 2019 haben zwischen 35 und 45 Euro gekostet. Wenn man das auf mehrere hundert Neonazis hochrechnet, die alle noch eine Brezel essen, ein Bier trinken, ein T-Shirt und eine CD kaufen, dann hat man am Ende einen Umsatz im hohen fünfstelligen Bereich. Es fallen selbstverständlich auch Kosten für Hallenmiete und mehr an. Aber das Verbot des Events 2019 hat der Szene massiv geschadet, weil die Veranstalter die Ticketpreise nicht zurückerstatten konnten. Es hat also Geld für die politische Arbeit gefehlt und es war offensichtlich eine spürbare finanzielle Belastung. Deswegen ist die Veranstaltung dieses Jahr umso wichtiger: Ticketbesitzer aus dem letzten Jahr wurden auf 2020 vertröstet und sollen den Stream umsonst anschauen können. Wenn der KDN wieder nicht stattfindet, wird das finanzielle Loch, das vom letzten Mal noch da ist, noch weiter aufgerissen. Zudem würde kaum noch jemand ein Ticket für 2021 kaufen.

Warum ist Kampfsport so ein großer Anziehungspunkt für Rechtsextreme?
Extrem rechte Ideologie ist sehr gewaltvoll. Es ist also keine Neuigkeit, dass Nazis das Kämpfen trainieren. Schon vor fast hundert Jahren wurde in der Hitlerjugend geboxt. Allerdings hat die Debatte um Rassismus und Migration, die wir etwa seit fünf Jahren erleben, diesem Kampfinteresse Auftrieb gegeben. Neonazis legen wieder einen viel größeren Wert darauf, sich „national wehrhaft“ zu machen und ein gewalttätiges Männlichkeitsideal zu forcieren. Dabei spielt Kampfsport, verknüpft mit Wehrsport, eine wichtige Rolle. Dazu kommt aber auch der große Kampfsport- und Fitnessboom, den wir gesamtgesellschaftlich seit etwa 15 Jahren in Deutschland erleben. Daran versuchen Neonazis anzuknüpfen. Zum einen versuchen sie in die eigene Szene zu wirken, ihre Kameraden zu aktivieren, fitter zu werden und kämpfen zu lernen. Zum anderen wollen sie auch finanziell Profit machen. Neonazis versuchen außerhalb der Szene anknüpfungsfähig zu sein und zum Beispiel T-Shirts zu produzieren, die von Nicht-Rechtsextremen getragen werden. Kampf-der-Nibelungen-Shirts sind beispielsweise in der Hooliganszene beliebt. Der Untertitel des KDN lautet „Wille, Disziplin und Schweiß“. Das sind auch die Werte des neoliberalen Fitnessmarkts.

Der sich nur begrenzt gegen die Kolleg*innen von rechtsaußen wehrt?
Durch den Fitness- und Kampfsportboom der letzten Jahre hat sich ein großer Markt entwickelt, der nicht mehr Teil des so genannten Organisierten Sports, also z.B. der Deutschen Sportjugend ist. Es gibt keinerlei Standards und kaum eine Debatte darüber, welche gesellschaftliche Verantwortung dieser Sport auf dem freien Markt trägt und wie Prävention aussehen kann. Letztendlich darf jeder vorbestrafte Neonazi in Deutschland eine Kampfsportstudio eröffnen. Das ist ein Problem.

Denn es geht um Gewalt?
Wenn man sich auf Instagram umschaut oder Texte in rechtsextremen Zeitschriften liest, wird dort unverhohlen beschrieben, wie wichtig es ist, sich wehrhaft für den völkischen Kampf zu machen. Dieser Kampf ist kein Selbstzweck, es geht nicht darum, abzunehmen oder sich besser zu fühlen. Es geht darum, politische Gewalt zu trainieren. Es geht darum, sich für den Straßenkampf und den Tag X vorzubereiten – den Tag, an die liberale Demokratie gestürzt werden soll. Kampfsport ist aufgrund der erlernbaren Gewaltkompetenz wahnsinnig interessant für Neonazis und andere gewalttätige Gruppen. Das überrascht nicht. Was aber überrascht, ist, wie groß ihre Netzwerke im Kampfsport sind und dass es so wenige Präventionsansätze gibt.

Wie eng ist Kampfsport mit Musik verbandelt, der anderen große Erlebniswelt im Rechtsextremismus?
Die Organisatoren von Neonazi-Kampfsportevents kommen fast alle aus dem Rechtsrock. „Greifvogel“, eine Kampfsportmarke der Szene, gehört eindeutig zu „Opos Records“, einem der größten Rechtsrock-Versände in Deutschland. „Black Legion“ aus Cottbus hat den selben Vertrieb wie „Rebel Records“. Wenn es zwei Bereiche gibt, wo man ideal für die Szene rekrutieren kann, sind das Musik und Kampfsport. Beides sind ganz niedrigschwellige Angebote, bei denen es um Gewalt, Action, Männlichkeit geht. Politische Agitation ist bei solchen Events unterhaltsamer als bei einem völkischen Schulungsseminar. Zusätzlich werden die Bereiche zum Teil direkt miteinander verbunden. In der jüngeren Vergangenheit gab es mehre Konzerte oder Festivals, wo auch Kampfsport stattfand. Auch gab es Kampfsportveranstaltungen, bei denen Neonazibands aufgetreten sind.

Wie gehen die Verantwortlichen von Neonazi-Kampsport so mit Pandemie-begründeten Einschränkungen um?
Der KDN versucht mit dem Livestream zum Event ein Onlineangebot zu schaffen. Auf Instagram gab es eine Interviewreihe mit verschiedenen Neonazigrößen. Dort hat man versucht möglichst harmlos auszusehen. Ein ziemlich merkwürdiger Gegensatz zu den extrem martialischen Werbevideos des KDN und seinem ganzen Umfeld, die an paramilitärische Gruppen denken lassen. Das ist immer ein Widerspruch für diese Szene. Einerseits muss man Militanz und Aggressivität nach innen strahlen, aber nach außen nicht zu brutal wirken, um einem Verbot zu entgehen. Und das ist ein Spagat, der ihnen wirklich sehr schlecht gelingt.

Wie positioniert man sich zu den Querdenken-Demos?
In der Szene ist die Corona-Debatte nicht wirklich ausdiskutiert. Es gibt schon einige, die Corona ernstnehmen, aber dann gibt es auch die anderen, die sich in so einer Art nationalsozialistischer Testosteronbesoffenheit über Corona lustig machen.

An der Großdemonstration in Berlin, Ende August, haben mehrere Gruppen aus diesem Spektrum teilgenommen. Eine Gruppe vom Kampf der Nibelungen war dort, aber auch andere rechtsextreme Kampfgruppen sind geschlossen angereist und haben sich unter die vielen hundert Neonazis vor Ort gemischt.

Im vielleicht überraschendsten Kapitel deines Buches geht es um den rechtsextremen Kampfsporttourismus nach Thailand. Du hast vor Ort recherchiert. Was hast du beobachtet?
Thaiboxen ist in Thailand Volkssport Nummer eins. Ich bin auf eine sehr breite Kampfsportlandschaft getroffen, in der es viele Menschen gibt, die Community-Building betreiben. Zugleich gibt es internationale Franchises, die den thailändischen Kampfsport als globalisierten Tourismus entdecken, sich aber nicht mit deutschen Neonazis auskennen. Und denen es geschäftlich schlichtweg egal war, wer dort alles Kampfsport- und Gewalttrainings absolviert. Es ist bemerkenswert, wieviele rechte Hooligans in den letzten Jahren nach Thailand geflogen sind, für eine Mischung aus Palmen, teilweise Sextourismus und Trainingslager. Vor Corona hat es in der Szene zum Jahresrhythmus gehört, im Sommer nach Mallorca und im Januar zwei, drei Wochen in die Muay-Thai-Schmieden in Thailand zu fliegen. Die europäischen Netzwerke militanter Neonazis entstehen auch dort.

Wie geht das zusammen? Neonazis und internationaler Tourismus, inklusive Lernen von Menschen, die nicht den eigenen rassistischen Idealen entsprechen?
Das Konzept des Ethnopluralismus hat mittlerweile viele Bereiche der Szene durchdrungen. Der thailändische Thaiboxtrainer in Thailand wird ganz anders behandelt, als der thailändische Migrant in Deutschland. Zum zweiten trifft man sich auf einer „männlichen“ Gewaltebene, damit bleibt man in der sozialdarwinistischen Denke.

Was muss sich ändern, damit sich Rechtsextremismus nicht noch tiefer in der Kampsportszene einnistet?
Sehr viel: Wir müssen auch jenseits harter Neonazis viel mehr über Prävention im Kampfsport reden. Gibt es sozialpädagogische Ansätze? Gibt es Bildungsveranstaltungen? Was tun eigentlich diese tausenden Kampfsportgyms in Deutschland in ihrem Trainingsbetrieb und drumherum? Wie lässt sich der sozial verantwortliche Teil der Kampfsportlandschaft stärken? Wie könnten einheitliche Zertifizierungen, Regularien und Standards zur Trainer*innenausbildung aussehen. Wir müssen fragen, wer in Deutschland eigentlich ein Kampfsportstudio aufmachen darf. Auch könnten Medien öfter den Blick auf den Kampfsport lenken. Darüber hinaus braucht es ein konsequentes Vorgehen der Behörden gegen Organisationen wie „Kampf der Nibelungen“. In diesen Kampfsportgruppen können wir dabei zusehen, wie sich rechte Gewalttäter entwickeln, die ihre Straßengewalt trainieren. Die Grenze zum Rechtsterrorismus ist dort fließend. Bestenfalls warten wir nicht, bis erschütternde Gewalttaten geschehen, sondern schreiten vorher ein.

Am 6. Oktober veranstaltet die Friedrich Ebert Stiftung einen Livestream mit Robert Claus: „Training für den Umsturz“. Informationen dazu finden Sie hier

Das Buch Ihr Kampf – Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert, ist im Werkstatt-Verlag erschienen. ISBN: 9783730705155

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