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Sturm auf das Kapitol Amerikas Kristallnacht oder Trumps Bierkellerputsch?

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München, 1923: Mitglieder der NSDAP auf einer Kundgebung nach dem gescheiterten Bierkellerputsch. (Quelle: Picture Alliance: Mary Evans Picture Library)

Die Erstürmung des Kapitols war die US-amerikanische Reichskristallnacht. Nein, natürlich nicht. Aber das behauptet Arnold Schwarzenegger in einem Video, das mittlerweile mehr als 35 Millionen Mal geklickt wurde. Er begründet diesen abstrusen Vergleich unter Verweis auf seine österreichische Herkunft, durch die er sich sehr bewusst sei, was die „Reichskristallnacht“ war.

Nun, zuerst einmal nutzt auf Deutsch niemand ernstzunehmendes mehr das Wort „Reichskristallnacht“, um die Novemberpogrome zu bezeichnen. Zu Recht. Denn es war eben nicht nur eine Nacht. Die Pogrome zogen sich vom 9. bis weit in den 10. November hinein. Und es kamen dabei nicht einfach nur ein paar Fenster zu Bruch, sodass der euphemistische Begriff vom Kristall keinen anderen Sinn hat, als die Pogrome kleinzureden. Die Novemberpogrome waren die „Katastrophe vor der Katastrophe“. So bezeichnet sie etwa der Historiker und Direktor des Deutschen Historischen Museums, Raphael Gross, in seinem Buch „November 1938“, in dem er auch Bilanz zieht:

„1406 ausgebrannte und geplünderte Synagogen, mindestens 177 zerstörte Wohnhäuser und bis zu 7500 jüdische Geschäfte. 1300 bis 1500 Todesopfer. 30.756 Verhaftungen und Internierungen jüdischer Männer in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald; etwa 1000 von ihnen kamen bis zum Kriegsbeginn im September 1939 ums Leben.“

Also nein, die Erstürmung des Kapitols in Washington am 6. Januar 2021 war nicht die US-amerikanische Reichskristallnacht. So absurd der Vergleich ist, so wirkmächtig war er. Selbst Joe Biden, der nächste amerikanische Präsident, hat Schwarzeneggers Botschaft via Twitter geteilt.

Aber es geht noch abstruser. Steve King, der bis vor wenigen Tagen noch republikanischer Kongressabgeordneter war, bemühte ebenfalls den Vergleich –  aber in entgegengesetzter Richtung. Nicht die Erstürmung des Kapitols erinnere an die „Kristallnacht“, sondern die Sperrung rechter Accounts auf Twitter und Facebook danach:

Steve King: 2003 bis 2021 Abgeordneter der Republikaner und schon mehrfach wegen rassistischen und migrantenfeindlichen Aussagen aufgefallen (Quelle: Screenshot von Twitter)

Vergleiche zwischen den USA und NS-Deutschland oder zwischen dem jeweiligen Präsidenten und Hitler gehören in Deutschland zur politischen Ästhetik antiamerikanischen Protests. Man denke nur an die zahlreichen Hitler-Bush-Gleichsetzungen bei den Anti-Irak-Krieg-Demos. Zu Recht wittert man hierzulande hinter solchen Vergleichen Ressentiments gegen die USA, den Westen, ja die Moderne. In diesem Fall werden diese Vergleiche aber in einem inneramerikanischen Diskurs gezogen. Die Vergleiche mit der „Reichskristallnacht“ oder den Novemberpogromen sind nicht nur unangemessen, sie führen auch nirgendwo hin. Sie erklären und erhellen nichts, sie verdunkeln sogar. Man lernt dabei weder etwas über die Erstürmung des Kapitols noch über die Novemberpogrome. Schwarzenegger und King wollen aber die Ereignisse und die politische Situation vielleicht gar nicht erhellen. Beide formulieren den Vergleich im politischen Handgemenge. Hier erfüllt er seinen Zweck. Er soll skandalisieren, emotionalisieren und mobilisieren.

Dass Vergleiche herangezogen werden, ist nicht überraschend und natürlich auch nicht falsch. In der amerikanischen Geschichte ist das Ereignis präzedenzlos. Vergleiche können also hilfreich sein, um das Ereignis einzuordnen. Es kommt nur auf die Art des Vergleichs an.

Aus deutscher Perspektive erinnern die Bilder vom Kapitol natürlich sofort an den sogenannten Sturm auf den Reichstag, bei dem Ende August 2020 Querdenker*innen und Reichsbürger*innen auf die Stufen vor dem Reichstag vorgedrungen sind. Hier gibt es zumindest Ähnlichkeiten. In Berlin wie in Washington waren QAnon-Anhänger*innen vorne mit dabei. Beide Male war es eine Demonstration, von der es ausging, in beiden Fällen spielte auch Trump eine Rolle. In Berlin behauptete die Rednerin, die zur Erstürmung aufrief, Trump sei soeben in Deutschland gelandet, was, natürlich, Unfug war.

Auch die deutsche Geschichte liefert angemessenere Vergleichs-Beispiele als die Novemberpogrome. Der Historiker Michael Brenner hat in der Washington Post vom 9. Januar einen Vergleich gezogen mit dem Hitler- oder Bierkellerputsch. Am 8. und 9. November 1923, also auf den Tag genau 15 Jahre vor den Novemberpogromen, versuchte Hitler mit der NSDAP an die Macht zu gelangen. In Brenners Worten:

„Ein Mob mehrerer Tausend empörter Menschen randalierte durch die Straßen der Stadt, nachdem ihr Anführer sie in einer langen, weitschweifigen Rede dazu angestachelt hatte. Einige wendeten Gewalt an. Fenster wurden eingeschlagen, Schüsse waren zu hören, Blut wurde vergossen. Der Anführer der Meute forderte, den politischen Sumpf trocken zu legen. Nach ein paar turbulenten Stunden kehrte wieder Ordnung ein und die Abgeordneten kamen aus ihren Verstecken hervor. Nein, das ist nicht Washington, D.C. am 6. Januar 2021. Das war München am 8. November 1923.“

Brenner ist sich der Gefahr solcher Vergleiche sehr bewusst und benennt sofort auch die Unterschiede. Denn der Kontext unterscheidet sich stark. In München ging es nicht darum einen Präsidenten zu unterstützen, der abgewählt wurde, sondern darum, einen Führer an die Macht zu putschen. Und die Versammlung fand nicht vor dem Sitz der politischen Macht statt, sondern startete in einem Münchner Bierkeller.

Brenner bemüht den Vergleich nicht, um das Ereignis in Washington zu skandalisieren, sondern um es als Historiker einzuordnen und daraus Lehren zu ziehen. Mit Blick in die Geschichte stellt er fest: Hitler war nur wenige Wochen in Schutzhaft und wurde am Ende von den Konservativen an die Macht gebracht. Brenner fordert deshalb zweierlei: Die Ereignisse in Washington müssen Konsequenzen haben, auch für Trump selbst, und es ist Zeit, Lügen und Verschwörungsmythen als Gefahr für die Demokratie ernst zu nehmen.

Vergleiche mit Deutschland werden oft gezogen, vielleicht zu oft, schreibt Brenner, und nicht selten in unangemessener Weise. Diesmal passe der Vergleich aber so gut wie nie. „Die Vereinigten Staaten mit ihrer langen demokratischen Tradition stehen auf viel festerem Boden [als Deutschland damals], aber seit dem 6. Januar können wir den Abgrund, der sich vor uns aufgetan hat, nicht mehr ignorieren.“ Eines kann man jedenfalls aus Brenners Vergleich lernen: Die Sache ist noch nicht vorbei. In Brenners Worten: „Einen Aufstandsversuch zu stoppen ist nur ein Anfang.“

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