Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Timo „Teddy“ Feucht im Ring Rechter Hooligan kämpft im neuen MMA-Format inklusive TV-Übertragung

Von|
Timo Feucht soll am Samstag in den Ring

Dieser Text erschien zuerst bei „Runter von der Matte – Kein Handshake mit Nazis

Seitdem die Bayerische Medienanstalt dem Sportsender DSF im Jahr 2010 untersagte, MMA-Kämpfe im Rahmen der „Ultimate Fightiging Championship“ (UFC) im Fernsehen auszustrahlen, konnten sich MMA-Events als angesehene Kampfsportart – verglichen mit dem Boxsport – in Deutschland bislang nicht wirklich etablieren. Auch nach der Aufhebung des Verbots durch das Landgericht München 2014 nicht. Zu sehr hallen noch die damaligen Begründungen und losgetretenen Diskussionen von Politiker*innen und anderen Kampfsportler*innen nach, dass die dargestellte Gewalt als „blutige Käfigkämpfe“ nicht akzeptabel sei und an „Gladiatorenkämpfe“ erinnern würde.

Eine der Hauptbegründungen der Bayerischen Medienanstalt war, dass Schläge auf am Boden liegende Kämpfer*innen zu gewaltvoll und unsportlich seien. Demnach wurden bestimmte Sequenzen und Trainingseinheiten durch Unwissenheit tabuisiert und kriminalisiert – denn wie viel sportliche Intelligenz in dem komplexen Zusammenspiel verschiedener Kampfsporttechniken im MMA vereint sind, wurde schier ausgeblendet.

Sportliche Aspekte wie Selbstdisziplinierung, technischer Variantenreichtum und durch Regeln abgestimmter Umgang mit Trainingspartner_innen oder Kämpfer_innen wurden in der Bewertung und Begründung außen vor gelassen. Außerdem wird gern vergessen, dass beim Boxen gravierendere Verletzungen (wie Kopfverletzungen) entstehen, als beim MMA.

Erneute Versuche

Seit der Verbotsaufhebung in 2014 versucht sich der Online-Sender ranFIGHTING als Medium zu etablieren, um Kämpfe der UFC auszustrahlen, damit diese auch auf dem deutschen Markt langsam (wieder) Fuß fassen können.

Zu einem neuen MMA-Event, das bei ranFIGHTING ab kommenden Samstag zu sehen sein wird, gehört das Event „Nova Fighting Championship“ (Nova FC). Mitveranstalter ist Peter Sobotta, der selbst beim weltweit größten MMA-Format „Ultimate Fightiging Championship“ unter Vertrag steht. Mit Nova FC will er MMA in Deutschland wieder präsenter machen. Dass er Timo Feucht zur Premiere des Events auf die Fightcard setzte, kommt nicht von ungefähr. Regelmäßig gibt er Seminare für die Trainierenden des „Imperium Fight Team“ in Leipzig und begleitete Protagonisten des Gyms im Rahmen von Wettkämpfen.

Peter Sobotta (1.v.l.) und Tim Leidecker (2.v.l.) mit dem Headcoach des „Imperium Fight Team“, Benjamin Brinsa (4.v.l.) in Genf 2017

Die UFC positionierte sich in der Vergangenheit mehrmals deutlich gegen rechte Inhalte. So verbannte sie das kalifornische Neonazi-Label, bzw. den Sponsor „Hoelzer Reich“ von ihren MMA-Events und sprach sich vielfach gegen eine Förderung von Neonazis und Rassist*innen aus. In diesem Zusammenhang kündigten sie 2014 auch den Vertrag mit dem Leipziger MMA-Kämpfer Benjamin Brinsa, nachdem seine Umtriebe in der Neonazi-Szene bekannt wurden. Schon 2012 strich das damals erfolgreichste deutsche MMA-Event „Respect.FC“ Brinsa von der Fightcard, nachdem sich Sportler*innen aktiv gegen dessen Teilnahme ausgesprochen hatten.

Dass im Rahmen der Nova FC rechte Hooligans wie Timo Feucht kämpfen sollen, lässt sich jedoch nicht nur an Peter Sobottas, sondern auch an Tim Leideckers Teilhaberschaft an der Fight Night in Balingen herleiten. Leidecker ist in der Funktion des Managers bei verschiedenen erfolgreichen Events involviert und ist zudem Mitbegründer des einflussreichen Kampfsportportals „Ground and Pound“. Schon in der Vergangenheit zeigte er keine Berührungsängste zu Neonazis wie Benjamin Brinsa, die er als Kämpfer auf diversen MMA-Events hofierte. Daher ist die Ankündigung des Kampfes des 23-jährigen Timo Feucht nicht wirklich verwunderlich, aber vor allem ein schlechtes Zeichen für die deutsche MMA-Szene, die sich langsam versucht zu rehabilitieren und in den Medien als faire Kampfsportart zu etablieren.

Feuchts Aktivitäten in der rechten Szene

Als am 11. Januar 2016 etwa 250 Neonazis und rechte Hooligans den als alternativ geltenden Leipziger Stadtteil Connewitz überfielen, war Timo Feucht einer der 215 im Anschluss an den Angriff von der Polizei festgesetzten Personen. Mindestens vier weitere Personen aus seiner Trainingsstätte „Imperium Fight Team“ wurden ebenfalls von der Polizei im Nachgang des Überfalls in Gewahrsam genommen. Seit dem 16. August 2018 wird in dem Zusammenhang wegen Landfriedensbruch u.a. am Amtsgericht Leipzig verhandelt. Dabei wird deutlich wie koordiniert und massiv dieser Angriff von statten gegangen sein muss. Die über 250 Neonazis hatten sich demnach außerhalb des wöchentlichen, rassistischen LEGIDA-Aufmarsches versammelt, um in den Stadtteil Connewitz blitzartig einzufallen. Innerhalb kürzester Zeit griffen sie mit sprengstoffartiger Pyrotechnik, Pfefferspray und anderen Waffen an und zerschlugen Fensterscheiben von Geschäften, Restaurants und Kneipen, zerstörten Autos und griffen Personen an, die zur Tatzeit im Stadtteil anwesend waren. Im Nachgang wurden außerdem im Umfeld des Tatorts Äxte und Messer sichergestellt. Seit 1938 hat es eine solche Form der Pogrome in Leipzig nicht gegeben.

In wenigen Minuten zerstörten etwa 250 rechte Hooligans im Leipziger Stadtteil zahlreiche Geschäfte, auch Passanten wurden angegriffen und eine Dachgeschosswohnung ging in Flammen auf. Seit der Pogromnacht 1938 gab es in Leipzig keinen derart massiven Angriff.

Nur wenige Monate später, im September 2016, wurde Feucht und weitere seiner Trainingspartner – die als Neonazi-Hooligans des 1. FC Lokomotive Leipzig berüchtigt sind – in Gera (Thüringen) von der Polizei festgehalten. Dabei fand man Waffen und Vermummungsutensilien. Die 40-köpfige Gruppe hatte scheinbar geplant die antirassistische Fankurve der BSG Chemie Leipzig zu attackieren, die dort an dem Tag ein Auswärtsspiel ihrer Mannschaft begleitete.

 

Benjamin Brinsa (1.v.l.) in Wurzen Anfang 2018. Gemeinsam mit weiteren bekannten Neonazis versuchte er Antifaschist_innen einzuschüchtern.

Auch an den rassistischen Mobilisierungen und Ausschreitungen 2018 in Wurzen und Chemnitz nahm Feuchts „Imperium Fight Team“ teil. In diesem Zusammenhang hat sich vor allem sein Trainer und Mentor Benjamin Brinsa hervorgetan. So bedrohte Brinsa mit anderen Neonazis Teilnehmer*innen einer antirassistischen Kundgebung in Wurzen im Januar 2018 – teils mit Waffen. Ein danach in den Medien kursierendes Bild zeigt u.a. Brinsa mit einer langen messer-ähnlichen Waffe.

Bereits im September 2017 organisierte sich Brinsa in der extrem rechten Mobilmachung gegen Geflüchtete in Wurzen und meldete eine Kundgebung gegen eine antifaschistische Demonstration an. Er betrieb zudem ein rechtes Szene-Geschäft mit dem Namen „Streetwar“ und ist bis heute für ein gleichnamiges Label verantwortlich. Als es Ende August 2018 zu mehreren, rassistischen Mobilisierungen in Chemnitz kam, forderte Brinsa seine Follower*innen über die sozialen Netzwerke zur Teilnahme auf und war auch selbst vor Ort Teil eines bedrohlich wirkenden Mobs.

Die Bedeutung des „Imperium Fight Team“

Mit seinem Coaching im „Imperium Fight Team“ fördert Benjamin Brinsa nicht nur rechte Hooligans, organisierte Neonazis und Aktivist*innen der extrem rechten „Identitären Bewegung“, sondern strebt an, diese Mischung salonfähig zu machen. Unter dem Namen „Imperium Fighting Championship“ (IFC) versuchte er mit Hilfe von Strohmännern bis 2016 ein Format zu etablieren, in dem die rechte Kampfsportszene fester Bestandteil war. Bis zu 1.500 Zuschauer*innen besuchten die letzte Veranstaltung in Leipzig, darunter zahlreiche Neonazis und rechte Hooligans des 1. FC Lokomotive Leipzig. Warum sie keine weitere Veranstaltung im Folgejahr organisierten, begründeten sie im September 2017 vor den Bundestagswahlen damit, dass es momentan wichtigere politische Aufgaben gäbe, denen sich gewidmet werden sollte. So hieß es auf der Webpräsenz der IFC:

„Mit einer Regierung in der jetzigen Konstellation, wird es für uns keine Fortsetzung von Imperium FC mehr geben. Natürlich kennen wir die Gründe, nicht aktiv zu werden und wir hatten auch einmal andere Pläne. Wir waren für viele Experten, das beste Mma-Event in Deutschland, aber die Zukunft unseres Landes, unserer Familien und Kinder ist uns wichtiger.“

Das Ausbleiben ihres Events führen sie mit dem offensiven Aufruf zusammen, die AfD bei den anstehenden Bundestagswahlen 2017 zu wählen. Anhand dieser öffentlichen Bekundungen seitens des IFC und damit auch dessen Hintergrundstruktur „Imperium Fight Team“ wird sehr deutlich, welche politische Agenda mit Hilfe der Kampfsport-Strukturen verfolgt werden soll.

Ausbau der „Wehrhaftigkeit“

Offensichtlich wird auch, dass sie dabei nicht in der Defensive bleiben. „Wir können nicht mehr länger wegschauen und wollen dabei helfen, unser Land zurück zu holen(…)“, heißt es so etwa in einem weiteren Posting des IFC in den sozialen Netzwerken. Die Werkzeuge dieser selbst ernannten „Verteidigung“, die vor allem mit einem Überlegenheitsgefühl verbunden ist, eignen sich Neonazis u.a. durch die Expertise und Übung in ihren Trainingsstätten an. Trainierenden und kämpfenden Neonazis geht es hauptsächlich nicht darum, sich für den nächsten sportlichen Wettkampf fit zu machen, sondern um die Verknüpfung einer nationalistischen, menschenfeindlichen Ideologie, die gegenüber vermeintlich „schwachen Personen“ (die nicht in menschenfeindliche Weltbild passen) Stärke demonstriert und diese unterdrücken will. Wettkämpfe und Trainings können als Schulung begriffen werden, in denen der Ausbau einer „Wehrhaftigkeit“ forciert wird. Mit „Wehrhaftigkeit“ meinen Neonazis nicht nur die Fähigkeit, sich im Schlagabtausch wehren zu können, sondern beziehen sich in ihrer Vorstellung auf den (gewaltvollen) „Schutz“ und die (gewaltvolle) „Verteidigung“ von „Rasse, Volk und Heimat“.

Das „Imperium Fight Team“ – das sich auf dem Gelände einem ehemaligen Frauenaußenlager des Konzentrationslagers Buchenwald befindet – ist keine Trainingsgruppe, in der sich ein paar gewaltbereite Hooligans verlaufen haben, sondern eine Ansammlung von organisierten, gewaltausübenden KampfsportlerInnen. Mit Hilfe der dort erlernten Fähigkeiten werden Personen, die nicht in ihr Weltbild passen, regelmäßig und gezielt bedroht und angegriffen. „Kaum ein Gym steht derart symbolisch für die Professionalisierung des rechten Hooliganismus in Deutschland wie Imperium.“, stellt der Hooliganismus-Forscher Robert Claus fest.

Was es bedeutet Timo Feucht eine solche Bühne zu bieten

Trash-Talk und heroisch dargestellte Kampfpositionen in Bildern und Videos gehören zur medialen Vermarktung von anstehenden MMA-Kämpfen und Events. Die Kämpfer*innen stellen sich in bestimmten Rollen dar, die Entschlossenheit und Siegesmut demonstrieren sollen. Zu einer solchen Inszenierung entscheiden sich viele Kämpfer*innen aus Vermarktungsgründen, bzw. erledigen dies die entsprechenden MMA-Formate durch ihre Werbestrategie. Im Werbevideo für die „Nova Fighting Championship“, dessen Macher auch die Promovideos für das „Imperium Fight Team“ herstellt, zeigt sich Feucht heroisch und kampflustig.
Dabei ahmt er allerdings in diesem Rahmen nicht die Rolle des „Hooligans“ nach, auch wenn sein Trainer und Mentor Benjamin Brinsa das mit seinem damaligen Kämpfernamen „The Hooligan“ lange Zeit versuchte. Feuchts und Brinsas Aktivitäten sind keine „Rollen“, die sie nach ihrem Kampf oder nach dem Training ablegen. Vielmehr sind sie Teil ihrer Realität und ihres Alltags.

Es darf nicht hingenommen werden, dass rechten Hooligans und Neonazis eine Bühne ermöglicht wird, auf der sie als faire Kampfsportler dargestellt werden und durch die sie Zugang zu weltweiten MMA-Ranglisten bekommen. Eine Akzeptanz fördert die Normalität mit Neonazis zu kämpfen. So zu tun, als gäbe es diese Leute nicht, ist auf Dauer irreführend. Man unterstützt sie in ihren Trainingsabläufen, bietet ihnen eine Möglichkeit sich zu profilieren und sponsert sie. Wenn ein Timo Feucht mit seinem ,,Imperium Fight Team“ in den Ring treten kann – egal wo – besteht die Gefahr, dass sich das Team um Benjamin Brinsa als legitime Kampfsportstruktur in der MMA-Szene etablieren kann. MMA-Veranstaltungen wie „Nova Fighting Championship“ tragen demnach eine Verantwortung, welche Kämpfer*innen in ihren Octagon treten dürfen. Zudem muss sich Nova FC entscheiden, welche Art von Publikum sie haben will, schließlich ziehen rechte Kämpfer*innen auch immer ein rechtes Publikum mit sich.

Durch die breite mediale Darstellung, etwa durch ranFIGHTING, muss sich Nova FC außerdem bewusst sein, welche Vorbildfunktion sie trägt. Sie definiert mit, was sich unter der heutigen MMA-Szene in Deutschland zu verstehen lässt. Es ist peinlich genug, dass erst das weltweit führende Format UFC dem deutschen rechten MMA-Kämpfer Benjamin Brinsa eine Absage erteilen musste und sich die deutsche Szene – mit Ausnahme von Respect.FC – nicht genug abzugrenzen wusste. Konsequenterweise muss nun auch eine Absage an Timo Feucht als Kämpfer des „Imperium Fight Teams“ erfolgen. Es geht darum ein klares Zeichen im Octagon zu setzen, darum dass MMA eben keine Kampfsportart ist, die in eine „rechte Schmuddelecke“ gehört.

Dieser Text erschien zuerst bei „Runter von der Matte – Kein Handshake mit Nazis

 

Update: am Mittwoch (10. April 2019) verkündete „Nova Fighting Championship“, dass Timo Feucht nicht in den Ring steigen werde.

 

Weiterlesen

Rechtsextremer Lifestyle Der extrem rechte Kampfsportboom

Das gewaltaffine Spektrum der Fußballfanszenen sowie Rechtsrock galten über Jahrzehnte als die zentralen Standbeine einer extrem rechten erlebnisweltorientierten Rekrutierung. Mittlerweile zählt auch der Kampfsport dazu. Robert Claus berichtet, wie sich die extreme Rechte hier professionalisieren und kommerzialisieren konnte.

Von|

Neonazi-Kampfsport professionalisiert sich

Kampfsport genießt unter militanten Neonazis eine unverändert hohe Popularität. Er spricht vor allem den Körperkult und die Gewaltaffinität der Szene…

Von|

Rechtsextreme Hooligans Professionalisierung der Gewalt im Kampfsport

Seit den 80er Jahren sind gewaltbereite, rechtsextreme Hooligans für Fußballvereine ein Problem. Immer wieder kam es in Stadien oder am Rande von Fußballspielen zu Gewaltausbrüchen. Heute begeistert sich diese Szene zunehmend für Mixed Martial Arts und Kampfsport-Events die sie zum Vernetzen und zur Verbreitung ihrer menschenfeindlichen Ideologie nutzen. Ein Interview mit Szenekenner und Autor Robert Claus über vegane Kampfsport-Nazis, die Professionalisierung der Gewalt und die internationale Vernetzung.

Von|
Unsere Partnerportale
Eine Plattform der