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Tipps für das Gespräch mit Verschwörungsgläubigen „Hilfe, mein Vater ist Coronaleugner!“

Symbolbild. (Quelle: Unsplash)

Die folgenden Tipps stammen aus der neuen Handreichung „Entschwörung konkret — Wieviel Geschlecht steckt in Verschwörungsideologien?“ der Fachstelle für Politische Bildung und Entschwörung. In dem Projekt der Amadeu Antonio Stiftung entwickeln Ferdinand Backöfer und Lisa Geffken zusammen neue, pädagogische Zugänge, um erwachsene Menschen in einem kritischen Umgang mit Verschwörungserzählungen zu unterstützen.

Verschwörungsideologien nicht unwidersprochen lassen

Wenn Sie verschwörungsideologische Äußerungen mit Schweigen quittieren, kann Ihnen das leicht als Zustimmung ausgelegt werden. Nehmen Sie doch stattdessen die Äußerung zum Anlass, um zu thematisieren wie Verschwörungserzählungen zustande kommen, welche Funktionen Sie erfüllen und welche Gefahren von ihnen ausgehen. Im Zweifel ist ein knappes „Das sehe ich anders“ besser als Stillschweigen, insbesondere, wenn noch andere Personen zuhören. Nehmen Sie das Thema ernst, aber vermeiden Sie dabei unnötige Dramatisierungen.

Position beziehen ohne zu Belehren

Machen Sie Ihrem Gegenüber unmissverständlich klar, dass Sie den verschwörungsideologischen Gehalt ihrer/seiner Äußerung nicht teilen und ablehnen. Dabei macht es Sinn, sich nicht in Faktendiskussionen und Themenhopping verstricken zu lassen. Zeigen Sie Ihrem Gegenüber die Konsequenzen ihres/seines Denkens auf: Das Problematische an Verschwörungsideologien ist nicht (nur), dass sie falsch sind, sondern das von ihnen eine Gefahr für gesellschaftliche Minderheiten und demokratische Grundwerte ausgeht. Vermeiden Sie dabei die Verwendung von Floskeln, die Person zu belehren oder ihr das Gefühl zu geben, ihr Ihre Meinung aufdrücken zu wollen. Dieses Verhalten würde die verschwörungsaffine Person lediglich in ihren Befürchtungen bestätigen und ihre Abwehr verstärken.

So früh wie möglich intervenieren

Je länger und intensiver sich Personen in Verschwörungsideologien verstrickt haben, desto schwerer wird es die Person „zurückzuholen“. Da Verschwörungsgläubige dazu neigen selektiv Informationen aufzunehmen, die ihr verschwörungsideologisches Weltbild bestätigen, besteht die Gefahr der zunehmenden Isolation in einer „Verschwörungsblase“. In dieser kann es zu einer Negativspirale aus Selbstausgrenzung und zunehmenden Realitätsverlust kommen. Verschwörungserzählungen fungieren oft als Platzhalter für tiefe Verunsicherungen. Wirksam dagegen ist alles, was Selbstausgrenzung aufbricht und ein Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit vermittelt. Nutzen Sie bestehende Möglichkeiten um mit der Person in Kontakt zu bleiben, wie etwa liebgewonnene gemeinsame Freizeitaktivitäten.

Eine gemeinsame Grundlage festlegen

Da Verschwörungsnarrative sich oftmals nicht durch reine Fakten widerlegen lassen, ist es wichtig eine andere Argumentationsgrundlage als nur wahr/falsch für eine gemeinsame Diskussion zu finden. Dazu kann die Feststellung gehören, dass Sie beide die Gesellschaft auf der Grundlage von Menschenrechten denken und gestalten wollen. Das bedeutet, dass allen Menschen als Individuen die gleichen Rechte zukommen, unabhängig von bestimmten Eigenschaften wie Herkunft, Abstammung, Geschlecht oder z.B. religiöser Zugehörigkeit. Zeigen Sie auf, dass sich die Verschwörungsideologie nicht mit der gemeinsamen menschenrechtlichen Position verbinden lässt, z.B. weil sie andere Menschen abwertet. Studien weisen darauf hin, dass mangelnde Anerkennungserfahrungen Menschen empfänglicher für Verschwörungsideologien werden lassen. Vielleicht bietet es sich an dieser Stelle an, Ihr Gegenüber für ihre/seine kritische Haltung zu wertschätzen. Dazu kann die Feststellung gehören, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Informationen und Quellen ein wichtiger Teil demokratischer Willensbildungsprozesse ist.

Offen mit eigenen Unsicherheiten umgehen

Wir leben in einer Welt, in der Informationen sehr schnell verbreitet werden, ob sie richtig oder falsch sind, stellt sich nicht immer sofort heraus. Um nicht vorschnell die falschen Schlüsse zu ziehen, müssen wir auch ertragen können, dass wir nicht immer sofort alles eindeutig beantworten können. Es kann sehr entwaffnend und sympathisch wirken, wenn Sie offen mit eigenen Wissenslücken umgehen. Machen Sie deutlich, warum Sie in der Wissensbildung auf andere Menschen angewiesen sind und weshalb Sie bestimmten Informationen mehr vertrauen als anderen, z.B. weil sie journalistischen und wissenschaftlichen Standards unterliegen. Ein gemeinsamer Faktencheck kann die Seriosität von Quellen prüfen. Aus welcher Quelle stammt meine Information? Gehört das Bild wirklich zum Artikel? Um Falschmeldungen aufzudecken, wurden Offline-, wie Onlineangebote entwickelt, die dabei helfen können Quellen und Informationen nach ihrer Seriosität und Stichhaltigkeit zu überprüfen:

Faktenfinder der Tagesschau

Correctiv

Mimikama

Menschlich bleiben

Trotz der Brisanz der Thematik – Versuchen Sie gelassen, humorvoll und großzügig zu bleiben. Die meisten Menschen nehmen eher Argumente von Menschen an, zu denen sie eine positive, emotionale Verbindung haben. Dazu kann gehören, Ihrem Gegenüber Rückzugsräume offen zu halten, um ihr/sein Gesicht zu wahren. Wenn Sie merken, dass die Person zurückrudert oder ins Grübeln kommt – Belassen Sie es vorerst dabei und geben Sie der Person Zeit zu reflektieren. Der Vorteil im Nahumfeld: Sie sehen die Person wieder und können den Gesprächsfaden zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgreifen. Bleiben Sie dabei auch sich selbst gegenüber geduldig: Die Auseinandersetzung mit Verschwörungsideologien ist arbeitsintensiv und kräftezehrend. Achten Sie auf Ihre eigenen Grenzen.

Fragen stellen

Die Gesellschaft ist häufig nicht in einfachen Kausalketten zu erklären. Widersprüche, nicht intendierte Folgen oder schlicht Zufälle beeinflussen politische Prozesse. Wenn Sie eine verschwörungsideologische Aussage mitbekommen, fragen Sie die Person, welche die Äußerung getätigt hat, was sie genau damit meint: Woher hast du diese Information? Was ist mit unterschiedlichen Eigeninteressen von Akteur:innen? Warum ist dir das so wichtig? Durch Nachfragen geben Sie Ihrem Gegenüber die Chance, die eigene Haltung zu reflektieren und sich ggf. selbst zu korrigieren. Selbsterschlossene Sachverhalte wirken auf die meisten Menschen überzeugender. Manchmal gelingt es durch kluge Fragen Widersprüche aufzudecken und beim Gegenüber Zweifel zu wecken, welche Risse im verschwörungsideologischen Weltbild erzeugen und die Tür zur vernunftbezogenen Argumentation wieder einen Spalt öffnen können.

Verbündete suchen

Das Aufklären und Hinterfragen von Verschwörungsmythen braucht Zeit, Geduld und viel Empathie. In der Familie, auf dem Arbeitsplatz oder im Verein: Tauschen Sie sich mit anderen über Ihre Erfahrungen aus und versuchen sie gemeinsam einen angemessenen Umgang zu entwickeln. Wenn Sie auf diesem Weg fachliche Unterstützung benötigen, scheuen sie sich nicht diese in Anspruch zu nehmen. Neben lokalen Beratungsstellen, steht Ihnen die Amadeu Antonio Stiftung mit einem vielfältigen Workshop- und Beratungsangebot gerne als Ansprechpartnerin zur Seite.


Cover der Broschüre „Entschwörung konkret“ der Amadeu Antonio Stiftung

Die neue Broschüre Entschwörung konkret — Wieviel Geschlecht steckt in Verschwörungsideologien? können Sie hier herunterladen oder bestellen.

„Endzeitkrieger“, „Corona-Rebellen“, „Hexen-Weiber“ und „QAmoms“. Die Szene der Corona-Leugner:innen nutzt bestimmte Männer- und Frauenbilder, um Demokratiefeindlichkeit und antisemitische Mythen zu verbreiten. Mit tradierten Vorstellungen von Geschlecht werden viele Menschen von Verschwörungsideologien erreicht und leichter radikalisiert. Männer werden primär als Kämpfer gegen den Staat und die Medien inszeniert, Frauen hingegen als sorgende Mütter und mystische Naturverbundene. Mit politischer Bildung, die die Kategorie Geschlecht berücksichtigt,  kann Verschwörungsglauben besser analysiert und in konkreten Fällen entschwört werden. Denn auf diese Weise können die emotionalen Anteile des Verschwörungsglaubens aufgegriffen werden. Die neue Handreichung der Fachstelle für Politische Bildung und Entschwörung zeigt, wie Verschwörungsideologien mit Bildern von Geschlecht arbeiten, warum Menschen an sie glauben, welche Gefahr von ihnen ausgeht und ihnen begegnet werden kann.

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