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Unsichtbar und allgegenwärtig Rassismus gegen Roma:Romnja und Sinti:Sintizze in der Berichterstattung

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Brunnenmitte des Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin; das Dreieck soll an den KZ-Winkel erinnern. (Quelle: Wikipedia / Asio otus / CC BY-SA 3.0)

Die ausbleibende Berichterstattung erscheint dabei weniger als Ausnahme denn als Regelfall. Das mangelnde Interesse am Schicksal und Leben von  Roma:Romnja und Sinti:Sintizze in Deutschland  verweist auf die anhaltenden hohen antiziganistischen Ressentiments in weiten Teilen der Gesellschaft, an der auch die Presse mitwirkt.

Für die vergangenen Debatten um die Errichtung des Mahnmals in Berlin, zeigte die Historikerin Yvonne Robel, wie  Roma:Romnja und Sinti:Sintizze dabei mangelnde Dialogbereitschaft vorgeworfen  und sie so selbst für die fehlende Auseinandersetzung der Deutschen mit dem Porajmos verantwortlich gemacht wurden.

Anfänglich gab es in der Berichterstattung zwar Kritik an Aussagen des ehemaligen Berliner Bürgermeisters Eberhard Diepgen, der darauf verwies, das es „kein Platz für ein weiteres Mahnmal“ in Berlin gebe (vgl. taz 28.9.99, S.19). Doch schnell erfolgte die Übernahme schuldabwehrender Narrative, wobei etwa in der taz von einem „infantilen Streit der Opfergruppen“ zu lesen war oder in der Zeit von einem  „wuseligen Neben- und Durcheinander konkurrierender Gedächtnisorte. Dabei geriet insbesondere Romani Rose als Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma unter Beschuss, der eine Einigung in der Auseinandersetzung um die Inschrift des Denkmals verhindern würde.(vgl. taz; SZ 11.05.06, S.4; FAZ 01.03.05, S.44). Kontroversen der verschiedenen Interessenvertretungen der Roma:Romnja und Sinti:Sintizze, wie etwa in Bezug auf die Verwendung der rassistischen Fremdbezeichnung, wurde medial oftmals als „irrationale“ und nicht nachvollziehbare Diskussion abgetan. So heißt es  in einem Artikel der FAZ verständnislos, das die Nutzung des stigmatisierenden Begriffs „jahrhunderte lang üblich gewesen sei“ (vgl. FAZ 20.11.2003, S.4) und selbst in wohlwollenden Artikeln, ist noch die Rede von Romani Rose als „Romachef“ (vgl. taz).

Die fehlende Berichterstattung zum Gedenken an den Porajmos erklärt sich also nach dem kurzen Rückblick auf die Beiträge vergangener Jahre auf unrühmliche Weise. Erstaunlich zugleich, das es am selben Tag Beiträge zum erstmals in Kanada begangenen „Emancipation Day“ in die Zeitungen schafften, der, an die Abschaffung der Sklaverei erinnern soll (vgl. ND).

Aber nicht nur das Ausbleiben von Berichterstattungen stellt ein Problem dar, sondern auch die anhaltende Reproduktion rassistischer und stereotyper Darstellungen von Roma:Romnja und Sinti:Sintizze in den Medien, wie zuletzt im Fall des Todes von Stanislav Tomáš in Tschechien (vgl. Belltower.News). Ähnlich wie beim Fall George Floyd, verstarb Stanislav Tomáš, nachdem Polizisten minutenlang auf seinem Hals knieten.  Kaum thematisiert in den Medien, waren es vor allem Roma:Romnja und Sinti:Sintizze- Aktivist:innen selbst, die diese Nachricht in den sozialen Medien verbreiteten.

In einen der wenigen Artikel, der in der taz die über diesen Fall erschien, bezieht sich die Autorin nicht nur ausschließlich auf Aussagen der Polizei, sondern wirft Aktivst:innen auch die Instrumentalisierung des Todes vor. So heißt  es :

„Eine Kausalität zwischen Polizeieinsatz und Hautfarbe scheint in diesem Fall etwas zu konstruiert, da der Einsatz eindeutig auf das Verhalten und nicht die Herkunft des Mannes zurückzuführen ist“ und: „Der ‚tschechische George Floyd‘ verfügte offensichtlich über eine weitaus niedrigere Methamphetamin-Toleranz, als das amerikanische Vorbild, das Roma und Menschenrechtsaktivisten seit dem Zwischenfall beschwören“.

Offensichtlich uninformiert über die Funktionsweise und den real existierenden strukturellen Rassismus gegenüber Roma:Romnja und Sinti:Sintizze, kommt die Autor:in zum Schluss: „Es ist der alltägliche Rassismus, der den Roma in Tschechien den Atem nimmt und sie nach unten drückt“

Trotz erheblicher Kritik, die vor allem von Betroffenen selbst formuliert wurde (vgl. Migazin), bestärkt die Autor:in in einem weiteren Text in der taz die Vermutung, der Tod sei auf seinen Drogenkonsum zurückzuführen und Aktivist:innen würden den Fall ungerechtfertigt  instrumentalisieren. Als Beleg dienen die Aussagen von zwei Rom, die zwar keine Verbindung zum Verstorbenen haben, jedoch das Narrativ der Autorin bestätigen, wonach der Fall  vorschnell vereinnahmt worden sei und der Drogenkonsum innerhalb der Community ein massives Problem darstelle und vor allem ungleiche Bildungschancen die gesellschaftliche Integration der  Roma:Romnja und Sinti:Sintizze verhindern würden. Mit der Beschränkung auf verhältnismäßig „weniger schlimme“ Fälle von Alltagsrassismus bleibt das strukturelle System der Diskriminierung und Gewalt in Tschechien und weiten Teilen Europas nahezu unerwähnt.

Obwohl der Text anscheinend über die Hintergründe des Todes informieren will, von dem auch internationale NGOs, der Zentralrat der Sinti und Roma, Amnesty International und der Europarat eine unabhängige Untersuchung fordern, scheint es der Autorin jedoch eigentlich um unrechtmäßige Forderungen von Aktivist:innen zu gehen, welche die „Sache an sich gerissen haben“ und einen weißen Sarg  mit „Kostenpunkt umgerechnet 7.000 Euro, die aus Spendengeldern finanziert werden sollten“ fordern würden. In dieser Hinsicht kann der relativ zusammenhangslose Verweis darauf, das einer der Interviewten die rassistische Fremdbezeichnung für sich nicht ablehne und den Begriff Rom als Verlust seiner kulturellen Identität wahrnehme“, auch als direkte Herabwürdigung der jahrzehntelangen antirassistischen Arbeit von Betroffenen und Organisationen gelesen werden, die diesen Begriff in der großen Mehrheit ablehnen.

Im Vergleich der Berichterstattung um das Mahnmal und zum  Tod von Stanislav Tomáš,  zeigt sich die Kontinuität rassistischer Darstellungen. Trotz der massiven rassistischen Gewalt gegenüber Roma:Romnja und Sinti:Sintizze in weiten Teilen Europas werden ihre Forderungen oftmals als  ungerechtfertigt, überzogen  oder unrechtmäßige Erschleichung von Geldleistungen dargestellt. An der Aufrechterhaltung solcher Narrative ist auch die mediale Berichterstattung beteiligt.

Der  Politikwissenschaftler und Mitglied der vom Bundestag eingesetzten Kommission Antiziganismus, Markus End, ist über die Dethematisierung des Gedenkens nicht verwundert und verweist auf den langen Kampf um Anerkennung durch Aktivist:innen, Verbände und Organisationen (vgl. RND). Selbst wenn sich herausstellen würde, dass Stanislav Tomáš’ Tod auf seinen Drogenkonsum zurückzuführen wäre, bleibt unverständlich, warum die Autorin sich dabei so massiv gegen Aktivist:innen stellt und so die anhaltende Gewalt gegenüber  Roma:Romnja und Sinti:Sintizze heruntergespielt. Noch unverständlicher bleibt jedoch, dass  gleich zwei solcher Artikel durch eine links-alternativ verortete Zeitung veröffentlicht werden konnten.

Das Titelbild wurde unter der Lizens CC BY-SA 3.0 veröffentlicht.

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