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„Viele Kinder wissen gar nicht, dass man sich nicht aussucht, schwul zu sein“

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Dr. Ulrich Klocke und Katja Krolzik-Matthei auf dem Kongress "Respekt statt Ressentiments - Strategien gegen die neue Welle von Homo- und Transphobie" (Quelle: Netz gegen Nazis)

 „Dass in Schulen viel zu wenig offen über sexuelle Vielfalt gesprochen wird, ist ein grundlegendes Problem“ kritisiert Dr. Ulrich Klocke von der Humboldt-Universität zu Berlin. Umfragen unter Schüler_innen haben gezeigt, dass oft Fehlinformationen im Umlauf sind und dass sich gerade jüngere Schüler_innen  viel zu wenig mit dem Thema sexueller Vielfalt auskennen. „Beispielsweise wissen viele Kinder gar nicht, dass man sich nicht aussuchen kann, schwul zu sein“ so Klocke. Dieses Unwissen kommt auch daher, dass im Umfeld der Kinder  nicht offen mit den Themen Sexualität und Geschlechteridentität umgegangen wird. Die Mehrheit der Kinder gab in der Umfrage an, nicht zu wissen, ob schwule oder lesbische Menschen in ihrer Umgebung leben. Es mangelt also auch an Sichtbarkeikeit.

Der offene Umgang mit Homosexualität führt zum Abbau von Vorurteilen

„Mehr Sichtbarkeit wiederum“, so Klocke „führt dazu, dass das Thema Homosexualität in den Schulen angesprochen wird“.  Wenn Lehrer_innen Schwule oder Lesben in ihrem eigenen Umkreis haben, dies zeigt eine Umfrage unter Lehrkräften, dann ist es wahrscheinlicher, dass Homosexualität von ihnen im Unterricht thematisiert wird. Außerdem würden Lehrer_innen viel eher Aufklärungsarbeit leisten, wenn sie unter ihren Schüler_innen Schwule oder Lesben vermuten. Um die Thematisierung von sexueller Vielfalt im Unterricht nicht dem Zufall zu überlassen, plädiert Klocke für gesetzliche Richtlinien in der Bildungspolitik.

Eine gute Nachricht ist, dass Lehrkräfte extrem stark Einfluss auf die Akzeptanz von Homosexualität unter den Schüler_innen nehmen können. Hierfür schlägt Klocke verschiedene Strategien vor: „Lehrer_innen können zum Beispiel Lernmaterialien einsetzen, in denen schwule Eltern vorkommen, oder sich ein Mädchen in ein anderes Mädchen verliebt. Oder sie können im Unterricht Geschlechterkonzepte hinterfragen und das Menschenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung besprechen. Außerdem können Lehrkräfte, die selbst homosexuell sind und dies offen leben, als Identifikationsfigur zu mehr Akzeptanz beitragen. Ganz wichtig ist es auch, dass Lehrer_innen bei Diskriminierung von homosexuellen Schüler_innen bedingungslos einschreiten, dies ist leider für viele nicht selbstverständlich“.

Wie kann am effektivsten auf diffuse Ängste aus dem konservativen Milieu reagiert werden? 

Wie sich auf den „Demos für alle“ zeigt, besteht in Teilen der Gesellschaft eine starke Ablehnung der Thematisierung von sexueller Vielfalt und Geschlechteridentität im Schulunterricht. Doch welche Vorurteile und Befürchtungen führen zu einem so großen Widerstand? „Der Wunsch nach Privilegierung traditioneller Familien“, sagt Klocke, „spielt dabei eine große Rolle. Aber es schwingen auch diffuse Ängste mit, wie beispielsweise vor der „Frühsexualisierung“ oder davor, dass bald die „normalen“ diskriminiert werden und die LGBTTIQ-Comunity zu viel Einfluss gewinnt“.    

Um diese Vorurteile und Falschinformationen sachlich zu entkräften stellt  Klocke eine Reihe von praxisorientierten Reaktionsmöglichkeiten für die Diskussion vor. „Es ist wichtig, in diesem Zusammenhang Überheblichkeit zu vermeiden. Es handelt sich um ein sehr emotionales Thema und daher sollten Ängste ernst genommen werden. Um den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, sollten wir traditionelle Lebensweisen auch explizit wertschätzen und nicht das Gefühl vermitteln »wenn man nicht alles ausprobiert hat, dann kann man auch nicht mitreden«“. Als Argument für die „Ehe für Alle“ schlägt Klocke vor, die Verbindlichkeit und die zwischenmenschliche Verantwortung zu betonen, die durch eine Eheschließung entsteht. So könne man auch Menschen aus dem konservativen Milieu überzeugen.

Sexualpädagogik an Schulen ist Menschenrechtsarbeit und keine sogenannte „Frühsexualisierung“

Katja Krolzik-Matthei, Diplom- Sozialpädagogin und Sexualwissenschaftlerin, setzt auf eine universellere Argumentation im Umgang mit Kritikern. Sie betont, dass es sich bei der Verwirklichung sexueller Selbstbestimmung um ein Menschenrecht handelt. Was die „besorgten Eltern“ als „Frühsexualisierung“ bezeichnen, ist für Krolzik-Matthei Menschenrechtsarbeit an Schulen. „Es geht darum, die Kinder an Selbstverwirklichung in Verantwortung heranzuführen. So etwas wie „Frühsexualisierung“ gibt es gar nicht, denn Kinder sind von Geburt an sexuelle Wesen und somit kann dieses Thema nicht einfach ignoriert werden“. Um Spekulationen und Befürchtungen keinen Raum zu geben, sei es wichtig, dass Lehrer_innen die Eltern darüber informieren, wie genau welche Inhalte im Unterricht vermittelt werden. So können Vorurteile abgebaut werden. 

 

Mehr auf netz-gegen-nazis.de:

Der Kongress „Respekt statt Ressentiment – Strategien gegen die neue Welle von Homo- und Transphobie“ fand am 10. Juni 2015 in Berlin statt, organisiert von der Amadeu Antonio Stiftung und dem Lesben- und Schwulenverband Deutschland.Weitere Texte zum Kongress:

| Homo- & Transfeindlichkeit: „Sie sind beleidigt, weil sie uns nicht mehr wie früher beleidigen dürfen“| Transfeindlichkeit: Freiheit der Geschlechterwahl ist bisher nur Theorie| Mehrfachdiskriminierungen: „Was den Unfall auch verursacht hat – der Schaden ist jedenfalls immens“| Kindliche Bildung: „Viele Kinder wissen gar nicht, dass man sich nicht aussucht, schwul zu sein“

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