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Vor 18 Jahren starb Falko Lüdtke – was hat sich seitdem in Brandenburg getan?

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Falko Lüdtkes Todestag jährt sich heute zum 18. Mal. (Quelle: Screenshot Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg)

 

 

DIE TAT 

Am 31.05.2000 gegen 20.40 Uhr trifft der 22jährige Falko Lüdtke an einer Bushaltestelle im Brandenburgischen Viertel auf den ihm bekannten 27jährigen Mike Bä., Mitglied der neonazistischen Szene in Eberswalde. Dieser steht dort bei zwei Bekannten. Kurze Zeit vorher soll es mit Mike Bä. Probleme an einem Döner-Imbiss gegeben haben. Laut einer späteren Zeugenaussage, wollte Falko Lüdtke dies mit Bä. an der Bushaltestelle klären.4 Der große und bullige Neonazi trägt auf dem Hinterkopf seiner Glatze ein handtellergroßes Hakenkreuz-Tattoo. Der wesentlich kleinere linke Punk spricht ihn auf die offen zur Schau gestellte, verbotene Tätowierung an. Eigentlich will Falko mit dem Bus in die Gegenrichtung nach Finow fahren. Offensichtlich entscheidet er sich spontan anders, um mit Mike Bä. weiter diskutieren zu können. Die beiden, sowie die Bekannten von Mike Bä., steigen in einen Bus ein. Dort setzen die beiden ihre verbale Auseinandersetzung über die Gesinnung Bä.s fort. Im Bus wird die Diskussion hitziger und der Begleiter von Mike Bä. drückt Falko gegen die Busscheibe. Ein weiterer Beteiligter bringt die beiden auseinander, so dass sich die verbale Auseinandersetzung wieder auf Falko Lüdtke und Mike Bä. konzentriert.5 Als Falko an der nächsten Haltestelle aussteigen will, sagt Bä. zu ihm „Bleib doch noch hier“ und ermutigt ihm damit weiter mitzufahren, um die Diskussion fortzusetzen.6 An der Haltestelle Spechthausener Straße verlassen sie den Bus. Bä. fordert Falko Lüdtke mehrfach auf, mit ihm auf den Hinterhof des Hauses Spechthausener Straße Nr. 5 zu kommen, um dort ein Bier zu trinken. Der Punk lehnt ab. Daraufhin kehrt Mike Bä. um und greift Falko Lüdtke plötzlich und unvorhergesehen mit Schubsen und Faustschlägen an.7 Dieser verteidigt sich gegen den Angriff, indem er zurückschubst und -schlägt. Während des Handgemenges bewegen sich beide zunehmend in Richtung Straße. Mike Bä. steht dabei mit dem Rücken zum Wohnhaus und Falko Lüdtke mit dem Rücken zur Straße. Als sich die beiden am Rand zur Fahrbahn befinden, versetzt Mike Bä. ihm einen Schlag auf den Brustkorb. „Falko Lüdtke verliert dadurch das Gleichgewicht und stolpert – sich zwei Schritte rückwärts bewegend – auf die Straße.“ Er wird von der rechten Vorderfront eines vorbeifahrenden Taxis erfasst. Sein Körper zerschlägt die Windschutzscheibe. Durch die Wucht der Aufpralls wird Lüdtke hoch geschleudert und bleibt auf der Straße liegen. Der Täter flüchtet vom Tatort, ohne Falko Lüdtke zu helfen. Der Punk stirbt noch am selben Abend an einem Lungenriss. (Zitat aus: www.todesopfer-rechter-gewalt-in-brandenburg.de

Erst seit der Studie des Moses Mendelssohn Zentrums 2015 ist Falko Lüdtke offiziell als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. 

 

Todesopfer in Brandenburg

In der Region Barnim-Uckermark gibt es auch Orte, die an Geschichten erinnern, die oft verdrängt werden: Die Güllegrube in Potzlow, in der Marinus Schöberl 2002 im Alter von 16 Jahren versenkt wurde, nachdem er zuvor über Stunden misshandelt und schließlich auf bestialische Art ermordet worden war. Die Werkstatt von Bernd Köhler in Templin, in die der 55-Jährige 2008 von zwei Neonazis getrieben und dort mit Tritten gegen den Kopf malträtiert wurde, bis er starb. Oder die Straße vor dem „Hüttengasthof“ in Eberswalde, auf der Amadeu Antonio 1990 zum dritten Todesopfer rechter Gewalt nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde.

Die Liste der Todesopfer rechter Gewalt in der Region ist sogar noch länger. Zwischen 1990 und 2008 wurden in Potzlow, Templin, Eberswalde, Schwedt, Angermünde und Hohenselchow neben Marinus Schöberl, Bernd Köhler und Amadeu Antonio auch Falko Lüdtke, Erich Fisk, Wolfgang Auch und Gerd Himmstädt von Neonazis umgebracht. Auch wenn diese Taten in den meisten Fällen spontane und die Auswahl der Opfer willkürlich erscheint, lassen sich doch eindeutig rechtsextreme Motive erkennen: Neben dem offenen Rassismus, dem Amadeu Antonio zum Opfer fiel, spielten bei den anderen Ermordeten sozialdarwinistische und antisemitische Haltungen eine Rolle. So wurden auch als „Asoziale“ angesehene – vermeintliche – Obdachlose und Alkoholabhängige oder Jugendliche aus anderen Subkulturen wie Hip-Hopper von den Neonazis als störende „Andere“ wahrgenommen, abgewertet und verfolgt. Die Taten weisen weitere Gemeinsamkeiten auf: Sie fanden in eher ländlichen Regionen statt, in denen sich spätestens seit den 1990er Jahren feste rechtsextreme Strukturen etabliert haben.

Neben aktiven Neonazis, die sich in Kameradschaften organisierten, gab es ein breites rechtsorientiertes Jugendmilieu, das über Musik, Alkohol, Gewaltfaszination und, nicht zuletzt, auch rechte Einstellungen an die Szene gebunden und an den Verbrechen beteiligt waren. So wurden auch Jugendliche, die kein geschlossen rechtsextremes Weltbild vertraten, zu MitTäter_innen und Zeug_innen der Gewalttaten. Scheinbar entstand in manchen Fällen durch Langeweile, gemeinsamen Alkoholkonsum und eine tendenzielle Gewaltaffinität eine Dynamik, in der selbst die grausamsten Misshandlungen der Rechtsextremen akzeptiert und unterstützt wurden.

„Rechtsextremismus? Nicht bei uns!“

Im Vorfeld der Taten wurden rechtsextreme Strukturen vor Ort offenbar weitestgehend übersehen oder missachtet. Nach den Morden betonten Bürgermeister_innen und lokale Akteur_innen fast einhellig, dass es kein Problem mit Rechtsextremismusim Dorf geben würde. Die paar „Glatzen“ kenne man und habe sie im Griff. An dieser Deutung hielten manche selbst nach den schockierenden Manifestationen rechtsextremer Gewalt noch fest und versuchten, die Morde als „Streit unter Jugendlichen“ oder „jugendtypische Verfehlungen“ zu entpolitisieren und bagatellisieren. Ähnlich verliefen die meisten gerichtlichen Verfahren, in denen wie beispielsweise im Fall Amadeu Antonio ein rassistischer Hintergrund konsequent ausgeblendet und verweise auf die Einstellungen der Täter_innen als „Zeitverschwendung“ abgetan wurden. Statt die rechtsextremen Motive zu berücksichtigen, wurden oftmals Alkoholkonsum oder die „politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse“ der Wendezeit als strafmildernde Umstände gewertet. So trugen auch die Ermittlungsbehörden dazu bei, rechtsextreme Gewalt zu verharmlosen.

Sieben Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung zählt die Amadeu Antonio Stiftung und die Initiative Opferperspektive, die Opfer rechter Gewalt in Brandenburg berät, in den Landkreisen Barnim und Uckermark. Auf ihrer Homepage„Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg“ sind weitere 15 politische Morde von Rechtsextremen dokumentiert, dazu drei Morde von Rechten, bei denen kein politisches Tatmotiv erfasst wurde und fünf Verdachtsfälle. Einen weiteren Verdachtsfallnennt das Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam, das 2015 in einer Studie Fälle, die von der Bundesregierung nicht als rechte Morde gezählt werden, aufgearbeitet hat. Als Reaktion auf die detaillierte Studie wurden neun Fälle von der Bundesregierung neubewertet und als rechte Morde anerkannt. Nach den offiziellen Zahlen der Bundesregierung hat sich damit bundesweit jeder vierte rechte Mord in Brandenburg ereignet. Die Amadeu Antonio Stiftung geht insgesamt von deutlich mehr Todesopfern rechter Gewalt aus. „Die hohe Anzahl rechtsextremer Morde in Brandenburg ist erschreckend“, findet Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung. „Nach der Wende wurde versäumt, hier frühzeitig zu intervenieren und die rechtsextremen Strukturen als Gefahr wahrzunehmen.“

 

Der Kampf ums Erinnern

Durch die Verharmlosung der Taten waren die Opfer lange Zeit unsichtbar und wurden nicht angemessen gewürdigt. So auch in Eberswalde. Erst als die Stadt in einem langen Lernprozess akzeptiert hat, dass etwas Schlimmes passiert ist, hatsich das Blatt gewandt. Seitdem bemüht sich Eberswalde um eine aktive Erinnerungskultur. Neben einer Gedenktafel am Tatort an der Eberswalder Straße finden zudem jährliche Gedenkveranstaltungen in Eberswalde statt. Gemeinsam mit der Amadeu Antonio Stiftung wurde der „Amadeu Antonio Preis“ ausgelobt, mit dem kreatives künstlerisches Engagement für Menschenrechte und gegen Rassismus und Diskriminierung unterstützt und an Amadeu Antonio erinnert werden soll.

Die Amadeu Antonio Stiftung hat sich im Gedenken an den ermordeten Angolaner gegründet, um rechtsextreme Einstellungen zu bekämpfen und die demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, um weitere rechtsextreme Morde zu verhindern.Auch in Templin wurde in Reaktion auf den Mord an Bernd Köhler eine Stelle als Demokratie- und Toleranzbeauftragte geschaffen. Im Jugendclub gibt es seitdem intensive Auseinandersetzungen mit der Bekämpfung von Rassismus.

Vor der Kirche in Potzlow erinnert ein Gedenkstein an Marinus Schöberl. Dort finden auch die Veranstaltungen in seinem Gedenken statt. Zudem wurde der brutale Mord von mehreren Kulturschaffenden aufgegriffen und beispielsweise im mittlerweileauch verfilmten Theaterstück „Der Kick“ von Andreas Veiel behandelt. Die Dokumentation „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ von Tamara Milosevic, die drei Jahre nach dem Mord den schwer traumatisierten besten Freund von Marinusportraitiert, zeigt zudem auf beklemmende Art, dass die Strukturen, die zu dem Mord geführt haben, ungebrochen fortzubestehen scheinen. Durch ihre Werke können die Künstler_innen so einen Beitrag leisten, dass die Toten nicht in Vergessenheit geraten.

Längst keine Selbstverständlichkeit, wie der Blick auf andere (Tat-)Orte in BarnimUckermark zeigt, an denen kein Hinweis auf die Ermordeten zu finden ist und sich keine Gedenkkultur etabliert hat. Auch die Debatte um die Forderung des afrikanischenKulturvereins Palanca, einen Teil der Eberswalder Straße nach Amadeu Antonio zu benennen, dauert noch an. „Den Opfern muss ein würdiges Gedenken zuteil werden, das den späteren Generationen zur Mahnung dient und zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus anhält. Die Anschläge auf Geflüchtete und die Morde des NSU haben gezeigt, dass der Hass und das Gewaltpotenzial der rechtsextremen Szene immer noch vorhanden ist“, so Timo Reinfrank.

Todesopfer rechter Gewalt

Die Übersicht der Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 der Amadeu Antonio Stiftung finden Sie unter www. opferfonds-cura.de/zahlen-und-fakten/todesopfer-rechter-gewalt. Die Opferperspektive hat die Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg hier detailliert dokumentiert: www.todesopfer-rechtergewalt-in-brandenburg.de.

 

Erinnerungskultur im Bezug auf Falko Lüdtke:

Jedes Jahr versammeln sich Freundinnen und Freunde, Punks und Linke im Gedenken an Falko Lüdtke an der Bushaltestelle Spechthausener Straße. Erst seit der Studie des Moses Mendelssohn Zentrums 2015 ist Falko Lüdtke offiziell als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. Die Stadt Eberswalde plant auch nach der offiziellen Anerkennung kein Gedenken für Falko Lüdtke

 

Der Text ist ein Auszug aus der Broschüre

Bundesnetzwerk Bürgerschaftlichen Engagement (BBE) (Hrsg.)in Kooperation mit Bürgerstiftung Barnim Uckermark und Amadeu Antonio STiftung

Lebendige Orte – Eine Reise durch Barnim und Uckermark

Berlin 2017

Download als PDF: http://www.laendlicher-raum.info/w/files/laendlicherraum/materialien/bbe_reisebuch_kleiner.pdf

Der Reiseführer durch die demokratische Kultur Barnims und der Uckermarck zeigt Orte, in denen Menschen sich aktiv einsetzen für demokratische Kultur und gegen Rechtsextremismus. Zudem enthält er Themenartikel zu Erinnerungsorten, Engagement im ländlichen Raum oder völlkischem Rechtsextremismus.

Als Print-Ausgabe zu bestellen bei der Amadeu Antonio Stiftung: info@amadeu-antonio-stiftung.de

 

Mehr zum Engagement für Demokratie im ländlichen Raum

www.laendlicher-raum.info

 

Spenden Sie für die Opfer rechtsextremer Gewalt:

www.opferfonds-cura.de

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