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Zwei Jahre nach rechtsterroristischem Anschlag Geplante Waffenmesse in Halle sorgt für Empörung

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Auf der Messeliste sieht sie harmlos aus, aber diese Sammlermesse ist eine Waffenbörse mit NS-Devotionalien-Angebot (Quelle: Screenshot)

Es klingt zunächst wie ein schlechter Scherz. Am 9. Oktober jährt sich der antisemitische, rechtsterroristische Anschlag auf die Synagoge in Halle zum zweiten Mal. Trotzdem wurde in Halle genau zu diesem Datum die größte Waffenmesse Deutschlands geplant – eine Messe, die in der Vergangenheit durch den Handel mit NS-Devotionalien Schlagzeilen machte.

Waffenbörse in Kassel 

Die nun in Halle geplante Waffenmesse hat bereits eine längere Vorgeschichte. Denn der Organisator, Wolf Krey, hat zuvor bereits  jahrelang in Kassel die sogenannte „WBKinternationale Waffenbörse“ veranstaltet. Diese zu den größten Waffenmessen in Europa zählende Veranstaltung bietet neben Jagd- und Sportwaffen auch Schusswaffen aller Art an. Aber auch Uniformen, Armee-Ausrüstungsgegenstände, Orden, Militaria und Ehrenzeichen werden hier zum Kauf angeboten. Aussteller:innen aus dem In- und Ausland präsentieren „ein vielfältiges Angebot“, wie online auf Messeseiten zu lesen ist. Geworben wird um Personen mit geschichtlichem Interesse, angesprochen fühlen sich unter anderem Nazis und Rechtsradikale. Die wollen vor allem in NS-Nostalgie schwelgen und sich nach der „guten alten Zeit“ der menschenverachtenden Vergangenheit zurücksehnen.

Waffenbörse nach rechtsterroristischen Anschlägen nicht mehr haltbar

Aber warum findet die Waffenbörse nicht weiter in Kassel statt? In Kassel geschah im Jahr 2019 der  Mord an dem Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Walter Lübcke wurde am 1. Juni 2019 in seinem eigenem Haus durch den Rechtsextremen Stephan Ernst ermordet, weil er Lübckes  offene Haltung gegenüber Geflüchteten so sehr verabscheute, dass er zur Waffe griff.

Doch bereits zuvor war die Stadt Kassel von einem rechtsterroristischen Anschlag betroffen. Halit Yozgat war das neunte Todesopfer des NSU und wurde am 6. April 2006 in seinem  Internetcafe ermordet. Die genauen Hintergründe der Tat, bei dem auch ein Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz anwesend war, sind bis heute ungeklärt. Seither versuchten verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen sowie die Stadt Kassel selbst, die weitere Austragung der unter Nazis beliebten Messe zu verhindern. Hierfür verabschiedeten im September 2020 die Stadtverordneten gegen die Stimmen von CDU, AfD und FDP einen Antrag der SPD der vorsah, nun „alle rechtlichen Möglichkeiten zur Untersagung zu ergreifen“. Der Organisator Wolf Krey sprach derweil vom „blinden Aktionismus“, da die bis zu 20.000 Besucher:innen seiner Messe so unter Generalverdacht gestellt würden (vgl. HNA).

Zwar wurde die Messe 2020 auf Anweisung des Kasselers Verwaltungsgericht  abgesagt, jedoch mit Verweis auf die angespannten Pandemielage und damit verbundener Sicherheitsbedenken und nicht aufgrund der inhaltlichen Ausrichtung der Messe. Inzwischen ist sie durch den Stadtrat verboten worden (vgl. Anwaltonline).

Umzug nach Halle unter neuem Namen

Nun soll in Halle vom 14. bis zum 17. Oktober 2021 die sogenannte “Internationale Sammlermesse Halle/Saale (ISM)” stattfinden, die ebenfalls von Wolf Krey veranstaltet wird. Ausgerechnet in Halle, ausgerechnet an diesem Datum. Zufall oder Absicht?

Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Denn die Stadtverwaltung sowie der Messebetreiber Roland Zwerenz nahmen die Veranstaltung zwar an, versuchten dann aber, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf die geplante Veranstaltung zu lenken. So wurde im öffentlich einsehbaren Messekalender die ISM, anders als andere Veranstaltungen, vom Messebetreiber zunächst nicht öffentlich beworben (inzwischen wird sie aufgeführt, siehe Titelbild). Der Starttermin – eigentlich sollte es wirklich der 9. Oktober sein – wurde auf Einwirkung der Stadt nach hinten geschoben.

Auf der Plattform “Militaria-Fundforum” schrieb Frey später zur Terminverschiebung: „Die Stadt Halle, der Polizeidirektor und das Innenministerium haben jetzt dringend abgeraten, an diesem Termin eine Messe mit Waffenverkauf stattfinden zu lassen. Diese Nachricht ist uns erst am Freitag, 13.8., um 13.56 Uhr zugegangen. Vorher war es kein Thema“.

Die Verlegung auf Anraten der Stadt Halle, des Polizeidirektors und des Innenministeriums, erfolgte demnach, um möglichen Protesten und einer breiten medialen Berichterstattung entgegenzuwirken.

Auch wenn die ISM nach eigenen Angaben „kein Platz für Neo-Nazis“ sei und sich „ausdrücklich von rechten Gewalttaten“ distanziert, bleibt dies wohl reines Lippenbekenntnis. Orts- und Datumswahl sprechen für die Szene sicherlich eine andere Sprache. Den Verkauf von NS-Devotionalien als „Erinnerungsarbeit“ und „Aufarbeitung“ zu beschreiben, ist ebenfalls mehr als zweifelhaft.

Die mindestens Empathielosigkeit des Veranstalters zeigt sich daran, dass er offenbar kein Problem damit hat, am Jahrestag des Anschlags in Halle eine Waffenmesse zu veranstalten, auf der Neonazis und Rechtsextreme Relikte aus der NS-Zeit erstehen können.  Umso empörender, dass  die Stadt selbst dabei hilft, die Veranstaltung möglichst ohne größere öffentliche Aufmerksamkeit abzuhalten, anstatt dieser aktiv entgegenzuwirken.

Inzwischen hat eine Messe-Sprecherin dem mdr gesagt, dass der Vertrag für die Messe noch nicht unterschrieben sei (vgl. mdr).

Linken-Landtagsabgeordnete Henriette Quadde und Bundestagsabgeordnete Petra Sitte fordern ein Verbot der Messe: „Dass in Halle eine Messe stattfinden soll, bei der Waffen, Militaria und auch Nazidevotionalien gezeigt und vertrieben werden, ist schlichtweg unerträglich. Der Halle Messe GmbH scheint die Brisanz ja durchaus bewusst zu sein. Das mit Verweis auf den Anschlag vom 9. Oktober 2019 dieses Event einfach um ein paar Tage verschoben werden soll, ist an Zynismus kaum zu überbieten und inakzeptabel.“

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