Rund 600 Neonazis demonstrierten in Dortmund am Samstag weitgehend ungestört - die Polizei hielt Tausende Gegendemonstrant_innen fern.
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"The world without Zionism“: Hass auf Juden verbindet auf Neonazi-Demonstration in Dortmund

Am Samstag sind in Dortmund knapp 600 Neonazis von der Minigruppierung „Die Rechte“, abgeschirmt von 3000 Gegendemonstranten, unter dem bizarren Motto „Europa erwache“ marschiert. Ihr Hass auf Juden sowie ihre demonstrative Militanz verband sie. Darunter waren auch mehrere Sprecher aus osteuropäischen Staaten.
 

Von Jennifer Marken (Text und Fotos im Text)

 

Bereits zwei Tage vor der Neonazikundgebung hatte ein breites Bündnis von Dorstfelder Initiativen und Parteien drei Tage lang unter dem Motto „Vielfalt lieben, Dorstfeld leben“ auf dem Dorstfelder Wilhelmplatz ein buntes Demokratiefest gefeiert. Der Wilhelmplatz liegt nur 100 nur gut Hundert Meter vom selbsternannten „Nazikiez an der Emscher Straße/Thusneldastraße entfernt, wo etwa 30 Neonazis leben und ihr „Revier“ durch eine Unzahl von Nazischmierereien markieren. Zum Schutz des gelungenen Festes waren zahlreiche Ordner und Polizisten anwesend. Immerhin: Das Fest war ein wirklicher Erfolg.

 

 

Die Kundgebung der Neonazis begann mit 45-minütiger Verspätung. Alle Neonazis wurden nacheinander in einem großen blauen Zelt nach Waffen durchsucht. Bei zahlreichen von ihnen wurden verbotene Materialien entdeckt, sie mussten anschließend bei einem Polizeiwagen Angaben hierzu machen. Die Kundgebung und der anschließende, knapp drei Kilometer lange Demonstrationszug hingegen mutete gespenstisch an: Er fand nahezu vollständig unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Mehr als 3000 Polizisten wurden laut den Angaben eines Polizeisprechers für die Nazis eingesetzt, ein Hubschrauber, eine Reiterstaffel und zumindest sechs Wasserwerfer. Diese standen in den Seitenstraßen jedoch nicht den Nazis sondern den antifaschistischen Demonstranten gegenüber. Insgesamt hatten sich wohl 3000 Gegendemonstranten, mehrheitlich aus dem Dortmunder Spektrum von Blockado, an verschiedenen Orten eingefunden. Mit ihnen, die meisten von ihnen waren sehr jung, wurde keineswegs zimperlich umgegangen. Vor allem jedoch wurde ihnen sehr rigide eine Ansammlung in der Nähe des Demonstrationszuges unterbunden. Die Atmosphäre unter den Demonstranten verschlechterte sich merklich, als sie feststellen mussten, dass die Polizeiketten sie noch nicht einmal aus dem Innenstadtbereich zu ihren angemeldeten Demonstrationsplätzen hinauszulassen. Erst in Höhe des „U“s sowie bei der Abschlusskundgebung waren, wenn auch sehr leise, Gegenproteste zu hören, darunter auch von einer Sambagruppe. Bemerkenswert hingegen: Auf der Spitze des Dortmunder Us hatten die Betreiber einen Tag zuvor die Laufschrift „Dortmund findet Nazis mehr als uncool!“ laufen lassen.

 

 

Auf einer weit abseits gelegenen Gegendemonstration in der Dortmunder Innenstadt versammelten sich auf Einladung des „Arbeitskreises gegen Rechtsextremismus“ etwa 1.000 Demonstranten. Ein Dortmunder Pfarrer, die Vorsitzende des Dortmunder DGB Jutta Reiter sowie der Grüne Europaabgeordnete Sven Giegold sprachen dort. Giegold  warnte vor dem dramatisch anwachsenden Rechtsextremismus und den rechtspopulistischer Strömungen. Inzwischen fingen auch die demokratischen Parteien an, „wie Nazis zu reden"

 

Mutige Proteste von Anwohnern

Am Rande des Nazizuges formulierten einige Anwohner Proteste, trotz der spürbaren Eigengefährdung: Am Ort der Abschlusskundgebung fanden Gegendemonstranten die passende Antwort für die vulgär antisemitische Botschaft der Dortmunder Neonazis: Eine großformatige Israelfahne wurde direkt an den martialischen Sperrgittern entrollt. Auf einem von mehreren Demonstranten bevölkerten Balkon hing ein riesiges Transparent mit der auch farblich bunt gestalteten Losung: „Aufstehen gegen Rassismus“. Auf zwei weiteren Balkons hing die Losung „Dortmund bleibt bunt“.

In einigen weiteren, weit abseits gelegenen Straßenmündungen versammelten sich mehrere 100 Gegendemonstranten mit Fahnen wie „Nazistrukturen zerschlagen: Antifa bleibt Handarbeit“ sowie „Die einzigen braunen Flaschen, die wir akzeptieren“ und zwei „Fight“-Bierflaschen.

Besonderen Mut zeigte eine junge schwarze Frau mit dem auf braunem Karton geschriebenem Spruch „Fuck Nazi, RACISM“. Unbeeindruckt von den sehr zahlreichen Drohungen der 30 Meter entfernt vorbeimarschierenden 600 Nazis blieb sie gemeinsam mit einer älteren, befreundeten Dame den ganzen Zug vor der Häuserzeile stehen und zeigte das Victoryzeichen. „Ich habe keine Angst, bemerkte sie lächelnd zu mir. Und ihre  Begleiterin fügte hinzu: „Ich habe schon vor 30 Jahren gegen diese Nazis protestiert!“

In einer Häuserzeile hatten mehrere Bewohner mehrere großformatige Protestplakate angebracht. Zahlreiche Hausbewohner schlugen lautstark mit Löffeln auf Töpfe. Es waren solche vereinzelten Proteste, die die Polizei nicht zu unterbinden bereit war. Ansonsten blieb den Neonazis der Triumpf, ihr Fahnenmeer über Stunden, verbunden mit zahlreichen Hassbotschaften und den entsprechenden Nazi-T-Shirts“ wie „Support your Race“, „Aryans“ oder „Bonner Division“, ungestört durch Dortmund zu tragen. Ein Neonazi trug das T-Shirt „La Familia“ und verschickte per Handzeichen eine angedeutete Pistole als Drohung an Journalisten.

Ein Neonazi stürmte auf einen Hauseingang zu, in dem eine dunkelhäutige Frau zu sehen war. Erst als er begann, diese abzufotografieren wurde er von der Polizei weggedrängt.

 

SS-Sigi hat ausgedient

Symbolträchtig war eine Szene am Ende der Kundgebung: Die Neonazis bildeten abschließend einen Kreis. SS-Sigi hingegen, der nicht mehr gebraucht wird und mit seinem Gehstock Mitleid hätte erwecken können, setzte sich gemeinsam mit einem anderen betagten Shoahleugner, 50 Meter abseits des Neonazikreises, unbeachtet von den Neonazis, auf eine Bank. Er wird nicht mehr gebraucht – die Botschaft war sehr eindeutig. Zwei Tage zuvor war er mir in Dortmund-Dorstfeld in der Emscher Straße begegnet: Begleitet wurde er von einem grobschlächtigen Bodyguard. Selbst als Borchardt mit Mühe seine Haustür aufschloss und verschwandt, blieb der Bodyguard vor der Tür. Alleine traut er sich wohl nicht mehr auf die Straße. Dennoch sei daran erinnert: „SS-Siggi“ war 2012 in der Mallinckrodtstraße gemeldet, in jener Straße, in der Mehmet Kubasik vom NSU in seinem Kiosk erschossen wurde“, worauf Belltower.News hingewiesen hat.

 

Militante Redebeiträge unter Ausschluss der Bevölkerung

Auf der Bühne der Auftaktkundgebung – vor dem riesigen Konterfei Ahmadinetschads und dem Schriftzug „The world without Zionism“ (welches durchaus auch als Motiv zahlreicher linksextremer antisemitischer Gruppierungen gepasst hätte) – traten neben dem kürzlich zu sechs Monaten Haft verurteilten Sascha Krolzig (vgl. BTN) mehrere Sprecher radikaler osteuropäischer Gruppierungen auf. Ein größerer Teil dieser Reden zeichnete sich durch sprachliche Hilflosigkeit und schwülstige Anteile aus. Antisemitisch-rassistische Begriffe wie „Volksfeinde“, „Rothschilds Finanzimperialismus“, „nationale Sozialisten“ und ein politischer „Kampf“, der „kompromisslos geführt werden müsse“, waren durchgängig verwendete ideologische Versatzstücke, um die auch optisch sehr eindeutig als rechtsextrem erkennbaren Demonstrationsteilnehmer anzusprechen.

 

Ein fragwürdiges Polizeikonzept

Der Dortmunder Michael Brück, der sich neben dem vorbestraften Düsseldorfer Sven Skoda sowie Christoph Drewer als agiler Einpeitscher und Zuchtmeister der Demonstrationsteilnehmer präsentierte, feierte in seiner Rede die Früchte der polizeilichen Verhinderung von hörbaren und sichtbaren Gegenprotesten: Seit 1945 hätten „noch nie so viele Reichsfahnen in einer deutschen Stadt geweht“ wie 2018, frohlockte er. Diese Einschätzung dürfte durchaus zutreffend sein: Jegliche Möglichkeit von Blockaden waren von Anfang an, wie bereits in den letzten Jahren, sehr rigoros und mit wenig Rücksicht auf die mehrheitlich jungen Gegendemonstranten unterbunden worden. Unter diesem Schutzschirm hat sich Dortmund in den vergangenen 15 Jahren zu der Neonazihochburg in Westdeutschland zu entwickeln vermocht. Selbst mehrere Morde und die massive Einschüchterungen der Bevölkerung in Teilen Dortmunds durch die Dortmunder Neonazis haben dieses gescheiterte Polizeikonzept nicht beeinflusst.

Mehrere 100 gleichförmige Fahnen wurden zentral und gut organisiert – wie einstmals bei der NPD – an die Neonazis verteilt. Als dem Demonstrationszug nach der Hälfte der Strecke am Dortmunder „U“ ankam – wo erstmals, wenn auch weit entfernt, Gegenproteste zu hören waren – vermochten Krolzig, Skoda und ihren optischen Sieg im Zentrum Dortmunds zu feiern.

 

 

Schwülstige, antisemitisch konnotierte Reden

Ein Teil der osteuropäischen Redner zeichneten sich eher durch sprachliche Hilflosigkeit und bizarrem nationalem Pathos aus. Einzig Verweise auf das ruhmreiche Handeln ihrer Helden im 2. Weltkrieg sowie auf „den Zionismus“  ließen die antisemitisch-geschichtsleugnende Stoßrichtung durchschimmern. Deutlich wurde hingegen Zwezdomir Andronow – der bereits vor elf Jahren einmal eine Rede in Dortmund gehalten hat -  vom Bulgarischen Nationalbund: Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hätten „dunkle Mächte“ das Ruder in Europa übernommen, die den „Bolschewismus“ vorantrieben. Europa sei heute „ein Konzentrationslager mit dem Ziel, unsere völkische Identität zu zerstören“. Solche Reden kamen an.

Der kürzlich zu einer Haftstrafe verurteilte Sascha Krolzig, der seine Haftstrafe jedoch noch nicht antreten musste, nutzte seine rhetorisch durchaus nicht unbegabte Rede zu einer Generalabrechnung mit der Dortmunder Polizei – die sich dies gefallen ließ: Im Vorfeld hatte diese ein Redeverbot gegen Krolzig verhängt, welches von einem Gericht jedoch wieder aufgehoben wurde. Krolzig sprach von „Rechtsbrechern aus der Markgrafenstraße“ – dem Sitz der Polizeibehörde – und von einem „rechtswidrigen Redeverbot“. Der langgediente vorbestrafte Rechtsextremist verglich sich mit Dissidenten etwa aus China und bezeichnete Europa als ein „Bollwerk der weißen Rasse“.

Während der gesamten Demonstration hielten Skoda und Christoph Drewer den langgezogenen Block der diszipliniert in Viererreihen marschierenden Neonazis unter Kontrolle: Anordnungen wie „Hände aus der Hosentasche“ und „in Vierrerreihe marschieren“ gehörten zu ihrem Grundrepertoire“.

 

Abfotografieren und Einschüchterung von Journalist_innen

Der mehrfach wegen Gewalttätigkeiten und volksverhetzender, antisemitischer Äußerungen verurteilte  Dortmunder Matthias Drewer (vgl. Ruhrnachrichten, Nordstadtblogger) sowie Martin W. – mit professioneller Filmausrüstung - betätigte sich während der gesamten Demonstration mit dem Abfotografieren und Abfilmen von Journalisten. Sascha Krolzig verließ sogar vor Beginn der Kundgebung mehrfach demonstrativ die für die Auftaktkundgebung für die Neonazis reservierte Straße und marschierte minutenlang, mit einer Handykamera filmend, zwischen den Journalisten herum. Die Polizei unterband dies nicht, trotz mehrfach geäußerter Proteste der Betroffenen. Dabei sollte es für die Dortmunder Polizei bekannt sein, dass die Dortmunder Neonazis Journalisten und ihnen unangenehme Bürger  seit Jahren bedrohen. 2015 hatten sie Todesanzeigen von mehreren Dortmunder Journalisten, darunter Felix Huesmann und  Sebastian Weiermann, veröffentlicht (vgl. Ruhrbarone). Auch der Dortmunder Filmemacher Marcus Arndt wird seit Jahren von ihnen sehr konkret bedroht. 2015 hatte sogar ein Dortmunder Polizeisprecher dies als klare „Strategie und Taktik“ benannt: "Die Partei ,Die Rechte' demaskiert sich. Sie rückt immer näher an ihren ideologischen Vorgänger, die NSDAP, heran. Sie zieht Andersdenkende in die Öffentlichkeit, bedroht sie und schüchtert sie ein. Das alles erinnere an die Zeit in den 1930er-Jahren“ sagte dieser nach Angaben der Ruhrnachrichten. Auch die Vertreter der Jüdischen Gemeinde Dortmunds leiden seit Jahren massiv unter den sehr konkreten Einschüchterungen sogar anlässlich jüdischer Gedenkveranstaltungen zur Shoah. 2015 führte ihr Rabbiner gegenüber der Jüdischen Allgemeinen aus: „Letztes Mal war es am schlimmsten. Da hat ihr Vertreter im Rat der Stadt alle gefilmt, die bei der Gedenkveranstaltung waren“. „Das hatten sie vorher schon mal aus dem Fenster eines Hauses versucht, aber diesmal waren sie ganz nah dran. Das hat die Menschen erschreckt, die an der Veranstaltung teilgenommen haben.“ Einige Gemeindemitglieder würden deshalb schon nicht mehr am Gedenken teilnehmen (vgl. Jüdische Allgemeine). Dies eben ist das Ziel der antisemitischen Drohbotschaften, wie sie auch auf diesem Neonazi-Marsch vielfältig zelebriert wurden.

 

Antisemitische und militante Losungen

Während des knapp drei Kilometer langen Marsches, bei dem die Dortmunder Polizei jegliche demokratische Blockadeversuche sehr rigoros unterbanden, wurden fortdauernd, unbeanstandet, eingeübte, aus dem Nationalsozialismus entlehnte Losungen gebrüllt: „Die Straße frei für die deutsche Jugend“, Straßenkampf“, „Alles für Volk, Rasse und Nation“, „Frei, sozial und national“, „Hier marschiert der nationale Widerstand“ sowie „Europa, Jugend, Revolution“. Vielfach wurden diese Losungen auch vom Lautsprecherwagen vorgegeben. In einem langgezogenen Tunnel wurde auch die Losung „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ gebrüllt. Daraufhin wurde vom Lautsprecherwagen mitgeteilt, dass man doch wisse, dass dies eine vorab verbotene Losung sei. Dennoch machte die Polizei auch hierbei keinerlei Versuch einzuschreiten. Die Neonazis genossen das Gefühl der fortdauernden Grenzüberschreitungen und Einschüchterung sichtlich.

 

Weitere neonazistische „Prominenz“

Der mehrfach wegen einschlägiger Delikte verurteilte, den Freien Kameradschaften zugerechnete  Neonazi Thomas „Steiner“ Wulff (geb. 1963) erschien gleichfalls zur Dortmunder Kundgebung. Im März 2014 war er vom NPD-Bundesvorstand seines Amtes enthoben worden, weil er sich in einer Bewerbungsrede als Nationalsozialist bezeichnete.  Bei der Beisetzung Friedhelm Busses 2014 hatte er eine Reichskriegsflagge mit großem Hakenkreuz auf dessen Grab ausgebreitet. 2016 trat Wulff aus der NPD aus. Sein Erscheinen in Dortmund – er suchte fortdauernd die Nähe Borchardts sowie von Neonazisprechern aus Osteuropa – zeigte seinen Versuch nach neuen, noch militanteren Kreisen.

SS-Sigi und Thomas "Steiner" Wulff

Auch der einstige Vorsitzende und Mitbegründer von Die Rechte, der Hamburger Millionär Christian Worch war erschienen, mit noch kürzeren Haaren als gewohnt. Im November 2017 hatte er den Bundesvorsitz von Die Rechte nach seiner Wiederwahl nach internen Streitigkeiten gleich wieder niedergelegt (vgl. BTN). Er wirkte sehr verloren, niemand sprach mit ihm. Man hätte Mitleid mit dem langedienten Neonazi haben können. Worch suchte die Nähe Borchardts, immerhin durfte er sich neben ihn auf eine Steinmauer setzen.

SS-Sigi und Christian Worch

 

Sven Skodas massive Drohungen

Es seien noch weitere Reden erwähnt: Ein Redner aus Ungarn feierte Victor Orbán sowie seine „Helden“, die im 2. Weltkrieg eines „heldenhaften Todes“ gestorben seinen. „Unsere Mission“ sei, dass „die Flamme nie erlösche“. Der vorbestrafte Düsseldorfer Sven Skoda – er hatte bereits ab 1994 als Jugendlicher in der elterlichen Wohnung das „nationale Infotelefon Rheinland“ betrieben, das Magazin Lotta hat zahlreiche Details zu Skodas langjährigem Wirken zusammengetragen - ließ während der gesamten Demonstration keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass er der radikalste, wortgewaltigste und zu allem entschlossene „Kämpfer“ der militanten Neonaziszene Deutschlands ist. Skoda bezeichnete die Bundesrepublik in seiner Abschlussrede als „den Staat, der uns“ von den Alliierten nach 1945 „aufgedrängt wurde“. „Wir als Deutsche“ seien seit dem 2. Weltkrieg „nie souverän gewesen“. Er sprach auch von „unserem Feind in Washington“, und später dann, rhetorisch bellender werdend: „Europa ist unser Feind!“, Europa würden sie in nicht zu ferner Zeit „auf den Schutthaufen der Geschichte werfen.“. „Es geht uns um Blutlinien“ brüllte Skoda dann - was angesichts des in den Stunden zuvor gewonnenen Erscheinungsbildes der versammelten selbsternannten deutschen Heroen in mir doch eher ein verstörendes Bild von den deutschen Ariern hinterließ. Dann ging der frühere Bewohner des „braunen Hauses“ zum Brüllen im Stile seines ehemaligen Kumpels Axel Reitz erinnerte (welcher wiederum im Mittelrheinprozess aus Angst vor der Haft ein Abtrünniger geworden ist): „Und dort wo wir auf unseren Gegner stoßen“, tobte der „Kameradschaftsführer“, würden sie deutlich machen, „dass mit uns nicht zu verhandeln ist.“ Er sprach auch vom „Nationalstolz“ und von einer „Kriegserklärung“. Die zahlreich anwesende Polizei ließ ihn ungestört gewähren.

Links Sebastian Schmidtke, NPD Berlin

 

… und die NPD-Kader

Ganz am Ende erwähnt Skoda, dass der in den Wochen zuvor groß als Hauptredner angekündigte NPD-Europaabgeordnete Udo Voigt einen Tag zuvor abgesagt habe, was „irgend etwas“ mit „parteipolitischen Erwägungen“ zu tun habe. Für NPD-Ersatz war jedoch gesorgt: Dafür jedoch setzte sich der stellvertretende Berliner NPD-Landesvorsitzende Sebastian Schmidtke in Dortmund vielfältig in Szene, auch auf der Rednertribüne unter dem Konterfei von Ahmadinedschad. Dies war auch aus der verbindenden radikal antisemitischen Perspektive sehr treffend, hatte Schmidtke doch 2014 auf seiner Facebookseite gepostet „Meine Solidarität gilt Palästina und dessen unterdrücktem Volk! Schluss mit dem Zionismus." (vgl. Tagesspiegel)

Und auch eine Gruppe muskulärer Männer war unter dem Banner der „Jungen Nationaldemokraten“ versammelt; weiterhin der bewusst bürgerlich auftretende NPDler Hans-Jochen Voss, langjähriger Vorsitzenden der  NPD Unna-Hamm, der schon lange enge Kontakte zu die Rechte aus Dortmund pflegt (vgl. Welt)

Gegendemonstrant_innen

 

Vereinzelte Übergriffe nach der Kundgebung

Im Anschluss an die Kundgebung wurden die 600 Neonazis weitgehend geschlossen zum Hauptbahnhof unter Polizeischutz zurück gebracht. Linke Gegendemonstranten durften den Bahnhof für über eine Stunde nicht betreten. Dennoch kam es vereinzelt zu Übergriffen. In einer U-Bahn wurde eine Gruppe Kölner von Neonazis attackiert, ein Mensch wurde verletzt. Der Neonazi wurde festgenommen.

 

Vorgeschichte: Langjährige Internationale Beziehungen der Dortmunder Neonazis

Die Dortmunder Neonazis haben in den vergangenen Jahren ein dichtes Netz zu militanten europäischen Neonazigruppen aufgebaut. Immer wieder haben Vertreter des militanten Dortmunder Spektrums an zum Teil geheimen internationalen Treffen teilgenommen.

So beteiligten sie sich am 13. Mai 2017 an einem Kongress in Paris teil, der von der französischen extrem rechten Parti nationaliste français organisiert war und an dem Vertreter aus Griechenland, Bulgarien, Spanien, Rumänien und Russland vertreten war. Dort sprach auch ein Dortmunder Neonazi. Die Bulgarien-Kontakte von „Die Rechte“ reichen noch bis in die Zeit des ehemaligen, inzwischen verbotenen Nationalen Widerstand Dortmund (NWDO) zurück. Es kam zu gegenseitigen Besuchen, die Dortmunder Neonazis beteiligten sich regelmäßig am im Februar stattfindenden „Lukov-Marsch“ in Sofia, so auch in diesem Februar. Organisiert wird dieser von der ultranationalistische Partei „Bulgarian National Union“ (BNU). Plamen Dimitrov, einer der beiden Hauptorganisatoren, trat im Juni 2016 auch beim Dortmunder „Tag der deutschen Zukunft“ auf. 2017 waren neben Dortmundern auch die rechtsextreme Minigruppe „Der III. Weg“ sowie Melanie Dittmer an der Demonstration in Sofia beteiligt. Es wurde in paramilitärischer Weise marschiert (vgl. Störungsmelder).

Im Februar 2018 waren erneut zahlreiche Dortmunder Neonazis in Sofia dabei, und es wurde sehr massiv – sogar in eigenen YouTube-Film aus Osteuropa – für die Dortmunder Neonazikundgebung geworben. Der Dortmunder Sven Skoda, Angeklagter im Mittelrheinprozess, hielt in Sofia eine gewohnt militante Rede, die ins Bulgarische übersetzt wurde. So verwundert es nicht, dass auch Vertreter aus Bulgarien sowie aus weiteren osteuropäischen Ländern an der Demonstration, teils mit eigenen Spruchbändern, beteiligt waren.

Zum gewalttätigen Dortmunder Netz, was sich teils auch auf dieser Neonazikundgebung beteiligte: Der Dortmunder Neonazi Sebastian Seemann, der als „waffenverrückt“ galt und als V-Mann arbeitete, gehörte zur Oidoxie Streetfighting Crew, dem Kern der militanten Szene in Dortmund. Er gehörte zu den Mitveranstaltern von Neonazikonzerten in den Niederlanden und Belgien, wodurch er viel Geld in die Szene schleuste. Er war 2007 an einem Raubüberfalls auf einen Supermarkt 2007 im Dortmund-Brechten beteiligt, weshalb er im Gefängnis saß (vgl. Ruhrbarone). Auch Beate Zschäpke deutete in einem Brief an, dass sie den Dortmunder Neo-Nazi Seemann kenne (vgl. Welt).

Mitte der 2000er Jahre entstanden Dortmunder „Blood & Honour/Combat 18“-Kontakte. Vor zwei Jahren, am 4.6.2016 beim Dortmunder „Tag der deutschen Zukunft“ (TddZ), waren  auch einige wichtige Aktivisten des „Combat 18“-Netzwerkes vor Ort, darunter auch William Browning, genannt „The Beast“ (vgl. Lotta-Magazin). 

Der Dortmunder Robin Schmiemann, alter Kumpel Marko Gottschalks (Sänger der Band „Oidoxie“, dieser soll gleichfalls auf der Kundgebung anwesend gewesen sein), präsentierte sich bei der aktuellen Demonstration immer wieder, ein Transparent tragend, an vorderster Stelle. Schmiemann gehörte zur Oidoxie Streetfighting Crew und soll gleichfalls Teil der „Combat 18“-Zelle gewesen sein; er saß wegen eines Raubüberfalls im Sommer 2007 in Haft. Zahlreiche journalistische Beiträge, darunter einer aus dem Jahr 2015, legen nahe, dass er NSU Kontakte zur rechten Szene Dortmunds hatte (vgl. mut-gegen-rechte-gewalt.de). Bundesweite Bekanntheit erlangte Schmiemann durch seine Brieffreundschaft mit Beate Zschäpe (vgl. stern).

 

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