Titelbild der Broschüre "Ene, mene, muh - und raus bist du! - Ungleichwertigkeit und frühkindliche Pädagogik".
Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus

Kindertagesbetreuung in Zeiten rechtspopulistischer Mobilisierung

Wie umgehen mit rechtspopulistischen Äußerungen von Eltern oder Erzieher*innen? Was tun, wenn Rechtspopulist*innen gegen eigene Projekte oder Vielfalterziehung hetzen - und dabei große Reichweiten erzielen? Empfehlungen der "Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus" der Amadeu Antonio Stiftung finden sich in der neuen Broschüre "Ene, mene, muh - und raus bist du! - Ungleichwertigkeit und frühkindliche Pädagogik".

 

Von Enrico Glaser und Judith Rahner, Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus

 

Die Vorstellung, dass Menschen nicht gleichwertig sind, ist die Grundlage für Abwertungen und das ideologische Fundament extrem rechter Haltungen. Auch im Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung spielen Vorstellungen von Ungleichwertigkeit bereits eine Rolle, in Diskussionen im Team, in der Arbeit mit Eltern, aber auch in der frühkindlichen Pädagogik. Ungleichwertigkeitsvorstellungen können sich sehr unterschiedlich äußern: Sie reichen von glasklaren rassistischen Abwertungen bis hin zu Äußerungen, die angeblich nur »falsch verstanden wurden«, als »kritisch« daherkommen und gegen »die Anderen« hetzen. Sie sind als »Sorge« getarnt, mit populistischen Sprüchen gegen »die da oben« verbunden oder werden mit zunächst harmlos klingenden Wörtern zum Ausdruck gebracht, die aber aus dem Jargon der Neuen (oder alten) Rechten stammen und denen eine zutiefst menschenverachtende Haltung zugrunde liegt.

Dabei sind natürlich nicht alle geäußerten Sorgen per se unbegründet und alle unüberlegten Äußerungen immer rassistisch motiviert. Wenn jedoch Ungleichwertigkeitsvorstellungen dahinter stehen und damit transportiert werden, muss reagiert werden. Denn diese vergiften das soziale Klima in den Einrichtungen. Die Grenze des Sag- und Denk- und damit auch Machbaren verschiebt sich. Ein Nichtumgang und Wegsehen kann Türöffner für weitere menschenfeindliche und rassistische Agitationen und Akteur*innen sein.

Abwertungen und Ausschlüsse verhindern zudem einen gleichwertigen Zugang zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe für alle Kinder. Das Recht auf Gleichbehandlung und Schutz vor Diskriminierung aufgrund der Religion, Herkunft oder des Geschlechts ist durch die UN-Kinderrechtskonvention geregelt. Seit 2010 sind verbriefte Kinderrechte auch in Deutschland verbindlich und gelten für alle in Deutschland lebenden Kinder – auch für jene mit Fluchterfahrung, mit muslimischen Eltern und für intergeschlechtliche Kinder oder jene mit zwei Vätern. Diskriminierung und Ungleichwertigkeit in der Kindertagesbetreuung zu verhindern und Institutionen bewusst und gezielt für Kinder mit vielfältigen Lebens- und Familienrealitäten zu öffnen und zu professionalisieren, ist wichtig und notwendig, um Kinderrechte in die Praxis umzusetzen. Damit lassen sich nachhaltige Teilhabe und Chancengerechtigkeit ermöglichen.

Rechtspopulistische Herausforderungen machen neue Gegenstrategien notwendig

Wege zur Stärkung frühkindlicher Bildungseinrichtungen als Orte demokratischer Früherziehung und zur Prävention von Diskriminierung sind vielfach in der Fachliteratur beschrieben. Wie ein demokratischer Umgang mit Rechtsextremismus in diesem Arbeitsfeld aussehen kann, haben wir in der Publikation »Demokratie ist kein Kindergeburtstag«  (Link zum pdf) dargelegt. Diese Phänomene besitzen nach wie vor Relevanz.

Darüber hinaus gibt es nun mit der Ausbreitung von Rechtspopulismus, mit rassistischen Debatten um Flucht und Asyl sowie weit verbreiteten Feindlichkeiten gegenüber geflüchteten Menschen neue, drängende Herausforderungen für das Arbeitsfeld Kita. Zusätzlich ragen neue Themen, wie die Angst vor einer Indoktrination bzw. »Frühsexualisierung unserer Kinder«, also die Ablehnung von Sexualpädagogik und Bildung zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, oder eine befürchtete »Islamisierung des Abendlandes« in das Arbeitsfeld Kita hinein.

Die vorliegende Publikation nimmt vor allem diese neuen Herausforderungen in den Blick, die durch Demokratie- oder Diversity-Pädagogik bzw. eine Pädagogik der Vielfalt allein nicht bearbeitet werden können. Aus der umfangreichen Beratungspraxis der Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus wird deutlich: Der Umgang mit menschenfeindlichen Argumentationen oder rassistischen, antisemitischen und vielfaltsfeindlichen Einstellungen und Handlungen  rechtspopulistischer Akteur*innen im Kita-Alltag erfordert eine klare menschen- und kinderrechtsorientierte Haltung von Seiten aller in dem Arbeitsfeld Tätigen sowie eine gezielte Entwicklung und konsequente Umsetzung von Gegenstrategien.

 

Fünf Fallbeispiele aus der Praxis

Folgende fünf bekanntere Fälle aus den Medien verdeutlichen die Bandbreite gegenwärtiger Problemlagen, mit denen wir in unserer Beratungspraxis konfrontiert werden. Sie illustrieren die aktuellen Rahmenbedingungen und das gesellschaftliche Klima exemplarisch.

 

Beispiel 1: Rechtsextremismus in der Kita

Am 29. November 2011 wird die Ehefrau von Ralf Wohlleben, der als Unterstützer der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) im NSU-Prozess in München zu 10 Jahren Haft verurteilt wurde, fristlos gekündigt. Sie hatte im Jenaer Ortsteil Kunitz in einer privaten Kindertagesstätte gearbeitet. Durch die Festnahme wurde bekannt, dass Frau Wohlleben bis 2009 selbst Mitglied der NPD und zeitweise gar Schatzmeisterin im Kreisverband Jena war. »Die 31-Jährige galt als qualifizierte Betreuerin, von den Eltern geschätzt und bei den Kindern beliebt«, berichtet Julia Jüttner bei Spiegel Online. Frau Wohlleben klagt gegen die Kündigung und einigt sich später mit ihrem früheren Arbeitgeber. 

Rechtsextreme Erzieher*innen – auch solche mit einer aktiven Funktion für die verfassungsfeindliche NPD – sind keine Einzelfälle. Ihnen begegnet man nicht nur zufällig im Arbeitsfeld. Kindergärten und den frühkindlichen Erziehungsbereich als Aktionsraum zu wählen ist seit jeher eine gezielte Strategie von Rechtsextremist*innen, um Einfluss auf die kommende Generation zu nehmen. Häufig bleiben sie dabei – wie im vorgestellten Fall – von ihren Kolleg*innen, Vorgesetzten und anderen im Arbeitsfeld Tätigen unbemerkt. Dabei kommt Frauen das in der Wissenschaft vielfach beschriebene Phänomen der »doppelten Unsichtbarkeit« zugute: Frauen werden gesellschaftlich per se als unpolitischer, »friedfertiger«, weniger aggressiv und gewaltbereit angesehen als Männer. Ihre politische Einstellung oder ihr Weltbild wird dabei oft nicht ernstgenommen oder unterschätzt. Diese stereotype Wahrnehmung verschärft sich in extrem rechten Milieus. Da Frauen eine rassistische oder menschenverachtende Ideologie und ein rechtsextremer politischer Aktivismus weniger zugetraut wird, können sie sich in sozialen Sphären – wie im Kindergarten – unbemerkt bewegen und »nebenbei« menschenverachtenden Ideen verbreiten. Das gilt auch für in Elternvertretungen aktive Mütter. 

 

Beispiel 2: Kita und feindliche Stimmung gegen Menschen auf der Flucht

Doch die Beschäftigung rechtsextremer Funktionär*innen oder von Unterstützer*innen von Rechtsterrorist*innen als Erzieher*innen in Kitas ist nur die Spitze des Eisbergs. Sehr viel verbreiteter und virulenter sind rassistische, flüchtlings- und islamfeindliche Einstellungen und Äußerungen von Menschen, die nicht unbedingt rechtsextremen Szenen zugeordnet werden. Eine Vielzahl von Beratungsanfragen zeigen, dass diese auch im Kitaalltag sehr häufig zu finden sind und von Kindern, Eltern, Angehörigen, Erzieher*innen oder Vorgesetzten geäußert und vertreten werden. Debatten werden heftiger und zugespitzter, wenn in der Nachbarschaft eine Unterkunft für geflüchtete Menschen errichtet wird oder wenn Kinder und Eltern mit Fluchtgeschichte einen Betreuungsplatz bekommen (sollen). Oftmals zeigt sich dann in den in der Kita geführten Diskussionen, dass es nicht einfach nur um (un-)berechtigte Sorgen von Eltern oder Erzieher*innen geht, sondern diskriminierende und auch menschenverachtende Positionen geteilt werden, die Kinderrechten oder dem ethischen Selbstverständnis eines frühkindlichen Erziehungsbereichs entgegenstehen. In einigen Beratungsfällen zeigt sich zudem, dass örtliche Vertreter*innen rechtspopulistischer oder rechtsextremer Gruppierungen die Debatten anheizen und für ihre Agenda instrumentalisieren. In diesen polarisierten Debatten gilt es, sich innerhalb und außerhalb der Kita menschenrechtsorientiert zu positionieren.

Dazu ist es dringend erforderlich, dass Fachkräfte Strategien, Erzählungen und Mythen extrem rechter Akteur*innen (er-)kennen, um diesen begegnen zu können, wie der folgende Fall zeigt:

 

Ein Kindergarten in der Nähe von Lüneburg teilt Ende Januar 2016 in einem Aushang mit, dass »aufgrund der nachvollziehbaren Sorge einiger Eltern, einen männlichen Syrer bei uns zu beschäftigen«, der Mann doch nicht eingestellt werde. Die Kita-Leiterin habe damit auf zum Teil heftige Vorbehalte von Eltern reagiert, heißt es auf Nachfrage der Presse. Die evangelische Kindertagesstätte wollte den syrischen Flüchtling befristet als sogenannte Ein-Euro-Kraft einstellen, mit der Betreuung der Kinder hätte er nichts zu tun gehabt. Das führte dennoch zu heftig geführten, polarisierten Diskussionen: Auf der einen Seite reagierten mehrere Eltern ablehnend bis rassistisch und äußerten Ängste um ihre Kinder. Auf der anderen Seite empörten sich nun andere Eltern über die Entscheidung der Kita-Leitung, fotografierten den Aushang und stellten das Foto ins Netz. Auch Kirche und Diakonie in Niedersachsen reagieren empört und distanzieren sich von dem Schreiben (vgl. Süddeutsche Zeitung).

 

Als 2015 mehr Menschen nach Deutschland flüchteten, gab es neben einer breiten Willkommenskultur und gesellschaftlichen Debatten zum Thema Flucht und Asyl auch einen rasanten Anstieg rassistischer und flüchtlingsfeindlicher Stimmungsmache. In zahlreichen Demonstrationen und einem massiven Anstieg von gewalttätigen Angriffen auf geflüchtete Menschen und deren Unterkünfte entlud sich die feindselige öffentliche Debatte. Ein wichtiges mobilisierendes Feindbild stellte und stellt dabei der Mythos des »übergriffigen Fremden« dar, der eine Gefahr für »unsere Kinder« oder »unsere Frauen« sei – ein Mythos, den vor allem rechtpopulistische bis rechtsextreme Akteur*innen gezielt verbreiten, um Angst zu schüren. Mit dieser rassistischen Erzählung ist bereits zur Zeit vor und während des Nationalsozialismus gegen Juden und Schwarze gehetzt worden. Es ist also kein Zufall, wenn heute die extreme Rechte ebenso Sorgen um Kinder und Frauenrechte rassistisch instrumentalisiert. Der Fall aus Niedersachsen zeigt, wie sich diese Stimmungsmache auch in Kitas, unter Eltern und über soziale Medien schnell aufschaukeln kann. In diesem Fall ist der Leidtragende ein Arbeitssuchender aus Syrien. Über dessen Qualifikation wird nicht gesprochen, sondern darüber, dass er männlich und geflüchtet ist. Um derartige Eskalationen und Diskriminierungen zu verhindern, ist es wichtig, dass Handlungskonzepte bereits präventiv ausgearbeitet sind, um auf konkrete Situationen und eventuelle Stimmungsmache im Sozialraum vorbereitet zu sein.

 

Beispiel 3: Kita und rechtspopulistische Akteur*innen

Für den 17. November 2017, den sogenannten »Bundesweiten Vorlesetag«, hatte die veranstaltende Stiftung Lesen auch Politiker*innen der Alternative für Deutschland (AfD) aufgefordert, sich zu beteiligen. Ziel des Aktionstages ist es, Kinder fürs Lesen zu begeistern, u.a. in Kindergärten. Die Einladung sorgte für Empörung. Zwar hätte man in den vergangenen Jahren die NPD ausdrücklich von den Einladungen ausgeschlossen, da diese »nachweislich verfassungsfeindlich und undemokratisch« sei. Bei der AfD wollte die Stiftung Lesen diesen Schritt aber nicht vollziehen. Der deutsche Schriftstellerverband PEN sah das anders: »Die Grundsätze der AfD, die sich gegen die bestehende kulturelle Vielfalt und Toleranz richten«, sind »nicht vereinbar mit den an Schulen und Kitas vertretenen und unsere Gesellschaft bereichernden Leitbildern.« (Vgl. Spiegel Online)

 

Das Beispiel zeigt, dass eine selbstverständliche Abgrenzung, die gegenüber der rechtsextremen NPD besteht, gegenüber der Alternative für Deutschland nicht vorhanden ist. Obwohl auch Vertreter*innen dieser Partei rechtsextreme, rassistische und antisemitische Inhalte verbreiten und die AfD immer wieder Werte der offenen, solidarischen und demokratischen Gesellschaft zur Diskussion stellt oder diese Ideen zumindest in ihren Reihen duldet. Als demokratisch gewählte Partei und in der Selbstdarstellung als »gewählte Volksvertreter« hat die AfD selbstverständlich Zugang zu Podien, Medien und zu öffentlich geförderten Einrichtungen der Bildungs- und Erziehungsarbeit. Die Herausforderung für die demokratische Zivilgesellschaft besteht darin, dass sie dort auch eine Normalisierung rassistischer, antisemitischer und antifeministischer Positionen vorantreibt. Diese Inhalte dürfen und müssen Kitas allerdings nicht akzeptieren. Solche Positionen stehen international verbrieften Kinderrechten, dem demokratischen Erziehungsauftrag und, sofern es ein solches gibt, zumeist auch dem Leitbild der Einrichtungen fundamental entgegen. Nicht zuletzt stellt die AfD die Arbeit von Kitas grundsätzlich in Frage, wenn sie sich gegen die »Fremdbetreuung« durch Kitas ausspricht. Es ist also notwendig, sich innerhalb des Teams, der Einrichtung und des Trägers eine Haltung zu menschenfeindlichen und extrem rechten Inhalten und deren parteipolitischen Vertreter*innen in der eigenen Region zu erarbeiten.

 

Beispiel 4: Kita in Zeiten rechtspopulistischer Mobilisierungen

Die neurechte und islamfeindliche Bewegung »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« und ähnliche Akteur*innen machten Ende Oktober 2017 in Sozialen Medien gegen die Neugestaltung eines Spielplatzes in Berlin-Neukölln als »Orientalische Burg mit Basar« mobil. Anstoß erregte vor allem ein Holzturm im Sandkasten, der oben einen Halbmond trägt. Die AfD-Fraktion stellte daraufhin in der Bezirksverordnetenversammlung den Antrag, »religiöse Symbole von öffentlichen Spielplätzen zu entfernen und zukünftig fernzuhalten«. Ausgedacht hatte sich die Idee für den Spielplatz die Leiterin der nahe gelegenen Kindertagesstätte »Ali Baba und seine Räuber«, unter Einbeziehung der Kinder (vgl. Tagesspiegel).

 

Ein Spielplatz, gestaltet nach einem Motiv aus der Märchensammlung »Tausendundeine Nacht«, ruft Menschen auf den Plan, die eine »Islamisierung« vermuten. Sie fürchten einen kämpferischen Angriff »des Islam« auf eine imaginierte »europäische Kultur« – in diesem Fall subversiv auf einem Kinderspielplatz. Die Verschwörung von einer bewussten oder gar gesteuerten »Islamisierung« Europas ist eine zentrale Erzählung rechtspopulistischer und neurechter Bewegungen. Die Kitaleiterin findet sich mit ihrem partizipativ erarbeiteten Vorschlag plötzlich in einer heftigen öffentlichen Diskussion wieder, die in weiten Teilen islamfeindlich und rassistisch geführt wird und in der sie und weitere Personen zudem öffentlich diffamiert und beleidigt werden.

Dieser Fall zeigt exemplarisch, wie schnell rechtspopulistische Dynamiken und Mobilisierungen in extrem rechten Kreisen angestoßen und von dort aus verbreitet werden und mit welcher öffentlichen Wucht sie auch den Kita-Alltag treffen und Mitarbeitende unter Druck setzen können.

 

Beispiel 5: Geschlechtervielfalt und die »Mitte der Gesellschaft«

Im Februar 2018 titelt die Berliner Zeitung (BZ): »Berliner Senat verteilt Sex-Broschüre für Kita-Kinder«. Gemeint ist eine Broschüre, die von der Bildungsinitiative »Queerformat« und dem Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (SFBB) herausgegeben und vom Berliner Senat finanziert wurde. Die Handreichung »Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben« richtet sich nicht an Kinder, sondern an Fachkräfte, Teams und Einrichtungen der frühkindlichen Bildung. Sie bietet Ideen und Hilfestellungen, wie die Einrichtungen sich mit den Vielfaltsdimensionen Geschlecht, Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung beschäftigen können. Die Berliner CDU will die Verteilung der Broschüre stoppen, da »Fragen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt nicht in Kindertagesstätten gehörten«, die AfD bezeichnet sie als »Sex-Broschüre« (vgl. Tagesspiegel) im »fragwürdigen Trend zur Hypersexualisierung« (vgl. B.Z.). Queerformat verweist in einer Stellungnahme darauf, dass die Veröffentlichung Geschlechtervielfalt und Familienvielfalt im Kontext von Menschenrechten und insbesondere Kinderrechten thematisiere. 

 

Kindern Geschlechtergerechtigkeit und die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten und Lebensweisen zu vermitteln, ist Teil des Erziehungsauftrags. Das Erlernen einer demokratischen Haltung, z.B. vermittelt durch Methoden der Vielfaltspädagogik, ist zentral, um Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder sexuellen Orientierung zu verhindern und um inter- und transgeschlechtliche Kinder zu empowern. Zudem ist für viele Kinder das Aufwachsen in Regenbogenfamilien gelebte Realität und sollte damit auch gelebte Normalität in der Kita sein. Rechtspopulistische, neurechte oder religiös-fundamentalistische Gruppierungen hetzen gegen die Vermittlung von Vielfalt mit diffamierenden Wörtern wie »Genderismus«, »Genderwahn« oder eben »Frühsexualisierung«. Gemeint ist eine angebliche »Umerziehung unserer Kinder«, die dann nicht mehr »richtige« Mädchen oder Jungen sein dürften. Verbunden sind damit antifeministische, aber auch homo-, inter- und trans*feindliche Positionen. Und die sind hochgradig anschlussfähig an die gesellschaftliche Mitte: Gender-Themen sind eine wichtige Klammer im rechtspopulistischen Spektrum und eignen sich für emotionale Debatten – gerade mit Bezug auf Kinder. Diese Themen sind aktuell sehr relevant. Für die Praxis bedeutet das, eine geschlechterreflektierende Perspektive zu stärken, sich eine gemeinsame Haltung zu erarbeiten und auf entsprechende Vorwürfe, die nicht selten durch Elterninitiativen vorgebracht werden, fachlich professionell zu reagieren.

 

Sensibilisieren, positionieren und professionell agieren

Seit 2015 muss eine starke Zunahme rassistischer und flüchtlingsfeindlicher Stimmungen auch jenseits des rechtsextremen Spektrums beobachtet werden. Repräsentative Bevölkerungsstudien und Umfragen weisen auf den massiven Umfang an Vorurteilen und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der sogenannten Mitte der Gesellschaft hin. Debatten um Hate Speech in den Sozialen Medien zeigen, wie unverhohlen und offen gegen politische Gegner*innen, Demokrat*innen und sogenannte »Gutmenschen« – Journalist*innen, Geflüchtete, Muslim*innen oder Feminist*innen – gehetzt wird. Menschenfeindliche und für ganze Bevölkerungsgruppen herabwürdigende Positionen werden mittlerweile in Landesparlamenten und sogar im Bundestag vertreten. Zu dieser besorgniserregenden Entwicklung kommt, dass sich Fachkräfte in Kitas nicht mehr sicher sein können, ob sie im Kolleg*innenkreis mit einer demokratischen Haltung zum Beispiel zum Menschenrecht auf Asyl oder zur Gleichwertigkeit aller Menschen noch in der Mehrheit sind. Eine Normalisierung menschenfeindlicher Einstellungen sowie neue Themenfelder fordern die pädagogischen Fachkräfte in Kitas heraus. Eltern bringen ihre unter Umständen menschenfeindlichen Positionen vehementer ein als noch vor wenigen Jahren, und Soziale Medien stellen dafür Resonanzräume dar und setzen Dynamiken in Gang, die aggressiv und unübersichtlich sind. Fachkräfte berichten von einer Zunahme von Konflikten mit Eltern, von einer Verschärfung der Tonlage, von Bedrängen bis hin zu Bedrohungen. Fachkräfte müssen sich hier im Sinne des verbrieften Rechts der Teilhabe und der demokratischen sowie menschen- und kinderrechtlichen Ausrichtung ihrer Einrichtung positionieren.

Mit der Handreichung wollen wir Hinweise dafür geben und aufzeigen, wie im Arbeitsfeld Kindertagesbetreuung gegen Demokratie- und Menschenfeindlichkeit, gegen Abwertungen und Rechtsextremismus gehandelt werden kann. Zunächst werden detaillierte Fallanalysen vorgestellt und Handlungsmöglichkeiten auf den Ebenen der Arbeit mit Kindern, mit Eltern und im Team abgeleitet. Daran schließen sich unterschiedliche Perspektiven auf das Themenfeld von im Arbeitsfeld professionell Tätigen an: geschlechterreflektiert, antirassistisch, antisemitismuskritisch und vorurteilsbewusst sowie kinderrechte- und bedürfnisorientiert, wertschätzend und positioniert. Den Abschluss der Handreichung bilden Verweise auf Hilfs- und Beratungsangebote.

 

Zu den Autor*innen:

Die »Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus« der Amadeu Antonio Stiftung berät und schult mit einem besonderen Fokus auf Gender bundesweit Zivilgesellschaft, Politik, Jugendarbeit, Bildungseinrichtungen und Medien im Umgang mit Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF): Was bedeutet die Arbeit zu GMF konkret in der Praxis? Wie kann hier auf den aktuellen gesellschaftlichen Rechtsruck und das Erstarken völkischer Positionen reagiert werden? Warum können Menschen sowohl Diskriminierte als auch Diskriminierende sein? Welche Rolle spielt Geschlecht bei abwertenden Einstellungen und Äußerungen? Warum sind die Themen Feminismus, Gender oder Geschlechtergerechtigkeit Feindbilder bei rechten Akteuren, werden von ihnen aber auch instrumentalisiert und wie erkenne ich das? Die Fachstelle entwickelt geschlechterreflektierte Handlungsstrategien in der Auseinandersetzung mit Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen von Ungleichwertigkeit für die Demokratie- und Präventionsarbeit, bietet Beratungs- und Fortbildungsangebote, stößt Fachdiskurse an und unterstützt den Transfer zwischen Praxis und Wissenschaft.

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