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Alle auf ihre Plätze Retraditionalisierung und Antifeminismus in Verschwörungsideologien

(Quelle: Unsplash)

„Entschwörung konkret — Wieviel Geschlecht steckt in Verschwörungsideologien?“ ist eine neue Handreichung der Fachstelle für Politische Bildung und Entschwörung. In dem Projekt der Amadeu Antonio Stiftung entwickeln Ferdinand Backöfer und Lisa Geffken zusammen neue, pädagogische Zugänge, um erwachsene Menschen in einem kritischen Umgang mit Verschwörungserzählungen zu unterstützen. Der folgende Text basiert auf Auszügen aus der Broschüre.

Expertinnen, wie Pia Lamberty, Dr. Mai Thi Nguyen-Kim und Anetta Kahane werden immer wieder von verschwörungsideologischen Corona-Leugner:innen attackiert, weil sie auf den Zusammenhang von Verschwörungsglauben und Antisemitismus hinweisen. Heterosexuelle und weiße Männer wie Markus Söder oder Christian Drosten sind zwar ebenfalls populäre Feindbilder, aber sie werden nicht auf Grund ihres Geschlechts abgewertet. Frauen trifft es demgegenüber nicht nur besonders häufig, sondern auch besonders hart, von der Absprache ihrer Expertise über sexistische Beleidigungen bis zur Androhung von Vergewaltigungen. Das liegt daran, dass bei den Deutungsmustern und Feindbestimmungen von Verschwörungsideologien, wie auch beim Rechtsextremismus, nicht nur Antisemitismus sondern auch Antifeminismus eine zentrale Rolle spielt.

Auf den ersten Blick scheint es deshalb logisch, dass Männer in der verschwörungsideologischen Szene präsenter sind. Anderseits wäre es aber falsch zu denken, dass Frauen weniger an Verschwörungserzählungen glauben oder keine aktive Rolle bei den Corona-Leugner:innen spielen. Die genauere Betrachtung zeigt sogar, dass Frauen ganz bestimmte Rollen einnehmen und vor allem andere Frauen über traditionelle Vorstellungen von Geschlecht für die verschwörungsideologische Sache gewinnen wollen. Welchen Zusammenhang gibt es also zwischen Retraditionalisierung, Antifeminismus und Verschwörungsglauben, gerade in Bezug auf die momentan herrschende Pandemie?

Besorgte Mütter und Hexen-Weiber: Zur Selbstinzenierung verschwörungsgläubiger Frauen

Verschwörungsideologien setzen allgemein an Krisenerfahrungen an und locken mit Identitätsangeboten. Aber was als Krise empfunden wird, wie Menschen auf sie reagieren und welche Identitätsangebote für sie besonders anziehend sind, ist von vielen Faktoren abhängig. Geschlecht kommt hier eine zentrale Rolle zu.

Frauen gelten z.B. oft als weniger aggressiv, dominant und eigensinnig. Unter anderem deshalb werden sie seltener als politische Akteur:innen und Aktivist:innen wahr- und ernst genommen. Das gilt auch für die Szene der Corona-Leugner:innen, denn viele Verschwörungserzählungen beschwören das Szenario eines Kampfes um die Weltordnung, der tapfere Krieger verlangt. Eine Rolle die Frauen oft nicht zugestanden wird.

Verschwörungsideologien arbeiten aber nicht immer nur mit dem Identitätsangebot des tapferen Helden. Grade weibliche Akteur:innen der Szene nutzen absichtlich bestimmte Bilder von Weiblichkeit, um verschwörungsideologische Inhalte zu verbreiten.

Ein Beispiel wäre der „Multikulturelle Frauenmarsch“: Dieser wurde von Frauen aus dem Heilpraktikerinnen-Spektrum als Demonstration organisiert, die am 28.02. in mehreren Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz stattfand. Der Marsch bezog sich auf die vermeintliche Sorge um Kindeswohl, zentraler waren aber die Themen Corona-Leugnung und Impfgegnerschaft. Frauen wurden hier als „Hexen-Weiber“ und „Hüterinnen der Erde“ angerufen und Weiblichkeit als mystische Naturkraft vorgestellt, die mit Mütterlichkeit und Gebärfähigkeit einhergeht.

Das weibliche Bild der Naturmystikerin oder Hexe kann als positive Wendung von sexistischen Zuschreibungen an Weiblichkeit verstanden werden: Frauen wurden historisch aus Wissenschaft, Philosophie und Technik ausgeschlossen und sind bis heute in diesen Feldern unterrepräsentiert. Diese Abwertung der weiblichen Fähigkeit zu rationalem Denken geht dabei oft einher mit einer Romantisierung der weiblichen Emotionalität, Mütterlichkeit und vermeintlichen Naturverbundenheit. Verschwörungsideologien und Esoterik bieten Frauen die Erzählung an, dass dieser Ausschluss keiner Abwertung gleichkommt, weil ihre Macht und ihr Wissen „als Frauen“ der Wissenschaft und Ratio eigentlich überlegen wären. So kann die sexistische Zuschreibung an das eigene Geschlecht umgedeutet und die Macht von Wissenschaft und Technik verschwörungsideologisch attackiert werden. Die Feindschaft gegen Impfen und „die Schulmedizin“ sowie der Glaube an esoterische Modelle von Gesundheit sind deshalb für Frauen oft der Einstieg in die verschwörungsideologische Szene.

„Kinderschutz“ als Schnittstelle zwischen Antifeminismus, Verschwörungsideologie und weiblichem Identitätsangebot

Dass der „Multikulturelle Frauenmarsch“ das Motto „für die Zukunft unserer Kinder“ hatte ist auch kein Zufall: Die vermeintliche Sorge um Kindeswohl ist oft eine Bindeglied zwischen Geschlechtstraditionalismus, Antifeminismus und Verschwörungsideologie. Auf der von der Initiative „Querdenken” organisierten Anti-Corona-Demonstration am 20.08.2020 in Berlin z.B. zeigte der AfD-Bundestagsabgeordnete Enrico Komning ein Schild mit der Aufschrift „Finger weg von unseren Kindern”. Der Spruch wird innerhalb traditionalistischer Kontexte gerne verwendet, um gegen Sexualaufklärung mobil zu machen, die patriarchale Vorstellungen von Geschlecht, Sex und Beziehungen hinterfragt. Statt Bildung und Entwicklungspotential wird hier der finstere Plan einer „Umerziehung“ und „Frühsexualisierung” vermutet.

Dieser Fokus auf Kinderschutz ist besonders anschlussfähig an die sogenannte QAnon-Verschwörungserzählung. Diese geht davon aus, dass der Staat, Beamt:innen, Geheimdienste, Militär und Politiker:innen von Grund auf korrupt und pervers seien und nicht davor zurückschrecken würden, sich mit dem Blut von Kindern selbst zu verjüngen. Wie bei anderen Verschwörungsideologien liegen auch hier antisemitische Stereotype zu Grunde: Die mittelalterliche Legende von jüdischen Ritualmorden an christlichen Kindern wird neu aufgelegt.

Frauen vertreten diese Ideologie oft in der Rolle der sogenannten „QAmoms“, also als Mütter, die aus Gründen des Kinderschutzes die QAnon-Verschwörung bekämpfen wollen. Verbreitung findet dieser spezifisch weibliche Zugang zu Verschwörungsideologien auf Blogs für Mütter und Instagram-Profilen, die auf den ersten Blick Themen wie Schwangerschaft, Mutterschaft oder Kinderrechte behandeln. Diese Einstiegsthemen und Parolen wie „Rettet die Kinder“ sollen vor allem Frauen erreichen und sie radikalisieren.

Hier zeigt sich noch mal, dass „das Engagement für Kinder und der Schutz der Familie dem ‚traditionellen‘ Frauenbild in rechtsalternativen Szenen entspricht, ohne dass es gleich massiven Sexismus transportiert, der Frauen dann doch wieder von rechtsextremen Szenen abstößt.“

Frauen, denen die Rolle der kämpfenden Aktivistin oft eher abgesprochen wird, wird hier das Bild der selbstlosen, nur aus Sorge und Liebe handelnden Frau bzw. Mutter angeboten. Dieses Bild schafft einen „geschlechtsangemessenen“ Rahmen des eigenen Aktivismus und verleiht ihm darüber hinaus ein hohes Maß an Legitimität. Eine große Gefahr liegt hier in der Verharmlosung von im Kern menschen- und demokratiefeindlichen Ideologien. „Rettet die Kinder“ ist im Kontext von QAnon immer auch der Aufruf zur Verfolgung und Gewalt gegen die vermeintlichen Verschwörer:innen, die als angeblich bösartige „Kinderschänder“ keine Gnade verdient haben.

Gegen Verschwörungsideologien und für Gleichberechtigung: Die Herausforderung der Zivilgesellschaft

Verschwörungsideologien treten besonders im Kontext weltbewegender und -verändernder Ereignisse auf, weil sie Gefühle von Ohnmacht und Kontrollverlust kompensieren. Auch das Festhalten an traditionellen Geschlechterbildern kann eine Reaktion auf Krisen sein, weil eine klare Geschlechterrolle vermeintlich Halt und einen festen Platz in der Welt bietet. Verschwörungsideologien gehen deshalb oft mit Retraditionalisierung und Antifeminismus einher, der Frauen und Männern unterschiedliche Identitätsangebote macht.

Männer werden von Verschwörungserzählungen primär als Kämpfer gegen den Staat und die Medien inszeniert. Frauen hingegen werden vor allem als sorgende Mütter und mystische Naturverbundene vorgestellt.

Deshalb ist es wichtig nicht selbst sexistischen Vorstellungen aufzusitzen und diese Formen des Verschwörungsglaubens zu verharmlosen. Die Herausforderung besteht darin, aufzuzeigen, wie Retraditionalisierung und Antifeminismus Frauen schaden und Weiblichkeit abwerten und gleichzeitig die Rolle von Frauen und Weiblichkeit für Verschwörungsideologien ernst zu nehmen. Dafür braucht die Zivilgesellschaft einerseits eine klare Haltung gegen menschen- und demokratiefeindliche Ideologien und andererseits den Einsatz für mehr Gleichberechtigung und Rollenangebote für Frauen auch abseits von Mutterschaft. Zum Beispiel als Expertin.


Cover der Broschüre „Entschwörung konkret“ der Amadeu Antonio Stiftung

Die neue Broschüre Entschwörung konkret — Wieviel Geschlecht steckt in Verschwörungsideologien? können Sie hier herunterladen oder bestellen.

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