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Antimoderne Kontinuitäten Erinnerungskultur und Schuldabwehr

(Quelle: Screenshot aus dem Video "Antimoderne Kontinuitäten" des Forum demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst.)

Die Erinnerung an die Shoah gehört zum gesellschaftlichen Selbstverständnis. Deshalb ist es wichtig, einerseits die Erinnerungskultur grundlegend zu verteidigen und sie andererseits immer wieder in den Kontext aktueller Antisemitismusdebatten zu stellen. Revisionistische Eingriffe in die deutsche Erinnerungs- und Aufarbeitungsgeschichte zeigen die Bedeutung von Erinnerung für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft.

Der rechtsextreme AfD-Politiker Björn Höcke forderte eine „Erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Für ihn ist die Erinnerungskultur ein Stigma, das einer Rückbesinnung auf eine deutsche Identität im Weg steht. Alexander Gauland bezeichnete die NS-Zeit als „Fliegenschiss“ der deutschen Geschichte, womit er unter anderem die Kontinuitäten der NS-Zeit in ihren Nachfolgegesellschaften leugnet und somit auch die Notwendigkeit der Erinnerungskultur, als eine Form kontinuierlicher Aufarbeitung, in Frage stellt. Gleichzeitig wird aus den Reihen der AfD ständig auf die Gefahr hingewiesen, Geflüchtete aus arabischen Ländern würden mit antisemitischen Weltbildern im Gepäck in Deutschland ankommen. Für sich selbst fordern sie also eine absolute Entlastung, während sie für Geflüchtete die Erinnerungskultur zu einer Integrationpflicht erklären. Die hohen Wahlergebnisse für die AfD in den neuen Bundesländern stehen auch im Zusammenhang mit der Geschichte der Aufarbeitung in der DDR. Um also die Bedeutung der heutigen Erinnerungskultur zu verstehen, muss man sich die Aufarbeitung in beiden NS-Nachfolgestaaten anschauen.

Die Geschichte der DDR wird heute entweder als zweite deutsche Diktatur (eher aus rechten Kreisen) erzählt, oder (eher aus linken Kreisen) als eine ungebrochene Erfolgsgeschichte des Antifaschismus. Aus beiden Erzählungen leitet sich eine Opferrolle ab, bei der völlig übersehen wird, dass die Mehrheit der Deutschen in der DDR, ebenso wie die Deutschen in der Bundesrepublik, keineswegs eine grundlegende Distanzierung und tiefe Analyse der Verbrechen des Nationalsozialismus – und ihrem eigenen Anteil daran – unternommen haben. Ganz im Gegenteil war in der DDR die Exkulpation Staatsräson. Die Theorie lautete, dass die deutsche Arbeiterklasse von „Hitler-Faschismus“, also vom Finanzkapital und dem Kapitalismus verführt wurde. Demnach liegt der Hauptwiderspruch im Klassenkampf. Antisemitismus, Rassismus und Geschlechterungleichheiten sind lediglich Nebenwidersprüche, die im Sozialismus obsolet geworden sind. Auf diese Weise war die individuelle Aufarbeitung nicht erwünscht. Sie hätte das ideologische Gebäude infrage gestellt. Das Resultat war, dass die wirklichen Opfer des Nationalsozialismus, die tatsächlich gegen den Faschismus gekämpft haben, isoliert blieben und über ihr tatsächliches Trauma nicht sprechen und nicht reflektieren konnten. Es war aber vor allem diese kleine Gruppe von Überlebenden und Opfern, die den staatlich verordneten Antifaschismus der DDR getragen und gewollt hat. In der Bundesrepublik wurden immer wieder Forderungen nach einem Schlussstrich laut. Erst über den Historikerstreit zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas, wurde die Singularität der Shoah in weiten Teilen der Gesellschaft anerkannt. Diese Erkenntnis war maßgeblich für die Entwicklung der heutigen Erinnerungskultur.

Der Historiker Ernst Nolte hatte damals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung versucht Hitler und die Nationalsozialisten von der Kriegsschuld zu entlasten. Er nannte die Gräueltaten der Nazis eine „asiatische“ Tat. Also eine Tat, zu der die Deutschen eigentlich gar nicht fähig gewesen wären. Er mutmaßte, dass die Nazis eine “asiatische“ Tat vielleicht nur deshalb vollbrachten, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle Opfer einer “asiatischen” Tat durch die Sowjetunion betrachteten. Dieser Relativierung folgend fuhr Nolte mit der Frage fort, ob der Archipel Gulag nicht ursprünglicher war als Auschwitz? Ernst Nolte erklärte den Zweiten Weltkrieg also zu einer Tat aus Notwehr, weil man Angst hatte vor den Gulags der Sowjetunion. Mit dieser Täter-Opfer-Umkehr bereitete Nolte auch den Weg für die heute in rechten Kreisen gängige Relativierung des Dritten Reichs durch die Gleichsetzung mit der DDR, als eine von zwei deutschen Diktaturen. Jürgen Habermas widersprach damals vehement in einem Aufmacher der ZEIT. Er begründete die Singularität der Shoah und widerlegte so die Kausalität mit dem Archipel Gulag. Damit verfasste er den Grundgedanken der heutigen Erinnerungskultur und konstatierte, dass diese die einzige verlässliche Bindung Deutschlands an den Westen ist.

In der Folge hat sich jedoch auch eine empfundene Singularität der Deutschen Erinnerungskultur manifestiert, die mit großem Stolz der Welt präsentiert wird. Im Kontext des israelbezogenen Antisemitismus erfüllt sie sogar ein Bedürfnis nach Schuldabwehr. Israel wird vorgeworfen aus der eigenen Geschichte nichts gelernt zu haben – gemeint ist hier tatsächlich die Shoah – während Deutschland vorbildlich seine Geschichte aufarbeitet. So wird aus dem Bewusstsein für die Schuld der Vergangenheit ein Stolz in der Gegenwart. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass von Adolf Eichmann 1942 das sogenannte Museum der untergegangenen jüdischen Rasse in Prag gegründet wurde. Das Museum baute auf den Beständen des 1939 geschlossen Jüdischen Museums auf. Eichmann sagte, er wolle aber nicht, dass „das jüdische Museum durch sensationelle Raritäten beeindruckt, sondern durch eine vollständige und durchdachte Sammlung von Material einen Überblick über die soziale, ökonomische und kulturelle Entwicklung des Judentums vermittelt”. Auch hierin lässt sich eine schon früh angedachte Entlastungsstrategie erkennen. Diese umfangreiche Sammlung diente ausschliesslich dem Zweck, die Zwangsläufigkeit für die Vernichtung der Juden – aufgrund ihrer sozialen, ökonomischen und kulturellen Entwicklung – und unter den Prämissen der antisemitischen völkischen Ideologie des NS, darzulegen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zu dieser Aufgabe gezwungen wurden, waren allesamt tschechische Juden. Heute widmet sich das Museum vor allem der jüdischen Geschichte Tschechiens. Die Gestaltung und Inszenierung von Geschichte ist ein zentraler Indikator für politische Intentionen und Ideologien. Die AfD greift rhetorisch auf Ernst Noltes Schuldabwehr zurück, der zufolge der Zweite Weltkrieg ein Akt der Notwehr gegen den sogenannten asiatischen Aggressor, die Sowjetunion, war. Sie erklären die Erinnerung an die Shoah zu einem „Schuldkult“ und richten stattdessen ihren Fokus konstant auf die DDR. Die war Teil der politischen Einflusssphäre der Sowjetunion, wegen der Hitler aus Notwehr seine sogenannte asiatische Tat vollzog. Sie setzen die aktuelle Bundesrepublik mit der DDR gleich, um sich als Opfer und Widerständler eines eingebildeten heutigen Unrechtsstaates zu inszenieren.

Gerade in der deutschen Kunst- und Kulturlandschaft wird die Shoah allzuoft als symbolisches Superlativ angeeignet. Wenn die Aktivisten des „Zentrums für politische Schönheit“ angebliche Überreste ermordeter Jüdinnen und Juden ausbuddeln, um auf die Bedrohung einer Allianz des Konservatismus mit der völkischen AfD hinzuweisen. Oder wenn im Rahmen der documenta 12 eine Veranstaltung des marxistischen Philosophen Franco Berardi, über die tödliche EU-Grenzpolitik mit dem Titel “Auschwitz on the Beach” geplant wird. Man kann alles mögliche vergleichen. Man kann es aber nicht gleichsetzen – auch nicht aus noblen Motiven.

Das Dilemma der deutschen Erinnerungskultur lässt sich exemplarisch mit einer eindrücklichen Szene beschreiben, die sich am 16. April 1945 im KZ Buchenwald abgespielt hat und auf Film aufgezeichnet wurde. Ungefähr 1000 Bewohner der naheliegenden Stadt Weimar werden von US-Streitkräften in das fünf Tage zuvor befreite Lager geführt, um sie dort mit den Grausamkeiten eines Regimes zu konfrontieren, dass in der Bevölkerung mehrheitlich unterstützt wurde. Der Film zeigt in einer besonders schrecklichen Szene, wie ein Tisch aufgestellt wird, auf dem der Weimarer Bevölkerung Objekte präsentiert werden, die in grausamsten Experimenten aus jüdischen Körpern hergestellt wurden. Amerikanische Soldaten zwingen deutsche Zivilisten sich die Konsequenzen ihres Handels anzuschauen, um sie so zu läutern. Während sie den Schrecken schlechthin präsentiert bekommen, sieht man im Hintergrund Überlebende des Lagers – noch in KZ-Uniformen – wie sie die ersten Versuche einer Umerziehung schweigend beobachten. Die Erinnerungskultur ist so empfindlich, wie die geschändeten Körper und Seelen an die sie erinnert. Es sind die Überlebenden und ihre Nachfahren, die die höchste Last für die Verteidigung der Erinnerungskultur zahlen. Sie zahlen dafür, mit ihren Traumata und einer ständigen Auseinandersetzung mit den neuen Formen des Antisemitismus, die sich aus der Abwehr und Umkehr von Schuld entwickelt haben. Dabei ist die Erinnerung etwas, wovon vor allem ein Deutschland profitiert, dass sich zur Demokratie und zu einer offenen Gesellschaft bekennt. Das antimoderne und völkische Weltbild der alten und neuen Nazis ist der direkte Widerspruch zum Universalismus, der tief in der jüdischen Kultur verankert ist und den Juden so oft zum Verhängnis wurde.

Trotzdem werden bis heute, vor allem in Deutschland, Juden immer wieder aus der geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung der Shoah ausgegrenzt. Ihnen wird entweder eine zu hohe Subjektivität nachgesagt -also die wissenschaftliche Kompetenz abgesprochen- oder der Antisemitismus wird zu einem ausschliesslich deutschen Problem verklärt. Das bedeutet immer wieder Aufarbeitung ohne Betroffene.

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am-kartoffel

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